Freitag, 31. August 2012

Der Täufer und die Erstlingsgaben

Die Feste Johannes' des Täufers haben eine eigene, schöne Präfation:
In Wahrheit ist es würdig und recht, dir, allmächtiger Vater, zu danken und am Fest des heiligen Johannes das Werk deiner Gnade zu rühmen. Du hast ihn geehrt vor allen, die je eine Frau geboren hat, schon im Mutterschoß erfuhr er das kommende Heil, seine Geburt erfüllte viele mit Freude. Als einziger der Propheten schaute er den Erlöser und zeigte hin auf das Lamm, das die Sünde der Welt hinwegnimmt. Im Jordan taufte er Christus, der seiner Kirche die Taufe geschenkt hat, so wurde das Wasser zum heiligen Quell des ewigen Lebens. Bis an sein Ende gab Johannes Zeugnis für das Licht und besiegelte mit dem Blut seine Treue.

Wenn ich den Altar abräume, schaue ich, quasi als „letzten Gruß“ bei der Kniebeuge auf den Tabernakel, in dem Christus selbst gegenwärtig ist. Seltener blicke ich auf die Blumen; wie man weiß, gehöre ich auch eher zur Sorte der Blindfische. Diese Zeiten, in denen ich wie Marilyn Monroe in Wie angelt man sich einen Millionär? herumwandere und graue Poller für Katzen halte, die am Straßenrand sitzen und gestreichelt werden wollen, neigen sich allerdings dem Ende zu, da ich demnächst eine Fernbrille erschwingen kann. Kommentar beim Sehtest: „Sie werden sich wundern, was Sie da noch alles sehen können!“ Stimmt, ich trat ans Fenster und hab mich gewundert. Daß unscharf sehen manchmal auch eine Gnade sein kann, hab ich ja schon öfter postuliert.

Kurz vor dem Fest der Enthauptung des Täufers wurde jedenfalls ruchbar, daß auf dem Altar der Unterkirche gerade Plastikblumen ihr Dasein fristen. Häßliche, gelbliche übrigens noch dazu, falls es überhaupt schöne Plastikblumen geben kann. Also bitte, das geht ja gar nicht! Irgendwie meinte ich, daß in der AEM etwas dazu stünde, daß der Blumenschmuck wenigstens irgendwann einmal gelebt haben soll (stimmt aber nicht. Irgendwo steht es womöglich, ich finde die Stelle, die ich meine, allerdings momentan nicht wieder). Irgendwie finde ich, sagt einem das aber auch das Empfinden eines Katholiken: für den Altar sollte nach Vermögen das Beste gut genug sein: so nehmen wir etwa echte Wachskerzen, die „der Fleiß der Bienen bereitet hat“, Tücher und Tüchlein aus Leinen und Spitze, und speisen das ewige Licht mit Öl. Dann sollte man auch echte Blumen oder wenigstens Immergrün und Zweige nehmen. Es kommt nicht darauf an, daß es teuer war, sondern daß Blumen und Bäume eine Gabe der Schöpfung Gottes sind.

Also hab ich mich vor der Messe am Mittwoch auf den Weg gemacht – schließlich hat die Natur ja gerade in Hülle und Fülle zu bieten. Blumen zu pflücken und durch die Gegend zu tragen, erhebt immer die Stimmung, auch der Entgegenkommenden (vielleicht, weil ich mich dabei so freue). Kurz vor der Kathedrale hat sich noch ein kleines Kind in fremden Zungen an den Blumen erbaut und mit dem Finger draufgezeigt.


So sieht das Ergebnis aus. [1] Blumen: echt. Kosten: gar keine. Bereitete Freude: viel. Da es Wildblumen sind, halten sie sich vielleicht nicht lange; macht nichts, dann pflück ich eben neue. Solche Blumen sind in gewisser Weise die Erstlingsgabe der Schöpfung, wie auch der Täufer als Märtyrer und jungfräulich Lebender eine solche Erstlingsgabe an Gott war. – Daß der Zelebrant dann die Präfation über den hl. Johannes sehr schön gesungen hat, war sozusagen die Schlagsahne auf den Erdbeeren dieses Tages.

