Montag, 31. Dezember 2012

Deo gratias!

Nach einer grade überstandenen Bronchitis ist ein Pontifikalamt zum Jahresschluß doch ein ganz klein wenig anstrengend, finde ich. Allerdings ist es ohne allzugroße Schusseligkeiten vorübergegangen und ich bin auch nicht spiralförmig mit dem Leuchter zu Boden gesunken wie beinahe in der Christmette beim Evangelium (mir war viel zu warm).

Seit letztem Jahr haben wir statt der Jahresschlußandacht ein Pontifikalamt, leider ist der Veränderung die feierliche Aussetzung des Allerheiligsten, die wir in der Andacht immer hatten, zum Opfer gefallen, schade. Ich fand es immer sehr schön, am Ende des Jahres vor dem Allerheiligsten die Litanei zu Christus dem König zu singen und den sakramentalen Segen zu empfangen. Nun ja, man kann offenbar nicht alles haben.

An sich bedeutet das Ende des bürgerlichen Jahres für den Christen wenig, jedenfalls nichts Liturgisches. Es ist der letzte Tag der Weihnachtswoche und der Vorabend des Hochfestes unserer lieben Frau, mit der alle unsere kalendarischen Jahre beginnen (das wiederum ist schön). Ich habe erlebt, wie der Jahreswechsel in Klöstern nahezu unbemerkt vorüberging – nachts stand eine Schwester auf und läutete vom Turm die Glocke, dabei hat sie wohl auch etwas vom Feuerwerk gesehen, der Rest lag in den Zellen und schlief den Schlaf der Gerechten.

Nichtsdestoweniger gerät man oft naturgemäß in die Stimmung, über das „Geheimnis der Zeit“ nachzudenken[1], über das, was im vergangenen Jahr gut lief und was vielleicht richtig schlecht, über unerwartete Freuden – daß mir jemand gerade noch in der Sakristei sehr nette Worte über das Blog gesagt hat, war eine solch unerwartete kleine Freude –, über die kleinen und vielleicht auch größeren Mißerfolge, über Verluste an den Tod. Irgendwann kommt sicher auch das Jahr, an dem nicht mehr ich an die denke, die unterm Jahr gestorben sind, sondern in dem ich nicht mehr dabei bin und andere vielleicht an mich denken werden. Dem Herrn zu danken für alles was einem im vergangenen Jahr an Schwerem und an Gutem widerfahren ist, ist eine schöne Art, das Jahr zu beenden.  Er ist der Weg, auf dem wir gehn, die Wahrheit, der wir trauen. Auf diesem Weg und in dieser Wahrheit kann ich auch voll Zuversicht in das neue Jahr gehen.
Dem Herrn, der Tag und Jahr geschenkt,
der unser Leben trägt und lenkt,
sei Dank und Lob gesungen.
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[1] und sei es, daß der Zelebrant darüber spricht. Daß man Predigten besser nicht zu wörtlich nimmt, hab ich in einem kicherigen Moment in der Christmette gemerkt. Der Kardinal predigte: „Wir dürfen die Hände nicht in den Schoß legen.“ In diesem Moment sahen alle Ministranten auf ihre Hände, die sie artig gefaltet oder zusammengelegt im Schoß liegen hatten.

Sonntag, 30. Dezember 2012

Ein gewöhnliches Leben außerordentlich gelebt

Zum Fest der heiligen Familie wie auch am Hochfest des hl. Josef kommt mir immer in den Sinn, daß Jesus den größten Teil seines Lebens in der Verborgenheit des Lebens in Nazareth verbracht, mit gewöhnlichen Dingen ein ganz alltägliches Leben gelebt hat, in Arbeit, gewöhnlichen Freuden und Sorgen und im Gebet. Wie viele Menschen mag es geben, die still und unerkannt mitten unter uns Heilige sind oder werden, indem sie ein ähnliches Leben führen?

Denkt man an die heilige Familie, fallen einem Lebensumstände auf, die die vieler Menschen und zu allen Zeiten waren: Armut, die Schwierigkeit, eine Wohnung zu finden, Flucht und Vertreibung, das Leben in Handwerk, Haushalt und Schule, der Tod des geliebten Kindes. Und doch: wie seltsam, daß sich Gott dreier jungfräulicher und so außerordentlicher Menschen bediente, um uns das Urbild der Familie vor Augen zu stellen!

Donnerstag, 27. Dezember 2012

Und das Wort ist Fleisch geworden – hl. Johannes, der Evangelist

Das Stundenbuch nennt Johannes, den Evangelisten, Jungfrau und er wird mit anderen jungfräulichen Heiligen auch in der Allerheiligenlitanei bei der Weihe angerufen. Wie der hl. Stephanus Vorbild der Märtyrer genannt werden kann, so kann es der hl. Johannes, der Evangelist, für die Jungfrauen. Beide gehören zu den Festen der Gefährten Christi. In der Tat nennt die Kirche nach dem Martyrium die Jungfräulichkeit das edelste und beherzteste Opfer, das man Gott darbringen kann. Das Wort Herz in „beherzt“ wirft ein klares Licht darauf, worin diese Opfer ihren Ursprung haben – in der Liebe zu Christus und seiner Kirche.

Unter den Jüngern Christi werden zwei erwähnt, denen er offenbar besonders zugewandt war: Petrus, der Märtyrer, und Johannes, der jungfräuliche Apostel, der Jünger, den er liebte. Allein dieser einfache Satz läßt den Heiligen verehrungswürdig erscheinen. Liest man seine Schriften, wird einem von Jahr zu Jahr deutlicher, welchen Schatz der hl. Johannes der Kirche geschenkt hat. Wie äußerst angemessen, daß ihn die Symbolik als Adler darstellt, der pfeilschnell und zielsicher zur Sonne aufsteigt. Oft sind dem Tier oder der Darstellung auch noch die Worte seines wunderbaren Prologs beigegeben: Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort. … Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt. Martyrium und Jungfräulichkeit um des Himmelreiches willen sind beide eine Art, dem Wort, das unter uns gewohnt hat, Fleisch zu verleihen.

Mittwoch, 26. Dezember 2012

Weihnachtsbildchen


Dieses „mehrstöckige“ Weihnachtsbildchen im Beuroner Stil (glaub ich jedenfalls), bei dem von unten die Patriarchen, Propheten und Könige des alten Testaments flehend ihre Hände hinaufstrecken und ganz aus der Höhe der Engel Gottes mit der Freudenbotschaft herabsteigt, gefällt mir besonders gut. Mit der Grotte in der Mitte hat es auch etwas von den guten alten Wurzelkindern, die mochte ich als Kind sehr gern.

Dienstag, 25. Dezember 2012

Allerheiligen der Märtyrer – Fest des hl. Stephanus

Das Fest des hl. Protomärtyrers Stephanus (Protomärtyrer, weil er der erste war) scheint die Weihnachtsoktav, kaum daß sie begonnen hat, zu unterbrechen, in manchen Jahren wirkt es wie ein kalter Wasserguß.  

Vater, in deine Hände empfehle ich meinen Geist. Wie anders klingt dieser Ausruf als das friedvolle In manus tuas Domine der Komplet, mit der wir täglich beim Schlafengehen unseren Geist in Gottes Hände befehlen. Die Antiphon Vater, in deine Hände wie die blutroten Paramente nehmen uns mitten hinein in das Geheimnis des Karfreitags (die Xangbuchnummer 203 hebt dies sogar noch hervor). Auch stellen sie uns vor Augen, daß die Heiligen, die man die Comites Christi (Gefährten Christi) nennt, alle, bis auf den hl. Johannes den Evangelisten, Märtyrer sind. Der hl. Johannes wiederum hat vielleicht nur deshalb das Martyrium nicht erlitten, weil Jesus ihm unterm Kreuz die Sorge für die Gottesmutter anvertraute.

So nahe bei Christus ist offenbar weit weg von Gemütlichkeit, Kaminfeuern, Marzipandominosteinen und Spekulatius (womit ich nicht sagen will, daß an all dem etwas Schlechtes wäre). Der hl. Johannes vom Kreuz schreibt darüber:
Das Kreuz ist die Tür, durch die wir zu diesen Reichtümern der Weisheit Gottes eingehen können. Die Tür aber ist eng. Viele wünschen sich die Freude, zu der man durch diese Tür gelangt. Aber wenigen ist das Verlangen eigen, durch die Tür des Kreuzes einzutreten. 
Der Protomärtyrer Stephanus wie die Gefährten Christi laden zur Betrachtung darüber ein, daß, wer ganz nahe bei Christus sein, auch nahe bei seinem Leiden sein will oder manchmal sogar ohne den eigenen Willen nahe bei seinem Leiden ist wenn du aber alt geworden bist, wird ein anderer dich gürten und führen, wohin du nicht willst. Daran hat sich seit den Tagen des Stephanus wenig geändert und bei mancher traurigen Nachricht hat man das Gefühl, es war schon lange nicht mehr so brennend aktuell. Die vielen unbekannten Märtyrer unserer Tage, von den wir oft die Namen nicht kennen oder nicht einmal wissen, daß es sie gibt, vereinen sich mit dem Gedächtnis dieses ersten Märtyrers um Christi willen. So ist das Fest des hl. Stephanus eine Art Allerheiligen der Märtyrer.

