Donnerstag, 31. Juli 2014

The road to perdition


Es gibt viele Geschichten über Michael Sullivan. Einige sagen, er war ein anständiger Mann. Andere sagen, in ihm habe nichts Gutes gesteckt. Ich war einmal sechs Wochen lang mit ihm unterwegs. Im Winter 1931.

Watchlists sind eine feine Einrichtung, zumal für Leute, die wenig Lust haben, stundenlang das Fernsehprogramm zu studieren, auch wenn es kostenlos ist. Anfang der Woche hatte ich jedenfalls Grund, das Loblied der Watchlist zu singen, denn sie wies mich darauf hin, daß am Mittwoch abend Road to perdition gezeigt würde, den es aus irgendeinem Grund selten gibt.

Ich hatte mir diesen Film seinerzeit eigentlich nur angesehen, weil ich Tom Hanks sehr schätze, war dann aber – halb zog sie ihn, halb sank er hin – überrascht, daß mir der Film so gut gefallen hat. Kann ein Gangsterfilm ästhetisch sein? Offenbar ja. Es ist, wie mir beim nochmaligen Ansehen aufgefallen ist, teils das Gefühl existentieller Einsamkeit, das sich einem auch beim Betrachten der Bilder Edward Hoppers vermittelt, auf denen stilisiert wirkende Menschen in Automatencafés sitzen oder der Betrachter auf Fabrikbauten und Häuser blickt, die an Bates Motel erinnern (oder auch umgekehrt). Hopper wäre vielleicht nicht einmal überrascht, das zu lesen, denn er liebte das Kino und ließ sich wiederum von ihm inspirieren. Selbst Menschen, die auf einen im Gras spielenden Collie blicken, scheinen auf seinen Bildern isoliert und einsam.

In Mendes' Film ist es allerdings nicht nur das Hoppereske und das Spiel mit dem Licht, das die äußeren Kreise der Hölle auszuleuchten scheint. Interessant ist, wie das Wasser als verbindendes Element in der Handlung eingesetzt wird, es fällt als Regen, als Schnee, auf die Gerechten wie auf die Ungerechten, es tröpfelt als schmelzendes Eis und bricht sich am Meer als Brandung – und jedesmal spricht es von Tod, Sterben und Zur-Hölle-fahren. Schon der Titel ist ein Wortspiel, denn er kann sowohl „Die Straße nach Perdition“ bedeuten (wohin Mike Sullivan und sein Sohn unterwegs sind) als auch den „Weg zum Verderben“, den in diesem Film fast alle zu gehen scheinen, den Sullivan geht und von dem er fürchtet, sein Sohn werde ihn eines Tages beschreiten.

Einen Minuspunkt gibt es für das Auftreten Jude Laws als Fotograf und Auftragsmörder. Abgesehen davon, daß ich verwundert war, daß man Law auch derart häßlich herrichten kann (Hautton, Zustand der Zähne und des Zahnfleisches, Haare), war das schauspielerisch wirklich keine Glanzleistung und sticht leider aus der sonst guten Besetzung heraus. Das kurze gemeinsame Klavierspiel Hanks und Newmans dagegen (die selber spielen), das auch als ein Abbild ihrer Beziehung darstellt, kann einen bis in den Traum nachgehen.





Der Film berichtet über mehrere Wochen im Leben Mike Sullivans und seines Sohnes, der ebenfalls Michael heißt. Sullivan ist als Hitman für John Rooney, einen Gangster des Irish Mobs, tätig, will aber nicht, daß seine Söhne von diesem Teil seines Lebens etwas erfahren. Rooney liebt Sullivan, den er von früher Jugend auf kannte, mehr als seinen eigenen schwächlichen Sohn. Nicht nur aus dieser Zuneigung entsteht ein Verhängnis, denn der Sohn, Connor, ist von Eifersucht zerfressen, und der Vater, der erkennen muß, wie sehr sein Sohn seine Zuneigung bräuchte, erbarmt sich seiner nicht. Zwar kommt Rooney, ungeachtet der charakterlichen Mängel seines Sohnes, widerwillig zu der Ansicht, Blut sei dicker als Wasser, woraufhin er sich den Sullivans gegenüber schließlich gebärdet wie einer der Cäsaren, der seine eigene Nachkommenschaft hinrichten läßt, indes ist es viel zu spät, für alle. In der Tat ist der ganze Film durchzogen von Vater-Sohn-Beziehungen: Sullivan und seine Söhne, Rooney und Connor, Rooney und Sullivan. „Dies ist das Leben, das wir wählen. Das Leben, das wir führen. Und eins ist sicher: Keiner von uns wird in den Himmel kommen“ – hier geht es nicht um verlorene Söhne, sondern um verlorene Väter.

Das alles – wegen des italo-irischen Hintergrunds der Mafia und des Irish Mobs – skurrilerweise vor Heiligenbildern, Totenwachen, Tischgebet, engelsgleichen Gesängen, frommen Kirchgängern und dem Empfang der heiligen Kommunion, bei dem man sich unwillkürlich sagt, also wirklich! Indes, kann man hier wissen, wer worüber Reue empfindet? Bei den beiden Sullivans ist die innere Zwiespältigkeit von Anfang an angelegt, weshalb Tom Hanks, ebenfalls skurrilerweise, eine Art „guten“ Hitman gibt.

