Donnerstag, 16. Mai 2013

Sichtweisen

Canalettos Blick auf das London des Jahres 1747
In einer der letzten Ausgaben berichtete der SPiEGEL über technische Nachbearbeitung digitaler Bilder im Bildjournalismus, unter dem mehrdeutigen Titel Zaubertricks im Photoshop. Einige Fotografen beauftragen eigens und mittlerweile standardmäßig Dienstleister mit dem sogenannten Postprocessing. Die Folge: der Betrachter eines Bildes sieht unter Umständen – bzw. sogar mit großer Wahrscheinlichkeit – nicht das Bild, das die Kamera aufgenommen hat, wenn im Postprocessing etwa Lichteffekte angebracht, Farben intensiviert, einzelne Objekte durch Scharfzeichnen hervorgehoben oder im Extremfall sogar Objekte aus dem Bild entfernt oder hinzugefügt werden. Einige haben hier eine eigene Ethik entwickelt: Farben intensivieren oder abschwächen (etwa, wenn Blut greller ist, als es der Betrachter erwartet) ist OK, Farben austauschen oder ins komplementäre Gegenteil verkehren dagegen nicht. Spannend.

Zuweilen wird sogar die Möglichkeit genutzt, eigentlich makellose Bilder zum Schein nachträglich mit dem Makel des Unvollkommenen zu versehen, einen Kratzer auf der Linse oder Grobkörnigkeit bei der Auflösung hinzuzufügen.

Das Ergebnis solcher Veränderungen wiederum: der Betrachter kann nicht sicher sein, daß das, was er sieht, das ist, was der Fotograf gesehen hat. Hierzu fällt mir unwillkürlich Pilatus ein, mit seiner Frage „Was ist Wahrheit?“. Ist es nicht so, daß bereits im Prozeß der Wahrnehmung des Zeugen oder Fotografen selbst ein Veränderungsprozeß einsetzt, indem er das Bild auf seine Weise sieht, indem er sieht, was er sieht? Im Grunde genommen gibt es schon bei einem, spätestens aber bei mehr als einem Betrachter kein „wahres“ Bild mehr, denn jeder Betrachter wird das Bild auf seine Weise sehen, jedem wird unter Umständen etwas anderes daran im Gedächtnis bleiben.

Rembrandt van Rijn: Christi Geburt…
…und Kreuzabnahme
Jan Vermeer:
Die Perlenwägerin, 1664
Eigentlich haben die Maler der Vergangenheit nichts anderes getan: der Betrachter sieht das Dargestellte auf die Weise, wie sie der Maler sah oder auf die, wie sie ihn der Maler sehen lassen wollte. Dazu können einem Bilder aus der christlichen Ikonographie in den Sinn kommen, mit denen der Maler auch tiefe theologische Wahrheiten zum Ausdruck bringt, wenn er etwa Christus, der sich selbst Licht der Welt nennt und von dem der Prolog des Johannesevangeliums sagt, Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt, mit einem Leib darstellt, von dem das Licht unmittelbar ausgeht. Ein ähnlicher Umgang mit dem Licht ist auf den Bildern von Vermeer zu sehen.

Aber auch auf Bildern, bei denen es der Betrachter nicht unmittelbar erwartet, sieht er oft nicht das, was sich dem Maler dargeboten hat. So zeigen die Bilder Canalettos oftmals eine Sicht auf Venedig, die es so eigentlich nicht gibt und nach welcher der Betrachter daher vor Ort vergeblich suchen würde: durch Veränderung bzw. Erweiterung des natürlichen Blickwinkels nimmt er Häuser, Objekte und Details mit auf das Bild, die für den Betrachter eigentlich nicht zu sehen gewesen wären. Das Ergebnis: der Betrachter sieht etwas, das es eigentlich nicht gibt und doch gibt – aber eben nicht so.

Canaletto: Die Einfahrt des Canal Grande
und die Kirche Santa Maria della Salute, um 1730

Ähnlich ist es mit Einflußnahmen über die Farbe. Über das Phänomen, daß ein Bild beim Betrachter ein nostalgisches Gefühl und teilweise den Effekt auslösen kann, sich in einem deutlich früheren Zeitrahmen zu befinden, einfach nur, indem es sich um eine Schwarzweißaufnahme handelt, hatte ich hier schon einmal geschrieben. So glaubt der Betrachter hier, ein Foto aus den frühen siebziger Jahren zu sehen, obwohl es tatsächlich in den Neunzigern aufgenommen wurde. Durch eine subtile Farbverschiebung und punktuelle Farbanreicherung einzelner Objekte bekommt das Bild einer Müllsammlerin in Nairobi einen Touch ins Pittoreske, einen Hauch von Charles Dickens, der einem solchen Leben in Wirklichkeit völlig fehlen dürfte, ebenso wie etwa das Dasein in einer Weberei mit einem Bild von Max Liebermann an „Wirklichkeit“ nur teilweise etwas gemein haben dürfte.



Max Liebermann: Flachsscheuer in Laren, 1897

Im Grunde genommen liegt vielleicht schon darin, daß ein statisches Bild nur einen Moment, einen – buchstäblichen – Augenblick wiedergibt, ein Element der Verfremdung. In Wirklichkeit ist, zumindest bei lebenden Objekten, kaum etwas so statisch, der nächste Augenblick kann ganz anders, die im Flug fotografierte Libelle schon vom Chamäleon gefressen sein. Auch kann man zu einem Augenblick nicht zurückkehren:
Das einzige, dessen ich mich noch entsinne, ist das Gefühl der Ledersitze, das Leinen der Karte auf meinem Knie, ihre ausgefransten Ränder, ihre brüchig gewordenen Faltnähte, und, wie ich eines Tages, als ich auf die Uhr sah, bei mir selbst dachte: „Dieser Augenblick jetzt, zwanzig Minuten nach elf, darf mir nie wieder verlorengehen“, und ich schloß meine Augen, um diese Erfahrung noch eindringlicher zu erleben. Als ich sie wieder öffnete, waren wir bei einer Wegbiegung angelangt, und ein Bauernmädchen in schwarzem Brusttuch winkte uns zu; ich sehe sie noch deutlich vor mir, ihren staubigen Rock, ihr leuchtendes freundliches Lächeln, und in der nächsten Sekunde lag die Biegung hinter uns, und das Mädchen war verschwunden. Schon gehörte sie der Vergangenheit an; sie war nur mehr eine Erinnerung. Ich wollte wieder zurückkehren, um den vergangenen Augenblick wieder einzufangen, und dann kam es mir in den Sinn, daß es nicht dasselbe sein würde, wenn wir es täten, selbst die Sonne am Himmel würde sich verändert haben, einen anderen Schatten werfen, und das Mädchen würde nicht auf die gleiche Art an uns vorbei den Weg entlangstapfen, und dieses Mal nicht zuwinken, vielleicht uns nicht einmal bemerken. Es lag etwas Ernüchterndes in dem Gedanken, auch ein wenig Schwermütiges, und als ich wieder auf die Uhr schaute, sah ich, daß fünf weitere Minuten verstrichen waren. (Daphne du Maurier, Rebecca)
Fakt ist, es ist in Bezug auf Bilder immer schon so gewesen, digital oder nicht digital. Der Betrachter sieht nicht die Realität, er sieht eine Realität.

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