Das Gedenken des hl. Stephanus und Weihnachten gehören doch eng zusammen (als vor einigen Jahren das Fest des Heiligen vom Fest der hl. Familie verdrängt wurde, fühlte sich das ganz komisch an) – der, der die Kirche ins Leben gerufen hat und jene, über deren Gebeinen sich die Altäre dieser Kirche gleichsam erhebt, deren Blut samengleich in die Erde fällt und sie fruchtbar macht für das Wort, das Fleisch geworden ist.

Als seine Feinde gegen ihn aufstanden, sprach und handelte Stephanus, erfüllt von Gnade, Weisheit und Geist. Und als sie ihn ungerecht vor Gericht brachten, erschien ihnen sein Gesicht wie das eines Engels. Im Angesicht des Todes vertraute er sich Gott an, gab buchstäblich seine Seele Gott zurück, er betete für seine Verfolger und verzieh ihnen. Feindseligkeit, Widerwärtigkeit und Verfolgung können auch uns begegnen; den Christen in der Verfolgung begegnen sie Tag für Tag: ihr werdet um meines Namens willen von allen gehaßt werden.

Über das Wesen der Kirche Christi erkennen wir viel, wenn wir das Leben und Sterben derjenigen betrachten, die den mystischen Leib der Kirche ausmachen, deren Glieder sie sind. Mit dem hl. Stephanus hoffen wir, als einzelne wie als Kirche Christi eines Tages dorthin zu gelangen, wo wir den Himmel offen sehen und Christus zur Rechten des Vaters stehen.

In nativitate Domini

Er lag in der Krippe, doch seine Herrlichkeit erfüllte das All.

Die Jungfrau gebiert heute den, der vor allem Sein war,
und die Erde bietet eine Höhle dar dem Unnahbaren.
Die Engel lobpreisen mit den Hirten, die Magier wandern dem Stern nach,
denn für uns ist geboren als junges Kindlein, der vor Ewigkeiten Gott.

Ein wunderbares Geheimnis tritt heute ans Licht:
Gott wurde Mensch, er blieb was er war
und nahm an, was er nicht war, ohne Vermischung und ohne Teilung.
So wurde Gottes Schöpfung neu. 
(aus der Liturgie der Ostkirche)

Frohe und gesegnete Weihnachten!

Montag, 24. Dezember 2012

Heute sollt ihr wissen, daß der Herr kommt − Abschied vom Violett des Advents

Ein Stück Abschied von der wunderschönen Liturgie der Adventszeit war für mich schon gestern abend, als wir in der Abendmesse ein letztes Mal den Hymnus Komm, du Heiland aller Welt gesungen haben. Auf Wiedersehen in einem Jahr!

Da der Organist den Hymnus schon anstimmte, als wir noch bei der Purifikation waren und der Zelebrant und ich beide mitsingen wollten, haben wir uns auch prompt beide im Text der ersten Strophe und den „Heiden“ verheddert. (Pardon, ich hab diesen Hymnus auch lange nach meiner Konversion wegen Bach noch in der lutherischen Fassung gesungen, wo man man ihn wohl wegen seiner poetischen Sprache gelassen hat wie er ist.)
Nun komm, der Heiden Heiland,
der Jungfrauen Kind erkannt,
des sich wundert alle Welt,
Gott solch Geburt ihm bestellt.
in der neueren Übertragung:
Komm, du Heiland aller Welt;
Sohn der Jungfrau, mach dich kund.
Darob staune, was da lebt:
Also will Gott werden Mensch.
Beide Fassungen bringen mit ihrer Übertragung von Redemptor gentium den tiefen Glauben daran zum Ausdruck, daß dieser Heiland für alle Menschen gekommen ist, die reinen Herzens nach ihm suchen und ihm vertrauen.
 
Das Invitatorium am 24. Dezember: Heute sollt ihr wissen, daß der Herr kommt. Im Blogheader sind daher schon die Sterndeuter auf dem Weg. Nachher mache ich mich auf und suche vor der Christmette noch ein wenig die Stille. Allen Lesern, ja allen Menschen guten Willens, wünsche ich eine gesegnete und friedliche Christnacht.

Sonntag, 23. Dezember 2012

4. Adventssonntag – gieße deine Gnade in unsere Herzen ein

Das Tagesgebet des 4. Adventssonntags ist das, mit dem wir unterm Jahr (außer in der Osterzeit) die Betrachtung der Menschwerdung Christi im Angelus abschließen. Ich jedenfalls werde diese wunderbare Oration niemals satt und sie ist wohl eines der Gebete, die ich auch auswendig sprechen könnte, wenn ich kopfüber an einem Bein hinge:
Allmächtiger Gott, gieße deine Gnade in unsere Herzen ein. Durch die Botschaft des Engels haben wir die Menschwerdung Christi, deines Sohnes, erkannt. Führe uns durch sein Leiden und Kreuz zur Herrlichkeit der Auferstehung.
Allmächtiger Gott, gieße deine Gnade in unsere Herzen ein – ich finde diese Worte wunderschön, stellen sie uns doch vor Augen, daß alle Gnade von Gott kommt, der sie über uns ausgießt, sie in unsere Herzen eingießt und das fleischgewordene Wort nicht auf den Weg fällt und vergeht. Das hörende Herz, über dem Gott seine Gnade wie Regen ausgießt, ist der gute Boden, auf dem es Frucht bringt, hundertfach, sechzigfach, oder dreißigfach, aber alle bringen sie Frucht.

Die vierte Kerze am Adventskranz ist – nach der Kerze für die Patriarchen und Propheten und der für Johannes, den Täufer, die der Gottesmutter, die Marienkerze. In der im Evangelium geschilderten Begegnung Mariens mit Elisabeth ist nach Maria selbst, deren Herz und Leib Gott mit Gnade erfüllt, der ungeborene Johannes der erste, in dessen Herz die Gnade eingegossen wird, der die Menschwerdung Christi erkennt. Johannes, der Vorläufer Christi, ist so auch unser „Vorläufer“, der Vorläufer des Menschen, der der Liebe geglaubt hat. 

Manche Darstellungen der Heimsuchung zeigen den ungeborenen Johannes, der bei dieser zweifachen Begegnung – der Mütter wie der ungeborenen Kinder – eine kniende Haltung einnimmt. Der ungeborene Erlöser erhebt segnend die Hand, so wird Johannes noch im Mutterleib geheiligt. Der Täufer ist der erste Mensch, von dem die Worte des Apostels gelten, daß jedes Knie sich vor dem Herrn beugen wird. Er kniet vor dem Erlöser, nicht weil er es muß, sondern weil er es will, ein Ausdruck höchster Freiheit. Vielleicht sagt Christus auch daher von ihm, daß unter allen Menschen keiner größer ist als Johannes.

O Immanuel


O Immanuel,
unser König und Lehrer,
du Hoffnung und Heiland der Völker:
o komm, eile und schaffe uns Hilfe, du unser Herr und unser Gott!


O Immanuel, unser König und Lehrer – es ist mir, glaub ich, in diesem Jahr wie in keinem vorher bewußt geworden, wie sehr die O-Antiphonen auch untereinander verwoben sind. Die Antiphon O Immanuel greift das Thema des Königtums Jesu Christi der Antiphon des Vortrags wieder auf: O König der Völker, ihre Erwartung und Sehnsucht.

Zweimal zieht dieser König ein, und beide Male vollzieht sich dieses Kommen auf einem armseligen Reittier, einem kleinen Esel. Wie sehr unterscheidet sich dieser so verborgene und unerkannte erste Einzug in Bethlehem von dem in Jerusalem, bei dem die Menschen unter Lob- und Preisgesängen Palmzweige und ihre Kleider vor den Hufen des Reittiers ausbreiten. Josef und vor allem die hochschwangere Maria, die von Haus zu Haus ziehen auf der Suche nach einem schützenden Dach, und froh sind, daß es zum Schluß wenigstens ein Stall ist, denn die Stunde der Geburt Christi ist nicht mehr fern. Komm, eile und schaffe uns Hilfe, drängt die Antiphon, und in der Tat sind es die Menschen, die von Anbeginn der Zeiten, seit dem Sündenfall, sehnsüchtig auf das Kommen des Messias gewartet haben und nun nicht mehr warten können, daß der Tag der Menschwerdung Christi, der Tag des Kommens dieses Königs, endlich anbricht.

Sieh dein König kommt zu dir, ja er kommt, der Friedefürst und so kommt der König auch zu euch, ja, Heil und Leben mit zugleich, singen wir in den alten Adventsliedern Tochter Zion – das ja eigentlich ein Gesang für den Palmsonntag ist – und Macht hoch die Tür. Das wunderbare Paradoxon dieses Königs lädt vielfach zur Betrachtung ein: der Herr der Welt, der in eine armselige Futterkrippe gelegt wird, das Kreuz, das ein Thron ist, von dem Gott, wie es im Hymnus heißt, alle Nation regiert. Das Zepter, das ein Spottzepter ist und die Krone, die eine Dornenkrone sein wird. Ein König, den man in Wahrheit und zu Recht Fürst des Friedens nennt.