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[1] Die beiden Vasen verströmen freilich den ungebremsten Charme der siebziger Jahre. Die Alternative wären aber solche gewesen, die aussehen wie Urnen.

Donnerstag, 30. August 2012

Einer der italienischen Momente im Leben…

…der heiligen Familie. Pizzaheiligenscheine!
(Die Flucht nach Ägypten von Juan de Borgona)

Jesus is on the floor



Ein Video über den Empfang der Mundkommunion, das ich ergreifend finde. (Bonuspunkte für hohen Mantillafaktor!) Das ist wirklich ein sehr guter Grund, die heilige Kommunion direkt auf die Zunge zu empfangen. Das Gebet des Kommunionkindes, das im Film wiederholt wird, ist eines der Gebete von Fatima:
My God, I believe, I adore, I trust and I love thee! I beg pardon for all those that do not believe, do not adore, do not trust and do not love thee.

O mein Gott, ich glaube an dich, ich bete dich an, ich hoffe auf dich und ich liebe dich. Ich bitte dich um Vergebung für all jene, die nicht an dich glauben, dich nicht anbeten, nicht auf dich hoffen und dich nicht lieben.

Mittwoch, 29. August 2012

Die rosa Gefahr… – eine Fotostory

Vorher: so ein Überraschungsei ist ja viel billiger – und
irgendwie kleiner –, als ich dachte, und es steht auch gar nicht
das drauf, weswegen einigen schier der Schaum vorm Mund
stand: „Nur für Mädchen". Mein Kommentar, als ich an
den Eiern vorbeikam: „Oh, da sind ja die Mädcheneier!“
Dreht sich ein kleiner Junge um, der da stand und sagt:
 „Ich hab auch eins gekauft!“ Na also, geht doch!
Kinder sind, glaub ich, wesentlich unkomplizierter
als Genderforscherinnen.
Nach Öffnung des Eies: da ist ja gar kein rosa? Oooch!
Wahrscheinlich nur in jedem siebten Ei…
Oh, ein Spirograph! Als Kind hatte ich sowas.  Ein
ausgesprochen mathematisches Spielzeug: man kann,
wenn man einen Schreibstift durch die Löcher steckt,
geometrische Figuren zeichnen.[1] Ich hätte nicht gedacht,
daß ich in diesem Leben nochmal mit sowas spiele. Jetzt
jedenfalls  tue ich es,  schon weil mir das Grinsegesicht gefällt
(im Ei lag auch noch eine traurige Ellipse).
Mittlerweile, beim selben Einkauf, wird offenbar, wo die
rosa Gefahr tatsächlich zu finden ist: an diesem Produkt,
das übrigens tatsächlich nur für Mädchen und Frauen ist.
Das ist etwas, worum sich EMMA und die Genderforschung
mal dringend kümmern müßten!
Schon ist alles rosa…
…demnächst sieht die Wohnung (und mein Leben) so aus…
…darauf, dachte ich, gönne ich mir noch einen Espresso
und ein rosa Marshmallow.

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[1] Das Mädchen, das auf der Bauanleitung mit dem Spirographen malt, hat übrigens kurze Haare und ist auch nicht rosa angezogen. Vielleicht läßt sich da ja noch was machen.

Dienstag, 28. August 2012

Guck mal, die Haare!

Da ich seit Tagen aus verschiedensten Anlässen das Thema in meinem Herzen bewege und auch grad die Haare schön hab, hier mein Bild des Tages, von Quentin Matsys. Diese Jungfrau mit dem langen roten Haar scheint der Künstler besonders gern gehabt zu haben, denn er hat sie mehrere Male gemalt, unten mit dem klassischen, blauen Mantel. Beide Bilder entstanden um 1500 und auf beiden treiben die Engelchen oben irgendwelchen Unfug mit dem Schmuck des Portikus.



Im Detail sieht man besser, daß auch
das Christuskind rote Haare hat.

