Montag, 31. März 2014

Hello goodbye – persönliche Randbemerkungen zur Einführung des neuen Gotteslobs

Gestern, am Sonntag Laetare also die Einführung des neuen Gotteslobs in den Bistümern Ostdeutschlands. Da in der Kathedrale gestern ein Pontifikalamt zum Papstgedenken angesetzt war, fürchtete ich schon, die Liturgie würde nun das Thema „neues Gotteslob“ umkreisen. Tat sie aber nicht, und der apostolische Nuntius hat auch nicht darüber gepredigt, Deo gratias. Es gab eine kurze Einführung des Herrn Kardinals noch vor dem Kyrie (wie mir sowas widersteht!), die mir schon deshalb zu lang vorkam, weil wir Ministranten sie stehend anhörten, als sei es das Evangelium, dann wars das aber auch. Der wirklich nette Nuntius Nikola Eterović predigte stattdessen über die Heilung des Blindgeborenen.

Vor dem Ponti in der unteren Sakristei Austausch über die äh… suboptimale Idee, für eine Kathedrale graue Gesangbücher anstelle von schwarzen anzuschaffen – ich möchte nicht wissen, wie speckig die grauen nach einem halben Jahr schon aussehen werden – und über die optische Gestaltung. Erfreulicherweise sind ja auch Bilder drin, die man sich richtig anschauen kann. Zu den wohl von Hühnern in den Sand gescharrten Graphiken hatte ich mich ja schon geäußert. Das Erfreuliche daran ist, daß sie optisch wohl doch nicht so dominant sind: beim Durchblättern war es mir jedenfalls nicht möglich, etwa das Bild mit dieser vergurkten Ziehharmonika wiederzufinden. Für alle diese Werke gibts jedenfalls Heiligenbildchen zum Drüberkleben.

In der Liturgie dann waren die Eröffnungs- und Schlußgesänge solche, die schon im alten Gotteslob gestanden haben und die die Leute hier wohl auswendig singen, so weit, so gut. Ein feiner Zug, wenn auch den Leuten anläßlich des Singens einiger Strophen von Lobet den Herren nicht aufgefallen sein dürfte, das dieses nun eine Strophe mehr hat, denn genau jene stand beim Strophenbingo nicht auf dem Plan. Btw, kann mir mal ein Kirchenmusiker oder Gemeindepfarrer das Geheimnis verraten, nach dem man bei ohnehin kurzen Liedern noch Strophenbingo spielen muß? Wärs nicht viel leichter, einfach alle Strophen zu singen? Lieder, wie man sie in reformierten Ausbünden hat, mit sechzehn oder dreiundzwanzig Strophen, die die Gemeinde dann, ohne mit der Wimper zu zucken, auch alle singt, kommen bei uns ja sowieso nicht vor. Und wenn schon? Beim Strophenbingo muß man die Liedertafel scharf im Auge behalten beziehungsweise überhaupt erst einmal ein Auge auf sie werfen können; auch wird das Auswendigsingen schwieriger. Irgendwer kommt jedenfalls todsicher schallend laut auf einer falschen Strophe heraus.

Der Wechselgesang zum Credo wurde schon im Fernsehgottesdienst an Weihnachten gesungen und kommt hier wohl gut an. Um das Sanctus, den Meßgesang schlechthin und einen Teil der Liturgie, der immer gesungen werden soll, hat es mir dagegen wirklich leid getan. Dieses Sanctus hat zwar auf der Liste der Lieder gestanden, die (hierzukirch äußerst sporadisch) vorab geübt wurden, aber auch da ging es schon nicht wirklich gut. Jedenfalls passierte es, daß die Ministranten an der Altarstufe keinen Ton sangen, der Gemeinde ging es nicht viel besser, sie hatte aber Bücher, um dieses tempimäßig etwas merkwürdige Sanctuslied wenigstens auszugsweise mitzusingen. Was es nicht wirklich leichter machte, war, daß der obzwar herzige Kinderchor mehrstimmig dann noch irgendwas drumherum schmetterte, so daß musikalisch Unbedarfte wohl im Zweifel sein durften, welches überhaupt die Melodie wäre, die sie zu singen hätten. An dieser Stelle hätte ich den DKM schütteln mögen. Überhaupt ist man in letzter Zeit zu der blöden Angewohnheit übergegangen, bei Gesängen, die nun wirklich dem Volk zukommen, und die es auch wirklich singen kann, den Gläubigen den Chor im Wechselgesang vorzusetzen. Liegt irgendein Sinn darin, dem Volk auch noch das Absingen zweier Strophen von Lobe den Herren vorzuenthalten?

Schließlich war für mich die Einführung des neuen Gesangbuches auch mit einem persönlichen Mißklang verbunden, dergestalt, daß mein altes Gotteslob, das mir selbst gehörte, und das ich im Gewänderschrank verwahrt habe, wo auch unsere Ministrantenschuhe stehen, gestern morgen auf einmal verschwunden war. Ich hatte es letzte Woche nicht mitgenommen, weil ich mitten in einem Umzug nun wirklich etwas anderes im Kopf hatte. Auf Nachfrage beim Küster ergab sich, daß auf Weisung des Herrn Pfarrers alle alten Gesangbücher weggeräumt und wohl zur Entsorgung bereitgestellt werden mußten. Dafür können die deutschen Bischöfe zwar nun nichts, es ändert aber nichts daran, daß ich diese Aktion, bezogen auf mein Eigentum, als deutlich übergriffig empfinde. Kohelet 1,9. – Es ist ja nicht nur das Gesangbuch selber, sondern vor allem die im Laufe von Jahren gesammelten Andachts- und Weihebildchen, die mir geschenkt wurden, von frischgeweihten Priestern, von durchreisenden Bischöfen, et cetera. In diesem Moment war mir jedenfalls deutlich weniger nach Laetare (freuet euch!) zumute.

Nichtsdestotrotz hab ich grade gestern für das neue Gotteslob eine schöne Hülle bei Claudia bestellt, die auch jenes Zeichen trägt, in dem für uns Heil, Hoffnung und Leben ist. Segne es Gott!

Sonntag, 30. März 2014

Laetareblümchen





Diese Blümchen sind schon eher rosa als weiß mit rosa Spitzen zu nennen und passen daher perfekt zu Laetare. (Seit ich erfahren habe, daß man sie auch essen kann, ist in der Beziehung keine Wiese mehr vor mir sicher. So schöne würde ich aber nicht essen…)

Freitag, 28. März 2014

Zwischendurch: schöne Grüße aus dem Haus, das Verrückte macht…

Alle Jubeljahre muß man einmal zum Bürgeramt. Vor Jahren ist anläßlich des Diebstahls meines Rucksacks beim Einkaufen auch der Personalausweis weggekommen. Der Rucksack tauchte später wieder auf, der Ausweis nicht (der Rucksack war sowieso viel schöner…) Seither war ich ohne, was aber nicht allzuviel machte, das meiste auf der Welt, wie etwa wählen, Pakete auf dem Postamt abholen oder eine ausländische Botschaft betreten, kann man auch mit einem alten grauen Führerschein. Vor Jahren hatte ich an einem glühheißen Tag schon einmal den Versuch unternommen, mir einen neuen Ausweis zu beschaffen. Als ich kam, waren 45 Wartenummern vor mir. Da wandte ich mich mit Grausen.

Nun der zweite Versuch. Das Wetter diesmal: erst hagelt es, dann regnet es in Strömen. Auf dem Amt steht eine riesige Schlange den ganzen Korridor hinunter. Auf meine Frage, worum man hier anstünde (Freibier?), wird mir der Bescheid, dort gebe es die Wartenummern. Der Automat für die Wartenummern hängt zwar noch da, verweist aber auf die Schlange. Schon ab hier komme ich mir vor wie Asterix und Obelix auf der Suche nach dem Passierschein A 38 („Mit diesem Formular müssen Sie das rosa Formular beantragen“).