Eigentlich läßt ein König die zu sich rufen, die er zu sehen wünscht, und gibt ihnen Bescheid. Allenfalls steigt er einmal auf der Durchreise zu einer Rast bei einem Untertan ab. Hier kommt ein König, der zugleich Gott und göttlicher Lehrer ist, arm und demütig, verkannt und eingehüllt in das schwache menschliche Fleisch, um das Leben und Sterben der Menschen zu teilen, allein aus Liebe zu seinem Volk: um sie zu lehren, wie sie das Himmelreich gewinnen können, das Reich seines Vaters.

Samstag, 22. Dezember 2012

Wer zwei Gewänder hat…

Als ich in diesem Beitrag von den „wandernden Gedanken“ zu den Lesungen schrieb, meinte ich zwar auch den Apostel, hauptsächlich aber das Tagesevangelium, denn über den Ratschlägen des Täufers auf die Frage seiner Zuhörer, was sollen wir tun?, sind meine Gedanken ins Wandern geraten. (Interessant ist übrigens, daß der Täufer den Soldaten und Zöllnern nicht geraten hat, unverzüglich den Dienst zu verlassen, sondern sie nur zur Mäßigung mahnt.)

An uns aber: Er antwortete ihnen: Wer zwei Gewänder hat, der gebe eines davon dem, der keines hat, und wer zu essen hat, der handle ebenso (Lk 3,11) – Mein lieber Schwan, wenn ich mir das so überlege! Es fängt schon damit an, daß ich von vielen Sachen keine zwei habe, so habe ich etwa nur eine vernünftige Winterausstattung und die ist auch nicht neu; aber auch von den Dingen, von denen ich zwei habe: gebe ich davon immer eines dem Armen, der keines hat? Johannes hat dies überdies zu einer Zeit gesagt, in der ein Gewand womöglich im Verhältnis teurer war (also anteilig mehr von einem Tageslohn gekostet hat) als heute. Andererseits haben heutzutage wenige die Möglichkeit, sich ein Gewand selbst zu weben, und auch das Tragen geerbter Gewänder ist irgendwie außer Gebrauch gekommen.

Gut, ich habe keine zwei Mäntel, bin also im Bezug auf den Mantel vielleicht erstmal nicht gefragt. Der Kirchenlehrer Gregor der Große führt hierzu aus:  wenn nur eines geteilt wird, wird niemand damit bekleidet. Auch das Gebot der Nächstenliebe fordert als Maxime nicht, den einzigen Mantel oder das einzige Gewand wegzugeben, denn man soll seinen Nächsten lieben wie sich selbst. Darum hat der hl. Martinus wohl seinen Mantel geteilt, sein Gewand aber anbehalten.

Wer um der Liebe Christi willen die Welt verläßt, soll seinen Besitz verkaufen und den Erlös den Armen geben. Er braucht womöglich keinen Mantel mehr oder er wird ihm gegeben, wenn er ihn nötig hat. Ich kenne einen Konvent, der zusammen mehrere warme Jacken besitzt, diejenigen anziehen, die zu der Stunde gerade eine brauchen.

Zurück zum Evangelium: der Rat des Täufers – auch ein „evangelischer“, wenn man so will, – ist eine ernsthafte Anfrage an uns alle, denn von den Dingen, von denen ich mehr als eines habe, Sommerkleider etwa, gebe ich auch nicht das zweite den Armen (falls das erste in der Wäsche ist oder kaputtgeht). Ich kann mich auch nicht besinnen, bisher den Inhalt meines Kühlschranks oder der Speisekammer halbiert zu haben und mit der Hälfte zu den Armen gegangen zu sein. Und immer so weiter. Das heißt nicht, daß ich gar nichts teile, aber immer eines von zweien ist es nicht.

Johannes der Täufer ist eine ernsthafte Anfrage an die ganze Kirche. An mehreren Tagen der Woche sehe ich einen Mann, der in einem Gebüsch haust (buchstäblich), dort kampiert er unter einem zerfetzten dunkelgrünen Sonnenschirm. Einen Mantel hat er jedenfalls nicht, allenfalls einen abgetragenen Pullover. Manchmal, wenn der Mann seine Touren hat, ist die Begegnung auch nicht so sehr angenehm, weil man sich im Dunkeln, wenn man auf dem Bürgersteig vorübergeht, schon heftig erschrecken kann, wenn er plötzlich aus dem Gebüsch springt. Einmal allerdings hat er mich unter dem Ausruf von Sieg Heil! am Arm gepackt und heftig geschüttelt (da war ich im Schleier, weil ich von einem Gottesdienst kam). Das war natürlich nicht so toll. Nichtsdestoweniger, die meiste Zeit ist der Mann völlig harmlos, schenkt mir sogar Blumen und Zweige. Ob er wenigstens jetzt zu Weihnachten die Möglichkeit hat, irgendwohin zu gehen, konnte ich wegen wirrer Reden indes nicht herausbekommen. Die karierte Holzfällerjacke, die ich noch zu Hause habe, wird dem Mann nicht passen, er ist zu groß und dick dafür. Der grüne Sonnenschirm und der Mann im Pullover sind gegenüber einer katholischen Kirche, an der ein Bischof wohnt. Ich frage mich, ob der Bischof, der vielleicht zwei Gewänder hat, schon einmal auf die Idee gekommen ist, eines dem Mann zu geben oder auch die Hälfte seines Essensvorrates?

Der Mangel an tatsächlichem Ernstmachen mit dem Evangelium bei denen, die es doch gerade tun sollten, ist, hört man ein solches Evangelium, bestürzend. Als in der Verfilmung von Morris Wests Roman In den Schuhen des Fischers der neugewählte Papst Kiril Lakota bei seiner Krönung die Tiara wieder abnimmt und das Vermögen der Kirche weggeben will, „damit wir unseren Überfluß teilen, mit den vielen, die gar nichts haben“, hab ich mich ernsthaft und lange Zeit gefragt, wieso tun wir das eigentlich nicht? Ich meine, es ist schon klar, daß das eine Romanfigur war, aber warum tun wir es eigentlich nicht? Alle zusammen oder jeder für sich? Und so ruft die Stimme in der Wüste: bereitet dem Herrn den Weg. Wer zwei Gewänder hat, gebe dem eines, der keines hat. Und ich bleibe weiterhin hinter dem Anspruch zurück und schäme mich deswegen. Das Zeichen der Mittelmäßigen.

O König aller Völker


O König aller Völker,
ihre Erwartung und Sehnsucht;
Schlußstein, der den Bau zusammenhält:
o komm und errette den Menschen, den du aus Erde gebildet!

Mein Herr und mein Gott, mein König und mein Bräutigam – (m)ein innerlicher Ausruf bei der kurzen Begegnung mit dem sakramentalen Christus, wenn der Priester den Leib und das Blut Christi in der Messe erhebt. Wie schön und angemessen, dabei an den Stufen des Altars knien zu können. Die Kniebeuge der Hirten und der Sterndeuter vor dem neugeborenen König in der Krippe ist der erste Anklang des hymnischen Bekenntnisses des Apostels, daß Christus Jesus Gott gleich ist. Gott hat diesen Christus über alle erhöht – am Kreuz –, damit alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde ihre Knie beugen vor dem Namen Jesu und jeder Mund bekennt: Jesus Christus ist der Herr, zur Ehre Gottes, des Vaters.

Daß zur Krippe auch die Sterndeuter von weit her kommen (die Ikonographie hat ihnen die Hautfarben der damals bekannten Kontinente gegeben), um dem neugeboren König zu huldigen, ist Zeichen dafür, daß hier wirklich weder Jude noch Grieche ist, noch Mann oder Frau, die Berufung dieses Königs ergeht auch an die in der Ferne, an die Heiden – uns. So ist das Kommen dieses Königs wirklich Erfüllung der Erwartung und Sehnsucht aller Völker und der Bau, dessen Schlußstein Christus selbst ist, ist der Bau seiner heiligen Kirche.

Freitag, 21. Dezember 2012

Er bestimmt die Zahl der Sterne…

Er bestimmt die Zahl der Sterne und ruft sie alle mit Namen. (Ps. 147)

Da wir uns offenbar weiterhin an den Schönheiten dieser Welt erfreuen dürfen, dachte ich, ich mache gleich damit weiter, mit einem Blick auf das majestätische Band der Milchstraße über dem Cathedral Rock in Arizona.

O Morgenstern


O Morgenstern,
Glanz des unversehrten Lichtes,
der Gerechtigkeit strahlende Sonne:
o komm und erleuchte,
die da sitzen in Finsternis und im Schatten des Todes!