Bemerkenswerterweise wird das größte Blutbad des Films, zugleich eine der eindringlichsten Szenen in Hanks' Part, in einer Art konzentrierter Stille gezeigt, aus der Tom Hanks herauszutreten scheint; sie ist nur mit Klaviermusik unterlegt, einem einzelnen Satz Paul Newmans (und schließlich einem finalen Maschinengewehrstoß). Es ist fast wie beim Ballett oder beim Tai Chi.

Michael Sullivan junior, der mit seinem Vater nach Perdition unterwegs ist, lernt diesen eigentlich erst kennen, als ihm dazu nur noch sechs Wochen bleiben. Im Grunde liegt bei diesem Film alles bereits im Anfang:
Wenn die Menschen mich fragen, ob Mike Sullivan ein anständiger Mann war oder ob gar nichts Gutes in ihm gesteckt hätte, gebe ich immer dieselbe Antwort: Er war mein Vater.

Montag, 28. Juli 2014

Ein Marsupilami in Burundi

Seit Mitte Juli geht eine Meldung um die virtuelle englischsprachige Welt, derzufolge jemand, der früher Ted genannt wurde und ein Buch geschrieben hat, „the world's first openly transgender consecrated virgin in the Roman Catholic church“, nun im Begriff sei, in einen Konvent einzutreten, wodurch aus ihm nach der „first openly transgender consecrated virgin“ die „first openly transgender nun in the Roman Catholic Church“ würde. An anderer Stelle heißt es, derjenige sei bereits „nun-in-training“ (die erste, wohlgemerkt, die et cetera). Das wichtigste daran, wir ahnen es schon, war natürlich the first openly transgender…

Einerlei, was man von dem Phänomen Transgender halten mag – ich möchte das an dieser Stelle gar nicht vertiefen –, schon ob des ersten Teils der Meldung war ich nun doch ein wenig erstaunt: „the first openly transgender consecrated virgin“? Was kommt als nächstes – „the world's first openly transgender catholic priest “?

Bei genauerer Betrachtung stellt sich heraus, an dieser Meldung, die es in der einen oder anderen Form in verschiedene größere Zeitungen geschafft hat, ist kaum etwas wahr, allenfalls, daß ein Buch geschrieben wurde. Auch scheint derjenige sich selbst gern farbenreich in Szene zu setzen, zumindest war das mein Eindruck. Darüber hinaus, selbst wenn, frage ich mich, ob man diesem Menschen oder auch der Kommunität, die ihn etwa aufnehmen wollte, wirklich einen Gefallen täte, wenn das vorher in dieser Weise durch das Internet gezerrt wird? Und ob sich Schreiber und auch Gegenstand derlei Berichterstattung das vorher ausreichend klar gemacht haben?

Also, die fragliche Person ist nicht eigentlich transgender, sie ist nicht geweihte Jungfrau, sie befindet sich nicht in irgendeiner Art der kanonischen Vorbereitung auf die Ablegung der Profeß und tritt nicht einen klausurierten, noch überhaupt in irgendeinen Konvent ein, weder bei den „Caroline sisters“ (an der Stelle habe ich mich gefragt, wer soll das denn sein? Aber neue Gemeinschaften gibts ja bekanntlich einige), noch bei den „Carmelite sisters“, noch auch bei den „Carmelite women“. Sogar London in Ontario wurde teils mit London in England verwechselt, nicht, daß das nun eine große Rolle spielte.

Zutreffend ist, daß derjenige intersexuell ist, als Junge aufwuchs und bis zum Alter von 30 Jahren als Mann gelebt hat. Nun hat er sich offenbar für ein Leben als Frau entschieden, warum, wissen wir nicht, müssen wir auch nicht wissen. Zutreffend ist auch, daß er oder sie sich selbst in der Vergangenheit via Bildchen mit Beschriftung auf Facebook als „Consecrated maiden“ etikettiert hat (was immer das sein mag [1]), und derzeit mit seiner geistlichen Begleitung prüft, ob es wohl eine gute Idee wäre, sich der Teresianischen Karmelgemeinschaft anzuschließen, etwas, das Frauen und Männer gleichermaßen tun können und das keine Aufnahme in den Stand des geweihten Lebens begründet. Eventuell (!) möchte man, nach der Erfüllung familiärer Verpflichtungen, in derzeit nicht absehbarer Zeit dann Karmelitin werden. Hierzu, siehe oben. Ich frage mich, was sie bei den Karmelitinnen davon halten werden?

Auch hat mich die Art und Weise, wie diese Berichterstattung überhaupt zustandegekommen ist und deren Ergebnis an das Stille-Post-Spiel erinnert, nur mit dem Unterschied, das hier, statt ins Ohr geflüstert, ziemlich viel getwittert wurde. Ein Tweet geht um die Welt. Was dabei herauskam, auch in namhaften Zeitungen, hatte Ähnlichkeit mit der versuchten Wiedergabe eines geflüsterten: 1983 hangelte sich ein Marsupilami in Burundi an den Mahagonibäumen entlang, um sich Kohlenhydrate zu verschaffen.

____
[1] womit er/sie in er Tat der erste wäre, denn Consecrated maidens kennt die katholische Kirche nicht. Diese Bezeichnung wurde später medial teils übernommen, der Nächste hat dann im Wege der Flüsterpost gleich Consecrated virgin daraus gemacht.