Schließlich erhalte ich die wunderschöne Nummer 131. Derzeit ist  übrigens Nr. 71 dran (manche Dinge ändern sich wohl nie). Also nehme ich diesmal gottergeben Platz und harre der Dinge, die da kommen – hoffentlich heute noch! Und siehe, nur zweieinhalb Stunden später bin ich dran, werde zum Schalter 22 gerufen und schildere mein Anliegen. Daraufhin wird – unter Hinzuziehung zweier anderer Sachbearbeiter (eine sichtbar, einer wird im Off konsultiert  – erst einmal des langen und des breiten die Ordnungsstrafe ausgerechnet, die es kostet, wenn jemand weder Personalausweis noch Paß hat, denn ein Führerschein sei kein amtliches Ausweisdokument, da hilft alles „ja, aber“ nichts. An dieser Stelle beschleicht mich ein leichtes Déjà-vu, und ich rufe ob meiner Ehrlichkeit Verwünschungen über mein eigenes Haupt herab. Wir einigen uns auf eine herabgesetzte Ordnungsstrafe von 35 Euro, sola gratia.

Nachdem diese Klippe umschifft ist, stellt sich heraus, die mitgebrachten Paßbilder seien selbst für einen vorläufigen Personalausweis nicht biometrisch genug. Also brauche ich neue. Am besten ginge das gleich hier in der Straße. Also in Regen und Wind zum Fotostudio „zum unfröhlichen Migranten“. Das ist, nebenbei bemerkt, das zweite oder dritte Mal, daß ich an diesem Tag einregne, entsprechend hängt mir das Haar medusengleich um den Kopf. Im Fotostudio kennen sie sowas wohl schon, beziehungsweise, solche Notfälle stellen wahrscheinlich ein gut Teil des Broterwerbs an genau dieser Stelle dar, so daß Versuche, wie man sie früher hatte, den Kunden auch nur irgendwie zu restaurieren, völlig unterbleiben. Die verschleierte Fotografin pudert mir nicht noch das Gesicht oder die Nase, es wird mir nicht angeboten, den etwa vorhandenen Kamm oder vielleicht doch besser noch mal den eigenen zu verwenden und ich werde nicht aufgefordert, freundlich zu lächeln, weil gleich das Vögelchen aus der Kamera kommt. Dementsprechend sieht das Foto aus: ein Fahndungsfoto oder das einer ertrunkenen Katze könnte nicht schlimmer sein. Ich blicke stier und blaugrün in die Kamera, mir des Fatalismus der Situation – und der Haare, die mir um den Kopf fliegen – vollauf bewußt. Lächeln ist auf biometrischen Bildern übrigens verboten. Macht nichts, ist nur mein Personalausweis, wer will den schon sehen? Ich jedenfalls nicht.

Wieder aufs Amt an den Platz 22, dort muß ich warten, aber diesmal nur kurz. Zahlreiche Unterschriften sind zu leisten, auch auf Elektronikpads (wahrscheinlich habe ich dabei auch meine Waschmaschine verkauft). Früher™ hat ein Beamter bei vorläufigen Ausweisen die Daten auf einer Schreibmaschine mit Wagenhebel getippt und das Foto selber festgetackert. Das hat allerdings auch nur höchstens eine Viertelstunde gedauert. Heute werde ich gefragt, ob ich immer noch blaugrüne Augen habe[1] und so groß bin wie zuvor, das Foto wird eingescannt, und die Bundesdruckerei freut sich. Technischer Fortschritt muß nicht immer auch eine Verbesserung sein, das hatten wir neulich auch schon anläßlich vor Ort gar nicht mehr individuell regelbarer Heizungen festgestellt.

Auf dem Hinausweg nach siegreicher Schlacht finde ich dann übrigens noch das Paßfoto eines unbekannten Jungen. (Hätte ich es nur früher gefunden, mein Paßbild muß mir ja scheints sowieso nicht ähnlich sehen…) Jedenfalls habe ich nun einen vorläufigen Personalausweis. Den richtigen beantrage ich dann irgendwo anders, überall, nur nicht dort.

____
[1] An dieser Stelle frage ich mich flüchtig, was wohl passieren würde, wenn ich sagte, „Nein, die sind jetzt braun!“ Wahrscheinlich erhöht sich dann die Ordnungsstrafe wieder.

Mittwoch, 26. März 2014

Demnächst auf diesem Blog…


Nicht über ausbleibende Blogbeiträge wundern: So ähnlich wirds in den nächsten Tagen bei mir zugehen (inklusive des rosa Hasen!), daher nicht wundern, wenn es hier etwas stiller ist. Demnächst blogge ich dann wieder regelmäßig. Ein paar Gebete für die nächsten Tage könnte ich gut gebrauchen.

Sonntag, 23. März 2014

Seltsam, im Nebel zu wandern – verborgene Obdachlosigkeit

Seltsam, im Nebel zu wandern… kein Baum sieht den andern, jeder ist allein. An sich liebe ich dieses  Gedicht von Hesse. Manchmal komme ich inmitten der Stadt nicht umhin, mich zu fragen, wie sehr Hesses Bild mit unserer Wirklichkeit übereinstimmt, wie oft ein Baum den anderen wirklich nicht sieht.

Gestern habe ich mich lange mit einer Frau unterhalten, sicherlich jünger als ich, die über viele Monate mitten in Berlin obdachlos war und an den kreativ erscheinendsten Orten geschlafen hat, ohne daß jemand auch nur irgendwas davon wußte. Vereinzelt ist es schließlich anläßlich des Wechsels einer Sicherheitsfirma Wachmännern aufgefallen, einmal einem Doorman im Hotel. Ansonsten, wie gesagt Monate, bis sie schließlich, auf der Suche nach einem aufblasbaren Zelt für Obdachlose, das ein Geschäftsmann hat errichten lassen, Hilfe gefunden hat (Kältebus, nun im Frauenhaus). In einer kleineren Stadt wäre das vielleicht so nicht möglich gewesen, weil es dort wohl viel früher aufgefallen wäre – allerdings gibt es hier Einrichtungen und Hilfen, die es in Kleinstädten nicht gibt.

Voll von Freunden war mir die Welt, als noch mein Leben licht war. Nun, da der Nebel fällt, ist keiner mehr sichtbar – gar nicht so selten wissen aber nicht einmal die Freunde, die durchaus noch da sein mögen, von einem solchen Schicksal, weil diejenigen darüber schweigen. Eingehüllt in den Nebel des Nichtwissens. Obdachlosigkeit, die für Frauen ja noch einmal ganz andere Risiken und Gefahren mit sich bringt, als verborgenes Phänomen in der Großstadt. Ich frage mich, wieviele es sein mögen, die mitten unter uns so leben und doch so bedürftig sind?

Donnerstag, 20. März 2014

Dienstag abend, irgendwo in Mitte…

Zwischendurch: man sollte meinen, das sei Unterwäsche – ist es aber nicht:
es soll sämtlich Oberbekleidung darstellen. Die dazu passenden Röcke
sehen konsequenterweise alle aus wie Unterröcke… Nun gut, es könnte
einen natürlich nichts daran hindern, das einfach als Unterwäsche zu tragen. –
Schlußendlich hab ich mir ein Snoopy-T-Shirt gekauft.

