Samstag, 30. November 2013

Gutes neues Kirchenjahr und gesegneten Advent!

Der Introitus des ersten Adventssonntags faßt den Sinn der ganzen Adventszeit zusammen: Zu dir, o Gott, erhebe ich meine Seele.

Wenn wir das blaue Stundenbuch in Händen halten, der Kantor zur ersten Vesper des ersten Adventssonntags das Deus in adiutorium anstimmt und alle ein Kreuz schlagen, hat gerade ein neues Kirchenjahr begonnen. Und eigentlich mehr noch als am Beginn eines bürgerlichen Jahres teilt sich einem ein Gefühl von Neubeginn und Frische mit. Ein neues Kirchenjahr beginnt, und so Gott will, sehen wir die Feste der Kirche in seinem Verlauf von einer neuen Höhe aus. Einer meiner Lieblingsmomente im ganzen Kirchenjahr ist die Antiphon zum Magnificat: Richtet euch auf und erhebt euer Haupt, denn es nahet eure Erlösung. Wie schön, ein neues Kirchenjahr mit einem so kraftvollen Wort zu beginnen. – Allen Lesern meines Blogs und allen, die heute zufällig hier vorbeikommen, wünsche ich eine gesegnete Adventszeit!

Donnerstag, 28. November 2013

Letzte Bilder eines Kometen?



Letzte Bilder eines Kometen im Anflug auf unsere Sonne? Bei der Liveübertragung der NASA rätselt man gerade noch, ob ISON seine Reise um die Sonne überstanden hat oder nicht. (Im Moment sieht es eher so aus, als ob eine Sonneneruption den prächtigen Schweif abgetrennt hat. Gewiß ist jedoch noch nichts.) Der Punkt der größten Annäherung war um 19:40 Uhr MEZ. Schade eigentlich, nun war er so lange durchs Universum unterwegs zu uns… Wie auch immer, die Bilder sind einfach großartig.

Mittwoch, 27. November 2013

Mittwoch der 34. Woche im Jahreskreis − Belsazar

Die Lesungen der letzten Wochen im Jahreskreis sind alle endzeitlich, kreisen um die letzten Dinge.

Heute Belsazar und sein Gastmahl, eine Lesung, die vielen aus der Dichtung vertraut ist (mir etwa, weil ich mir zwischendurch im Unterricht mit geheimem Gruseln Heines Gedicht reingezogen habe, das in meinem Lesebuch stand). Beide, der Prophet Daniel und Heine, beschreiben das Ereignis, das dazu führt, daß eine geisterhafte Hand an der Wand erscheint und schreibt und schreibt und man weiß, der König ist verloren. Als Kind hab ich mich über des Königs offenen Hohn Gott gegenüber erschrocken, sowas kann nicht ohne Folgen bleiben. Mene mene tekel u-parsin − gezählt (und zu Ende gehend), gewogen (und für zu leicht befunden), zerteilt. Was ist nun aber der entscheidende Unterschied zwischen Heines Dichtung und dem Buch Daniel?
Er trug viel gülden Gerät auf dem Haupt;
Das war aus dem Tempel Jehovahs geraubt.

Und der König ergriff mit frevler Hand
Einen heiligen Becher, gefüllt bis am Rand.

Und er leert ihn hastig bis auf den Grund
Und rufet laut mit schäumendem Mund:

„Jehovah! dir künd ich auf ewig Hohn –
Ich bin der König von Babylon!“ (Heinrich Heine)

Du hast dich gegen den Herrn des Himmels erhoben und dir die Gefäße aus seinem Tempel herbeischaffen lassen. Du und deine Großen, deine Frauen und Nebenfrauen, ihr habt daraus Wein getrunken. Du hast die Götter aus Gold und Silber, aus Bronze, Eisen, Holz und Stein gepriesen, die weder sehen noch hören können und keinen Verstand haben. Aber den Gott, der deinen Lebensatem in seiner Hand hat und dem all deine Wege gehören, den hast du nicht verherrlicht. (Dan 5,23)
Zuerst möchte man meinen, die Handlung, die Belsazars Verderben wird, ist die Sache mit dem liturgischen Gerät − eine vom König sakrilegisch gemeinte Handlung, ohne Zweifel. Die eigentliche Lästerung aber ist tatsächlich: den Gott, der deinen Lebensatem in seiner Hand hat und dem all deine Wege gehören, den hast du nicht verherrlicht.

Nungazing am Mittwoch


Stuhlkreis ahoi!

Eigentlich ist es ja ein Stuhlhalbkreis, aber wir haben ihn – jetzt auch in der Kathedrale. Gestern beim Einzug ist mir leider kurzfristig der Gesichtsausdruck leicht entgleist. Also, bei der Anordnung bin ich froh, daß die Ministranten nicht von den Sedilien aus ministrieren. Welche Sedilien überhaupt?

Im Ernst, den Sinn dieser Aktion hat wohl keiner verstanden: hier standen einmal eine Reihe durchaus bequemer und würdiger Sedilien und eine Kirchbank, auf der fünf oder sechs Leute knien konnten. In der Liturgie kommen dort die Konzelebranten zu sitzen, beim Stundengebet die Domkapitulare (bei meiner Weihe hab ich mit den Paranymphen dort gesessen). Nun haben wir dort den Stuhlkreis, nur hat das halbkreisige Sitzen leider gerade an dieser Stelle überhaupt keinen Sinn, da sich Hochaltar mit Tabernakel und Ambo genau gegenüber befinden. Warum sich alle Stühle also zu den Kniebänken in ihrer Mitte hindrehen, bleibt völlig schleierhaft. Wer etwa links außen zu sitzen kommt, dreht sich beim Evangelium anstatt zum Wort Gottes seitlich zum Priestersitz und schaut den oder die anderen an. Auch steht er womöglich künftig bei der Konsekration, falls er sich nicht für den nackten Steinboden entscheidet. Anstatt die Einrichtung dem Sinn und Ziel der Liturgie folgt, folgt sie nunmehr einer Rundung der Innenwand, die sich an dieser Stelle befindet. (Es wurde übrigens bereits der erste gesichtet, der im liturgischen Gewand die Beine übereinander schlägt.) Vielleicht wollte jemand vor anstehenden architektonischen Veränderungen „etwas in Bewegung bringen“. Das jetzt sieht allerdings aus wie gewollt, aber nicht gekonnt.

Bei der sakramentalen Anbetung und der Ölbergstunde sind jetzt jedenfalls die sinnvollsten Plätze dahin. Vielleicht sollte man sich ein Kniebänkchen (und eine Decke?) mitbringen.

Dienstag, 26. November 2013

Blogparade: Lieblingslied im Gotteslob

Mit der Antwort auf die Frage nach meinem Lieblingslied im alten Gotteslob hab ich mich nicht leichtgetan. Ich glaub, ich hab nicht ein Lieblingslied, ich hab viele, sicherlich in jeder der geprägten Zeiten des Kirchenjahres und auch in jeder der groben Einteilungen der Lieder wohl eines oder zwei, das heißt, bei den Christusliedern gibt es welche, die mir besonders lieb sind, etwa Herr Jesu Christ, dich zu uns wend und unter den Marienliedern O Maria sei gegrüßt, unter den Heiligenliedern wahrscheinlich Unüberwindlich starker Held, und auch Eine große Stadt ersteht gehört sicherlich zu meinen Lieblingsliedern, wegen der Schönheit des Bildes des himmlischen Jerusalems, das vom Himmel niedergeht in die Erdenzeit.

Dann habe ich natürlich eine besondere Beziehung zu Wie schön leuchtet der Morgensternmein König und mein Bräutigam, du hältst mein Herz gefangen. Unter den Adventsliedern ist mir Jochen Kleppers Die Nacht ist vorgedrungen besonders lieb. Fast wärs also das geworden. Ich glaub, auf die Frage nach meinem Lieblingshymnus aus dem Stundenbuch wäre mir die Antwort gar nicht schwergefallen, so liebe ich im GL auch die Lieder besonders, die eigentlich Hymnen aus dem Antiphonale Romanum sind (womöglich zählen sie aber gerade deshalb nicht recht als Lied aus dem Gesangbuch? Ihr seht, man kann es auch kompliziert machen). Andererseits soll die Antwort auf die Frage nach meinem Lieblingslied im Gotteslob ja nicht als Inschrift auf meinem Grabstein eingemeißelt werden.