Vom Liebesleben der Kürbisse

Nachdem sich einer meiner Kürbisse mit der Orangenminze verheiratet hat
(was Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden,
außerdem sieht es gut aus, da der Kürbis große orange Blüten hat
und die Orangenminze kleine violette)…
…und während er noch überlegt, ob er aus sowas einen Riesenkürbis macht
(wahrscheinlich nicht, da Ameisen den Pollen weggetragen haben;
ihr Monster!)…

…macht er sich auch schon über den „Garten“ des Nachbarn her…
…ich hatte keine Ahnung, daß Kürbisse sowas machen!

Mittwoch, 23. Juli 2014

Nungazing am Mittwoch

heute mit den Birgittinnen aus Vadstena (Fotos: Chris Maluszynski)
Durch die Schwarz-weiß-Aufnahmen entsteht ein distanzierter Eindruck
wie aus längst vergangener Zeit, dabei sind die Aufnahmen
Maluszynskis erst 2003 entstanden.

Dienstag, 22. Juli 2014

Gibst du ihnen, dann sammeln sie ein – der Psalmist im täglichen Leben

Sie alle warten auf dich,
daß du ihnen Speise gibst zur rechten Zeit.
Gibst du ihnen, dann sammeln sie ein;
öffnest du deine Hand,
werden sie satt an Gutem. (Ps. 104)

Ich finde es immer wieder beeindruckend, ja eigentlich ehrfurchterregend, was einfach so wächst, wenn der Mensch die Tiere nicht daran hindert, einzusammeln, was Gott ihnen gegeben hat, indem er Wiesen und was eine Wiese werden könnte, wenn man es nur ließe, abmäht, ohne Sinn und Verstand (manchesmal hat man ja den Eindruck, diese Gartenbauer sind komplett verrückt geworden) – wieviele Tiere dann wirklich kommen und einsammeln, was Gott ihnen gegeben hat und satt werden an Gutem. Es ist ja meist noch nicht einmal so, daß, wie früher, das Gemähte wiederum zur Speise würde, den Kühen oder den Stallhasen. Meine Eltern haben früher mit der Sense am Rand der Wiese oder des Weges gemaht, das ist was anderes. Aber ein kurzgeschorener Rasen, bei dem der Rasenmäher noch bald die Stoppeln ausreißt – wem werden diese Pflanzen zur Speise?

Ich bin übrigens in den warmen Jahreszeiten von Woche zu Woche leicht erstaunt, wenn ich am Sonntag die Bienen und Hummeln wie immer beim Pollensammeln sehe und denke, komisch, für die ist ja nicht Sonntag, sondern ein Tag wie jeder andere, an dem sie losfliegen müssen. (Andererseits bereiten die wohl meisten Christen ja Sonntags auch Essen zu, ganz logisch ist das also nicht. Vielleicht, weil ich mir die Insekten als solche vorstelle, die morgens zur Arbeit aufbrechen. Vielleicht auch, weil Pollensammeln ein Geschäft ist, das man den ganzen Tag betreiben muß, damit man zu etwas kommt. Irgendwie hätte ich gern, daß es auch für die Insekten einen Sonntag gäbe.)



Montag, 21. Juli 2014

All Morgen ist ganz frisch und neu

Aussicht vom Zimmerfenster –
heute morgen wehte ein kühlender Wind,  Deo gratias!

Samstag, 19. Juli 2014

Hauchst in Hitze Kühlung zu… (Bloggertreffen unterm Sonnenschirm)

Daß ich aber auch wirklich immer vergesse,
mein Essen zu fotografieren…
Das Treffen mit einer geschätzten Mitbloggerin fängt schon mal lustig an, wenn man bei der Verabredung im Vorfeld statt (wie gewollt), eines eigenen, halbwegs aktuellen Bildes das eines mintgrünen(!) iKEA-Tischchens auf Rollen mitschickt. Die Mitbloggerin staunt nicht schlecht und die Absenderin lacht in der Folge Tränen.

Beim Treffen ging es eigentlich ganz ähnlich weiter. Die werte Inhaberin dieses Blogs hatte die grandiose Idee, eine ganz andere Fahrverbindung zu nehmen als sonst und überfuhr dabei die gewünschte Haltestelle. Als die Ansagen zusehends ostiger wurden und eine Fahrkartenkontrolle kam, klärte sich das auf, sonst wäre ich womöglich immer noch irgendwo auf dem Weg nach China.

Beim anschließenden sehr schönen Gespräch ging es dann ausgeglichenerweise abwechselnd um geistliche Themen, verbrämt mit Episoden am Rande desselben (wie etwa das Bling-bling von der gut getragenen Mitra eines Bischofs absprang und durch die Sakristei hüpfte. Oder auch, wie man in der Liturgie zum inneren Amüsement der übrigen Gläubigen Zettel aus der Tasche nehmen und in aller Gemütsruhe entfalten kann). Daß der Gendarmenmarkt auch bei großer Hitze ein doch so angenehmer Ort sein könnte, hätte ich gar nicht gedacht! Die Worte der Pfingstsequenz trafen hier jedenfalls vollumfänglich zu. Zur Stärkung des Leibes den einen oder anderen Eiskaffee – von Eisschokolade würde ich an diesem Ort hingegen eher abraten, da nicht schokoladig genug – und dann waren auch schwäbische Maultaschen und Leberkäse nicht weit…