Mittwoch, 19. März 2014

Nungazing am Mittwoch

Profeßfeier bei den Kleinen Schwestern (ursprünglich dachte ich,
bei den Kleinen Schwestern Jesu, aber ich glaube, das sind die vom Lamm)

Dienstag, 18. März 2014

Zur Vesper des Hochfests des hl. Josef



Neben Tugenden, die den hl. Josef zierten – Armut, Gehorsam, Demut und Keuschheit – verweist das Bildchen auf eine Schriftstelle in der Genesis, in der es heißt: Er bekleidete ihn mit Byssusgewändern[1] und legte ihm die goldene Kette um den Hals und Geht zu Josef! Tut, was er euch sagt. Dies ist, uns vom stillen Leben hl. Josef kein Wort übermittelt ist, sicherlich unmittelbar auf diese Eigenschaften zu beziehen. Hier besteht unmittelbar zwischen der Gottesmutter bei der Hochzeit zu Kana: Was er euch sagt, das tut wie auch zu seinem göttlichen Ziehsohn, auch wenn er letztlich in dem sein mußte, was seines wahren Vaters ist, in Josefs Haus und Obhut aufwuchs.
___
[1] Wer nicht weiß, was Bysssus ist (ich wußte es auch nicht): Muschelseide, es kann auch feinstes Leinen oder Baumwolle gemeint sein; jedenfalls ein kostbares Gewand.

Würde und Instant-Augenkrebs (von Alben und Betsäcken)


ntv berichtet unter dem so gar nicht reißerischen Titel „Katholische Frauen stürmen Laufsteg“ über eine Modenschau für liturgische Gewänder, die im Bistum Hildesheim stattgefunden hat. Im Bericht neben einigen Seitenhieben in Bezug auf das Priestertum so aparte Sentenzen wie diese, daß „lange Kleider kein Privileg der männlichen Würdenträger mehr“ seien (ja klar, bisher haben wir in kurzen Röckchen ministriert…) Würdenträger ist übrigens jeder Getaufte.

Ich frage mich, warum man eigentlich dasselbe Rad immer und immer wieder neu zu erfinden trachtet? Das allen Getauften gemeinsame und angemessene Gewand ist die Albe – auch die Chorhemden sind im Grunde genommen nur eine verkürzte Version dieses Taufgewandes, dessen Überreichung bei den die Taufe ausdeutenden Riten mit den Worten geschieht: In der Taufe bist du eine neue Schöpfung geworden und hast – wie die Schrift sagt – Christus angezogen. Das weiße Gewand sei dir ein Zeichen für diese Würde. Bewahre sie für das ewige Leben.

Alben, wie sie sein sollen…
Ob liturgische Dienste nun im Chorgewand oder in der Albe besser (oder angemessener) gekleidet sind, sei dahingestellt, das ist ein weites Feld, in dem man manchmal auch die eigenartigsten Ansichten zu hören bekommt. Sicher ist: Alben müssen nicht unvorteilhaft aussehen und ein schlichtes, langes, ungegürtetes Gewand steht eigentlich jedem.

Teils sind Alben, vor allem für Meßdiener, in der Praxis allerdings so weit entfernt von guter Optik, daß man sich wirklich denkt, die Gemeinde täte gut daran, zu Chorhemd und Talar zurückzukehren, weil einen solchen Betsack keiner tragen möchte. Mehr noch, in einem solchen möchte man auch niemanden sehen müssen. Oft sind sie aus irgendwelchen Gründen heraus nicht einmal mehr weiß, obwohl das Gewand die weiße Farbe bereits im Namen trägt (oder jedenfalls eine Schattierung von Weiß, Wollweiß geht sicher auch noch durch). Vor jeder Fronleichnamsprozession wird hier aufgerufen, in Chorkleidung zu kommen, das dürfte auch einen Grund haben. Auf dem Bild mit den Jugendlichen ist übrigens für mein Gefühl deutlich zu erkennen, mit welcher „Begeisterung“ diese Gewänder getragen werden.

…und wie sie in Hannover
vorgeführt wurden…
Selber hab ich eine eigene Albe, ungegürtet und mit Kapuze, die ich zum Stundengebet und dann trage, wenn ich mit Schleier ministriere (Schleier zu Talar und Chorhemd, das paßt schon vom Gefühl her nicht).

Alben gibt es als Untergewand, für die liturgischen Gewänder der Kleriker, dann sind sie entsprechend verarbeitet, aber auch als Obergewand. Günstig ist es, wenn der Stoff nicht derart ist, daß man das Micky-Maus-T-Shirt drunter durchscheinen sieht.

…danke, aber nein danke!
Was ich, wie bemerkt, halt nicht verstehe, warum man jetzt anfängt, an der Albe, wo sie als Obergewand getragen wird, herumzubasteln, indem man hier einen bunten Streifen und dort einen „neckischen“ [sic!] Schal anbringt und das auch noch mit dem Anspruch „für Frauen“ garniert, was impliziert, Frauen wollten solchen Firlefanz. Eigentlich kommt es einem aber eher vor wie bei Loriots Jodeldiplom: dann hast du was eigenes! „Wir Frauen geben der katholischen Kirche ein weibliches Gesicht, eine weibliche Stimme.“ Warum nicht, das ist ja das Wesen der Frau. Es sei mir allerdings die Frage erlaubt, warum eigentlich, wann immer die Gewandung von Frauen in den Blick genommen wird, diese Gewänder so ausgesprochen häßlich daherkommen müssen? Das ist keine „weibliche Stimme“, das ist ein mißtönendes Krächzen.

Wie weit entfernt sind die Worte „Heute schauen wir mehr auf modische[1] Aspekte“ von dem schlichten und doch so gewaltigen Das weiße Gewand sei dir ein Zeichen für diese Würde. Bewahre sie für das ewige Leben.

___
[1] Die „modischen Aspekte“ von heute dürften wohl der optische Graus von (spätestens) morgen sein, wie man schon an dem grünen Besatz der Albe sieht. Wie schnell sowas veraltet aussehen kann, haben uns Überarbeitungen altehrwürdiger Ordentrachten in den siebziger Jahren deutlich gemacht. Eine einfache Albe ist doch völlig zeitlos.

Montag, 17. März 2014

Noch zum Gedenktag der hl. Gertrud

ikonographische Mäuse an der Gertraudenbrücke in Mitte

Gebrauchsanweisung für Katzen

die hl. Gertrud von Nivelles,
heute ist ihr Gedenktag
Manchmal kann man über die Medien wirklich nur mit dem Kopf schütteln: da züchten sich Leute in Oregon einen 10 Kilo schweren Kater heran und behandeln ihn offenbar nicht, wie eine Katze behandelt werden sollte – anders ist es eigentlich nicht zu erklären, warum der Kater hergeht und sich verhält, wie er sich verhalten hat: kratzen, unters Bett flüchten, der Familie mitsamt Hund durch wütendes Geschrei die aktuelle Stimmungslage anzeigen.

Nun kommts: „Dann trat der Familienvater dem Tier in den Hintern, was Lux – so der Name der Katze – umso mehr in Rage versetzte“. Heilige Gertrud, erbarme dich! Zeig mir ein größeres Säugetier, wenn nicht gar ein kleines Raubtier, dessen Rage sich durch einen Tritt in den Hintern nicht noch vergrößert! Spätestens an dieser Stelle haben die Tierhalter übrigens die Grenze zur Tierquälerei überschritten – und die Meldung die Grenze zur Karikatur. Der Familienvater hätte besser selbst einen Tritt in den Hintern bekommen, der hält das auch besser aus. Schade eigentlich, daß es keine Führerscheine für Tiere gibt. Für jedes 25-PS-Töfftöff braucht man einen, eine Katze quälen kann aber jeder Heini.