Montag, 27. August 2012

Danke! :)




Ein denkbar ungewöhnlicher Ort, an dem einem die Robusta kurz durch den Kopf gehen kann, ist sicherlich die Altarinsel einer Kathedrale. Irgendeinen dieser Preise zu gewinnen, geschweige denn zweimal Gold und einmal Bronze, wäre nämlich nicht möglich gewesen, ohne den, von dem alles ausgeht und zu dem es wieder hinstrebt, Christus selbst. Warum mir das gerade auf der Altarinsel eingefallen ist (wenn auch nicht zum ersten Mal)? Wir haben aus dem sehr schönen Lied Liebster Jesu, wir sind hier gesungen:
Unser Wissen und Verstand
ist mit Finsternis umhüllet,
wo nicht deines Geistes Hand
uns mit hellem Licht erfüllet.
Gutes denken, Gutes dichten,
mußt du selbst in uns verrichten.
Ja, das ists. Also sag ich einfach nochmals danke, den Lesern, die so nett waren und dafür gestimmt haben, dem Auslober und Organisator des Schwester-Robusta-Preises, und auch und gerade an Gott, denn eigentlich ist es sein Blogpreis.

Sonntag, 26. August 2012

Lebwohl, Neil Armstrong!


Etwas von Neil Armstrong, das noch sehr lange bleiben wird: der erste Fußabdruck des Menschen auf einem anderen Himmelskörper. Da auf dem Mond kein Wind weht, ist er bis heute unverändert erhalten. Buzz Aldrin hat dieses Foto gemacht, es ist mir von Kindheit her vertraut. Der zu den Sternen geflogen ist, um diesen Schritt für den Menschen zu unternehmen und es, aller Wahrscheinlichkeit zum Trotz, getan hat, sieht die Sterne nun vielleicht von einer ganz anderen Perspektive aus. Was für eine Leistung! Lebwohl, Neil Armstrong und auf Wiedersehen.

Samstag, 25. August 2012

Die Farbe Rosa

Jetzt ist es raus, Rosa macht dümmer − jedenfalls findet die Zeitschrift EMMA, auf Spielzeug und Süßkram, der vorwiegend rosa ist, gehöre eigentlich dieser Warnhinweis. Fallen da demnächst auch die von mir gerade bevorzugten rosa Kokosmarshmallows drunter oder darf ich die weiteressen, ohne mir einen aufgedruckten Hinweis auf die bestehende Möglichkeit allmählicher Verblödung gefallen lassen zu müssen? Danke!

Von jeglichem Rosa geht offenbar die Gefahr steter Degeneration aus: erst kommt ein rosa Knuddelhäschen, dann der rosa Bauklotz, schließlich eine rosa Puppenküche und am Ende der Geschichte sitzt die Probandin, die eben noch rosa Überraschungseier verputzt hat, in einem Wohnzimmer, das aussieht wie unten oder wird womöglich tatsächlich Ballerina und trägt weiterhin rosa Ballerinenschläppchen und Tutus. Nebenbei bemerkt, was genau wäre eigentlich daran so überaus schrecklich?

Anlaß für die feministische Empörung[1] bietet im (rosa?) Sommerloch das rosa Kinderüberraschungsei mit Blümchenaufdruck, das es seit kurzem zu kaufen gibt. Was da drin ist? Offenbar wahrhaft Ungeheuerliches: Feenfigürchen, Blumenringe und bunte Armbänder mit Tiermotiven… − mit einem Wort, all der Glitzer- und Spielkram, nach dem kleinen Mädchen im allgemeinen der Sinn steht und der ihr Hirn, will man EMMA Glauben schenken, am Ende völlig „vermüllt“. So ist etwa die Hello-Kitty-Katze auch pfui-bäh. Also dazu fällt mir wirklich nur noch ein, ach Mensch, ihr ollen Spaßbremsen! Es erinnert mich an den Mann, der mich einmal in der U-Bahn auf meinen Hello-Kitty-Rucksack angesprochen hat und der ihn für „nicht passend“ fand. Wahrscheinlich hätte er gern selbst einen gehabt.