Donnerstag, 17. Juli 2014

Seien wir glücklich und danken Gott – zum Fest der seligen Märtyrinnen von Compiègne

Dieses Kirchenfenster mag ich besonders gern, es
zeigt, wozu die Karmelitinnen wahrhaft hinaufsteigen:
nicht auf die Guillotine, sondern zu Christus und
den Heiligen
In einer Zeit, in der manche sich hierzulande schon per Buchtitel öffentlich erklären, daß sie Katholisch und trotzdem OK seien (der Originaltitel ist im übrigen durchaus nicht so humorlos, er heißt How to survive being married to a Catholic) erinnern wir uns heute an selige Märtyrinnen, die stolz waren, als Katholikinnen und für den Glauben sterben zu dürfen: „Seien wir glücklich und danken wir Gott, da wir für unseren Glauben sterben und weil wir der heiligen römisch-katholischen Kirche angehören!“, sprach die frühere Priorin Henriette von Jesus ihren Mitschwestern nach dem Prozeß zu.

Zu diesem waren weder Verteidiger noch Zeugen zugelassen, einzig Ankläger und Richter. Zu den Beweismitteln, die man gegen die Karmelitinnen von Compiègne vorbrachte, gehörten vor allem ein Hymnus zum heiligsten Herzen und einige Bilder desselben sowie auch ein Bild des französischen Königs. Der Hymnus zum heiligsten Herzen besang Christus, den König, man kann sich das ähnlich wie das Laudes festivae vorstellen. Vom Lob des Königs, der uns frei machen wird, bis zur böswilligen Unterstellung durch die gedankliche Verknüpfung mit einem anderen König, der gar nicht gemeint war, war es für die Revolutionäre nur ein kurzer Schritt.

Die gebrechliche Sr. Charlotte von der Auferstehung, zum Zeitpunkt des Martyriums immerhin siebenundachtzig Jahre alt, warfen die Soldaten förmlich von dem Karren, der die Schwestern zu ihrer Hinrichtung gebracht hatte. Sie vergab ihnen auf der Stelle. Eine andere, Sr. Julie Louise von Jesus, sprach, obwohl sie sich sehr vor der Guillotine fürchtete, ihren Mitschwestern gut zu. Jede der Schwestern küßte, bevor sie den Segen empfing und hinaufstieg, eine Statuette der Muttergottes mit dem Kind, die die Priorin in Händen hielt.

Die Menge, die sonst die Verurteilten zu verspottete und beschimpfte, wurde still angesichts der sechzehn Karmelitinnen, und auch die Soldaten schlugen ihre Trommeln nicht, weshalb der folgende Gesang verhältnismäßig weit trug:
Lobet den Herrn, alle Völker, preist ihn, alle Nationen! Denn mächtig waltet über uns seine Huld, die Treue des Herrn währt in Ewigkeit.
Was für ein Zeugnis, damals wie heute – liebe selige Märtyrinnen von Compiègne, betet für uns!

Mittwoch, 16. Juli 2014

Präraffaelitisches

Verkündigungsszenen gibts ja die unterschiedlichsten, manche ältere finde ich zum Teil manchmal etwas unfreiwillig komisch anmutend, wenn das Erschrecken Mariens in einer Handbewegung angedeutet wird, als weise sie die vom Erzengel mitgebrachte Lilie mit einem „Bah!“ zurück oder überlege sich, wie man spiralförmig in Ohnmacht fällt.

Le porte de la Terre di Mezzo hat zum Hochfest unserer Lieben Frau vom Berge Karmel das Bild eines Präraffaeliten: Die heilige Jungfrau, in ihrer Kammer auf dem Bett sitzend, weicht ängstlich in eine Ecke zurück. Bald genug wird sie selbst eine Kammer sein, aus der ihr Sohn hervorgeht – aus seiner Mutter Kämmerlein geht er hervor als klarer Schein. Jetzt ist mir am Hochfest der Gottesmutter auf einmal wieder ganz adventlich zumute – schön! Der Engel wirkt etwas statisch, scheint aber unmittelbar aus dem Glanz Gottes herauszutreten. Das alles vor einem blauen Wandschirm, bitte schön! Ich kann nicht sagen, ob mir das Bild wirklich gefällt, es ist zum mindesten eigenartig.

Zu den Präraffaeliten muß ich gestehen, daß ich zu Hause John Everett Millais’ Ophelia als Mausmatte hatte und mich an der zarten Ausführung der Details nie sattgesehen habe. Für die präraffaelitische heilige Cäcilia John William Waterhouses dagegen gilt eher: genau so habe ich mir die hl. Cäcilia nicht vorgestellt, auf einem Balkonstuhl sitzend und relaxed das Martyrium erwartend.


Nungazing am Mittwoch (Fest unserer lieben Frau vom Berge Karmel)

Unsere liebe Frau vom Berge Karmel im Karmel St. Josef in Mayerling
und erste zeitliche Profeß einer ihrer vielen Töchter

* (mit besonderem Dank an die netten Zisterzienser des Stiftes Heiligenkreuz)

Samstag, 12. Juli 2014

Shopping at iKEA as a martial art

Also ich beherrsche die Technik, bei iKEA nur das zu kaufen, was ich vorher wenigstens ansatzweise kaufen wollte bzw. brauche, eigentlich ganz gut (man liest immer von den Schwierigkeiten, die andere da haben). Auch hatten bisher alle Möbel, die ich da im Laufe der Zeit gekauft (und später wieder verkauft) habe, alle Schrauben im Sack, und nur einmal fehlte eine ganze Seitenwand, die aber vorbildlicherweise in gar nicht langer Zeit mit einem Kleinbus nachgeliefert wurde. Ich bringe es auch glatt fertig, bei iKEA gar nichts zu kaufen und am Schluß nur einen dieser typischen Hotdogs zu essen, weil der Geschmack halt irgendwie dazu gehört. Wirklich, sonst esse ich solche oder auch andere Hotdogs nie, nur dort.