Die Sache mit mit dem bedrohlichen Geschrei wie auch mit dem verängstigten Hund kann ich übrigens ohne weiteres nachvollziehen. Als ich einmal einen Kater kurzfristig in Pflege nehmen sollte, war das Tierchen von der Aussicht, außerhalb des eigenen Reviers versorgt zu werden, so wenig angetan, daß es sich, ebenfalls unter bedrohlichem Geschrei, unter mein Bett zurückzog, worauf dieses von mir nicht mehr genutzt werden konnte (ich bin doch nicht lebensmüde!). An sich ist die Körpersprache einer Katze in dieser Situation einfach zu deuten, bevor sie sich so gebärdet, muß allerdings bei Hauskatzen etwas vorgefallen sein. Vielleicht sollte man Katzen demnächst nur noch gegen Vorlage eines Führerscheins, auf jeden Fall aber mit einer Art „Waschzettel“ abgeben (Gebrauch, Risiken und Nebenwirkungen).

Das ist übrigens die angeblich so aggressive Katze –
scheint ein Maine Coon, das würde auch das Gewicht
erklären
Gebrauchsanweisung fürs nächste Mal

Samstag, 15. März 2014

Zwischendurch: farbenfrohe Orthodoxe


Mir war grad danach: die Liturgie und die Gewänder der Orthodoxen
machen wirklich was her.

Freitag, 14. März 2014

Am Wegesrand

Ein sehr ernster Grabengel…
…die Hecke schlägt aus…
…der Mond, das bleiche Licht unserer Nächte
und unserer Träume…
…und hier sucht einer seine Monstera.
Dazu: stell die Pflanze halt nicht so raus,
daß nächtens Vorbeikommende Mitleid mit ihr haben,
weil sie denken, die arme Pflanze sei ausgesetzt worden.
Ich hab die Pflanze nicht, kann aber jeden verstehen,
der sich ihrer erbarmt hat. 

Donnerstag, 13. März 2014

Einsiedelei sucht Einsiedler(in)

Tempora mutantur, nos et mutamur in illis – früher™ einmal zog ein Einsiedler in die Wüste oder Einöde und lebte dort, so alles gut ging, ein eremitisches Leben. Natürlich hatte man damals noch viel mehr Einöden als heute!

Ein Problem hatten manche Einsiedler allerdings wohl auch damals schon damit, daß sie von Rat- oder Sonstwas-Suchenden einfach überrannt wurden. Nicht nur der hl. Antonius hatte darüber zu klagen. Im anderen Fall wurde aus einer Gruppe von Einsiedlern, die sich um eine gemeinsame Kirche herum angesiedelt hatten, ein ganzer Konvent eremitisch oder „halberemitisch“ Lebender, mithin ein Kloster oder eine Reihe von Lauren.

Als ich vor einigen Jahren im nachhinein las, die Einsiedelei von St. Verena in der Schweiz wäre zwischenzeitlich frei gewesen, dachte ich, wie schön, das wärs eigentlich! Allerdings ging aus der beigefügten Information, wenn ich mich recht erinnere, auch hervor, daß man dann und wann vorbeikommende Wandergruppen bewirten solle (oder was beißt mich). Also so sehr hätte man der Welt nicht entsagt, weil sie dort regelmäßig in ganzen Völkerscharen vorbeikäme. Auch bewirbt die Gemeinde am Ort selbst die Verenaschlucht mit Kapelle und Einsiedelei, einen Ort, an dem seit dem vierten Jahrhundert eremitisches Leben herrscht, als „ideales Ausflugsziel für Familien und Gruppen“, bei dem man auch die Einsiedelei „besichtigen“ kann, sicherlich gleich komplett mit Einsiedler – das Bild verschafft schon einen kleinen Eindruck…

Ich weiß nicht, ob es daran lag, es klingt allerdings schon so, wenn ich gerade höre, daß die Einsiedelei von St. Verena in der nach ihr benannten Schlucht bei Solothurn wieder frei ist. Nach nur fünf Jahren hat die dort lebende Eremitin – die erste überhaupt an diesem Ort – die Verenaschlucht relativ unvermittelt wieder verlassen und ist ins Altenheim gezogen. Ob es sich um eine Diözesaneremitin gehandelt hat, weiß ich nicht, die Umstellung vom jetzigen Leben in die enge Gemeinschaft eines Heims mag für sie gewiß nicht leicht sein.

Wie eingangs bemerkt, früher faßte man den Entschluß (die Berufung immer vorausgesetzt), als Eremit zu leben und tat es. Mittlerweile ist das Leben etwas komplizierter und so gilt es meist, erst die entsprechenden Vorbedingungen zu schaffen, wenn man eremitisch leben möchte[1]. Umgekehrt anscheinend auch, wenn man einen Ort zu vergeben hat, an dem traditionell ein Eremit lebt. Mittlerweile sucht man quasi per Stellenausschreibung Eremiten. Auf die letzte derartige Ausschreibung sollen sich dreißig potentielle oder tatsächliche Eremiten beworben haben. Ohne die Verhältnisse in der Verenaschlucht genau zu kennen, ein bißchen wie mit den Schmuckeremiten der Barockzeit hört sich das ja schon an.

Die Gemeinde Solothurn, die dem Einsiedler oder der Einsiedlerin traditionell den Lebensunterhalt sichert, hat nun jedenfalls wieder eine Einsiedelei zu vergeben. Vielleicht ist ja unter den Lesern hier jemand, für den das interessant wäre?
____
[1] etwa braucht man einen, und sei es noch so geringen, Lebensunterhalt, eine Krankenversicherung, Zugang zu Lebensmitteln. Es gibt übrigens auch eremitisches Leben in der Wüste von städtischen Wohnsiedlungen. Die kirchenrechtliche Grundlage für das eremitische Leben gibt der Can. 603 her. 

Montag, 10. März 2014

Auflassung der Kartause von Vedana in Italien


Brunonis berichtet, daß die Kartause von Vedana zum Sommer aufgelassen wird. Der Grund dürfte nach eigenen Angaben darin zu sehen sein, daß dort seit längerem keine Novizinnen mehr eingetreten sind, eine Entwicklung, die irgendwann fast unumkehrbar scheint. Oft ist es so, daß dort, wo viele Novizinnen sind, noch mehr eintreten. Umgekehrt, wo seit vielen Jahren niemand mehr eingetreten ist, mag irgendwann die Kluft zu groß werden, und ab einem gewissen Punkt ist die Aufrechterhaltung eines geregelten Konventslebens auch kaum noch möglich. Diesen Punkt scheint Vedana vorausgesehen oder schon erreicht zu haben, zumal die Konventsgebäude einer Kartause naturgemäß riesig sind. Die Kartause von Vedana liegt, wie für den Orden typisch, in der Einöde, in einem Waldgebiet beim italienischen Sospirolo. Dort kommt man natürlich nicht mal eben so vorbei wie an einem Stadtkloster und denkt, was gibt es denn hier?, sondern man fährt gezielt hin, wenn man bereits einen Eintritt bei den Kartäuserinnen erwägt.

Die Lebensweise ist die Verborgenheit selbst, selbst von ihren Heiligen und Märtyrern hört man kaum. Groß war der Kartäuserorden in den vergangenen Jahrhunderten nicht mehr, auch strebte er gar nicht nach Größe in dieser, sondern nach der unvergänglichen Welt. Etwas, das Frossard mit der Überquerung eines Meeres verglich, bei der man den Weg von Stern zu Stern nimmt, als Vorhut der Christenheit.

Mir tut es leid um Vedana. Nicht nur weil es eine der ohnehin wenigen Kartausen für Frauen ist (in Deutschland etwa gibt es gar keine, in Italien zwei, in Frankreich zwei, in Spanien eine). Vedana war eines der beiden Klöster, in denen die Nonnen unter den Kartäuserinnen die Möglichkeit hatten, wie die Chormönche in Zellenhäuschen zu leben. Mir ist der Gedanke ein Trost, daß in der Nacht Menschen aufstehen, um für diese Welt, für uns, zu beten. Zu der Stunde, in der die Nacht am dunkelsten und für manchen am verzweifeltsten ist, stehen sie auf und verwenden sich für uns bei Gott.