Sie gingen hinaus und stiegen in das Boot. Aber in dieser Nacht fingen sie nichts. Als es schon Morgen wurde, stand Jesus am Ufer. Doch die Jünger wußten nicht, daß es Jesus war. Jesus sagte zu ihnen: Meine Kinder, habt ihr nicht etwas zu essen? Sie antworteten ihm: Nein. Er aber sagte zu ihnen: Werft das Netz auf der rechten Seite des Bootes aus, und ihr werdet etwas fangen. Sie warfen das Netz aus und konnten es nicht wieder einholen, so voller Fische war es. Da sagte der Jünger, den Jesus liebte, zu Petrus: Es ist der Herr! (Joh 21, 3-7)

Das lateinische oriens wird auf verschiedene Weise übertragen: Aufgang, Morgenstern, Glanz des ewigen Lichtes und Sonne der Gerechtigkeit (splendor lucis aeternae, et sol justitiae). – Es gibt in der Nacht einen Punkt, an dem die Dunkelheit am tiefsten ist und auch das Leben auf seinen niedrigsten Pulsschlag gesunken ist. Mancher, der krank und gebeugt ist, mag mit Hiob denken: Lege ich mich nieder, sage ich: Wann darf ich aufstehn? Wird es Abend, bin ich gesättigt mit Unrast, bis es dämmert. Jochen Klepper hat den Gedanken daran, daß der Leidende selbst an diesem Punkt nicht verlassen ist, in seinem wunderbaren Lied Die Nacht ist vorgedrungen zum Ausdruck gebracht: Auch wer zur Nacht geweinet, der stimme froh mit ein, der Morgenstern bescheinet auch deine Angst und Pein.

Seit alters her wenden sich die Christen bei der Feier der Eucharistie nach Osten (ad orientem), von wo der Herr erwartet wird.

Beim Gedanken an den Glanz des ewigen Lichtes und die Sonne der Gerechtigkeit sind mir die Jünger Jesu in den Sinn gekommen, die die ganze Nacht vergeblich gefischt haben, und in der Morgendämmerung erscheint Jesus am Ufer des Sees Tiberias – es ist der Herr. Der so schmerzlich Vermißte hat alles, was die Jünger brauchen: Fisch und Brot, Wärme und Licht. Petrus, der ihn an einem anderen Kohlenfeuer verraten hat, erneuert seine Liebe zum Herrn. In jeder Eucharistiefeier wenden wir uns dem Glanz dieses ewigen Lichtes zu, erneuern unsere Liebe zu ihm, der für uns Mensch geworden ist, sich uns selbst zur Speise darreicht.

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Bild: der Morgenstern und der Aufgang beim Venustransit 2012. Foto: Stefano de Rosa

Donnerstag, 20. Dezember 2012

Der Kerker der Finsternis und die Fessel der Schuld − Advent


Benedicite Deus schreibt hier über unadventliches im Advent und die Aussöhnung bei kleinen Streitigkeiten in der Vorbereitung auf das Fest der Geburt Jesu Christi. Manchmal beschäftigt mich der Gedanke, wie ist das bei größeren Wunden, die das Leben dem einzelnen Menschen schlägt und ernsthaften Zerwürfnissen, in die er gerät? Nicht die Dinge, die im Affekt gesagt (oder auch getan) werden, sind ja oft die schlimmsten, sondern dasjenige, das aus kalter Überlegung heraus gesagt wird. Wie ist das, wenn einer die Aussöhnung möchte, dem anderen mangelt es aber an jeglichem Unrechtsbewußtsein? Vielleicht komme ich darauf, weil Weihnachten vor einem Jahr ein solches Ereignis zwischen einem Menschen und mir gestanden hat und es auch vor diesem Fest immer noch dasteht.

Der Herr selbst gibt dem Petrus auf die Frage, wie oft er seinem Bruder vergeben müsse, zur Antwort, nicht siebenmal sondern siebenundsiebzig Mal. Womit sicher nicht gemeint ist, daß man eine Strichliste anlegt und beim achtundsiebzigsten Mal dann sagt, nö du, das war jetzt einmal zuviel. Gemeint ist die grundsätzliche Bereitschaft zur Vergebung.

Der Aquinate nennt als Vorgehensweise bei einer zugefügten Beleidigung zwei Wege: daß der Beleidiger den Beleidigten aufsucht und um Vergebung bittet oder aber, daß der Beleidigte den Beleidiger aufsucht.
Zu beachten ist, daß es zwei Weisen, zu verzeihen, gibt. Die eine ist die der Vollkommenen und besteht darin, daß der Beleidigte den Beleidiger aufsucht, Ps 34,15: Suche den Frieden! Die andere ist die allen bekannte, zu der alle verpflichtet sind. Sie besteht darin, daß dem um Verzeihung Bittenden der Beleidigte verzeiht, Sir 28,2: Vergib das Unrecht deinem Nächsten, dann werden deine Sünden auch vergeben, wenn du bittest. – Daraus fließt uns eine Seligkeit zu: Selig die Barmherzigen. Die Barmherzigkeit bewirkt, daß wir uns unseres Nächsten erbarmen.
Aus beidem können sehr fruchtbare Gespräche und manchmal auch neue Verhaltensweisen erwachsen, dem anderen zu begegnen. Was aber, wenn der Beleidiger, weit entfernt davon, irgendetwas einzusehen, die Gelegenheit, bei der der Beleidigte ihn aufsucht, nutzt, nochmal ordentlich nachzutreten und so die ursprünglich zugefügte Verletzung sogar noch verschlimmert? Derjenige, der mit dem Gedanken an Aussöhnung oder sogar Heilung der Verletzung gekommen ist, kommt sich unter Umständen nun auch noch dumm vor − und doch ist er es nicht, kam er doch in guter Absicht.

Auch die, denen eine tiefe Wunde geschlagen worden, denen ein großes Unrecht widerfahren ist, wie auch die, die an ihnen schuldig geworden sind, gehören zu denen, die in der Finsternis sitzen und im Schatten des Todes, denn es ist wirklich ein Schatten auf sie gefallen und sie liegen in den Ketten der Schuld.

Vor Jahren hat uns in der Akademiekirche am Allerseelentag unser früherer Pfarrer eine Predigt gehalten, bei der ich den Tränen nahe war. Es ging um die Vergebungsbereitschaft der Kinder gegenüber ihren eigenen Eltern, und ich dachte, was ist mit den Kindern, denen von ihren Eltern schwerstes Unrecht zugefügt worden ist, die von ihnen mißhandelt, gequält, mißbraucht oder „einfach nur“ nicht geliebt worden sind (weil diese Menschen vielleicht selbst emotionale Krüppel und zur Liebe unfähig sind)? Sollen auch sie siebenundsiebzig Mal vergeben? Und dann ging die Predigt genau über dieses Thema.

Eine grundsätzliche Antwort auf die Frage gibt es wohl nicht. Sicher ist, daß es für eine Wunde keine wirkliche Heilung geben kann, solange man im Groll verharrt.

Auch spielt der Gedanke der Sühne bzw. der Bitte um Vergebung hier eine wichtige Rolle, und daß einer überhaupt irgendwann das Gefühl dafür entwickelt, daß er etwas Unrechtes getan hat − ein Prozeß, der manchmal Jahre dauern kann, manchmal tritt dieses Ereignis vielleicht auch überhaupt nicht ein, oder derjenige, der das Unrecht erlitten hat, erfährt es nie. Wer es bei der Erziehung etwa völlig in Ordnung findet, einem kleinen Kind zur Strafe die Hand an den glühenden Ölofen zu halten (oder für sich zu der Ansicht kommt, es wäre völlig in Ordnung gewesen, schließlich hätte ihn das Kind dazu getrieben), wird nicht um Vergebung bitten.

Führt es auch hier nicht zur Einsicht, wenn derjenige, dem Unrecht zugefügt worden ist, den Schuldiggewordenen später aufsucht − es mag ihm indes selbst helfen − dann kann man mit dem Unrecht, mit der Wunde, um nicht dabei stehen zu bleiben,  wahrscheinlich nichts tun, außer sie Gott darzubieten, sie ihm gleichsam hinzuhalten, wie es die Blinden und Lahmen getan haben, auch die Aussätzigen, daß er sie heile. Er wird es verstehen und zu seiner Zeit das Rechte tun.

O Schlüssel Davids


O Schlüssel Davids,
und Zepter des Hauses Israel –
Du öffnest, und niemand kann schließen.
Du schließest, und keine Macht vermag wieder zu öffnen:
o komm und öffne den Kerker der Finsternis und die Fessel des Todes!

So spricht der Herr: Zur Zeit der Gnade will ich dich erhören, am Tag der Rettung dir helfen. Ich habe dich geschaffen und dazu bestimmt, der Bund zu sein für das Volk, aufzuhelfen dem Land und das verödete Erbe neu zu verteilen, den Gefangenen zu sagen: Kommt heraus!, und denen, die in der Finsternis sind: Kommt ans Licht! (Jes. 49, 8-9)

Bei den Worten des Propheten über die Gefangenen und die, die in der Finsternis sind, muß ich auch an den Abstieg Christi in die Unterwelt denken. Manche dieser Darstellungen, vor allem die der Ostkirche, zeigen zu Christi Füßen den gefesselten Adam, der in den Ketten der Erbsünde liegt, oft (manchmal neben einer Vielzahl anderer spiralförmiger oder dietrich-artiger Gegenstände) auch ein Schloß und einen Schlüssel, der dazu paßt.

Ich lege ihm den Schlüssel des Hauses David auf die Schulter – ein seltsamer Platz eigentlich, zumindest aus unserer Sicht, für einen Schlüssel. Auf die Schulter gelegt wurde ihm an einem Rüsttag auch das, was er dann zur Schädelhöhe getragen hat, das Kreuz. Der Schlüssel für die Ketten derer, die in Finsternis sitzen und im Schatten des Todes, hat die Form des Kreuzes Christi, ist Christus selbst.