Manchmal brauche ich aber, trotzdem ich vor langer Zeit auf Oma-Möbel mit Gebrauchsspuren (wer will schon, daß seine Wohnung aussieht wie die aller anderen?) umgestiegen bin, doch etwas, da bestimmte Dinge nicht ewig halten, Leintücher etwa, und wie meine Mutter aus zwei Leintüchern eines herausreparieren, das mache ich nicht. Kommt man früh genug, kann man bei iKEA Tempelhof übrigens auch samstags gut sein, bevor die nervigsten Pärchen dort eintrudeln. Nimmt man zum Schluß den Weg über die Expreßkassen zum Selberscannen (die den meisten Leuten anscheinend noch zu unheimlich sind), kann man die Rekordzeit bei der Verweildauer noch unter einer Stunde halten. Ich gehe dort nämlich im allgemeinen nicht hin, um zu verweilen.

In diesem Frühjahr ist mir allerdings aufgefallen, daß ich inzwischen dazu neige, Waren danach zu auszusuchen, wie zufrieden das abgebildete Männchen aussieht. Schlummert es selig und lächelt dabei, muß das Kopfkissen gut sein. Vor dem Übertopf mit Spitzenmuster, den so ungefähr jeder unter der Sonne kauft (und dann für etwas ganz anderes verwendet), schrecke ich noch zurück und werde es genau aus dem Grund wohl auch lassen. Es gibt da aber seit neuestem so ein grünes Irgendwas aus Metall auf Rädern, das aussieht, als käme es direkt aus den vierziger Jahren… Unter der Woche hatte ich ja schon bei der Bettwäsche (brauche ich) zugeschlagen – STRANDKRYPA, wirklich sehr hübsch – und dabei gesehen, daß EMMiE SPETS, eine entzückend nostalgische Bettwäsche, sogar mit Wäscheknöpfen, wieder da ist, nachdem sie monatelang vergriffen war (die brauche ich natürlich auch).

Also heute nochmal hin, schon weil mich die Gartenbauer direkt aus der Hölle vor Tau und Tag aus dem Schlaf der Gerechten gerissen hatten (wie ungerecht!). Heutige Beute – eigentlich – ein ganz süßes Schneidbrett (brauche ich) aus Holz namens PROPPMÄTT (also wirklich, wer denkt sich nur solche Namen aus?), das man auch aufhängen könnte – beim Umstieg von einer Riesen- zu einer Winzküche ein nicht zu unterschätzender Faktor –, und natürlich die Bettwäsche. Dummerweise hatte ich mir auf der Suche nach dem schönsten Schneidbrett vor Ort zielsicher ein Muster gegriffen. Solche kann man aber bei iKEA auf keinen Fall kaufen, da helfen auch schöne blaue Augen nichts. Was bedeutet, daß ich nächste Woche noch einmal hintrecke und das Schneidbrett hole. Und wer weiß, was ich dann noch alles brauchen werde.

Das Schlimme an einer Sedisvakanz…

…und einem Charakter wie dem meinen ist, daß man dann auch anfängt zu beten, wer es bitte möglichst nicht werden solle… Bei Benedikt wars schon das gleiche und jetzt wieder. („Dann“ ist übrigens eigentlich meist nach dem Studium des Spekulatius einiger Medien, von dem man sich mit Grausen abwendet.) Ja, ich habe gebetet, daß von den Kardinälen weder Arinze noch Turkson bitte Papst werden möchten.

Momentan schwebt mir auch einer vor, von dem ich usw. Woran das eigentlich liegt, kann ich gar nicht so genau sagen, in der persönlichen Begegnung war er freundlich zu mir. Vielleicht am Äußeren (kann ein Mensch mit einem solchen Mund ein gütiger Mensch sein?), vielleicht an der Art, wie er bei der Beisetzung Georg Kardinal Sterzinskys hinter uns Leuchterträgerinnen hervorgebrochen ist wie die Stiere in Pamplona (von einer Stelle aus, an der er gar nicht hätte sein sollen, wohlgemerkt). „Laßt mich durch!“ – .oO(Was ist denn jetzt los?) .oO(Ist ja schon gut…)

Freitag, 11. Juli 2014

Unter der Woche

Die Kürbisse: hurra, weibliche Blüten!
Die Ananasminze – trotzt den heftigen
 Sommergewittern und blüht
Die Ackerhummeln – eigentlich hätte ich nicht vermutet,
daß sowas auch Hummeln sein können, der Hummelschlüssel
hilft hier aber weiter.
Die neue Bettwäsche – genau die richtige für mich
(gabs zur Happy hour bei iKEA auch noch zum halben Preis)