Der Weg zur Kartause Vedana (Fotos oben: Matteo Paglione)
Kartäuserin beim Läuten der Glocke. Das Gemälde im
Kreuzgang zeigt die zwölf klugen Jungfrauen, die dem
Herrn mit ihren Lampen entgegengehen, im Habit der
Kartäuserinnen und mit den Kronen der Jungfrauen
(nach altem Brauch kann den Nonnen
die Jungfrauenweihe gespendet werden)
Thomas Merton, der sich selbst nach dem Einsiedlerleben sehnte, hat in seinen Erinnerungen sehr schön und anrührend zum Ausdruck gebracht, was das Wesentliche und Anziehende dieser Form des Lebens ist.
Es war etwa drei Wochen vor Ostern. Ich dachte immer öfter an das Trappistenkloster, in dem ich die Karwoche verbringen wollte. Eine Tages ging ich auf die Bibliothek und las in der Catholic Encyclopedia den Artikel über die Trappisten. Daraus ersah ich, daß die Trappisten Zisterzienser waren, und als ich die Zisterzienser nachschlug, stieß ich auf die Kartäuser und fand dort eine prächtige große Wiedergabe der Einsiedeleien von Camaldolese.

Der Anblick des Bildes und die Lektüre schnitten mir wie mit einem Messer ins Herz. Was für ein wundervolles Glück gab es immer noch auf Erden! immer noch lebten Menschen auf dieser elenden, lärmerfüllten, grausamen Erde, welche die herrliche Freude des Schweigens und der Einsamkeit genossen und in verborgenen Berg-Zellen wohnten, in geschlossenen Kloster, wo die Neuigkeiten, Wünsche, Begierden und Streitigkeiten der Welt sie nicht mehr erreichten.

Sie waren frei von der Tyrannei des Fleisches. Ihr klares, vom Demut und bittern Stachel der Welt gereinigtes Auge schaut zum Himmel empor und dringt ein in die Tiefen des unendlichen, erlösenden himmlischen Lichts.

Sie waren arm, besaßen nichts, deshalb waren sie frei und besaßen alles. Alles, was sie berührten, war gekennzeichnet vom göttlichen Feuer. Sie arbeiteten mit den Händen, pflügten und eggten schweigend die Erde, säten in der Verborgenheit, sammelten ihre geringe Ernte und nährten sich selbst und andere arme Menschen davon. Sie bauten sich ihre Häuser selbst, stellten die Hausgeräte und ihre rauhe Kleidung mit eigener Hand her. Und alles um sie herum war einfach, primitiv und arm. Und weil sie geringsten und kleinsten unter den Menschen waren, hatten sie sich selbst verbannt und suchten außerhalb der Mauern der Welt den armen, von den Menschen verstoßenen Christus.

Vor allem hatten sie Christus gefunden und kannten die Macht, Süßigkeit, Tiefe und Unermeßlichkeit seiner Liebe, die in ihnen lebte und wirkte. In ihm, in seiner Geborgenheit waren sie „arme Brüder Gottes" geworden. Und aus Liebe zu ihm hatten sie alles von sich geworfen und sich selbst verborgen im Geheimnis seines Angesichts. Weil sie nichts hatten, waren sie die reichsten Menschen der Welt und besaßen alles. Denn in dem Maße wie die Gnade ihre Herzen von irdischen Wünschen befreite, erfüllte sie der Geist Gottes. Und die „armen Brüder Gottes“ in den Zellen kosteten in ihrem Innern die verborgene Herrlichkeit, das unsichtbare Manna, die unendliche Speise und Stärke der göttlichen Gegenwart. Sie erlebten das süße Frohlocken der Furcht Gottes, welche die erste nahe Berührung mit der göttlichen Wirklichkeit darstellt, in der wir auf Erden den Anfang des Himmels empfinden.

Die Furcht des Herrn ist der Anfang des Himmels. Den ganzen Tag lang spricht Gott zu ihnen: die reine Stimme Gottes, die ihnen, aus seiner gewaltigen Ruhe heraus, die Wahrheit schenkt – so einfach und unvermittelt, wie im Frühling die Quellen springen. Und auf einmal ist die Gnade in immer größerer Fülle in ihnen, sie wissen nicht von woher, und dieser Einzug der Gnade beschäftigt sie völlig und erfüllt sie mit Liebe und Freiheit.

Und die in allen ihren Werken und Regungen überfließende Gnade verwandelt ihr ganzes Tun einen Akt der Liebe, durch den sie Gott preisen, nicht mit Taten und äußerm Prunk und Gebärden, sondern in der Einfachheit und Gestalt der höchsten Vollkommenheit, einer so großen Vollkommenheit, daß man sie gar nicht mehr bemerkt.

Auch in der Welt draußen gibt es heiligmäßige Menschen, die sich bemühen, in jeder Lebenslage ihre Liebe zu Gott zu beweisen und die sich stets all dieser Möglichkeiten bewußt sind. Diese verborgenen Menschen aber sind Gott in ihrer Verborgenheit, in der sie nichts anders mehr sehen als ihn, näher gekommen. Sie sind mit ihrem Ebenbilde verschmolzen, so daß kein Unterschied mehr besteht zwischen ihnen, die empfangen, und Gott, der gibt, weil der Abstand zwischen ihnen ausgelöscht ist. Sie leben in ihm. Sie sind zu nichts geworden und haben sich in ihn verwandelt durch die reine, absolute Demut ihrer Herzen.

Und die Liebe Christi strömt über in diesen reinen Herzen, macht sie zu Kindern und verlieht ihnen einen Hauch der Ewigkeit. Alte Männer, mit Gliedern wie Baumwurzeln, bekommen Kinderaugen und leben unter ihrer grauen Mönchskutte wie in der Ewigkeit. Und alle, die jungen wie die alten, haben kein Alter mehr, sind Gottes kleine Brüder, sind kleine Kinder, für die das Himmelreich geschaffen ist,

Tag für Tag führt sie der Kreislauf der kanonischen Tagzeiten zusammen, und ihre Liebe klingt auf in Gesängen, die ernst, graniten und süß sind wie Wein. Sie stehen da und verneigen sich während ihres langen, feierlichen Psalmensingens. Ihr Gebet schwillt an und versinkt ins Schweigen, und plötzlich lodert es auf in einem flammenden Hymnus und erstirbt wieder im Schweigen; und fast unhörbar entschwindet die leise uralte Stimme, de das Schlußgebet spricht. Gleich Seufzern huscht das vielstimmige Geflüster des Amen um die Steine – schon brechen die Mönche die Reihen, während einige noch betend im halbleeren Chor zurückbleiben.

Auch in der Nacht erheben sie sich und erfüllen die Dunkelheit mit ihrem starken, geduldigen, bittenden Flehen zu Gott. Und die Kraft ihres Gebets (denn der Geist Christi hüllt seine Macht in ihre Worte) hält den Arm Gottes wunderbarerweise davon ab, die schmutzige Welt voller Lüsternheit, Habsucht, Mord und allen Sünden zu schlagen und zu zermalmen.

Der Gedanke an diese Klöster, ihre fernen Chöre, die Zellen, Einsiedeleien, Kreuzgänge, die Männer in ihren Kutten, die armen Mönche, diese Menschen, die sich erniedrigt hatten, zerriß mein Herz.

Augenblicklich öffnete sich das Verlangen nach dieser Einsamkeit in mir wie eine breite Wunde. Ich mußte das Buch mit dem Bild von Camaldoli und den bärtigen Einsiedlern, die auf der steinigen Straße zwischen den Zellen standen, schließen, trat aus der Bibliothek, und versuchte, die glimmenden Kohlen, die einen Augenblick lang in mir zur Flamme aufgelodert waren, zu löschen.