Mittwoch, 19. Dezember 2012

Wir sind Schlauchboot…

was mir zum Thema Schlauchboot
auch noch eingefallen ist
…also jedenfalls ich bin anscheinend eins. :) In seinem Leitartikel für das sinnstiftermag bezeichnet Norbert Kebekus, der das Referat Medienpastoral des erzbischöflichen Seelsorgeamts Freiburg leitet, die katholischen Blogs als „kleine, wendige Schlauchboote“ (im Gegensatz zu großen schweren Tankschiffen). Als Schlauchboot hab ich mich zugegebenermaßen zwar noch nicht gesehen, aber wenn, dann möchte ich gern ein hübsches verspieltes, rotes sein.

Leider entfernt sich das sinnstiftermag, das Braut des Lammes freundlicherweise gleich zweimal erwähnt, in den eingeholten Statements dann etwas vom ursprünglich gesetzten Thema Die christliche Blogosphäre (Facebook und soziale Netzwerke sind eigentlich wieder ganz was anderes). Andererseits wird aber anscheinend erfreulicherweise viel weniger gelabert als verkündet. Ob daher demnächst die goldene Laber-Robusta verliehen wird, bleibt dahingestellt. Den Heiligen Vater wirds freuen. Nichtsdestoweniger, lest und schaut selbst.

O Sproß aus Isias Wurzel


O Sproß aus Isais Wurzel,
gesetzt zum Zeichen für die Völker –
vor dir verstummen die Herrscher der Erde, dich flehen an die Völker:
o komm und errette uns, erhebe dich, säume nicht länger!


Ikonographische Darstellungen der Wurzel Jesse (Isais Wurzel) sind oft besonders schön: da breitet sich, aus einer Wurzel kommend, ein weitverzweigter Baum aus, der all die Vorfahren aus Davids Geschlecht umfaßt, aus dem der Erlöser hervorgeht, der die uralte Verheißung erfüllt: Darum wird euch der Herr von sich aus ein Zeichen geben: Seht, die Jungfrau wird ein Kind empfangen, sie wird einen Sohn gebären, und sie wird ihm den Namen Immanuel – Gott mit uns – geben. (Jes. 7,14)

So trägt der weitverzweigte Baum, den die Wurzel Jesse hervorbringt, am Ende eine zarte Blume. In seinem neuen Buch zur Kindheitsgeschichte Jesu führt Papst Benedikt aus, daß an diesem Punkt des Stammbaums Jesu etwas ganz Neues beginnt, denn nach der langen Aufzählung von Zeugungen erscheint der, der nicht von einem Mann gezeugt, sondern vom Heiligen Geist aus der Jungfrau Maria hervorgegangen ist.

Eine meiner liebsten Psalmstellen:
Es begegnen einander Huld und Treue;
Gerechtigkeit und Friede küssen sich.
Treue sproßt aus der Erde hervor;
Gerechtigkeit blickt vom Himmel hernieder.
Wann ist das der Fall, daß Gerechtigkeit und Friede sich küssen und Treue aus der Erde hervorsproßt? Zweimal: als Christus geboren wird und als er sein Leben und Opfer am Kreuz vollendet. Der Reis aus Isais Wurzel, den die Erde hervorbringt, wird einmal der Baum des Kreuzes.

Dienstag, 18. Dezember 2012

3. Woche im Advent – der Herr ist nahe

Etwas verspätet zum 3. Adventssonntag: über den Lesungen sind meine Gedanken ins Wandern geraten. Aus irgendeinem Grund fällt mir zu Gaudete regelmäßig die wunderschöne Lesung des Apostels Freut euch im Herrn allerwege zu, und wie ich so am Ambo stand, fragte ich mich beim Lesen ein wenig, wie man das gerade in solchen Tagen den Menschen zurufen soll, denen angesichts der Ermordung so vieler unschuldiger Kinder und ihrer Lehrerinnen womöglich eher danach zumute wäre, das Stabat mater anzustimmen.

Andererseits, vergegenwärtigen wir uns, aus welcher Situation heraus der Apostel das geschrieben hat – eingekerkert. Und doch schreibt er: Freut euch! und Eure Güte werde allen Menschen bekannt, der Herr ist nahe. Offenbar hat auch er sich dem Herrn nahe gefühlt, vielleicht, weil er dachte, daß er ihn bald so schauen wird, wie er es beschrieben hat: von Angesicht zu Angesicht, nicht mehr wie durch einen dunklen Kristall; vielleicht, weil ihm Gott in der Dunkelheit des Gefängnisses (die im übertragenen Sinne kein Kerker aus Stein zu sein braucht) nahe war. So können auch die, die sich im Dunkel fühlen oder tatsächlich im Dunkel sind, sich darauf stützen, daß Gott ihnen nahe ist, sie nicht allein läßt in der Dunkelheit.

Wenn wir in den nächsten Tagen die Antiphon O Schlüssel Davids singen, in der es heißt, o komm und öffne den Kerker der Finsternis und die Fessel des Todes!,  werde ich an die Menschen denken, die gerade jetzt in der Finsternis sitzen und den Schatten des Todes auf sich spüren.

Schlafmangel und eine Gnadenvergiftung machens möglich…


was ich las…

was es tatsächlich war…

Die Kirche weihnachtlich schmücken – wie früh ist zu früh?

Im letzten Jahr dachte ich mir in Bezug auf dreieinhalb Wochen (bei genauerem Hinsehen waren es sogar nur drei), lächle und sei froh, denn es könnte schlimmer kommen. Und ich lächelte und war froh – und es kam schlimmer. Zuerst mit einem Adventskranz, von dem ich vorher eigentlich ein Foto einstellen wollte, weil er früher™ immer wirklich hübsch war, zu dem mir aber in diesem Jahr nur Adjektive einfielen, die irgendwie auf „-süchtig“ herauskamen, um nur schwindsüchtig und magersüchtig zu nennen. Also, wer hat denn da wieder an einer Handvoll Reisig gespart und warum gerade an dieser Stelle? Seit gestern vormittag sind nun Bäume und Krippe aufgestellt. Während Baum und schmückendes Tannengrün nun eine Woche vor sich hintrocknen (dafür nadelt der Adventskranz mangels Masse ja so gut wie gar nicht) fragt man sich angesichts der Krippenfiguren, was will man uns denn bitte damit sagen?

Daß dieser verfrühte Aufzug schon das zweite Jahr in Folge zu blödsinnigen Einlagen geführt hat, wie der Nachfrage einer Dame, wieso denn Baum und Krippe noch nicht beleuchtet seien, überall woanders wäre das schließlich der Fall, und sie wolle sich beschweren, nimmt mich nicht einmal wunder. Und wenn der Aufbau der Krippenfiguren wirklich an so randständige Bedingungen geknüpft ist wie die, daß Herr Hupfelpupf und Frau Itzenplitz „vor dem Fest“ leider nur noch an diesem Tag Zeit dafür haben, wäre vielleicht zu überlegen, ob man den Kirchenschmuck nicht vielleicht lieber mit Leuten bewerkstelligt, die es zu einer Zeit, die näher am Fest liegt, möglich machen können. Solche gibt es sicherlich und eine Krippenfigur kann fast jeder schleppen, wieso eigentlich nicht am 23. abends oder am 24. morgens? Anderswo haben wir das mit sehr viel weniger „Man- (oder Woman)power“, dafür aber mit Leuten, denen die Liturgie am Herzen lag, immer geschafft.

Das Bewußtsein, daß der Heiligabend bis zur Vesperzeit eigentlich ein Arbeitstag ist, hat sich außer in Klöstern und bei meinem Vater offenbar nur noch im Bewußtsein derer erhalten, die morgens noch schnell ins KadeWe müssen, um dort einen Karpfen einen schnellen Tod sterben zu sehen. Anderswo regt man sich über die verfrühte Weihnachtsdekoration auf, im Hause Gottes kann man es offenbar aber auch nicht richten. Entschuldigt, das mußte einfach raus. – Um die Frage oben zu beantworten: der Tag, an dem wir die erste O-Antiphon singen, ist jedenfalls zu früh.

O Adonai


O Adonai,
Herr und Führer des Hauses Israel –
im flammenden Dornbusch bist du dem Mose erschienen
und hast ihm auf dem Berg das Gesetz gegeben:
o komm und befreie uns mit deinem starken Arm!

Manche Darstellungen in der christlichen Ikonographie zeigen den brennenden Dornbusch, der die Gottesmutter mit dem Erlöser hervorbringt. Der Dornbusch ist der Ort, an dem Gott dem Mose seinen Namen und sein Wesen offenbart hat: Ich bin, der ich bin oder auch Ich bin der Ich-bin-da.

O Adonai ist eine der uralten messianischen Anreden, die den Glauben und das tiefe Vertrauen zum Ausdruck bringen, daß der Erlöser wirklich Gott und die Erfüllung der Verheißung ist: O Herr und Führer des Hauses Israel. Wie zugleich der Dornbusch, der brennt und doch nicht verbrennt, ein Bild des Leibes und Herzens Jesu ist, der sein Blut für uns verströmt hat – und doch nährt es uns noch immer. Der sich in überströmender Liebe für uns dahingegeben hat und doch verzehrt sich diese Liebe nicht, noch brennt sie aus und erlischt. Der ein kleiner Mensch wurde und doch durch sein Leben und Sterben, durch sein kostbares Blut, die vielen erlöst hat.