Ich hätt mir ja glatt so ein rosa Ei gekauft (jetzt grade!, vielleicht ist mein Gehirn auch schon hinreichend vermüllt), allerdings mag ich Vollmilchschokolade nicht und ob es das Ei auch in einer Zartbitterversion gibt, konnte ich noch nicht eruieren. Hoffentlich ist wenigstens das Plastikei innendrin auch rosa oder wenigstens ordentlich glitzerig! ;)

Das Schlimme daran sei zufolge einer vom Focus-Magazin bemühten Genderforscherin, daß Mädchen auf diese Weise früh an ein bestimmtes Bild von Weiblichkeit gewöhnt würden. Abgesehen davon, daß es wünschenswert erscheint, Mädchen sich überhaupt mit irgendeinem Bild von Weiblichkeit identifizieren zu lassen − schließlich sind sie weiblich und sollten das auch nach Herzenslust sein dürfen −: wer Feenflügel und Glitzerkram toll findet, kann deswegen trotzdem später Flugzeuge fliegen, Software programmieren oder Herzoperationen durchführen. Sie kann aber auch gern Cupcakes backen, Kinder bekommen oder einer Berufung zum zölibatären Leben folgen. Manchmal kann sie sogar das meiste davon auf einmal (Flugzeuge, Feenflügel und Cupcakes etwa lassen sich ziemlich gut kombinieren), manchmal geht nicht alles zusammen. Wie es auch immer kommt: Mädchen − und Frauen − sollten es sich selbst aussuchen dürfen. Und wenn sie rosa Sachen wollen, das auch. Insofern gehören diese Dinge nicht zu den Sachen, die die Welt nicht braucht, wie EMMA behauptet, sondern zu denen, die sie offenbar braucht, denn sie bereiten den Menschen Freude.

Stevie Schmiedel, eine andere Genderforscherin, spricht dagegen von Pinkifizierung. Angeblich schriebe die Farbe Rosa den Mädchen ein bestimmtes Mädchenbild vor. Ich wage zu behaupten, es ist genau umgekehrt: Girliespielkram madig zu machen ist ein Versuch, den Mädchen ein bestimmtes Bild vorzuschreiben. Das einer Welt, in dem ihnen nicht gefallen darf, was ihnen gefällt. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Pink stinks? Was mir irgendwie stinkt, ist, daß schon seit einiger Zeit Feminismus, der einmal der Einsatz für Rechte und Würde der Frauen bedeutet hat, zunehmend als humorloser Gesinnungsterrorismus daherkommt. Daß kleine Mädchen sich ein rosa Einhorn oder Feenflügel und Zauberstab als Geschenk wünschen, erlaubt ihr gerade noch? Scheints nicht.

Wie schon mal zum Ausdruck gebracht, manchmal hab ich das Gefühl, der schlimmste Alptraum dieses ganzen Durchgegenderes wäre es, daß sich jemand in und mit seinem biologischen Geschlecht auch noch wohl fühlt.

Beim hiesigen Girls' Day vor zwei oder drei Jahren hab ich auf dem Weg hinunter ins Foyer ein Bild beobachtet, das ich zum Schießen fand: auf dem naturwissenschaftlichen Campus der Uni hatten sich die Girlies, die bei uns teilnehmen wollten, versammelt − ziemlich viele, sie haben den gesamten Vorhof dicht an dicht gefüllt. Dabei waren, ungelogen, bis auf gefühlt eine, alle irgendwie rosa angezogen: rosa T-Shirts, Hosen, Röcke, Haar- und sogar (wie ich später feststellen durfte) rosa Zahnspangen, Bubbelhaarspangen, Armbänder, Turnschuhe mit Blümchen und Glitzer drauf. War das eine rosa Wolke! Ja mei, laßt sie doch, wenn sie das freut!

Mir gings als Kind genauso: rosa Blechtrompeten vom Jahrmarkt, gepunktete Bälle, Kaugummiringe, Glitzeradventskalender und goldene Sterne zum Aufkleben; nicht daß ich allen und jeden Glitzerkram auch bekommen hätte, aber gefallen hat er mir schon. Trotzdem hatte ich nie das Gefühl, daß mich Mädchenspielsachen an auch nur irgendwas gehindert hätten, schließlich konnte ich lesen und schreiben. Gut, daß wenigstens Birgit Kelle vom European in einem ausgezeichneten Artikel über die „Einstiegsdroge Pink“ dagegenhält. Der Unterschied zwischen Pink und Rosa ist übrigens, daß Pink dunkler und greller ist. Rosa ist das, was hierzulande zuweilen auch babyrosa oder altrosa genannt wird. Auf Englisch heißt letzteres rose (jetzt ist die Verwirrung wahrscheinlich komplett). Und Glitzer ist einfach Glitzer.