Dann ist mir doch noch eines eingefallen, das ich von klein auf gesungen habe, sozusagen ein Lieblingslied aller Zeiten und Gesangbücher, seien sie nun evangelisch oder katholisch: Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren. Dieses Lied liebe ich wegen seines inhaltlichen Bezuges zu Ps. 103 und weil beides, Psalm und Lied eigentlich immer „wahr“ und zu jeder Zeit passend sind. Wie schon einmal bemerkt, wüßte ich gar nicht, was ich beten soll, fiele mir immer noch Ps. 103 ein: Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiß nicht, was er dir Gutes getan hat.

Auch liebe ich die Bilder des Psalms wie des Liedes. Der Psalmist dichtet der deinen Mund fröhlich macht, und du wieder jung wirst wie ein Adler. Im Lied heißt es: der dich auf Adelers Fittichen sicher geführet. – In wieviel Not hat nicht der gnädige Gott über dir Flügel gebreitet? Dies wiederum erinnert an die Henne, die ihre Flügel über den Küken ausbreitet. Beides, Adler und Henne, sind Christussymbole, der Adler ist zugleich auch Sinnbild der glaubenden Seele, die kraftvoll aufsteigt zur Suche und Anschauung Gottes.

Im neuen GL kommt zu den uns vertrauten Strophen eine weitere hinzu:
Lobe den Herren,
der sichtbar dein Leben gesegnet,
der aus dem Himmel
mit Strömen der Liebe geregnet.
Denke daran,
was der Allmächtige kann,
der dir mit Liebe begegnet.

Montag, 25. November 2013

Ein Komet zieht auf (Warten auf ISON)

Der Komet am 15. November – zu diesem Zeitpunkt
hatte er allein innerhalb von fünf Tagen erneut sein
Aussehen deutlich verändert
In den nächsten Tagen, genauer gesagt am frühen Abend des 28. November, geht es für den Kometen C/2012 S1, kurz ISON genannt, buchstäblich um Sein oder Nichtsein: entweder stürzt er in die Sonne oder er schafft es daran vorbei und wird, wenn er sich so weiterentwickelt wie bisher, zu einem bemerkenswerten Anblick am Nachthimmel.

C/2012 S1 wird am Punkt seiner größten Annäherung in einer Entfernung von 1,8 Millionen Kilometern an der Sonne vorüberfliegen. So oder so, ob er hineinstürzt oder sein Anblick uns zunächst erhalten bleibt, wird er voraussichtlich kurzfristig ziemlich hell. Auf der Seite von Damian Peach, der das Foto gemacht hat, kann man sich den Heranflug ISONs astronomisch ansehen.

Der Komet war bisher immer wieder für eine Überraschung gut: zunächst galt er als vielleicht spektakulärster Anblick seit Menschengedenken; dann wurde die zu erwartende Helligkeit doch erheblich geringer geschätzt. Im April wiederum hatte der Komet schon eine Hülle von etwa 5.000 Kilometern und einen Schweif von 90.000 Kilometern – das ist äußerst respektabel für einen Kometen. Also, wer in diesen Tagen zum Himmel hochschaut, drücke doch mal die Daumen, daß wir zu Weihnachten ein sehr schönes astronomisches Ereignis am Himmel beobachten können: den zur Krippe passenden Kometen.

Sonntag, 24. November 2013

Du bist Petrus…

Ist das ein berührendes Bild:
der Nachfolger Petri mit den Reliquien des Felsens

Samstag, 23. November 2013

Denk an mich, wenn du in dein Reich kommst – Christkönig

Das Evangelium des Christkönigsfests stellt uns in diesem Jahr die Begegnung mit dem Schächer am Kreuz vor Augen. Was dem Volk zur Verhöhnung dient – das Wort König im Titulus des Kreuzes – wird dem Schächer letztlich zur Hoffnung auf die Erlösung: Denk an mich, wenn du in dein Reich kommst.

Wenn man sich das einmal vorstellt: drei Verbrecher, außerhalb der Stadt gekreuzigt, über dem einen hängt zum Spott eine Tafel, die besagt, er sei der König der Juden, einer der Gekreuzigten schlägt in dieselbe Kerbe und der dritte nutzt die letzte Chance, buchstäblich den letzten Atem, der ihm noch bleibt, und setzt seine Hoffnung auf das Königreich, das jener verheißen hat – und dieser gewährt es ihm, unmittelbar und sofort. Mich läßt diese Handlungsweise Jesu an das Lied vom Gottesknecht denken: Das geknickte Rohr zerbricht er nicht und den glimmenden Docht löscht er nicht aus. Nur dieser König kann ewiges Leben schenken.

Fünfmal nennt die Litanei, die zu Christus vincit gesungen wird, Christus einen König – König des Weltalls, König der Völker, König des Friedens, König der Zeiten, König der Herrlichkeit – und sie fährt in wundervollen Lobpreisungen fort: Abglanz des Vaters, Sohn der Jungfrau, Licht der Menschen, Heiland der Kranken, Retter der Sünder, Erlöser und Heiland. Und mit Recht nennen wir ihn so. Der Apostel Paulus führt in seinem wundervollen Lobgesang aus, warum wir Christus mit Recht als diesen König ansehen und kommt mittelbar ebenfalls beim Schächer am Kreuz heraus:
Christus geleitet den reuigen Schächer ins Paradies
Denn Gott wollte mit seiner ganzen Fülle in ihm wohnen, um durch ihn alles zu versöhnen. Alles im Himmel und auf Erden wollte er zu Christus führen, der Frieden gestiftet hat am Kreuz durch sein Blut.
Alles im Himmel und auf Erden, das heißt jeden, der dies wahrhaft will und zuläßt. Auf manchen Ikonen sieht man Dismas bereits mit dem Heiligenschein und zu Füßen der Kreuzigungsgruppe die geöffneten Gräber derer, die, flehentlich die Arme zum Kreuz erhoben, dieselbe Bitte an Christus richten. Denk an mich, wenn du in dein Reich kommst – leicht abgewandelt ist das ein Wort, das ich mir gut als letztes vorstellen kann: erbarme dich meiner, damit ich in dein Reich komme.

Freitag, 22. November 2013

Gedenken

Als wir seinerzeit mit der Kantorei Brittens War Requiem einstudierten, hatte der Chor erst nicht viel Freude. Als aber dann bei den Haupt- und Orchesterproben die Instrumente und Solisten dazukamen und sich das akustische „Gesamtbild“ entfaltete, war es für uns Sänger doch wunderschön und anrührend. Heute ist nicht nur der hundertste Geburtstag Benjamin Brittens, sondern auch das Gedächtnis des Bombenangriffs auf Berlin im Jahre 1943, zu dem vorhin viele Glocken der Stadt eine Viertelstunde geläutet haben. Am Abend wurde ein Gedenkgottesdienst mit dem Bischof von Coventry in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche gefeiert, die bei dem Bombenangriff seinerzeit zerstört wurde. Im Turm der alten Kirche befindet sich das Nagelkreuz von Coventry, dessen Kathedrale drei Jahre zuvor auch bei Bombenangriffen im zweiten Weltkrieg zerstört wurde. Am Morgen nach der Bombardierung der Kathedrale fand ein Kirchendiener zwei verkohlte Balken, die in Form eines Kreuzes zu Boden gefallen waren. Der Dompropst von Coventry ließ dieses Kreuz auf dem Altar errichten und die Inschrift Vater, vergib hinter ihm anbringen.