Montag, 17. Dezember 2012

Glanz strahlt von der Krippe auf – die O-Antiphonen

Aus dem letzten Beitrag ist es schon ersichtlich: auch in diesem Jahr mache ich auf Braut des Lammes wieder das „Adventshäuschen“, dessen Türen die O-Antiphonen sind (sowas kann man sich als eine Art besonderen Adventskalender auch sehr schön selber basteln).

Mit der Antiphon O Sapientia (O Weisheit) tritt die Kirche in jene gnadenvolle Woche vor dem Fest der Geburt Jesu Christi ein und vereinigt die Stimmen ihrer Gläubigen zu jenem machtvollen, immer drängender werdenden Flehen: komm!

Die auch die Antiphon O virgo virginum singen, haben sogar eine ganze Oktav, da sie bereits am 16. Dezember mit dem Gesang der O-Antiphonen beginnen. Als Jungfrau freue ich mich natürlich, wenn der Gottesmutter der wunderschöne alte Titel der Jungfrau über allen Jungfrauen verliehen wird, mit dem wir sie auch in der Allerheiligenlitanei anrufen; indes ist der Gesang der Antiphon O virgo virginum bei uns nicht Brauch[1], und Bestreben des Stundengebets ist ja, seine Stimme mit dem gemeinschaftlichen Beten der Kirche zu erheben, die (wie in diesem Falle die Beterin) die Braut Christi ist, deren Stimme zu ihrem Bräutigam spricht. Ich werde aber auch zu der Antiphon O virgo eine kleine Betrachtung schreiben.

In dieser letzten Woche vor dem Christfest sind wir der Krippe schon so nah, daß der alte Hymnus Veni redemptor gentium der Adventszeit nun auch den Vers Glanz strahlt von der Krippe auf anstimmt (und die Doxologie zum Lobpreis und Dank für alles uns an Heil aus der Menschwerdung erwachsene) – wir sind der Krippe schon so nahe, daß wir den Glanz sehen können, der sie umstrahlt. Möge ein wenig von dem Glanz der Krippe auch auf unsere Herzen fallen.

Glanz strahlt von der Krippe auf,
neues Licht entströmt der Nacht.
Nun obsiegt kein Dunkel mehr,
und der Glaube trägt das Licht.

Gott dem Vater Ehr und Preis
und dem Sohne Jesus Christ;
Lob sei Gott dem Heilgen Geist
jetzt und ewig, Amen.


 _____
[1] sondern in den angelsächsischen Ländern

O Weisheit


O Weisheit, 
hervorgegangen aus dem Munde des Höchsten –
die Welt umspannst du von einem Ende zum anderen,
in Kraft und Milde ordnest du alles:
o komm und offenbare uns den Weg der Weisheit und Einsicht!

Aus dem Munde des Höchsten geht die Weisheit hervor, das fleischgewordene Wort. Der Apostel Paulus nennt Christus den Erstgeborenen der ganzen Schöpfung: er ist vor aller Schöpfung, in ihm hat alles Bestand.

O Weisheit, hervorgegangen aus dem Munde des Höchsten – so beginnt die Zeit, in der wir in die gnadenvolle Oktav vor dem Weihnachtsfest eintreten, mit dem Blick auf ihre Erfüllung:
Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott.
Im Anfang war es bei Gott.
Alles ist durch das Wort geworden, und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist.
In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen.
Und das Licht leuchtet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht erfaßt.

Sonntag, 16. Dezember 2012

Schiff der Verdammten − Dark Star

kultige Spezialeffekte der 70er Jahre −
die Dark Star im Magnetsturm
Daß 3sat John Carpenters Dark Star im Themenschwerpunkt „Endzeit“ zeigt, nimmt mich etwas wunder, ist doch die Dark Star viel eher ein Narrenschiff oder auch das Schiff der hochdepressiven Verdammten:

Pinback, der eigentlich nicht Pinback ist und daher ganz woanders sein sollte und auch wollte; Boiler, der die Dark Star und deren Mission als überdimensionales Ballerspiel nimmt (weshalb auch die fünfundneuzigprozentige Wahrscheinlichkeit für intelligentes Leben im Pferdekopfnebel nicht die Bohne interessiert, man will lieber weiterballern); Talby, der sich zunehmend in der Weite des Weltalls und seiner Wunder zu verlieren scheint, und schließlich der Kapitän des Raumschiffs, der nicht nur depressiv, sondern auch noch tot und eingefroren ist. Auf Doolittle kann ich mich außer seiner Vorliebe fürs Surfen grad nicht so recht besinnen, wahrscheinlich war er auch irgendwie merkwürdig, wie sollte er auch nicht?

Kritiker haben diesen Film als Persiflage auf Kubricks 2001 genommen. Ich muß sagen, ich mich bei dieser Persiflage zu jeder Zeit ungleich viel besser unterhalten als bei 2001. Letzteren Film hält man in seiner unendlichen Schwerfälligkeit und Langweiligkeit wahrscheinlich nur unter dem Einfluß bewußtseinsverändernder Substanzen aus  − so weit wollte ich dann doch nicht gehen.

Dark Star ist zwar todkomisch, (als ich vor Jahren mit einem Freund über die Szene mit dem Aufzugsreinigungsprogramm sprach, haben wir beide Tränen gelacht), es ist aber meistenteils das abgründige Lachen der Verzweiflung, wenn man etwa an die Art denkt, wie mit den beiden offenbar unterwegs aufgetanen Aliens an Bord − ein Lichtspiel und ein Wasserball mit Krallen − umgegangen wird. Beide sind nicht weniger Gefangene an Bord als die Besatzung selbst (seit zwanzig Jahren!), darum wundert es auch nicht weiter, daß der Wasserball sich die Zeit damit vertreibt, seinen Wärter zu quälen, der ihm daraufhin mit einem Besenstiel und einem Betäubungsgewehr den Garaus macht. Faszinierend sind die Verhandlungen mit der Bombe Nr. 20, die schließlich ein wenig zuviel Philosophie lernt und daraus die entsprechenden Konsequenzen zieht, und die Art, wie sich für Doolittle und Talby ihre Träume erfüllen − allerdings auf eine Art, die irgendwie an die Geschichte mit der Affenpfote erinnert.

Wer mag, 3sat zeigt Dark Star heute um 23 Uhr, der Film ist unbedingt empfehlenswert.

Samstag, 15. Dezember 2012

Gute Nacht!

Advent gleich bei mir um die Ecke

In Frieden leg ich mich nieder und schlafe ein, denn du allein, Herr, läßt mich sorglos ruhen. (Ps. 4)

Gaudete

rosa Lebkuchen kann man eigentlich nur zu Gaudete essen
Das Schöne an der Liturgie der Kirche ist, daß einem immer wieder etwas neues und anderes auffällt. Vorhin hab ich in meinem Antiphonale gesehen, daß die Antiphon zum Benedictus morgen früh, die die Frage des Johannes an Jesus enthält, Bist du es, der da kommen soll oder müssen wir auf einen anderen warten?, bei diesen Worten denselben Tonsprung macht wie in dem Introitus Puer natus est, den wir am Christfest singen – ein Stück „Durchschimmern“ des weißen Festgeheimnisses durch das Violett des Advents auch hier. Allen Lesern einen gesegneten Gaudetesonntag.


Genesis revisited

Vnd Gott der HERRE sprach:  Es ist nicht gut, das der schneemann alleyn
sey, ich will yhm eyn gehulfen gegen yhm machen, die sich zu jm halte.