Samstag, 8. März 2014

Zurückkehren zum Staub der Erde

Zu der geplanten Eröffnung eines Pavillons am Alexanderplatz, in dem die „Körperwelten“ des Plastinators Gunther von Hagens dauerhaft Platz finden sollen, hat sich zu Recht der Kunstbeauftragte des Erzbistums, P. Georg Maria Roers SJ geäußert: „Der Bildungsanspruch ist so schal wie die Behauptung, daß die Menschen, die hier gezeigt werden, Kunstwerke seien.“ In der Tat.

Anfänglich war ich von Hagens’ Ausstellungen gegenüber, bei denen seinerzeit auch in der badischen Provinz die Leute den Museumsplatz hinunter anstanden, eher indifferent: hatten die so Ausgestellten doch angeblich oder auch tatsächlich ihre Einwilligung erteilt, sich derart plastinieren und ausstellen zu lassen – was soll man da sagen? Schön ist es nicht, die Pietät verletzt es in jedem Fall, vielleicht aber deren Sache. Später wurde ruchbar, daß von Hagens auch die Körper von in China Hingerichteten verwendet habe; so ganz entkräftet werden konnte dieser Vorwurf meines Erachtens nicht.

So etwas war zu allen Zeiten der Gipfel der Entwürdigung des Umgangs mit Todeskandidaten beziehungsweise deren Überresten: die Verweigerung eines ordentlichen Begräbnisses, einer Stätte, an der der Verurteilte ungeachtet seines ehrlosen Todes wenigstens ruhen konnte wie alle anderen auch, ein letzter Schimpf, der ihm angetan wurde und gegen den er sich nicht zur Wehr setzen konnte. Sei es, daß man die Köper zum Fraß für Vögel hängen ließ, sei es, daß die Leichen der Hingerichteten öffentlich seziert wurden. Rembrandts düsteres Werk Die Anatomiestunde des Dr. Deymann wirft darauf ein anklagendes Licht. Es zeigt die Sektion des am Galgen hingerichteten flämischen Schneiders Fonteijn. Aus dieser Perspektive erscheint die Vorstellung, zurückkehren zu dürfen zum Staub, schon fast als Erfüllung einer Sehnsucht, jedenfalls als tröstlich. Um so schlimmer, wenn sie verweigert wird.

Die Anatomiestunde des Dr. Deymann, 1556
Ein Teil des Visible male

Solche Dinge gehören teilweise auch gar nicht so sehr der Vergangenheit an, wie man, abgesehen von den „Körperwelten“, vielleicht denken mag. So führt der Mathematiker Peter Deuflhard in Maler, Mörder, Mathematiker das Projekt des Visible male an: den im Jahre 1993 in Huntsville hingerichteten Mörder Joseph Jernigan, dessen Körper unmittelbar nach der Hinrichtung in blaue Gelatine eingelegt und in rund 1800 millimeterdicke Scheiben zersägt wurde. Jede dieser so gewonnenen Schichten wurde einzeln abgelichtet und dann pixelweise digitalisiert, später wurden sie von der U.S. National Library of Medicine ins Internet gestellt und sind dort nach wie vor abrufbar. Jernigan hatte zwar seinen Körper der Medizin vermacht, konnte aber die Tragweite seiner Entscheidung meines Erachtens weder überblicken noch überhaupt voraussehen.

Prompt kommentiert unter der Stellungnahme P. Roers zum geplanten Körperwelten-Pavillon jemand, Katholiken hätten doch schließlich ihre eigenen „Körperwelten“ – etwa das Beinhaus von Sedlec. Über dieses hatte ich mir ja schon einmal Gedanken gemacht, allerdings ganz andere. Ich halte das Beinhaus von Sedlec für ein Bekenntnis zur Auferstehung:
Die Geschichte dieses eigenartigen Beinhauses erklärt aber wiederum manches: die Gebeine stammen hauptsächlich von Opfern des Schwarzen Todes; ursprünglich in Massengräbern verscharrt, erwarten über vierzigtausend von ihnen hier die Auferstehung des Fleisches, ihre Knochen sind teils phantastisch angeordnet, sie bilden Leuchter, Girlanden, formen die Umrisse von Monstranzen und Kelchen nach.
Der Vergleich mit Sedlec oder vielleicht auch mit Reliquien wie derer der Katakombenheiligen geht meines Erachtens an der Sache vorbei: Beinhäuser wie Reliquien anerkennen die Vergänglichkeit. Nicht nur die Vergänglichkeit des irdischen Lebens, sondern auch die Herrlichkeit und Unsterblichkeit des ewigen, zu dem diejenigen, denen diese Überreste gehörten, hinstrebten.

Reich geschmückte Reliquien
eines sogenannten Katakombenheiligen
Der Schrein mit dem unverweslichen Leib der
hl. Teresa Margareta Redi im Chor der Karmelitinnen
von S. Teresa in Florenz
Die Körperwelten verherrlichen dagegen, wenn überhaupt etwas, die menschliche Anatomie – als Freizeitvergnügen. Wenn man gerade einmal auf dem Alexanderplatz ist, besichtigt man halt auch noch einige Plastinate, wie man den Fernsehturm besichtigt. Da einige dieser „Exponate“ in ihrer Verfremdung ausgesprochen monströsen Charakter haben – andere verletzen dagegen noch im Tode das Gebot der Sittsamkeit – wird das wohl so eine Art Kombination aus Disneyland und Gruselkabinett. Nur sind das keine Wachsfiguren. Reliquienschreine wie Beinhäuser sind Gräber, eine Plastinat-Ausstellung hingegen nicht. Reliquien und Beinhäuser haben Würde, von Hagens’ „Körperwelten“ (ebenso wie letztlich die Schaulust ihrer Besucher) entbehrt ihrer völlig.

Gedenke, Mensch, daß du Staub bist. Die Menschen im Beinhaus von Sedlec oder auch die schön geschmückten Katakombenheiligen haben das getan: sie sind zurückgekehrt zum Staube der Erde und harren der Auferstehung. Von Hagens Plastinate hingegen sind ihrer ganzen Art nach nicht dafür gedacht, zurückzukehren zum Staub der Erde. Womöglich ist auch das das Provokative, wenn nicht das moralisch Verwerfliche daran: es sind Menschen, denen die Rückkehr zum Staube der Erde vorenthalten wird.

Freitag, 7. März 2014

Das Taschentuch des Priesters

Ob dieser Brauch allgemein üblich ist, vermag ich nicht zu sagen, ich finde ihn jedenfalls wunderschön (darauf aufmerksam geworden bin ich durch Le porte della Terra di Mezzo):

Am Ende der ersten Primizfeier gibt der Neugeweihte seiner Mutter das Taschentuch, das er bei der Ordination dazu verwendet hat, sich nach der Salbung mit dem Chrisam die Hände zu trocknen. Der Tradition zufolge wird das Gesicht der Mutter am Tag ihres Todes mit dem Tüchlein bedeckt und sie nimmt es ins Grab mit. In der Überlieferung heißt es, so erkenne Gott, daß es die Mutter eines Priesters sei und öffne die Türen des Himmels. Ich bin überzeugt, der Herr kennt die Herzen der Mütter unserer Priester und jede einzelne beim Namen, und doch bleibt der Ansatz wunderschön.

Zelt Gottes unter den Menschen


„Wir sind beeindruckt von der durchweg hohen Qualität der eingesandten Entwürfe und der intensiven Beschäftigung mit der besonderen Würde des Ortes, die sich darin zeigt“
heißt es nach der ersten Sitzung des Preisgerichts, das unter den eingereichten, außerordentlich vielen Entwürfen zur geplanten Umgestaltung des Innenraums der Hedwigskathedrale fünfzehn ausgewählt hat, die in die engere Wahl kommen sollen.