Mittwoch, 20. November 2013

Die tönernen Heiligen – zum Geburtstag Selma Lagerlöfs

Selma Lagerlöf hat einen wahren Schatz an Geschichten und Romanen hinterlassen, gerade für Christen und christliche Eltern, die ihre Kinder im Glauben erziehen wollen. Viele ihrer Geschichten liebe ich sehr, etwa die über das Schweißtuch der Veronika und den Kaiser Tiberius oder über die Palme, die von der Königin von Saba gepflanzt wurde und die erst sterben kann, nachdem sie einen König gesehen hat, der größer ist als Salomo. Seinerzeit war Selma Lagerlöf die erste Frau, die einen Nobelpreis gewann. Heute vor 155 Jahren wurde sie geboren.

Die wenigen Abschnitte aus Gösta Berling über die tönernen Heiligen bringen dem Leser nahe, warum es grausam und letztlich eine Sünde ist, den Menschen die Heiligen- und Engelsbildnisse, die der Verherrlichung Gottes und der Freude der Menschen dienen, wegzunehmen.
Die Kirche zu Svartsjö ist von innen und von außen weiß; die Wände sind weiß, die Kanzel, die Bänke, das Pulpitum, die Decke, die Fensterbretter, die Altardecke – alles ist weiß. In der Svartsjöer Kirche sind keine Verzierungen, keine Bilder, keine Wappenschilder. Über dem Altar steht nur ein hölzernes Kreuz mit einem weißen, leinenen Tuch. Früher war das anders. Da war die Decke voller Malereien, da war eine Mannigfaltigkeit von bunten Figuren aus Stein und Ton in diesem Gotteshause.

Einstmals vor vielen Jahren, an einem Sommertage, hatte ein Künstler in Svartsjö dagestanden und den Zug der Wolken nach der Sonne hin beobachtet. Er hatte die weißen, schimmernden Wolken, die am Morgen unten am Horizont stehen, sich höher und höher auftürmen sehen, er hatte alle die schwebenden Kolosse größer und größer werden und zu dem Hohen emporstürmen sehen. Sie spannten die Segel aus wie Schiffe. Sie erhoben ihre Standarten wie Krieger. Sie zogen aus, um den ganzen Himmel zu erobern. Der Sonne, diesem Herrscher des Weltenraums gegenüber, verstellten sie sich, diese wachsenden Wunder, und nahmen eine ganz unschuldige Gestalt an.

Da war zum Beispiel ein reißender Löwe, der sich in eine gepuderte Dame verwandelte. Da war ein Riese mit Armen, die alles zermalmen konnten; der legte sich hin wie eine träumende Sphinx: einige schmückten ihre weiße Nacktheit mit goldverbrämten Mänteln, andere streuten rote Schminke auf die weißen Wangen. Da waren Ebenen, da waren Wälder. Da waren festgemauerte Burgen mit hohen Türmen. Die weißen Wolken errangen die Herrschaft über den Wolkenhimmel. Sie füllten die ganze blaue Wölbung. Sie erreichten die Sonne und verbargen sie.

Ach, wie schön, dachte der fromme Künstler, wenn die sehnsuchtsvollen Armen auf diese turmhohen Berge hinaufsteigen könnten und von ihnen wie auf einem schaukelnden Schiff höher und höher hinaufgetragen würden.

Und plötzlich ward es ihm klar, daß die weißen Wolken des Sommertages die Fahrzeuge waren, auf denen die Seelen der Seligen dahinzogen.

Er sah sie dort oben, dort standen sie auf den schwebenden Massen mit Lilien in der Hand und goldenen Kronen auf dem Haupte. Die Luft erschallte von ihrem Gesang. Engel flogen auf starken, breiten Flügeln herab, um ihnen zu begegnen. Oh, welch eine Menge von Seligen! Je mehr sich die Wolken ausbreiteten, desto mehr wurden sichtbar. Sie ruhten auf den Wolkenbetten wie weiße Wasserrosen auf einem stillen See. Sie schmückten sie, wie die Lilien das Feld schmückten. Welch eine jubelnde Fahrt in die Höhe hinauf! Eine Wolke nach der andern rollte heran, und alle waren sie angefüllt mit himmlischen Heerscharen in Rüstungen von Silber, mit unsterblichen Sängern in purpurverbrämten Mänteln.

Dieser Künstler hatte später die Decke in der Svartsjöer Kirche gemalt. Dort hatte er die schwebenden Wolken des Sommertages wiedergeben wollen, die die Seligen in die Herrlichkeit des Himmels einführten. Die Hand, die den Pinsel führte, war kräftig gewesen, aber ein wenig steif, so daß die Wolken mehr den krausen Locken in einer Allongeperücke glichen als wachsenden Bergen aus weichem Nebel. Und so wie sich die Heiligen vor der Phantasie des Malers gebildet hatten, war er nicht imstande gewesen, sie wiederzugeben; er hatte sie auf Menschenweise in lange rote Mäntel und steife Bischofsmützen gekleidet oder in große Kaftane mit steifen Priesterkragen. Er hatte ihnen große Köpfe und kleine Glieder gegeben und hatte sie mit Taschentüchern und Gebetbüchern versehen. Lateinische Sentenzen hingen ihnen aus dem Munde, und für die, die er für die hervorragendsten hielt, hatte er solide, hölzerne Stühle auf den Wolkenkämmen angebracht, so daß sie in einer bequemen sitzenden Stellung in die Ewigkeit eingeführt werden konnten.

Aber Gott und alle Welt wußten ja, daß sich Geister und Engel dem armen Künstler niemals gezeigt hatten, und deswegen wunderte man sich auch nicht weiter, daß er sie nicht so überirdisch schön hatte machen können. Manch einer hatte aber doch wohl die Malerei des guten Meisters überaus schön gefunden, und sie hatte manch eine heilige Stimmung erweckt. Sie hätte wohl verdient, auch von unsern Augen geschaut zu werden.

Aber im Kavalierjahr ließ Graf Dohna die ganze Kirche weiß malen. Da wurde die Deckenmalerei verdorben. Ebenso wurden alle die tönernen Heiligen vernichtet.

Ach, diese tönernen Heiligen!

Es wäre besser für mich gewesen, wenn mir menschliche Not so viel Kummer hätte bereiten können, wie ich ihn über ihren Untergang empfunden – wenn mich menschliche Grausamkeit gegen Menschen mit einer solchen Bitterkeit hätte erfüllen können, wie ich sie um ihretwillen geschmeckt habe.

Aber denkt nur, da war ein St. Olaf mit einer Krone auf dem Helm, einer Axt in der Hand und einem überwundenen Riesen unter den Füßen; da war auf der Kanzel eine Judith in rotem Mieder und blauem Rock, ein Schwert in der einen, ein Stundenglas in der andern Hand – als Ersatz für das Haupt des assyrischen Feldherrn; da war eine geheimnisvolle Königin von Saba mit blauer Taille und rotem Rock, mit einem Gänsefuß an dem einen Bein, die Hände voll von sibyllinischen Büchern; da war ein grauer St. Jürgen, der ganz allein auf einer Bank im Chor lag, denn sowohl das Pferd als auch der Drache waren zerschlagen; da war St. Kristoffer mit seinem grünenden Stab und St. Erich mit Zepter und Axt in einem fußfreien, goldverbrämten Mantel.

Gar manchen Sonntag habe ich dort in der Svartsjöer Kirche gesessen und mich darüber gegrämt, daß die Bilder fort waren und mich nach ihnen gesehnt. Ich würde es nicht so genau genommen haben, wenn ihnen die Nase oder die Füße gefehlt hätten, wenn die Vergoldung abgegangen wäre. Ich hätte sie vom Glanz der Legenden umstrahlt gesehen.

Es soll stets so mit diesen Heiligen gewesen sein, daß sie ihre Zepter oder ihre Ohren oder ihre Nase verloren und wieder instand gesetzt und aufgeputzt werden mußten. Aber die Bauern hätten den Heiligen kein Leid zugefügt, wenn Graf Henrik Dohna nicht gewesen wäre. Er ließ sie fortnehmen.