Rainer Maria Kardinal Woelki wird Erzbischof von Köln

Meldungen und mediale Berichterstattungen der letzten Tage habe ich als leider typisch empfunden – irgendwer kann anscheinend immer das Wasser nicht halten. Da liest man von Rochaden und hinterlassenen Baustellen, unerwartet erfüllten und gescheiterten Hoffnungen und krausen Vorstellungen, besonders kraß etwa beim Kulturradio des RBB, dessen Redakteurin Voßhenrich über Kardinal Woelki zu sagen wußte, „daß er nicht den Gedanken der Reformer verfolgt, Laien in der Gemeinde so zu stärken, daß der Gottesdienst auch ohne Priester stattfinden kann“. Hierzu wäre manches anzumerken, spontan lag mir aber dazu ein „Gehts noch?“ auf der Zunge. Gottesdienste gibts einige, der Gottesdienst aber ist die Heilige Messe. Gerade das entschiedene Festhalten Rainer Maria Kardinal Woelkis an der Heiligen Messe (anstelle eines Wortgottesdienstes) habe ich ihm bei all dem Niederdrückenden dieser pastoralen Umstrukturierungsgeschichte immer hoch angerechnet.

Von ölfdrölfzig Zeitungen setzten nur zwei – beide bezeichnenderweise aus dem schwäbischen Raum – überhaupt ein Fragezeichen hinter ihre Aussage und auf Facebook schrub am Mittwoch jemand bereits die erste Eulogie auf den weiland Erzbischof von Berlin. Hier hätte ich mir mehr sentire cum ecclesia gewünscht. Nun ist es also bekanntgegeben: nach nur drei Jahren ist der Bischofsstuhl von Berlin wieder vakant, was heißt, daß sich Berlin in der Reihe der vakanten deutschen Bistümer wieder hinten anstellen darf. Schade eigentlich. Was kommt, wird sicher interessant werden.

Montag, 7. Juli 2014

Zwischenbilanz eines Garteneinsteigers

Bei dieser aasigen Hitze habe ich schon damit zu tun, morgens – vor allem früh genug morgens, bevor sich das Ganze in einem nach Süden gelegenen Garten in eine Art Bain-Marie verwandelt, in der man die Pflanzen dann eher zubereitet als gießt – und abends genug Wasser herbeizuschleppen.

Insgesamt scheint der Garten trotz des eher kärglichen Bodens aber recht dankbar. (Ich möchte mal wissen, ob da jemals jemand Mutterboden aufgebracht hat? Ich habe gefühlte mehrere Kilo Steine ausgelesen und dazu die Überreste einiger Bierflaschenböden. Entweder stammen die noch von den Bauarbeitern aus der Wiederaufbauzeit oder zwischenzeitlich hat mal jemand seine Flaschen durchs Wohnzimmerfenster entsorgt. Irgendwann stand ich kurz davor, eines dieser Kindersiebe für den Spielplatz zu kaufen.)

Zur zusätzlichen Verbesserung (auf daß ich bald dem ersten Regenwurm persönlich die Hand schütteln kann) habe ich seit einiger Zeit ein Kaffeesatzprojekt angeleiert. Da ich zu Hause keinen solchen produziere, sieht man mich im Büro ab und zu mit einer Plastiktüte voller Filtertüten mit Satz über den Flur wandeln. Hier eine kurze Übersicht dessen, was bisher gut gelungen und was leider dahingeschieden ist:

Haben:
Kürbispflanzen
Lavendel in verschiedenen Sorten
Unkraut ist auch Kraut
Rosen
Schnittlauch
Basilikum
Silberthymian, Zitronenthymian und einfachen Thymian
Erdbeer-, Orangen-, Ananas- und Schokoladenminze
Zitronenverbene
Walderdbeeren
Rosmarin
irgendein Kümmelzeug
Zitronenmelisse
Mangold
zweimal „Unkraut“, davon hat sich eines als eine Art Glockenblume entpuppt, das andere wächst einfach nur und schweigt dabei

Soll:
eine Lupine
eine Pfingstrose (Edulis superba)
ausgesäte wilde Rauke (hat gar nicht erst gekeimt)
eine Hopfenpflanze, R.i.P.

Blüten des gelben Zentners
(der rote Zentner blüht noch nicht, den
habe ich aber auch erst später gepflanzt)


Die Kürbispflanzen gedeihen und sehen mit ihren zarten Härchen und Ranken schön und phantastisch aus – so erinnern sie mich an das hier (das ist eine Zeichnung von Beatrix Potter). Leider hatte ich bisher nur männliche Blüten, ohne wenigstens eine weibliche gibt es aber keine Kürbisse. Na ja, wenn nicht, haben sie wenigstens schön ausgesehen.


Die Bienen haben sich schon vor der Blüte stark für den Basilikum interessiert, jetzt aber erst recht. Die Blüten sind unauffällig, aber in ihrer zarten Zerbrechlichkeit auch schön. Eigentlich hatte ich zu weißen Blüten die Theorie, daß diese stark duften müßten, um für die Insekten ihren Mangel an Farbigkeit zu kompensieren. Das trifft auf den Basilikum aber anscheinend nicht zu oder aber wir nehmen den Duft nicht wahr.