Freitag, 14. Dezember 2012

Die dunkle Nacht und der Morgenstern – zum Fest des hl. Johannes vom Kreuz

El Grecos Blick auf  die Stadt Toledo
zu der Zeit des hl. Johannes vom Kreuz
(El Greco und der Heilige waren fast gleichaltrig)
In einer winzigen Zelle von etwa zwei mal drei Metern im Ordensgefängnis von Toledo ungerechterweise von den eigenen Mitbrüdern eingekerkert und schwer mißhandelt, war es dem hl. Johannes vom Kreuz möglich, seinen geistlichen Gesang zu schreiben, neunundreißig Verse, die zugleich anrührend wie auch Klage sind: es ist die Klage der Seele, die Gott sucht, aber er scheint im Dunkel der Nacht an der Tür vorübergegangen. Die Stimme der Braut, die den Bräutigam sucht, aber nicht mehr finden kann: Sagt ihm, daß ich krank bin, leide und sterbe.
Ich öffnete meinem Geliebten: Doch der Geliebte war weg, verschwunden. Mir stockte der Atem: er war weg. Ich suchte ihn, ich fand ihn nicht. Ich rief ihn, er antwortete nicht. Da fanden mich die Wächter bei ihrer Runde durch die Stadt; sie schlugen, sie verletzten mich. Den Mantel entrissen sie mir, die Wächter der Mauern. Ich beschwöre euch, Jerusalems Töchter: Wenn ihr meinen Geliebten findet, sagt ihm, daß ich vor Liebe krank bin. (Hld 5,6)
In dieses Gefängnis hatte man den Heiligen im Dezember 1577 nach seiner Gefangennahme in Avila von dort aus geführt, durch unwegsame Landschaft, mit verbundenen Augen. Am Ziel erwarteten ihn eine winzige Zelle, die eigentlich eine Vorratskammer war, mit einem ebenfalls winzigen Fenster weit über Augenhöhe, und mehrmals täglich Prügel durch die eigenen Mitbrüder. Wäre er nicht eines Tages geflohen, man weiß nicht, wie es ausgegangen wäre. Das Beispiel des Heiligen zeigt vielleicht, daß man nicht jedes Unrecht beliebig lang erdulden muß – es muß nicht etwas allein schon deshalb das Kreuz sein, weil es widerwärtig ist. Allein, daß der Heilige es aushalten konnte und dabei weder bitter noch irre wurde, zeigt, wie sehr ihm Gott auch in der Dunkel der Nacht tatsächlich nahe war.
Wo hast du dich verborgen,
Geliebter, und ließest mich mit Seufzen?
Wie ein Hirsch entflohst du,
hattest mich verwundet;
ich ging hinaus und schrie nach dir, doch du warst fort. 
Hirten, die ihr dort
durch die Schafspferche zur Höhe geht,
wenn ihr durch gutes Geschick ihn seht,
den ich am meisten liebe,
sagt ihm, daß ich krank bin, leide und sterbe. 
Meine Liebe suchend,
gehe ich durch diese Berge und Auen;
ich pflücke keine Blumen
noch fürchte ich die wilden Tiere,
und überschreiten werde ich Wehre und Grenzen. (geistlicher Gesang, 1-3)
Daß es dem hl. Johannes möglich war, inmitten solcher Umstände so etwas zu schreiben, ist zugleich wunderbar wie ein ernsthafter Fingerzeig für alle, die sich intensiv auf die Suche nach Gott und das Leben mit ihm einlassen. Überhalb der dunklen Nacht der Seele strahlt ein Stern, der ihm Wegweiser ist. Sieht man ihn wieder, weiß man, daß er immer da war, man hat ihn nur zwischendurch nicht gesehen.

Donnerstag, 13. Dezember 2012

zum Fest der hl. Lucia

Leben und Martyrium der hl. Lucia,
Quirizio da Murano, um 1462


Heilige Lucia, du Braut des Herrn! Weil du standhaft bliebst, hast du das Leben gewonnen. Den Reichtum dieser Welt hast du verachtet und durch dein Blut den Feind besiegt. Nun strahlt dein Licht inmitten der Engel. (Antiphon zum Magnificat)
Heute ist der Gedenktag der heiligen Jungfrau und Märtyrin Lucia, die im Kanon des ersten Hochgebets genannt wird.

Das Bildnis Quirizio da Muranos in Venedig zeigt Ereignisse aus dem Leben der Heiligen, wie ihr Gebet am Grab der heiligen Jungfrau Agatha von Catania – ebenfalls eine sizilianische Jungfrau und Märtyrin –, die Zurückweisung eines irdischen Bräutigams um Christi willen, wie die Heilige so schwer wurde, daß man sie selbst mit einem Ochsengespann nicht von der Stelle bewegen konnte und natürlich ihr Martyrium. In der Benedictus-Antiphon des Festes hören wir: Ich habe keinem anderen geopfert als dem lebendigen Gott. Nun, da mir nichts mehr geblieben ist, bringe ich mich selbst zum Opfer dar.

Für alle, die sich fragen, was die hl. Lucia eigentlich in Schweden macht, wo sie doch im sizilianischen Syrakus (einer in der Antike mächtigen Stadt) gelebt und das Martyrium erlitten hat: dies geht auf ein Wunder zurück, demzufolge die Heilige einer schwedischen Gutsfrau namens Lucia, die am Fest der Heiligen geboren wurde, in einer schweren Not zur Hilfe kam.
Der irdische Leib der Heiligen, der Hunderte von Jahren in der engen Grabkammer in Syrakusas Katakomben geruht hatte, erfüllte sich mit einem Male mit lebendigem Geist, nahm seine Schönheit und den Gebrauch seiner Glieder wieder an, hüllte sich in ein Kleid, aus Sternenlicht gewoben, und begab sich wiederum in jene Welt hinaus, wo sie einst gelitten und geliebt hatte.
Dabei brachte sie netterweise eine Kupferkanne mit einem „labenden Trank“ ins schwedische Värmland mit. Darauf geht sicherlich das alte Brauchtum in Schweden (und bei den amerikanischen Auswanderern schwedischer Abkunft) zurück, daß morgens eine kleine Lucia die anderen im Haus mit einem Tablett mit Kuchen und einem warmen Getränk aufweckt. Hier ist ein Rezept für einen Luciakranz zum Aufessen:


Luciakranz

für den Teig:
1 1/2 Tassen Milch
2 Päckchen Trockenhefe
1/4 Tasse Zucker
6 Eßlöffel Butter,
2 große Eier
1/4 Tasse Orangensaft
1 Teelöffel geriebene Orangenschale
1 Teelöffel Salz
 

6 Tassen Mehl


fürs Glasieren und Garnieren:
2 1/2 Tassen Puderzucker
etwa 3 Eßlöffel Orangensaft
1/3 Tasse Rosinen oder Cranberries
Kerzen


Die Milch erwärmen und davon eine halbe Tasse  in eine große Schüssel geben. Die Hefe und einen Eßlöffel Zucker zugeben und fünf Minuten gehen lassen. Zwischenzeitlich die Butter schmelzen und in die verbliebene Milch geben. Die Butter-Milch-Mischung zur Hefemischung geben, die Eier, den Saft, eine Vierteltasse Zucker, Orangenschale und Salz hineingeben.

Das Mehl tassenweise unterrühren, bis sich der Teig zu einem Ball formen läßt. Den Teig auf einer bemehlten Arbeitsfläche zehn Minuten lang kneten und nochmals Mehl zugeben und solange kneten, bis er nicht mehr an den Händen kleben bleibt. Den Teil in einer eingefetteten Schüssel bedeckt stehen und an etwa anderthalb Stunden gehen lassen, bis er etwa die doppelte Größe erreicht hat. In drei gleiche Teile teilen und jeden Teil zu einer etwa 75 cm langen Rolle formen und die Rollen miteinander verflechten. Auf einem eingefetteten Backblech anordnen, die Enden miteinander verbinden und nochmals eine dreiviertel Stunde aufgehen lassen. Den Backofen auf etwa 190 °C vorheizen und den Kranz 25 Minuten backen, bis er goldbraun ist, danach auf einem Kuchenrost eine halbe Stunde abkühlen lassen.

Für die Glasur den Puderzucker mit dem Orangensaft gleichmäßig verrühren. Diese Glasur über den Kranz tropfen lassen und dann mit den Rosinen oder Cranberries garnieren; die Kerzen aufstecken.

Mittwoch, 12. Dezember 2012

Fackelfeuer

An dem Ort, aus dem ich komme, gibt es ein jahrhundertealtes Brauchtum, demzufolge man am Heiligenabend zur Feier der Geburt Christi sogenannte Fackelfeuer entzündet. Am Heiligen Abend nach dem Gottesdienst zieht man mit Fackeln – kleine Handfackeln und übermannshohe Schwenkfackeln – auf zwei Berge, den Schloßberg und den Hellesberg, wo die Holzstöße angezündet werden; dabei spielen traditionell Bläser altes adventliches und weihnachtliches Liedgut wie Tochter Zion.

Das Ganze wird übrigens als eine Art Mannschaftssportart betrieben, dergestalt, daß die Stadt in zwei Lager aufgeteilt ist (früher einmal waren es drei), die Tälemer und die Hellesberger. Für beide errichten Freiwillige vorher in mühevoller Arbeit – Arbeitsbeginn am Heiligen Abend: sechs Uhr morgens – je einen Holzstoß mit einem Tannenbaum oben drauf. Die Mannschaft, deren Tannenbaum zuerst umstürzt und ins Feuer fällt, hat verloren. Aus diesem Grund wird natürlich einiges an Ehrgeiz und Arbeit investiert, den eigenen Haufen so zu schichten, daß er möglichst lang und schön brennt. Ist der Fackelhaufen fertig, wird geböllert. Das Holz für die Fackelfeuer wird nach altem Brauch geschlagen, gesammelt und traditionell auch gestohlen, weshalb zu den Schriftlichkeiten aus der Historie des Fackelns auch die Niederschrift mindestens einer Gerichtsverhandlung wegen gestohlenen Fackelholzes gehört.

Als einigermaßen eigenartig ist mir das Jahr in Erinnerung geblieben, als das Fernsehen beim Fackeln drehen wollte. In jenem Jahr lag aber zu Weihnachten nicht genug Schnee, auch paßte es dem Drehteam wohl Heiligabend nicht so gut. Also wurde für Mitte Februar ein zweites Fackelfeuer zum Drehen angesetzt, komplett mit Bläserchorälen und allem, natürlich ohne Gottesdienst vorher und ohne Heiligabend-Würstchen mit Kartoffelsalat und Mitternachtsmesse nachher, und wir stiegen abermals mit Fackeln auf den Berg und sangen Tocher Zion. Da kann einem auch als Kind zu Bewußtsein dringen, wie blödsinnig es ist, einem Brauchtum seine Wurzeln abzuschneiden, um einer Inszenierung willen. Also Fackeln ist ohne Heiligabend nicht komplett und der Heiligabend nicht ohne Fackeln.