Ich habe ihn deswegen gehaßt, wie nur ein Kind hassen kann, wie ein armer Fischer einen unwissenden Knaben haßt, der sein Netz zerstört und ihm ein Loch in sein Boot geschlagen hat. Ich habe ihn gehaßt, wie der hungrige Bettler die geizige Hausfrau haßt, die ihm das Brot verweigert. Wie habe ich nicht gehungert und gedürstet während der langen Gottesdienste! Er hatte das Brot fortgenommen, von dem mein Geist leben sollte. Wie sehnte ich mich nicht in die Unendlichkeit hinaus, hinauf zum Himmel! Und er hatte mein Fahrzeug zerstört, hatte mein Netz zerrissen, mit dem ich die heiligen Visionen hatte fangen wollen.

In der Welt der Erwachsenen ist kein Raum für einen richtigen Haß. Wie könnte ich jetzt wohl ein so elendes Wesen wie diesen Grafen Dohna hassen, oder einen so wahnsinnigen Menschen wie Sintram oder eine so verlebte Weltdame wie die Gräfin Märta! Aber als ich ein Kind war – ja, da war es ein Glück für sie, daß sie schon so lange tot waren.

Der Pfarrer stand vielleicht gerade auf der Kanzel und sprach von Frieden und Versöhnlichkeit, aber seine Worte waren auf unserm Platz unten in der Kirche niemals zu hören. Ach, hätte ich nur die alten tönernen Heiligen gehabt, die hätten mir wohl predigen sollen, so daß ich es hören und verstehen konnte.

Als Graf Dohna seine Ehe hatte für ungültig erklären lassen, statt seine Frau aufzusuchen und sie bestätigen zu lassen, erregte dies einen gerechten Zorn bei allen; denn man wußte, daß Gräfin Elisabeth sein Haus nur verlassen hatte, um nicht zu Tode gemartert zu werden. Es schien nun, als wenn er Gottes Gnade und die Achtung der Menschen durch eine gute Tat wiedergewinnen wolle, und deshalb ließ er die Kirche zu Svartsjö renovieren. Er ließ die ganze Kirche weiß malen und das Deckengemälde herunterreißen. Er selber und seine Knechte trugen die Bildwerke in ein Boot und versenkten sie in die Tiefe des Löfsees.

Wie konnte er es doch nur wagen, Hand an diese Gewaltigen des Herrn zu legen?

Daß diese Untat geschehen durfte! – Führte denn die Hand, die Holofernes' Haupt abgeschlagen hatte, kein Schwert mehr? Hatte die Königin von Saba all ihre heilige Weisheit vergessen, die gefährlicher verwundet als ein giftiger Pfeil? St. Olaf, du alter Wiking, St. Jürgen, du alter Drachentöter, lebt denn das Gerücht von euren Heldentaten nicht mehr, ist der Glorienschein der Wunder verblaßt? Aber es verhielt sich wohl so, daß die Heiligen keine Gewalt gegen diese Gewalttätigen gebrauchen wollten. Da die Svartsjöer Bauern doch keine Farbe mehr für ihre Kleider und keine Vergoldung mehr für ihre Kronen spendieren wollten, fanden sie sich darein, daß Graf Dohna sie hinaustrug und sie in die bodenlose Tiefe des Löfsees versenkte. Sie wollten dort nicht länger stehen und Gottes Haus verunglimpfen. Die Ärmsten, die dachten wohl an die Zeit, da sie mit Gebeten und Kniefällen beehrt wurden!

Ich saß da und dachte an dies Boot mit seiner Last aus Heiligen, das an einem stillen Sommerabend im August über die blanke Fläche des Löfsees dahinglitt. Der Ruderknecht zog die Ruder langsam durch das Wasser und warf den seltsamen Passagieren, die da hinten im Boot lagen, scheue Blicke zu; Graf Dohna aber, der auch mit dabei war, fürchtete sich nicht. Er nahm sie nacheinander mit höchst eigenen Händen und warf sie ins Wasser. Seine Stirn war klar und er atmete tief auf. Er fühlte sich wie ein Vorkämpfer der reinen, evangelischen Lehre. Und es geschah kein Wunder den alten Heiligen zu Ehren. Still und mutlos sanken sie in die Vernichtung hinab.

Aber am nächsten Sonntagmorgen stand die Svartsjöer Kirche schimmernd weiß da. Keine Bilderwerke störten mehr die Ruhe der inneren Betrachtung. Nur mit dem seelischen Auge sollen die Frommen die Herrlichkeit des Himmels und die heiligen Visionen schauen. Die Gebete der Menschen sollen auf ihren eigenen Schwingen zum Höchsten hinaufgelangen. Sie sollen sich nicht mehr an dem Kleidersaum der Heiligen festklammern.

Grün ist die Erde, die herrliche Wohnung der Menschen, blau ist der Himmel, das Ziel ihrer Sehnsucht. Die Welt strahlt von Farben. Weswegen ist die Kirche weiß? Weiß wie der Winter, nackt wie die Armut, bleich wie die Angst. Sie schimmert nicht von Reif wie der Wald im Winter. Sie strahlt nicht in Perlen und Spitzen wie eine Braut. In kalter, weißer Leimfarbe steht die Kirche da, ohne Bildsäule, ohne Gemälde.

Dienstag, 19. November 2013

Gewoben im Schoß ihrer Mutter

Auf dem Friedhof von Trespiano
Ein langer Kommentar auf meinen Beitrag Herzen und Fragen des Herzens hat mich auch zu einer längeren Antwort angeregt, auch wollte ich nicht alles in die direkte Antwort auf den Kommentar packen. Der Kommentator kritisiert dort – unter anderem – die Blogger wegen mangelnder Sachlichkeit und Konstruktivität in der Auseinandersetzung mit wesentlichen Fragen (konkret ging es hier um den Marsch für das Leben). Hierzu: Ich habe jetzt nicht die Blogozoesen-Artikel und Diskussionen der ganzen letzten Jahre im Kopf, gebe aber zu bedenken, daß es nicht unbedingt am jeweiligen Blogger gelegen haben muß, wenn sich daraus keine wirklich weiterführenden Diskussionen entwickelt haben sollten. Manchmal ist man als Blogger auch überrascht über Kommentare, die da so kommen, aus dem Nichts, versteht sich. Es ist etwas an dem Thema Abtreibung, das manche wirklich blindwütig und ohne Sinn und Verstand anzustacheln scheint. So durfte ich mich als Reaktion auf den Betrag …ihr aber habt nicht gewollt – Mutter Teresa und das Schweigen der Nationen als „Rassistin“ beschimpfen lassen, die sich für „gehirntote Embryos im Frühstadium“ einsetze. Solcherart Kommentare schalte ich dann nicht frei, denn hier ist jede Diskussion sinnlos, auch führte sie nicht weiter – im Gegenteil, man ließe vielleicht allenfalls noch die Sonne über seinem Zorn untergehen, in der Auseinandersetzung mit einem, der weder Mutter Theresas Zitat noch meinen Beitrag auch nur ansatzweise verstanden zu haben scheint.

Inwieweit ein Marsch von mehreren tausend Personen, die schweigend ein Kreuz hochhalten, „viel Radau“ machen soll, ist mir auch nicht recht klargeworden. Ist es nicht eher so, daß der Radau von der Gegendemo ausgeht, eben und erklärtermaßen mit dem Ziel, die Teilnehmer am Marsch für das Leben zum Aufgeben bewegen zu wollen? Den Polizeischutz braucht der Marsch nur wegen der Gegendemo. Ist es nicht traurig, daß man an einem Schweigezug mit Kreuzen soviel finden kann?

Ich bin mir nicht sicher, ob und wie sehr das tatsächlich nur am Zeichen des Kreuzes liegt, das vielen als empörendes Ärgernis gilt. Es ist etwas an dem Thema ungeborenes Leben, das die Gemüter (und Gewissen) mancher so erregt, daß es am liebsten nicht nur aus den Augen der Öffentlichkeit herausgehalten, sondern sogar überhaupt so selten wie möglich erwähnt werden soll. Ganz eigentümlich berührt hat mich in diesem Zusammenhang gestern die Meldung über die Gräber auf dem Friedhof von Trespiano in Florenz, die vor allem von der politischen Linken und manchen Feministinnen in scharfer Form kritisiert worden sind, weil sie angeblich ein Angriff auf die Selbstbestimmung der Frau und die Abtreibung seien.  Auslöser war die Mitte November mit großer Stimmenmehrheit getroffene Entscheidung der Stadt Florenz, künftig einen Teil des Friedhofes für solche Grabstätten vorzusehen.