Rosa macht dümmer? Angebracht wäre wohl eher ein Hinweis auf Genderforschung − die Forschung, die Sie dümmer macht.
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[1] Bei der Süddeutschen beschleicht mich allmählich der Verdacht, daß die einen Rahmenvertrag mit feministischen Blogs haben. Anders kann ich mir deren Wirtschaftsteil bald nicht mehr erklären.

Bild: Four Ballerinas against Window at American Ballet School, Alfred Eisenstaedt, 1936; rosa Hase von MyCBaby. Wer keine rosa Hasen mag, es gibt auch rosa Lämmer.

Freitag, 24. August 2012

Minipapsting



Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen.

Donnerstag, 23. August 2012

Tempelhofer Freiheit (der Himmel über Berlin 2)

Lieblingsorte – dieser ist definitiv einer von den meinen. Froh bin ich, daß das Tempelhofer Feld nun offenbar doch nicht das Gelände zur Internationalen Gartenschau 2017 wird, „denn der Park wurde von den Bürgern so angenommen wie er ist“.[1] Ja, stimmt, ich meine sogar, er wird geliebt, weil er so ist wie er ist: eine riesige Stadtbrache – deren Größe wohl einzigartig sein dürfte und die wesentlich zum Klima beiträgt – irgendwie ein Mittelding aus märkischer Landschaft und an einigen Stellen schon fast heide- bis moorartiger Vegetation. Selbst an heißen Tagen findet man dort noch Stille und Kühlung, wenn der Wind über den Damm streicht und man sich im Schatten eines Buschwerks niederläßt. Und im Winter mache ich dann Bilder vom Skilanglauf.

Wo einstmals Flugzeuge im Stil der 50er Jahre starteten und niedergingen und die Luftbrücke Berlin die Freiheit erhielt, ist ein Ort zum Träumen entstanden. Vor Jahren hab ich auf dem S-Bahnhof Tempelhof gestanden, um zu sehen, wie unten die Lichter ausgehen. Die Freiheit scheint geblieben.


Die Farben des Sommers vertiefen sich schon –
das sind wohl die ersten Vorboten des Herbstes, Hagebutten.


Was das wohl wieder sein mag?
Gleiswege sind immer irgendwie spannend,
auch wenn sie, wie hier, schon lange ins Nirgendwo führen.

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[1] Man muß die Sache mit dem Nutzungsplan natürlich gut im Auge behalten, nicht daß auf einmal mehrere Wohnsiedlungen und ein Sonstwaspark drauf entstehen, ohne daß die Bürger sich dessen vorher recht gewahr werden.

Das Törichte in der Welt hat Gott erwählt – zum Fest der hl. Rosa von Lima


Seht auf eure Berufung, Brüder! Da sind nicht viele Weise im irdischen Sinn, nicht viele Mächtige, nicht viele Vornehme, sondern das Törichte in der Welt hat Gott erwählt, um die Weisen zuschanden zu machen, und das Schwache in der Welt hat Gott erwählt, um das Starke zuschanden zu machen. Und das Niedrige in der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt, das was nichts ist, um das was etwas ist, zu vernichten, damit kein Mensch sich rühmen kann vor Gott. (1. Kor. 26-29)

Sucht man in der Ikonographie unter einer Gruppe von heiligen Jungfrauen, diese nach ihren Attributen zu unterscheiden, ist die hl. Rosa von Lima leicht herauszufinden: sie trägt einen Kranz aus Rosen; manchmal hält sie in einer Hand noch einen Strauß aus Rosen, mit der anderen entweder das Kreuz oder das Christuskind. Der Kranz aus Rosen ist altes Symbol der Jungfräulichkeit, aber natürlich auch, wie die rosa Gewänder auf einigen Darstellungen unten, ein Wortspiel mit dem Beinamen, dem man der kleinen Isabella ihrer Schönheit wegen gegeben hatte. Das Kreuz oder das Christuskind, das sie umfaßt, verweist direkt auf ihre enge Beziehung zum leidenden Christus in seiner menschlichen Natur.