So sieht also die Blüte der Erdbeerminze aus

Samstag, 5. Juli 2014

Vom Verschwinden der Kirchbank (und anderem) – Ausstellung zum Architektenwettbewerb

So kann man es natürlich auch sehen…
Die Ausstellung in der Kathedrale und im Bernhard-Lichtenberg-Haus hab ich zumindest mit einem Gefühl zwischen Verwirrung und teils offener Erheiterung verlassen. Da ich am Mittwoch vormittag ohnehin beruflich in Mitte zu tun hatte, lag das genauere Studium der Entwürfe buchstäblich nahe, ich hatte danach jedoch beim besten Willen keine Lust, noch einen Beitrag zu dieser vergurkten Geschichte zu veröffentlichen.

Um nicht ungerecht zu werden, bei manchem Entwurf fragt man sich schon, warum machen sie es eigentlich nicht so oder so? Zumal einige der Entwürfe, bei denen man sich das fragt, bei weitem weniger in die Substanz eingegriffen hätten oder gar Elemente der „Vorgängerversionen“ – wie etwa die Musterung der Deckenbemalung oder die Medaillons – aufgegriffen haben. Die interessanteren Sachen hab ich übrigens eher im Lichtenberghaus gefunden, das heißt, unter den Entwürfen, die schon in den Vorrunden ausgeschieden sind. Neo Systems etwa setzten auf Raumachsen, Erhaltung möglichst vieler verschiedener Schichten aus der Geschichte der Kathedrale, und wollten unter großflächiger Abdeckung des „Loches“, bei der trotzdem an dieser Stelle der Zugang zur Unterkirche und wohl auch die Altarsäule erhalten geblieben wären, die korinthischen Säulen von Knobelsdorffs wiederherstellen. Das hätte sehr schön und würdig ausgesehen und dürfte wohl auch Schwippert nicht wirklich gestört haben. Wie sich das Ganze zu einer von James Turell innen blau ausgeleuchteten Kuppel ausgenommen hätte, vermag ich auch nicht zu sagen, vielleicht schön und ruhig, wir werden es indes nie erfahren.

Warum also muß es nun ein Entwurf sein, der sowohl grundlegende Veränderungen des Schwippertschen Konzepts, dessen Raumkunst es ja gerade zu „stärken“ galt, als auch neue Fenster, als auch nunmehr eine Bestuhlung vorsieht, um nur einiges zu nennen? Und wenn schon neue Fenster, kann es dann nicht etwas sakral und empfindungsmäßig Ansprechenderes sein als gerade weißes Mattglas vor weißen Wänden? Sowas würde ich nicht einmal im eigenen Badezimmer machen. Von der dräuenden „Vereinfachung“ der Klaisorgel – die mir so schwalbennestartig wie sie ist gerade gut gefällt –, die wohl nur deshalb vereinfacht wird, damit sie das minimalistische Wasser-und-Brot-Konzept nicht stört, noch gar nicht zu reden.

Das Gefühl der leichten Verwirrung kam von einer überreichlichen Präsentation der Ideen, was alles man aus Sicht der Architekten anstelle des eigentlich Naheliegenden – des Tabernakels – ins Zentrum oder buchstäblich in die Mitte einer Kirche stellen kann, was zu der Frage führt, wer oder was hier eigentlich angebetet und verehrt wird? Sei es ein kreisrundes oder unregelmäßig geformtes Loch, eine Art Tresen, merkwürdige Elemente wie aus Erichs Lampenladen, die Arche Noah, ein Baum, das Grab Bernhard Lichtenbergs (beten wir jetzt den sel. Bernhard Lichtenberg an?), ein Taufbecken, einen orthodoxen Kerzenständer oder ausgerechnet einen runden Altar, der eher an eine Schüssel oder an einen dieser Steintische an Raststätten erinnert (Verzeihung!). Zugleich wurde man die Frage nicht los, warum sie einen Kirchraum eigentlich unbedingt so sehr wie eine Abflughalle aussehen lassen wollen? Hineinmontierte Bilder von Priestern und Ordensschwestern mit kofferähnlichen Aktentaschen machten diese Ähnlichkeit auf gruselig anmutende Weise deutlich.

Einer der dritten Preise, mit leicht „betrunken“
 wirkenden Wänden : warum nicht?
Zeitweise Erheiterung kam wiederum – wenn es nicht alles so furchtbar wäre – von anderem: bei einem der Entwürfe mußte ich unwillkürlich an das Abflußloch in der Spüle denken. Ich wage zu behaupten, würde man noch einen übergroßen Stöpsel an einer Kette danebenlegen, wäre die Ähnlichkeit vollkommen.

Bei gleich mehreren Entwürfen hatte man das Gefühl, unversehens nach Maria Regina Martyrum gelangt zu sein, mit einigen im Schneidersitz meditierenden Buddhisten vor dem Kreuz. Ein Entwurf bietet in einer eher labyrinthischen Anordnung einen Hortus conclusus, für wen weiß man nicht, für den Dompfarrer vielleicht, verschlossen ist er halt, der Garten.

Einige der Entwürfe spielen mit Lichteffekten in der Kuppel, einer hat bei Pei geklaut, vielleicht, weil das Zeughaus nicht weit ist und auch der Bundestag nicht. Warum dabei die Achse mit dem Turmkreuz schief geriet, offenbarte sich mir nicht. Einer stellte einen Campanile auf den Hof, der wiederum stark an Regina Martyrum erinnerte, vielleicht weil er reichlich gedenkstättenmäßig ausgefallen ist. Andere Konzepte warten mit merkwürdigen, auch orthographisch zweifelhaften Sentenzen auf, wie etwa „der sich offenbarende Kelch“ oder „die Muttergottes im Gegenüber der emporgehobenen Hostie auf der neu eingeführten Empore“ und „poetisch in den Innenraum geschichtetem“ Licht. „Volksnah“ schien hier ein wichtiges Stichwort, denn neben der Kirche sollten dies auch die Empore und der Tabernakel sein. Dieses Konzept hatte übrigens doch tatsächlich den Tabernakel in der Mitte.