Auf dem Cimitero di Trespiano werden seit 1996, mithin seit über zwanzig Jahren, Ungeborene beigesetzt, etwas ungeheuer Wichtiges, das nicht nur die Würde des menschlichen Lebens an sich achtet, indem es das Ungeborene als Menschen überhaupt anerkennt, sondern, indem es den Menschen, deren Ungeborenes vor der Geburt gestorben ist, auf welche Weise auch immer, durch Krankheit, Tod oder auch den Schwangerschaftsabbruch, einen Ort des Gedenkens gibt. Eine wunderbare Entscheidung möchte man meinen: Die Toten begraben ist eines der hauptsächlichen Werke der Barmherzigkeit. Wie barmherzig ist es eigentlich, möchte man fragen, nicht nur den Ungeborenen, sondern auch deren Eltern ein solches Grab verweigern zu wollen? Wie sieht es hier mit der Selbstbestimmung der Frau aus? Sind Mütter, auch solche, deren Kind nicht geboren wurde, keine Frauen? Das Greuel liegt hier nicht darin, wie ein Ungeborenes zu Tode kam, sondern, daß man offenbar auch die Tatsache, daß es einmal gelebt hat, und sei es so kurze Zeit, und daß es gestorben ist, negieren will, als habe das Kind niemals existiert. In den Augen Gottes, der das Ungeborene, wie der Psalmist sagt, im Schoß seiner Mutter gewoben hat, das nicht so: Deine Augen sahen, wie ich entstand, in deinem Buch war schon alles verzeichnet; meine Tage waren schon gebildet, als noch keiner von ihnen da war.

Donnerstag, 14. November 2013

Herzen und Fragen des Herzens

Im Domradio äußerte sich Frau Dr. Irmgard Schwaetzer, ihres Zeichens die neue Präses (was für eine Wortkonstruktion!) der EKD:
Sich nicht mit den Initiatoren des Marschs für das Leben auf eine Stufe zu stellen, bedeutet nicht, daß man nicht hoch engagiert für den Erhalt des Lebens und für den Lebensschutz kämpft, aber auf eine andere Art. Ich halte es da wirklich mit Papst Franziskus, der ja an dem Tag vorher in Rom noch darum gebeten hat, Barmherzigkeit zu zeigen, auch für die Frauen, die in einer schweren Notlage sich für eine Abtreibung entscheiden. Mit dieser Haltung kann ich mich sehr gut identifizieren.
Aua. Vor dem Hintergrund, daß sich der Papst ausdrücklich mit den Teilnehmern des Marsches für das Leben im Gebet verbunden hat, ist das schon eine etwas aparte Aussage:
Gerne verbindet sich Seine Heiligkeit mit den Teilnehmern am Marsch für das Leben im Gebet und bittet Gott, alle Bemühungen zur Förderung des uneingeschränkten Schutzes des menschlichen Lebens in allen seinen Phasen mit seinem Segen zu begleiten.
Auch würde mich interessieren, ob noch ergründet werden konnte, auf welche hochengagierte Weise Frau Dr. Schwaetzer für den Erhalt des Lebens und den Lebensschutz kämpft, denn ihren wilhelminischen Prachtbau wollte sie uns als Vorsitzende des evangelischen Domkirchenkolloquiums für den Abschlußgottesdienst des Marsches für das Leben ja nicht geben. Eine Haltung übrigens, über die sich ganz offen jene gefreut und sie gutgeheißen haben, die für die völlige Freigabe der Abtreibung eintreten. Von der großen Arroganz, so empfinde ich es jedenfalls, sich nicht mit jemandem „auf eine Stufe stellen“ zu wollen, der für den Erhalt des Lebens in seiner verletzlichsten Form eintritt, noch ganz abgesehen.

Papst Franziskus, mit dessen Haltung Frau Dr. Schwaetzer sich „gut identifizieren“ kann, hat an die Teilnehmer des Marsches für das Leben ausdrücklich ein Segenswort gerichtet, während die evangelische Domgemeinde des Doms zu Berlin nur verschlossene Türen für sie hatte. Mich hat das ein wenig an die Herbergssuche zu Bethlehem erinnert, nicht weil ich die Teilnehmer des Marsches mit den Herbergssuchenden vergleichen wollte, sondern die Ungeborenen. Womöglich hätten sie Christus selbst auch abgewiesen, da beim Domkirchenkolloquium.

Am Marsch des Lebens in Rom hat sich Papst Franziskus übrigens selbst beteiligt und über 40.000 gingen mit ihm. Vielleicht war das der sich gut mit seiner Haltung identifizieren könnenden Frau Dr. Schwaetzer nicht bekannt?

Sich für den Erhalt des Lebens einzusetzen und Frauen, die abgetrieben haben, Barmherzigkeit zu zeigen, schließt sich übrigens nicht gegenseitig aus, weshalb Papst Franziskus beides tun kann: sich im Gebet mit denen zu verbinden, die für den Schutz des Lebens eintreten und um Barmherzigkeit für jene bitten, die gefehlt haben. Im entsprechenden Kontext kann ein Seelsorger auch darüber predigen, die Sünde zu meiden. Es wundert mich immer wieder, daß man das ausdrücklich feststellen muß. Was an Christi Gebot hinderte uns etwa daran, alles das zu tun? Wenn man aber sieht, daß jemand am Rande eines Abgrunds dahingeht, sollte man ihn dann nicht wenigstens auf die Gefahr hinweisen und ihm beistehen?

Das Herz eines Ungeborenen beginnt etwa am 22. Tag zu arbeiten und wird dann von seinem eigenen Blut durchströmt. Oft weiß die Frau nicht einmal, daß sie schwanger ist, und doch schlägt das Herz ihres Kindes bereits. Wenn nun dieses Kind ein Herz hat, sollten da die Menschen um es herum nicht auch eines haben?

Klingeling, klingeling!

Also manchmal denke ich wirklich, die allgemeinen Umgangsformen kommen immer mehr auf den Hund. Gestern, deutlich nach 22 Uhr: Klingeling, klingeling – der Bakelit-Dinosaurier meldet sich. Ich mag den Klang des W48, Prinzessin Souraya (Punkti) dagegen pflegte, wenn es klingte, unters Sofa zu flüchten und sich dort ganz flach zu einem Pfannkuchen zusammenzupressen. Valentin ist dagegen nur einfach pikiert.

Nach dem Abheben stellt sich heraus, derjenige will jemand anderen anrufen, jedenfalls nicht mich, ich kenne den Menschen nicht. Ich, durchaus freundlich, weise den älteren Herrn darauf hin, daß er wohl die falsche Nummer gewählt hat. Als Antwort wird mir ein launiges „Das kann durchaus sein!“, gefolgt vom Geräusch des Auflegens. Herr des Himmels und der Erden, wäre eine kurze, höfliche Entschuldigung für das Versehen zuviel verlangt gewesen? Aber nein! Eine halbe Stunde später ruft er übrigens noch einmal an und wir führen eine Unterhaltung mit ganz ähnlichem Ausgang. (Es ist dem Anrufer übrigens egal, wenn man den Hörer nicht gleich abnimmt, er läßt einfach zwanzig, dreißig Mal klingeln. Die über mir hatten bestimmt auch ihre Freude). Der Vorteil eines W48 ist, neben dem hübschen Klingeln, daß man den Hörer ordentlich mit Schmackes und einem satten Klonk in die Gabel zurückwerfen kann. – Lieber Herr Udo Thiele (oder wie auch immer), ich hoffe, Sie klingelt auch mal jemand zu nachtschlafener Zeit unter der warmen Decke hervor und legt dann grußlos auf. Und mögen Sie in interessanten Zeiten telefonieren!