Eben wegen dieser engen Beziehung zu Kreuz und Leiden ihres Bräutigams hat die Heilige nicht nur körperliche Entbehrungen ausgehalten, sondern auch Spott und üble Nachrede. Trotzdem ist sie treu und in Liebe den Weg weitergegangen, den sie als ihre Berufung erkannt hat. Ein schönes, aber anspruchsvolles Vorbild. In dem schönen Tagesgebet heißt es, daß Gott die heilige Rosa mit solcher Liebe an sich gezogen hat, daß sie dem Ruf zu diesem Leben folgte. Die heilige Rosa hat diese Liebe so erwidert, wie sie es vermochte, sie, die scheinbar Törichte, hat sich von Christus an sein Herz ziehen lassen.

1671 sprach Papst Clemens X. diese erste Heilige der (damals) neuen Welt heilig. Wer mehr Biographisches sucht, möge bitte in den ausführlichen Beiträgen der letzten Jahre nachlesen. Hier noch eine kleine Galerie vor allem mittel- und südamerikanischer Bilder der Heiligen, die vor allem in der mexikanischen Stadt Oaxaca besonders verehrt wird (das hat mit den damals engen Beziehungen zwischen Peru und Oaxaca zu tun). Die Darstellung der Heiligen mit einem Anker und einer kleinen Stadt darin gehen auf die wundersame und mehrmalige Errettung der Hafenstadt Callao aus Erdbebengefahr zurück.


aparter Duplex-Effekt mit den Rosen
Bild aus der Schule von Cuzco. Die allerseligste
Jungfrau in dem „geistlichen Kleid“, das die
hl. Rosa ihr einst verehrt hat. Rechts unten
die hl. Rosa, links sicherlich der hl. Dominikus.

Mittwoch, 22. August 2012

Christus, gestern und heute – und morgen?

Wieso mir grade Mr. Beans Version von Whistlers Mutter in den Sinn gekommen ist…

Arrangement in Grau und Schwarz Nr. 1,
genannt Whistlers Mutter, vor…
…und nach der Restauration durch Mr. Bean.
Ecce homo in Zaragoza Borja

Nochmal Mr. Bean? Nun gut, Elias Garcia Martinez' Ecce Homo aus dem 19. Jahrhundert sah gleich Whistlers Mutter vor dem Eingriff Mr. Beans so gut nicht mehr aus (Bild in der Mitte). So wie rechts hätte er allerdings auch nicht auszuschauen brauchen. Eine alte Dame aus der Nachbarschaft der Kirche Santuario de Misericordia im spanischen Zaragoza Borja hat das Fresko einfach ohne Rücksprache „instandgesetzt“. – Das gibt einen halben Gummipunkt für Frömmigkeit, Entschlußfreude und „sie meinte es gut“ und drei Punkte Abzug für die Zerstörung eines Kunstwerks. Grundgütiger!

(Wer sich ordentlich erschrecken will, klicke auf die Quelle bei El Pais. Ganz unten gibt es eine Art Schiebefensterversion vor und nach der Übermalung.)

Dienstag, 21. August 2012

Kein Geschöpf im Himmel ist dir, Jungfrau, zu vergleichen – Maria Königin

Erhabene Königin der Welt, Maria, immerwährende Jungfrau, du hast Christus geboren, unsern Herrn und Erlöser.
(Antiphon zum Benedictus)

Der Sinn des Festes Maria Königin enthüllt sich dem Auge, glaub ich, wenn man daran denkt, daß es der Oktavtag des Hochfestes Mariä Himmelfahrt ist. Wir sollen Mariens als leiblich in den Himmel aufgenommen gedenken und so, wie wir sie in der Lauretanischen Litanei anrufen: als Erste des himmlischen Chores der Märtyrer und Apostel, ja aller Heiligen und Engel, deren Lobgesang unaufhörlich den ganzen Himmel erfüllt: Heilig, heilig, heilig ist der Herr der Heere. Von seiner Herrlichkeit ist die ganze Erde erfüllt. Ich muß immer daran denken, wenn wir unterm Jahr das schöne Lied GL 863 singen, in dem es heißt:
Drum kein Geschöpf im Himmel ist dir, Jungfrau, zu vergleichen;
denn du nach Gott die Höchste bist, all Schönheit muß dir weichen.
All Engel in dem Himmelssaal, die lieben Heil'gen allzumal, dir ihre Palmen reichen.
Wir ehren die Jungfrau Maria auf diese Weise, weil sie Christus geboren hat, den Erlöser der Welt. Jungfrau und Mutter, Mutter Christi und Mutter aller Menschen, wer ist wie sie? Vor dem Thron Gottes tritt sie unaufhörlich für die ein, die sie um ihre Fürsprache anrufen: Bitte für uns, jetzt und in der Stunde unseres Todes.