Hohes Gericht, hoffentlich ist das so! Vielleicht bin ich naiv, aber ich hätte gedacht, daß es wesentlich sei, daß ein Architekt, der eine katholische Kirche bauen oder umbauen soll, selbst katholisch ist, um das nötige Gespür für das zu haben, was er plant und umsetzt. Es berührt im Vorfeld nämlich schon etwas merkwürdig, wenn ein Architekt, der an seinem Entwurf arbeitet, vor Ort Erkundigungen einzieht wie: „Sagen Sie mal, ich habe so viel vom Tabernakel gehört. Was ist denn eigentlich ein Tabernakel?“ Die Antwort „Das Zelt Gottes unter den Menschen“ wäre naheliegend, aber erstmal ist man innerlich doch getollschockt.

Gerade die Stelle, an der sich der Tabernakel der Kathedrale befindet und daß eigentlich der ganze Altar, bis hin zur Altarmensa in der Oberkirche sowohl auf diesem Grund ruht als auch die Eucharistie als Frucht täglich und immer neu hervorbringt, hat mir immer besonders gefallen. (Die „Salzkristalle“ auf dem Tabernakel oben drauf vielleicht weniger, die erinnern mich eher an Laugenbrezeln…)

Dienstag, 4. März 2014

Auf Wiedersehen Jahreskreis, bis nach Pfingsten!

Die letzten Lesungen aus dem Petrusbrief, die wir von der Zeit im Jahreskreis einstweilig hören werden, können wir eigentlich unmittelbar auf die Fastenzeit beziehen:
Deshalb umgürtet euch, und macht euch bereit! Seid nüchtern, und setzt eure Hoffnung ganz auf die Gnade, die euch bei der Offenbarung Jesu Christi geschenkt wird. Seid gehorsame Kinder, und laßt euch nicht mehr von euren Begierden treiben wie früher, in der Zeit eurer Unwissenheit. Wie er, der euch berufen hat, heilig ist, so soll auch euer ganzes Leben heilig werden. Denn es heißt in der Schrift: Seid heilig, denn ich bin heilig.
Heute zum letzten Mal für längere Zeit grün, erst nach Pfingsten hat uns der Jahreskreis wieder. Ich jedenfalls werde mich nachher in der Abendmesse vom Halleluja verabschieden, vom Gloria und der Missa de Angelis hab ich das schon am Sonntag im lateinischen Amt getan). Dafür erwartet uns in der Vesper die schöne Antiphon Ave Regina caelorum. Da ich morgen wahrscheinlich nicht zum Bloggen kommen werde, wünsche ich allen Lesern schon einmal einen gesegneten Beginn der Fastenzeit!

O tempora, o mores!


Früher™ hat man in der Bücherei um Ruhe gebeten, und diese war auch ein Ort der gesegneten Ruhe, einer der wenigen in großen Städten. Heute werden dort Ohrstöpsel aus dem Automaten angeboten. Also, so kann man es natürlich auch machen: das Problem mangelnder Sozialisierung anderer Leute auslagern an das einzelne Individuum, das sich dann davor zu schützen hat („Sie können ja Ohrstöpsel verwenden, wenn Ihnen mein Geschrei nicht paßt!“). Ich hab das Teil zuerst prompt für einen Kaugummiautomaten gehalten – als wenn ein solcher in der Bibliothek wahrscheinlich wäre!

Faszinierend: am angegebenen Ort Türschränke nun mit Zahlencode anstatt eines total netten Mannes mit Garderobenmarken. Das befreit einen zwar vor der Furcht, die Marke zu verbummeln und dann im besten Fall darauf warten zu müssen, bis wirklich alles andere abgeholt wurde, wirft aber neue Bedenklichkeiten auf: anscheinend gibt es solche Menschen, die überhaupt nichts anderes tun, als in der Nähe der Schränke herumzustehen und spähende Blicke auf eingegebene Kombinationen zu werfen. Was hindert dann den nächsten besten daran, meinen Schrank zu öffnen? Ich möchte zudem nicht wissen, wie viele alle verschlossenen Schränke mit so aparten und ungewöhnlichen Kombinationen wie „1234“ oder „0815“ durchprobieren. Und: wo ist wohl der nette Mann an der Garderobe hingekommen?

Die wenigen Regale mit Belletristik sind übrigens zur Zeit schlechterdings fast unauffindbar, man muß eine Schatzkarte zur Hilfe nehmen. Auf dem Rückweg zum Regal bin ich genauso orientierungslos herumgetappt, weil ich vergaß, mir eine Landmarke einzuprägen. Es ist der Ohrstöpselautomat.

Sonntag, 2. März 2014

Obst kaufen mit der Gottesmutter



Eine Zeitlang war mir irgendwie schleierhaft, wieso ich ausgerechnet beim Kauf von Obst immer in so fromme Stimmung gerate, genauer gesagt: marianische Frömmigkeit. Ich wandere durch den Laden und singe dabei die eine oder andere Antiphon oder einen Psalmton vor mich hin, was nicht das schlechteste ist. Nun kaufe ich ziemlich oft Obst, immer wieder beim Aussuchen oder Abwiegen der Hang zum Antiphonale…  Irgendwann wurde mir dann bewußt, daß das an dem Telefon liegt, das an der Information hinter der Obst- und Gemüseabteilung steht. Wenn es klingelt, spielt es die ersten Töne des Kehrverses Sei gegrüßt, Maria [voll der Gnade, der Herr ist mit dir].



Samstag, 1. März 2014

Wieder einmal: vor der großen Fastenzeit

Die Lesungen des Tages werfen schon ein Auge auf die bevorstehende Fastenzeit: Der Herr hat die Menschen aus Erde erschaffen und läßt sie wieder zu ihr zurückkehren, heißt es bei Jesus Sirach – nächste Woche ruft uns die Kirche zu Bedenke Mensch, daß du Staub bist und zum Staub zurückkehrst, und ich freue mich in jedem Jahr darauf. Es sind eindringliche und zugleich tröstliche Worte, mir jedenfalls ist der Gedanke lieb, daß ich zurückkehre zur Erde und zum Staub, von dem ich genommen bin. Daß ich vor der Herrlichkeit Gottes letztlich nur Staub bin, dessen bin ich mir sicher.

Der Jakobusbrief des zweiten Lesejahres wiederum stellt uns die Bedeutung des Gebets, auch des Gebets füreinander, vor Augen: Darum bekennt einander eure Sünden, und betet füreinander, damit ihr geheiligt werdet. Viel vermag das inständige Gebet eines Gerechten. In manchen Ländern und Gegenden ist es Brauch, daß die Gläubigen am letzten oder auch an den letzten beiden Fastnachtstagen vor dem ausgesetzten Allerheiligsten beten, um damit für die im Karneval zur gleichen Zeit begangenen Sünden anderer Sühne zu tun.[1]

Da andernblogs bei Salome[2] gefragt wurde, was macht ihr zur Fastenzeit? Ich glaube, allzuviele oder genaue Fastenopfer, die Speisen betreffend, werden es diesmal nicht werden. Zum einen schon weil ich bei meiner einfachen Lebensführung kaum noch großartig irgendwelchen „Luxus“ in Bezug auf Speisen finde, auf den ich verzichten könnte. Das Opfer, in der ganzen Fastenzeit anstatt Apfelschorle reines Wasser trinken zu wollen, würde wahrscheinlich darin enden, daß ich das entweder nicht durchhalte oder aber viel zu wenig trinke. Den Ansatz, auf Milchprodukte zu verzichten, wie schon einmal, hielt ich im Nachhinein für doch keine so gute Idee, weder gesundheitlich noch von den geistlichen Wirkungen her. (Indes sollte dies eigentlich kein Beitrag werden, worauf ich nicht verzichte. Pralinen, wie in letzter Zeit gerne mal, wird es in der Fastenzeit definitiv nicht geben.)