Frühere Bekannte von mir hatten in der Provinz eine Nummer, die so ähnlich war wie die vom Kino. Immer wieder einmal riefen Leute an und wollten Karten vorbestellen. Am Anfang versuchten sie noch, den Anrufern das Versehen zu erklären, aber diese wollten oft nicht hören. „Ja, aber…“ Also ging es einfach: „Zwei Karten für Der weiße Hai? Ja, hab ich zurückgelegt.“ Ätsch! Vielleicht hätte ich einfach unbekannterweise ein wenig mit Herrn Thiele plaudern sollen, es ist ihm ja offenkundig egal, wen er nächtens anruft.

Mittwoch, 13. November 2013

Nungazing am Mittwoch




Mittlerweile gibt es übrigens auch Klarissen von der Immakulata. Worin sich diese vom klausuriert lebenden Zweig der Franziskanerinnen der Immakulata unterscheiden, hab ich noch nicht herausgefunden. Jedenfalls kann man sagen, daß dies der vierte Reis am noch so jungen Baum dieser der unbefleckten Jungfrau geweihten Ordensgemeinschaft ist. Wenn das keine „Erfolgsgeschichte“ ist, dann weiß ich auch nicht.

Montag, 11. November 2013

Scenes of a catholic life

Der hl. Martin teilt seinen Mantel mit Christus
Es entbehrt nicht einer gewissen Komik, wenn man am Martinstag einer Kirche zustreben will, in dem sicheren Gefühl, dort sei heute Patrozinium (weshalb dann alles besonders festlich würde) und mit einem Mal feststellt: ach Mensch, dort ist mitnichten Patrozinium, der Pfarrer heißt Martin! Das ist natürlich ein Unterschied.

 Auf einem Blog, ich weiß nicht mehr wo, hab ich vor einigen Tagen gelesen, es wäre neuerdings so schwierig mit den Pferden, weil doch Heilige immer auf einem weißen daherkommen und man daher den Weißen oder Grauen reihum verborgen müsse, weshalb es mit den Terminen nicht immer paßgenau hinkommt. Dazu: ich hab mittlerweile so viele Darstellungen gesehen, auf denen der hl. Martin ein braunes oder ein schwarzes Pferd reitet, daß man sich davon sicher getrost inspirieren lassen kann (und die anderen Pferde wollen sicher auch mal). Wirklich ikonographisch „verkehrt“ schien mir eigentlich nur eine Darstellung Christi beim Einzug in Jerusalem am Palmsonntag auf einem schwarzen Esel, da hab ich mich regelrecht erschrocken. Aber warum eigentlich? Wichtig ist doch nur eines: was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.

Samstag, 9. November 2013

Die Schönheit des Todes (und der Auferstehung)

Die Ästhetik, die in den reich verzierten Reliquien vor allem sogenannter Katakombenheiliger liegt, fängt ein Anfang November erschienenes Buch von Paul Koudounaris ein: Heavenly bodies: Cult treasures & spectacular saints from the Catacombs.

Die Katakombenheiligen sind, wie der Name vermuten läßt, nach dem Ort benannt, an dem man sie gefunden hat; es sind Gebeine aus einer 1578 entdeckten römischen Katakombe. Ob diese Gebeine zugleich auch immer tatsächlich Reliquien Heiliger gewesen sind, läßt sich heute nicht mehr feststellen. Es mögen Reliquien frühchristlicher Märtyrer darunter sein oder auch nicht. Sicher ist, sie kamen zu uns, um in den hiesigen Ländern den durch den reformatorischen Bildersturm erlittenen Verlusten an Heiligenbildnissen, Devotionalien und Reliquien etwas für Herzen und Augen entgegenzusetzen.

Etwas skurril mutet die Geschichte der Rottenbucher an, deren Stadtverordnete nach der Säkularisierung 1803 die Reliquien „ihrer“ Katakombenheiligen 1803 verkauften, während viele Bürger um die verlorenen Reliquien weinten. 1977 brachten sie durch das Sammeln von Spenden die Gelder auf, um sie wieder zurückzuholen. So kamen die Reliquien nach mehr als 174 Jahren wieder zurück. Paul Koudounaris ist der Spur möglichst vieler solcher Reliquare nachgegangen, die erhalten geblieben sind. Viele von ihnen sieht man womöglich das erste Mal seit langer Zeit. Als ich als Kind sowas zum ersten Mal gesehen habe, fand ich es angenehm gruselig – man muß, glaube ich, einen Zugang zu solchen Reliquien finden. Reich geschmückt erwarten sie die Auferstehung des Leibes und geben Zeugnis von ab der Herrlichkeit, die sie – und uns – im Haus des Vaters erwartet, indem sie die alte Frage Ezechiels an uns richten: Menschensohn, können diese Gebeine wieder lebendig werden? Wir glauben es.




Freitag, 8. November 2013

Zum Lieben, zum Leuchten, zum Leben – Fest der sel. Elisabeth von der Dreifaltigkeit


„Welches ist für Sie das Ideal der Heiligkeit?“ –
  „Aus Liebe leben.“
„Welches Mittel halten Sie für am geeignetsten, schnell dorthin zu gelangen?“ –
„Sich ganz klein machen, sich ohne Vorbehalt auszuliefern an ihn.“
(Elisabeth von der Dreifaltigkeit bei der Befragung zu ihrem Eintritt in den Karmel)

An Fotos von der sel. Elisabeth von der Dreifaltigkeit fallen mir immer sofort ihre großen braunen Augen auf, dem Schwung der Brauen sieht man, finde ich, das eigentlich ursprünglich heftige Temperament an, der Blick aber ist warm und freundlich und scheint schon ein wenig dorthin gerichtet, wohin sie so früh und mit großer Sehnsucht ging: zum Lieben, zum Leuchten, zum Leben.

Denkt man an große heilige Karmelitinnen, so fallen einem womöglich sämtliche Theresen ein und doch mag die hl. Elisabeth von der Dreifaltigkeit eine ähnliche Bedeutung haben wie die kleine hl. Therese. In seiner Predigt zu ihrer Seligsprechung führte der Papst Johannes Paul II., nun selbst selig, aus, die sel. Elisabeth habe wahrhaft ein Leben geführt, wie es der Apostel im Kolosserbrief beschreibt, ein Leben, verborgen mit Christus in Gott. Kurz vor ihrem Tode am 9. November 1906 schrieb sie an eine Freundin und hinterließ dieser gleichsam ihren Glauben an die Gegenwart Gottes, der die Liebe ist und der die strahlende Sonne ihres Lebens war:
Im Lichte der Ewigkeit sieht die Seele die Dinge wie sie wirklich sind. O wie leer ist alles, das nicht für Gott und mit Gott getan wurde. Ich bitte dich, präge allem das Siegel der Liebe auf, es ist das einzige, das überdauert. Wie ernst ist das Leben! Jeder Augenblick ist uns gegeben, um uns tiefer in Gott zu verwurzeln, wie der hl. Paulus sagt, sodaß die Ähnlichkeit mit unserem göttlichen Vorbild größer werde, die Vereinigung inniger. Ich hinterlasse dir meinen Glauben an die Gegenwart Gottes, der die Liebe selbst ist und in unseren Seelen wohnt. Laß mich dir anvertrauen, diese innere Vertrautheit mit Ihm war die strahlende Sonne, die mein Leben hell und daraus schon einen Himmel auf Erden gemacht hat. Dies ist es was mich heute aufrecht erhält, in meinem Leiden.

Donnerstag, 7. November 2013

Neulich, auf dem Friedhof

Wenn ich solche Überreste abgebrochener Gräber sehe, tut es mir immer in der Seele weh: oft waren das ganz wunderschöne Steine aus vergangenen Jahrhunderten, nun werden sie abgerissen und abgebrochen, vielleicht, weil die sogenannte „Liegezeit“ abgelaufen ist und sich niemand mehr um die Grabstelle kümmert. Schade ist es dennoch darum, sie gaben auch unbekannterweise Zeugnis von diesem Menschen: er war da, lebte und starb. Über manche erfährt man sogar etwas, wie etwa über die Frau Königl. Hoflieferant [sic!] geb. Gütig, die offenbar ihrem Namen alle Ehre machte – „wer sie kannte, liebte sie, wer Thränen hat, weint um sie“ – oder über die Diakonissen eines Mutterhauses, die in einem Sammelgrab ruhen, auch im Tode vereint.