Als Königin rufen wir sie schließlich in jener altvertrauten Antiphon an, mit der wir die Gottesmutter am Schluß des liturgischen Tages grüßen und die oft auch der letzte Gruß am Grab eines Katholiken ist, dem Salve Regina.

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Bild: Die Krönung der Jungfrau von Fra Beato Angelico ist wieder ein ikonographisches Suchspiel – wer findet die meisten Heiligenattribute? ich hab mit sowas immer Spaß.

Montag, 20. August 2012

Kleine Freuden am Wegesrand…

…buchstäblich. Wegen der besonderen Lage des Tabernakels in der Kathedrale gibt es in fast jeder Heiligen Messe, die in der Oberkirche gefeiert wird, eine kleine Sakramentsprozession, die mit dem Allerheiligsten nach der Kommunion den Weg vom Altar zum Tabernakel nimmt. Dabei wird das Allerheiligste von einem Leuchterträger begleitet. Dieser Dienst, den Heiland zurück zu dem Ort zu geleiten, wo er wahrhaft und dauerhaft in der Gestalt seines Leibes gegenwärtig ist, ist mir besonders lieb: Christus, du Licht, das jeden Menschen erleuchtet. Erleuchte unser Herz mit dem Licht des Glaubens und entzünde es mit dem Feuer deiner Liebe.

Daß dem Sakrament ein Licht vorausgeht (und zu bestimmten Zeiten auch Weihrauch) ist Ausdruck unserer Verehrung, aber auch, wie in früheren Zeiten das Schellenzeichen, ein Hinweis: da kommt etwas besonderes, für uns: da kommt der Herr selbst. Zugleich erinnert es uns an die Natur Gottes: er selbst wird das wahre Licht des Lebens und sich verzehrende Flamme genannt.

Von dem Aufklärer und Kirchenkritiker Voltaire ist die Geschichte überliefert, daß er, als eine Sakramentsprozession vorbeikam, den Hut abnahm. Bekannte, die das sahen, waren darüber erstaunt. „Ja“, sagte Voltaire, „wir sprechen nicht miteinander, aber wir grüßen uns.“ Schade ist, daß Voltaire anscheinend nicht mit Gott gesprochen hat, schön ist, daß er offenbar ein Gefühl für Anstand hatte.

Bei diesem Gang mit dem sakramentalen Herrn achte ich selten auf die Gläubigen. Früher, als ich im Volk saß, hab ich, falls ich zu der Zeit schon saß, mich wieder hingekniet oder wenigstens eine Kniebeuge gemacht. Prompt fragte mich eine Frau nach der Heiligen Messe, ob ich Ausländerin sei? Ein wenig vielleicht, Württembergerin, da macht man das so.

Als ich unlängst wieder einmal mit dem Leuchter neben dem Sakrament einherging, kamen wir kurz vor der Orgel an einigen Menschen vorbei, die offenbar vom Bebelplatz gekommen waren und nun im Eingang auf den Knien lagen. Das fand ich wirklich schön und ich dachte, ja, ihr habt verstanden.
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Bild: kurz vor Maria Königin eines meiner liebsten Marienbilder: Kissing the face of God von Morgan Weistling

Stark wie der Tod ist die Liebe – hl. Bernhard von Clairvaux, Kirchenlehrer

In medio Ecclesiae aperuit os ejus: et implevit eum Dominus spiritu sapientiae et intellectus: stolam gloriae induit eum.