Vor einigen Jahren habe ich bei Pithless thoughts gelesen, er habe in früheren Fastenzeiten danach getrachtet, seine Fasten so auszurichten, daß es die Fasten eines orthodoxen Christen seien. Mittlerweile ginge es ihm mehr darum, die Fasten eines orthodoxen Christen zu halten. So in etwa geht es mir auch. Es geht (nicht nur, aber vor allem) um die geistliche Haltung. Die Kirchenväter Basilius und Chrysostomus fassen die oft erschreckende Kluft zwischen materiellen Fastenopfern und dem Handeln in dem Ausruf zusammen: Du enthältst dich der Fleischspeise – und verschlingst deine Nächsten!

Was nutzte es mir auch, in der Fastenzeit einen Parcours detaillierter Speisegebote festzulegen, auf dem ich entweder fallen (allerdings auch immer wieder aufstehen) oder aber alle Hindernisse nehmen und dann in die Gefahr des geistigen Hochmuts geraten kann? Der Apostel bringt es in seinem Brief an die Korinther auf den Punkt:
Ihr seid von Gott geliebt, seid seine auserwählten Heiligen. Darum bekleidet euch mit aufrichtigem Erbarmen, mit Güte, Demut, Milde, Geduld! Ertragt euch gegenseitig und vergebt einander, wenn einer dem andern etwas vorzuwerfen hat. Wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr! Vor allem aber liebt einander, denn die Liebe ist das Band, das alles zusammenhält und vollkommen macht.
Danach sollten wir eigentlich das ganze Jahr über streben, tun es aber bedauerlicherweise so oft nicht und beleidigen damit Gott. In der letzten Zeit bin ich in die Gewohnheit hineingeglitten, in Menschenmengen Verhaltensweisen, die mich konkret nerven, sotto voce zu kommentieren. Damit geht es mir zwar scheinbar gut, weil ich unmittelbar ein Ventil habe, doch ist es, denke ich, letztlich Gift für die Seele und weit entfernt von Güte, Demut, Milde und Geduld, mit der wir uns, wenn nötig, ertragen sollen. Ich denke, auf solche Gewohnheit jedenfalls werde ich ernsthaft zu verzichten versuchen.

_____
[1] (Was nicht heißt, daß, wer das jetzt liest, drauflos sündigen sollte, er oder sie verginge sich gegen den Heiligen Geist.)

[2] Ein recht neuer Blog einer angehenden Postulantin – schaut doch mal vorbei!

Verschwörungstheorien sterben nimmer aus

Verschwörungstheorien gibt es ja immer mal wieder, einige halten sich jahrzehntelang, wie etwa die von der nie stattgefundenen Mondlandung. Daß es auch zu Papst Benedikt anscheinend mindestens eine gibt, habe ich erst letzte Woche anläßlich des Erscheinens Benedikts beim Konsistorium der Kardinäle gelesen, als der Jahrestag des Amtsverzichts herankam: Papst em. Benedikt sei Opfer einer Verschwörung geworden, die zu seinem Amtsverzicht führte. Benedikt sei eigentlich gar nicht vom Amt zurückgetreten und daher immer noch Papst, vielleicht auch ein „Schattenpapst “– eine Vorstellung, die der italienische Blogger Andrea Tornielli als „Lichtjahre vom wahren Ratzinger entfernt“ bezeichnet. Das Gegenteil ist wahr: Benedikt sieht, seinen eigenen Worten zufolge, seine letzte irdische Aufgabe darin, seinen Nachfolger im Gebet zu unterstützen.

Die Idee an sich ist ja nicht wirklich neu: Mal ist der Papst zu irgendwas gezwungen worden, mal hat man irgendwas von ihm „ertrotzt“ (obwohl er doch vorher der und der Seligen versprochen haben soll, genau das niemals zuzulassen und es danach expressis verbis doch getan hat), bald konnte er gar nicht „gültig“ auf das Amt verzichten und sei daher noch Papst, und nun schließlich würde er vielleicht gar in Mater Ecclesiae quasi gefangengehalten.

Liebe Güte! Ich traue den Päpsten der vergangenen Jahrzehnte – unter denen sich, wie ich neulich mit Entzücken festgestellt habe, eigentlich nur[1] heiligmäßige Männer befanden – einiges zu, nicht aber, daß sie sich gegen Zwang oder Versuche, sie in Marionetten zu verwandeln, nicht hätten wehren können oder klar zum Ausdruck bringen, was ihre Überzeugung ist. Klarer und zugleich liebenswürdiger als Benedikt in seiner Erklärung anläßlich des Amtsverzichts kann man sich eigentlich nicht ausdrücken.
…die Welt, die sich so schnell verändert, wird heute durch Fragen, die für das Leben des Glaubens von großer Bedeutung sind, hin- und hergeworfen. Um trotzdem das Schifflein Petri zu steuern und das Evangelium zu verkünden, ist sowohl die Kraft des Körpers als auch die Kraft des Geistes notwendig, eine Kraft, die in den vergangenen Monaten in mir derart abgenommen hat, daß ich mein Unvermögen erkennen muß, den mir anvertrauten Dienst weiter gut auszuführen. Im Bewußtsein des Ernstes dieses Aktes erkläre ich daher mit voller Freiheit, auf das Amt des Bischofs von Rom, des Nachfolgers Petri, das mir durch die Hand der Kardinäle am 19. April 2005 anvertraut wurde, zu verzichten…
In seiner letzten Audienz am Aschermittwoch des vergangenen Kirchenjahres fügte er in einer bewegenden Ansprache hinzu:
„Das „Immer“ ist auch „für immer“: Es gibt keine Rückkehr ins Private. Meine Entscheidung, auf die aktive Ausübung des Dienstes zu verzichten, widerruft das nicht. Ich kehre nicht ins Privatleben zurück, in ein Leben der Reisen, Begegnungen, Empfänge, Konferenzen und so weiter. Ich verlasse nicht das Kreuz, ich bleibe auf eine neue Weise beim gekreuzigten Herrn. Ich habe nicht mehr die Amtsgewalt für die Regierung der Kirche, aber ich bleibe im Dienst des Gebets sozusagen im Bereich des heiligen Petrus. Der heilige Benedikt, dessen Namen ich als Papst trage, wird mir darin immer ein großes Beispiel sein. Er hat uns den Weg gezeigt zu einem Leben, das – aktiv oder passiv – doch vollständig dem Werk Gottes gehört.“
An diesen Worten Benedikts bei seiner letzten Audienz hatten sich dann offenbar Deutungen entzündet, da zumindest in der englischen Fassung der Ansprache der Satz mit dem „Bereich des hl. Petrus“ schönerweise mit „I remain, so to speak, in the enclosure of Saint Peter“ übertragen wurde. Enclosure, Klausur, paßt ja für das zurückgezogene Leben des Gebets und der Betrachtung, das er sich in Mater Ecclesiae erwählt hat. Es mag auch „auf dem Gebiet des hl. Petrus“ (seines Grabes, der Basilika, die unter seinem Patrozinium steht) bedeuten. Jedoch haben einige darin das Eingeschlossensein in einer Art Gefangenschaft hineingeheimnist. Kein Wunder, daß Benedikt solches Gerede in der Beantwortung einiger Fragen Andrea Torniellis schlichtweg als „einfach absurd“ bezeichnet.

Kaum einer, der Benedikt, Franziskus und die Kardinäle beim Konsistorium gesehen hat, käme wohl auf eine solche Idee. Auch habe ich mit Freude festgestellt, daß Benedikt wieder viel gesünder aussieht als noch vor einem Jahr.

____
[1] nach den Päpsten Johannes XIII. und Johannes Paul II. ist wohl auch bald mit der Seligsprechung des ehrwürdigen Dieners Gottes Paul VI. zu rechnen (jubilate!), die Verfahren für Pius XII. und Johannes Paul I. werden betrieben.
Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...