Für den Obdachlosen Jürgen Kindel hat jemand ein Kreuz in dem Gebüsch aufgestellt, in dem er viele Jahre gelebt hat. Dort stehen eigentlich immer auch frische Grablichter.

Wenn ich dagegen solche Gräber wie unten sehe – ist das besser? Die Gestaltung, ohne Kreuz, ohne alles, erinnert an Psalm 103: Wenn der Wind darüber geht, so ist sie nicht mehr da und ihre Stätte kennet sie nicht mehr. Noch verlorener kann man wohl nur in einem Friedwald liegen (oder vielleicht im Meer). So schön der Gedanke ist, unter einem Baum oder unter vielen solchen zum Staub der Erde zurückzukehren, wieder Staub der Erde zu werden, so wäre es mir doch wichtig, vor allem als Angehöriger, eine Stätte zu haben, wo ich diesen Menschen im Tode besuchen kann, ein wirkliches Grab. Einer meiner kleinen Brüder liegt in einem solchen, er hat einen Grabstein, vor allem aber einen Rosenstock, der seit jener Zeit wächst. Meine Mutter hatte immer das Gefühl, dieser Ort gehöre wirklich ihr, wenn sie schon das Kind nicht mehr hat.

Einen wirklich ergreifendes Grabmal findet man gerade bei Bellfrell: Dort hat eine unbekannte Frau (wie man liest, wohl nicht, ohne auf Widerstand zu stoßen) auf dem Kommunalfriedhof einen Grabstein für ungeborene Kinder errichten lassen und damit zugleich einen Ort des Trostes für ihre Mütter, für ihre Eltern.

Mittwoch, 6. November 2013

Die Tore des Himmels auf Erden – Kirchweihfest unserer Kathedrale

Heute ist der Weihetag unserer Kathedrale, in der Kathedrale ein Hochfest. Über die Kirche schreibt[1] Fr. Robert Hugh Benson, der der jüngste Sohn des Erzbischofs von Canterbury war, über die katholische Kirche, die er lieben lernte und in der er schließlich Priester wurde:

Ihre Arme sind ausgebreitet für jene, die Gott in Stille und Abgeschiedenheit dienen wie für jene, die vor ihm tanzen in aller ihrer Macht … Jene, die dort stehen, wo wir stehen, haben nichts zu fürchten, es gibt keine Felshänge mehr zu erklimmen und keine Schluchten zu überwinden. Gott hat für jene, denen er die Tore des Himmels, die er auf Erden errichtet und geöffnet hat, alles leicht gemacht; der Fluß des Todes ist nicht mehr als ein versiegender Strom, mit Brücken und Schutzwehren versehen, der Schatten des Todes ist wenig mehr den Zwielicht für jene, die ihn im Licht des Lammes erblicken.




 
Hæc tuam plebem sacra cogit ædes,
hæc sacramentis pia ditat usque,
cælicis escis alit in perennis
munera vitæ.

Dies Haus versammelt deines Volkes Scharen,
reicht ihnen gütig deine Sakramente,
nährt sie tagtäglich mit des Himmels Speise
fürs ewge Leben. (aus dem Hymnus zur Matutin)
____
[1] (in meiner Übertragung)

Dienstag, 5. November 2013

Was ich mir so gar nicht vorstellen kann…

…daß das nächstes Jahr das Gänse-Essen
am „Sonne-Mond-und-Sterne-Tag“ sein wird.

70. Todestag des sel. Bernhard Lichtenberg



Der Gerechte muß viel leiden – Altarbild mit Szenen
des Lebens und Sterbens des sel. Bernhard Lichtenberg
Allmächtiger Gott und Vater,
der sel. Bernhard Lichtenberg hat als Priester in Berlin Zeugnis gegeben für die Botschaft deines Sohnes. Unermüdlich sorgte er für die ihm anvertrauten Gläubigen und spendete die Sakramente. Unerschrocken verkündete er den Glauben durch die Werke der Liebe. Er war ein Bruder der Armen, der Geplagten und Verfolgten, der Gequälten und Ausgestoßenen. Öffentlich hat er für die Gefangenen in den Konzentrationslagern gebetet, für die todgeweihten Juden und für die angeblich „lebensunwerten“ Behinderten. Weil er nicht über die Wahrheit schweigen wollte, brachten ihn die Machthaber zu Tode. Wir danken dir, daß Bernhard Lichtenberg unter uns dein Priester sein durfte. Stelle ihn vor die ganze Kirche als Zeugen für dein Evangelium (aus der Novene um Fürbitte und Heiligsprechung des sel. Bernhard Lichtenberg)

Die Gedenkstätte Yad Vashem zählt den sel. Dompropst Bernhard Lichtenberg zu den Gerechten unter den Völkern. Der Gerechte muß jedoch, wie die Schrift sagt, viel leiden. Das hat auch der sel. Bernhard erfahren, der dennoch nichts anderes wollte, als Gefangener des Herrn zu sein, denn jener selbst, der Gerechte, macht die vielen gerecht.

Im vorigen Jahr hat das Erzbistum einen Postulator auf diözesaner Ebene für das Heiligsprechungs­verfahren des sel. Bernhard Lichtenberg ernannt und das ganze Bistum hat mindestens eine Novene dafür gebetet, was dazu geführt hat, daß der von mir geliebte Hymnus Jesu dulcis memoria ganz oft gesungen wurde, weil der sel. Bernhard diesen ebenfalls geliebt hat und er daher Teil der Novene war. Was fehlt, ist vor allem noch ein Wunder. Wer also ein Gebetsanliegen hat und auf ein solches Wunder hofft, wende sich doch vertrauensvoll an diesen sicherlich machtvollen Fürsprecher vor Gott.

Dieses Jahr begehen wir den 70. Todestag des sel. Bernhards und die Gläubigen des Bistums danken dafür, daß er, wie es in der Novene heißt, unter uns dein Priester sein durfte. Die Dompröpste der Kathedrale tragen das Brustkreuz, das der sel. Bernhard getragen hat – eine Reliquie im dauernden Gebrauch. Das Pontifikalamt zum Gedenken des seligen Märtyrers feiern wir heute abend um 18 Uhr in der Hedwigskathedrale (mit anschließendem Gedenken am Grab des Seligen).

Montag, 4. November 2013

Apropos Gräbersegnung

Man gebe einem kleinen Ministranten zur Prozession in die Unterkirche für eine Handvoll zu segnender Gräber einen neuen Weihwasserkessel mit Einsatz und gefühlten anderthalb Liter Weihwasser drin mit, so daß er den Henkel mit beiden Händen anfassen muß. Ich kam mir vor, als schleppte ich eine Milchkanne, mit dem Unterschied, daß diese einen Deckel hat. Natürlich soll an Weihwasser kein Mangel sein, das war aber eindeutig etwas zuviel des Guten, zumal der Zelebrant sich an den einzelnen Gräbern nach einem für mich nicht durchschaubaren Schema des Weihwassers bediente oder auch nicht. Jedenfalls habe ich mit Würde geschleppt. Und: Gräbersegnung ist immer wieder schön.

Die gestaltete Mitte – Umgestaltung des Kathedraleninneren

Die zu Allerheiligen 1773 geweihte Hedwigskathedrale
vor dem zweiten Weltkrieg. Wunderschön!
Das Innere der Hedwigskathedrale soll umgestaltet werden. Das Bistum wählte das Fest Allerheiligen, den eigentlichen Weihetag der Kirche (das Kirchweihfest wird am 6. November gefeiert) zur Bekanntgabe des Vorhabens. Der Wunsch danach ist ja nicht neu, die ohnehin längst fällige Sanierung des Innenraums rückte nur seit Jahren immer weiter an den Horizont, weil man vor dem Ende der Grabungsarbeiten um die Staatsoper Unter den Linden gar nicht erst anzufangen braucht.