Die Hedwigskathedrale als Pei-Bau
(Woran ich da gedacht habe, verrate ich nicht. Was habt
btw eigentlich für Probleme mit der Geometrie?)
Das Runde muß ans Eckige
„Minimalinvasiver“ Vorschlag mit zentraler
Anordnung auf das Wesentliche hin. Über die Fenster
hätte man nochmal reden können.
… etwas monochrom vielleicht, aber mit gerade
ausgerichteten Bänken zum Altar hin.
Kathedralgelände mit „Hortus conclusus“

Interessant fand ich einen der beiden dritten Preisträger: die geschwungenen Wände wirken zuerst zwar ein wenig betrunken und hätte sicherlich die Opferung der Säulen bedeutet, der Fokus ist jedoch eindeutig nach vorn, auf Kreuz, Altar und Allerheiligstes gerichtet. Fast jeder Entwurf sah übrigens mindestens eine Altarstufe und Kirchbänke vor, der preisgekrönte hat Stühle und nivelliert den Altarraum auf den ebenen Kirchenboden. Warum?

noch ein „minimalinvasiver“ Entwurf, mit
Wiederherstellung der Deckenmedaillons und der Säulen.
Die Bogenfenster wären offenbar geblieben wie sie sind.
Der Tagesspiegel sinniert derweil über das Verschwinden der Kirchbank aus der Hedwigskathedrale: „Theologen finden das zeitgemäß und richtig“. Ah, knien ist nicht zeitgemäß, und vor allem anderen gilt es natürlich, „zeitgemäß“ zu sein. Ich würde sagen, Knien ist völlig zeitlos. Welche Theologen habt ihr denn gefragt? Und, über einen der beiden Architekten des Gewinnerentwurfs: „er war es, der die Bänke rausgeworfen hat“. Na bravo! (Wieso mußte ich bei „Er wars!“ eigentlich hieran denken?) Noch stehen sie übrigens, die Bänke. Noch. „Er“, der es also war, ist übrigens Leo Zogmayer, seines Zeichens Architekt und Kirchbankrausschmeißer. Wo er einmal dabei ist, eröffnet Herr Zogmayer dem Leser auch ungeahnte Perspektiven auf einen simplen Stuhl, wie er in jeder Konferenzhalle stehen könnte:
„Der Stuhl ist eher als liturgisches Objekt konzipiert. [dazu ein herzhaftes: was für ein Blafasel!] Der einzelne Stuhl ist gleichsam ein Platzhalter für ein Individuum.“ „Für jeden Menschen ein Platz, wenn man so will“. 
Einen Platz für jeden Menschen, das hat es so zuvor in Hedwig natürlich noch nie gegeben! Abgesehen von allem anderen möchte ich Herrn Zogmayer einmal bei der Christmette sehen (oder einer Weihe, einem Pontifikalrequiem oder, oder…), wenn das bisherige „wir rutschen zusammen“ sich in ein „Du kummst hier net rauf“ verwandeln wird, weil auf einem solchen „liturgischen Objekt“ eben immer nur einer sitzen(!) kann. Oder nehmen die Gläubigen dann jeweils noch jemanden auf den Schoß? Die Unterkirche, in der die Gläubigen künftig statt um den Tabernakel ums Taufbecken sitzen(!) werden, bietet meines Wissens nach Planung von Herrn Z. übrigens nur Platz für etwa vierzig solcher „liturgischen Objekte“. Es kommen aber schon zu den Abendmessen unter der Woche oft schon wesentlich mehr Leute und oft auch, ohne daß man es vorher weiß, da Meßbesucher ihr Kommen selten im Vorhinein ankündigen, wie ein König im Mittelalter. In der Oberkirche, sofern man die Messe dann überhaupt noch dorthin verlegen kann, verliert sich eine solche Zahl wiederum.

Das ist übrigens eine historische Aufnahme der
Rekonstruktionsarbeiten im Innenraum der Kathedrale
in den Jahren 1959 bis 63.
Zu – angeblich – „zeitgemäß und richtig“ sei noch gesagt: Fakt ist, daß wir dann Leute haben werden, die gerne knien möchten und es nicht können, weil Herr Z. beim Kirchbankrauswerfen und Altarstufeneinebnen auch gleich die Kommunionbänke mit hinausgeworfen hat, die in St. Hedwig bisher überlebt haben. „Zeitgemäß und richtig“ ist das allenfalls vom Reißbrett oder der Redaktion einer Tageszeitung aus, theologisch ist es unschön.

Die Antwort auf die Frage an Herrn Z., ob es beim bisherigen Entsorgen von Kirchen- und Kommunionbänken anderswo nie Probleme gegeben habe, „Nie, wenn sie dann drinnen waren“, ist vielleicht auch anders zu erklären: wem am Knien beim Gebet und Sakramentenempfang liegt, der kniet dann eben anderswo. (Damit meine ich nicht etwa auf dem Heizungsrost oder irgendwie zwischen den Stühlen, sondern gleich ganz woanders.)
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