Holz fürs Fackeln wird schon einige Zeit vorher gesammelt
historisches Bild vom Fackelfeuerbau
es geht voran beim Aufbau
I'm a lumberjack and I'm OK…
Entzünden der Holzstöße – die größten
Handfackeln sind über fünf Meter lang




Dienstag, 11. Dezember 2012

Jungfräulichkeit und Ehe

Bei diesem Beitrag auf dem Blog von Pro spe salutis kam ich ins Nachdenken. Wie schon dort im Kommentarbereich angemerkt, halte ich die umgangssprachliche Bezeichnung des Hochfestes der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria im Deutschen als „unbefleckte Empfängnis“ manchmal eher für etwas ungünstig, denn über die Bedeutung des Wortes „unbefleckt“ scheinen sich viele nicht recht im klaren. Im-makulata, wörtlich, ohne Makel, heißt, ohne den Makel der Erbsünde empfangen, mit dem der Mensch seit Adams Sündenfall geboren wird. Unbefleckt ist dabei nicht etwa zu verwechseln mit „ohne Zutun eines Mannes“ (durch das sich diejenigen etwa „befleckt“ , also mit Schuld beladen hätten).

Die Kirche lehrt über die Gottesmutter, daß sie von ihren Eltern auf natürliche Weise empfangen und geboren wurde, jedoch ohne den Makel der Erbsünde. Das Wunderbare, das der Geburt der Gottesmutter laut dem Protoevangelium des Jakobus vorangeht ist, daß, wie bei der Geburt ihres Sohnes und im übrigen auch der des Vorläufers, Johannes' des Täufers, Engel von der bevorstehenden Erwartung eines Kindes künden. Das Erscheinen eines Engels ist in der Heiligen Schrift immer Ausdruck des unmittelbaren Willens und Eingreifens Gottes selbst. Zu Maria, so lehrt der hl. Papst Gregor der Große, kam ein Erzengel, denn er brachte die höchste Botschaft.

Die Botschaft des Engels an Anna ist: Du wirst empfangen und gebären, und man wird von deiner Nachkommenschaft reden auf dem ganzen Erdkreis. Als nächstes hören wir von Anna: Jetzt weiß ich, daß Gott der Herr mich reichlich gesegnet hat, denn siehe, die Witwe ist nicht mehr Witwe, und ich, die Kinderlose, siehe, ich habe im Leibe empfangen. Mit einer Umarmung war es also nicht getan, Details des Ehelebens Joachims und Annas zu beschreiben, wäre allerdings unwürdig.

Das Protoevangelium des Jakobus ist nicht im Kanon der Schriften enthalten. In Bezug auf den Schriftkanon hat Pfr. Christoph Karlson vor Jahren in der Akademie einmal ausgeführt:
Warum gibt es wohl vier Evangelien und nicht acht und nicht ein einziges Evangelium? Warum gehört der Clemensbrief nicht dazu? Dafür aber der Hebräerbrief? Der Kanon ist eine Art Notlösung – eine Verteidigung gegen Vereinfacher, gegen Logiker wie Marcion im 2. Jahrhundert, gegen jene, die den Rotstift ansetzen, weil es Dinge gibt in der Freiheit der Kirche, auf die man sich keinen Reim machen kann. Es muß uns zu denken geben, daß die westliche Kirche 15 Jahrhunderte ohne definierten Schriftkanon auskam, erst die Reformation hat hier ja den entscheidenden Anstoß gegeben. Und dieser fehlte im Osten, wo es immer noch keinen wirklich verbindlichen Kanon gibt, wir wissen um altorientalische Kirchen, wie die Äthiopier, die selbstverständlich an ihrem Henochbuch festhalten. Der Kanon ist offensichtlich nicht exklusiv zu verstehen – sondern gewissermaßen minimalistisch: wenigstens diese Schriften sind unter dem Anhauch des Heiligen Geistes geworden.
Man kann sich also durchaus einmal darüber wundern, warum etwas nicht Eingang in den Kanon der Schrift gefunden hat, man kann meines Erachtens aber aus der Tatsache, daß etwas nicht zum Kanon gehört, nicht ableiten, die Schrift per se als legendarisch oder gar unwahr anzusehen. Zumal sie manchmal in Wiedergaben auch oft noch eine gewisse Mutation erfährt, da der genaue Wortlaut oft wenig bekannt ist, schon weil diese Schriften nicht beständig in der Liturgie dem Volk Gottes vorgelesen werden.

So habe ich jüngst mit einiger Überraschung gehört, das Jakobusevangelium berichte, daß Maria zu den Tempeljungfrauen gehört habe – nur hätte es im Tempel aber gar keine Tempeljungfrauen gegeben. Das ist meines Erachtens halb falsch und halb richtig. Es stimmt, daß es im Tempel keine Tempeljungfrauen gegeben hat. Indes steht das aber auch nicht bei Jakobus. Dort wird berichtet, daß die Eltern Marias die dreijährige Maria dem Tempel zur Obhut gaben, um das Gelöbnis zu erfüllen, das sie Gott gegenüber getan hatten. Sie lebte daher Jakobus zufolge im Tempel, obwohl dies sonst nicht der Brauch war.

Die Kirche macht keine Aussage darüber, daß die Eltern Mariens nicht ein ganz normales Eheleben geführt hätten; es scheint allerdings auch nicht weiter von Interesse – der Stammbaum Jesu erwähnt die Eltern Mariens nicht einmal. Glaubenslehre der Kirche ist, daß Maria Christus jungfräulich empfangen und geboren hat, denn sie erfüllt die Verheißung des Propheten Jesaja: Seht, die Jungfrau wird ein Kind empfangen, sie wird einen Sohn gebären, und sie wird ihm den Namen Immanuel – Gott mit uns – geben. Diesen Sohn nennt die Kirche den Sohn der jungfräulichen Mutter und den Bräutigam derer, die im Stand der Jungfräulichkeit leben.

Es ist nicht Leibfeindlichkeit, daß die Kirche die Jungfräulichkeit um des Himmelreiches willen hochschätzt und sie als etwas Erhabenes ansieht, das sonst nur den Engeln gegeben ist. In der Tat lehrt die Kirche hierzu, was bereits im Konzil von Trient dogmatisch festgelegt wurde:
Wer sagt, der Ehestand sei dem Stand der Jungfräulichkeit oder des Zölibates vorzuziehen, und es sei nicht besser und seliger, in der Jungfräulichkeit und dem Zölibat zu bleiben, als sich in der Ehe zu verbinden: der sei anathema (ausgeschlossen).[1]
Ich schreibe das nicht aus einem gewissen Dünkel heraus, mir scheint lediglich, daß manche Dinge viel zu selten gesagt werden und ihre leise Stimme daher im Lärm anderer unterzugehen scheint. Mit dem Niedergang der Hochschätzung der Jungfräulichkeit als Wert geht auch der Niedergang der Wertschätzung des zölibatären Priestertums einher, das kann man, glaub ich, eindeutig feststellen.

Wenn wir dagegen auf das schauen, was uns vom Herrn selbst vorgelebt und überliefert wird, so finden wir: Nicht alle können dieses Wort erfassen, sondern nur die, denen es gegeben ist. Denn es ist so: Manche sind von Geburt an zur Ehe unfähig, manche sind von den Menschen dazu gemacht und manche haben sich selbst dazu gemacht – um des Himmelreiches willen. Wer das erfassen kann, der erfasse es.

Manche haben sich selbst dazu gemacht… – der Apostel zog bekanntlich die Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen anderen Lebensformen so sehr vor, daß er wünschte, alle könnten es erfassen, indes klar vor Augen hatte, daß es eben nicht allen gegeben ist. Aus diesem Grunde nennt man beide Lebensformen, die Ehelosigkeit wie die Verbindung zweier Menschen in der Ehe, keusch, die Jungfräulichkeit um des Himmelreiches willen wird auch vollendete Keuschheit genannt.

Und doch stehen sich Jungfräulichkeit und die Ehe nicht feindlich oder sich gegenseitig verachtend gegenüber, denn der Jungfräuliche um des Himmelreiches willen sucht in den Augen der Kirche einzig, was das Sakrament der Ehe bedeutet: die Verbindung Christi mit seiner Kirche. Ohne die Verbindung christliche Eheleute gäbe es wiederum keine Kinder, die wiederum einmal ihr Leben Gott weihen oder selbst christliche Eheleute werden.

Jungfräulichkeit oder ein eheloses Leben um des Himmelreiches gewählt zu haben, beziehungsweise von Gott dazu erwählt worden zu sein, bedeutet nicht Leibfeindlichkeit. Es bedeutet manchesmal allerdings tatsächlich, seine Augen und seine Gedanken in eine andere Richtung zu wenden, hin zu Christus, denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz.

_____
[1] Can. 10. Si quis dixerit, statum coniugalem anteponendum esse statui virginitatis vel caelibatus, et non esse melius ac beatius, manere in virginitate aut caelibatu, quam iungi matrimonio [cf. Mt 19,11s; 1 Cor 7,25s 38 40]: anathema sit.
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