Warum nun im Hinblick auf die Neugestaltung der Innenräume manche innerlich an den liturgischen Änderungen nach dem zweiten Vatikanischen Konzil hängenbleiben, obwohl wegen der Geschichte des verzögerten Wiederaufbaus der Kathedrale nach der Zerstörung im zweiten Weltkrieg die letzte Umgestaltung genau aus dieser Zeit stammt (was das kühle und zeitgeistige 60er-Jahre-Interieur mit Glasgeländer et cetera erklärt), anstatt sich vielleicht eher von der behutsamen „Reform der Reform“, die Papst Benedikt XVI. am Herzen lag, leiten zu lassen, ich weiß es nicht. Prompt war in der Zeitung eigenartiges zu lesen, etwa
Am Altar in der Unterkirche predigen die Priester räumlich bedingt mit dem Rücken zu den Gläubigen – auch das ist nicht mehr zulässig.
Nachdem ich zuerst dachte, was ein Stuß – was heißt überhaupt „auch das“? – fiel mir ein, daß je nachdem wo Frau Keller ihren Platz in der Predigt etwa gefunden haben mag, der Zelebrant ihr tatsächlich den Rücken zugedreht haben könnte, mitnichten aber dem ganzen Volk. Und auf keinen Fall ist das „nicht mehr zulässig“, es war schlechterdings noch nie üblich. Der Zelebrant könnte sich zum Predigen zwar vermutlich sogar auf den Kopf stellen, wenn er wollte, im allgemeinen steht er aber einfach am Ambo, mancher predigt auch vom Altar oder vom Priestersitz aus. Es liegt allerdings die Vermutung nahe, es könnte hier womöglich die Feier des Meßopfers gemeint gewesen sein, die findet in der Unterkirche tatsächlich ad orientem statt. Daß die Zelebration ad Deum im Zuge der Änderungen des zweiten vatikanischen Konzils irgendwie verboten worden sei, wird ja gelegentlich gern einmal postuliert, wenn man auch nicht weiß, wie diejenigen auf die Idee kommen.

Daß im Zuge der Ideensammlung vielleicht auch (wenn einem jemand was erzählt, was er gehört hat, weiß man oft nicht so genau, wieviel in der Wiedergabe eigene Wunschzutaten sind) das Konzept der Unterkirche als Gottesdienstraum für „gescheitert“ erklärt wurde, finde ich traurig. Ich mag die Heilige Messe in der Unterkirche. Wie schon bemerkt, persönlich habe ich an diesem Altar die Zelebrationsweise zu Gott hin wirklich schätzen gelernt – es scheint oft soviel gesammelter. Und was das mit dem Rücken immer soll: ins Gesicht schaue ich dem Priester bei der Elevation der Gaben auch nicht lieber. Vielleicht sollte man einfach die Sichtweise auf die Dinge ein wenig verändern – Una voce hatte dazu vor einiger Zeit die schöne Posterkampagne: Alter your view.

Wenn ich einen Wunsch frei hätte, würde ich eher die Bänke so arrangieren, daß alle in derselben Weise zum Altar hin ausgerichtet sind, also, daß man, während man zum Altar und zum Herrn im Sakrament blickt, nicht auch seinem Gegenüber ins Gesicht schaut oder einem bei der Erhebung der Gaben nicht unwillkürlich der eine ins Blickfeld gerät, der pausenlos seltsame Verrenkungen macht (daran leidet im übrigen auch der Zelebrant sehr). Je nachdem, wie klein ein Gottesdienstraum ist, kann man gerade das nach kurzer Zeit als quälend empfinden. Aber heutzutage legt man es ja oft auf diese Im-Kreis- oder im Vierecksitzerei geradezu an, vermutlich wegen des „Mahlcharakters“. Mir dagegen kommt, wenn ich an die Messe denke, eher in den Sinn
Ihr seid vielmehr zum Berg Zion hingetreten, zur Stadt des lebendigen Gottes, dem himmlischen Jerusalem, zu Tausenden von Engeln, zu einer festlichen Versammlung und zur Gemeinschaft der Erstgeborenen, die im Himmel verzeichnet sind; zu Gott, dem Richter aller, zu den Geistern der schon vollendeten Gerechten, zum Mittler eines neuen Bundes, Jesus, und zum Blut der Besprengung, das mächtiger ruft als das Blut Abels.
Mir selber gefiele eine Rekonstruktion der Anordnung mit Hochaltar und allem Drum und Dran. Das wird es natürlich nicht geben, schon weil der Altar umschritten werden können soll. Immerhin steht zu hoffen, daß „das Loch“ nun ganz oder teilweise geschlossen wird. Schön, denn da wo es sich jetzt erstreckt, haben früher, wie man auf der historischen Abbildung von 1886 oben sieht, Bänke Platz gefunden und auf ihnen Menschen. Nicht nur zu den großen Festen des Kirchenjahres ist die Kathedrale zuweilen brechend voll. Auch stammt die Umgestaltung mit dem „Loch“ meines Erachtens aus einer Zeit, als die allgemeinen Umgangsformen noch besser waren und die gegenseitige Rücksichtnahme größer. Dinge, wie sie heute vorkommen, waren in den fünfziger und sechziger Jahren wahrscheinlich undenkbar.

Was die Schließung dieser Öffnung zwischen den beiden Kirchräumen allerdings für den Tabernakel der Kathedrale bedeuten wird, interessiert mich schon jetzt. Schade fände ich es, wenn der Tabernakel nach der Umgestaltung ein ähnliches Nischendasein fristen würde, wie man es anderswo sieht. Daß er jetzt buchstäblich Grund, Herz und Mitte der Kathedrale ist, der gleichsam das Brot hervorbringt, hat mir immer besonders gefallen.

Samstag, 2. November 2013

Was Gott zusammengefügt hat…

Mein Rosenkranz scheint meinen USB-Stick
geheiratet zu haben…

Ich glaube an die Gemeinschaft der Heiligen

Allerheiligen und Allerseelen gehören für mich zu den schönsten Festen des Jahres (besser als im letzten Jahr kann ich es dieses Jahr auch nicht ausdrücken). Vor allem die drei Messen des Allerseelentages bringen die innige Verbindung der Gemeinschaft der Heiligen zum Ausdruck, die auch die Gemeinschaft mit unseren lieben Verstorbenen und den armen Seelen im Purgatorium einschließt. Alle Meßtexte des Allerseelentages sind durchdrungen von der Hoffnung, ja von der Gewißheit der Auferstehung des Leibes und der Anschauung Gottes: Doch ich, ich weiß: mein Erlöser lebt, als Letzter erhebt er sich über dem Staub. Ohne meine Haut, die so zerfetzte, und ohne mein Fleisch werde ich Gott schauen. Die Auferstehung des Leibes geht noch einen Schritt weiter: in unserem Fleisch werden wir Gott schauen, unsere Augen werden ihn sehen, nicht mehr fremd. Der Glaube der ganzen Kirche an die Gemeinschaft der Heiligen im Himmel wie auf Erden – an diesem Fest findet er greifbaren Ausdruck.

Auch von der äußeren Gestaltung her ist die Abendmesse zu Allerseelen bei uns wirklich auch in liturgischer Hinsicht Nahrung für die Seele: da sind das lateinische Requiem mit Schola, von denen unwillkürlich so viel Ruhe ausgeht, daß man sich fragt, warum es eigentlich nicht immer so sein kann, Weihrauch, die würdevoll-ernsten schwarzen Paramente mit eingewirkten Goldfäden und goldenen Kreuzen und die sich anschließende Segnung der Gräber unserer lieben verstorbenen Bischöfe in der Unterkirche inklusive des Grabes des sel. Bernhard Lichtenbergs, von dem wir zuversichtlich glauben, daß bereits Gott schaut, so wie er ist.

In der Predigt gab es einen netten kleinen Abstecher zu der Frage, ob Tiere in den Himmel kommen, und wenn ja, ob Hunde dann Flügel haben werden? Bei ersterem bin ich mir ziemlich sicher, das zweite überlasse ich völlig Gott, der, wie der Zelebrant anmerkte, womöglich weiß, daß Hunde lieber rennen.
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