Inmitten der Kirche öffnete er seinen Mund, und es erfüllte ihn der Herr mit dem Geist der Weisheit und des Verstandes. Mit dem Gewand der Herrlichkeit hat er ihn bekleidet.

(Introitus zum Fest)


Leg mich wie ein Siegel auf dein Herz, wie ein Siegel an deinen Arm! Stark wie der Tod ist die Liebe, die Leidenschaft ist hart wie die Unterwelt. Ihre Gluten sind Feuergluten, gewaltige Flammen. Auch mächtige Wasser können die Liebe nicht löschen; auch Ströme schwemmen sie nicht weg. Böte einer für die Liebe den ganzen Reichtum seines Hauses, nur verachten würde man ihn. (Hld 8, 6-7)



Daß das Fest des hl. Bernhard in die Oktav von Mariä Himmelfahrt bis Mariä Namen fällt, ist sicherlich eine schöne Fügung in der Liturgie. In der Tat hat der Heilige über die Gottesmutter wahrhaft erleuchtete Worte gefunden, viele wunderbar schöne Sermones hat er über die Jungfrau und Gottesgebärerin gehalten, wir hören diese in vor allem der Matutin an Mariensamstagen.

Vom hl. Bernhard stammt auch der wirklich wunderschöne Hymnus Jesu dulcis memoria.[1] Daß dies (im Vergleich etwa zu den Hymnen des hl. Thomas oder denen des Venantius Fortunatus) wenig bekannt scheint, liegt vielleicht daran, daß wir diesen Hymnus leider selten singen. Mit etwas Glück hören wir ihn zum Herz-Jesu-Fest, ich hatte ihn zur Danksagung bei der Weihe, eigentlich aber gehört er ursprünglich zum Fest des Namens Jesu am 3. Januar:
Jesu, dulcis memoria,
dans vera cordis gaudia:
sed super mel et omnia
ejus dulcis praesentia.

Nil canitur suavius,
nilauditur jucundius,
nil cogitatur dulcius,
quam Jesus Dei Filius.

Jesu, spes paenitentibus,
quam pius es petentibus!
quam bonus te quaerentibus!
sed quid invenientibus?

Nec lingua valet dicere,
nec littera exprimere:
expertus potest credere,
quid sit Jesum diligere.

Sis, Jesu, nostrum gaudium,
qui es futurum praemium:
sit nostra in te gloria,
per cuncta semper saecula.
Den Heiligen Bernhard nennt man der Schönheit seines Ausdrucks wegen auch Doctor mellifluus, honigsüßer Lehrer. In der Tat sind auch die letzten Worte des Salve Regina, die ihm zugeschrieben werden, voller Süße: O clemens, o pia, o dulcis Virgo Maria.

Seine Auslegung des Hohenliedes bringen zum Ausdruck, wie erfüllt der Heilige von jener mystischen Liebe war, derentwillen ihn man oftmals zu Füßen des Kreuzes darstellt. Der Herr selbst beugt sich vom Kreuz herab und umfaßt seinen geliebten und so sehr liebenden Diener.
Die Liebe ist etwas Großes, aber sie muß zu ihrem Ausgang zurücklaufen, sie muß ihrem Ursprung wiedererstattet werden, muß heimfließen zu ihrem Quell und immerfort aus ihm schöpfen, um immerfort strömen zu können.Unter allen Regungen der Seele, unter allen Sinnen und Gemütsbewegungen ist es die Liebe allein, in der das Geschöpf dem Schöpfer antworten kann, wenn auch nicht in ebenbürtiger Weise; in ihr allein kann es ihm mit Ähnlichem vergelten. Denn wenn Gott liebt, so will er nichts anderes als geliebt zu werden. zu keinem anderen Zweck liebt er, als um geliebt zu werden, denn er weiß, daß alle, die ihn geliebt haben, in dieser Liebe selig werden.

Die Liebe des Bräutigams, vielmehr der Bräutigam, der die Liebe selber ist, sucht als Gegengabe nur Liebe und Treue. So sei es der Geliebten erlaubt, ihren Liebhaber wiederzulieben. Wie könnte die Braut nicht lieben, die doch Braut der Liebe ist? Wie könnte die Liebe nicht wiedergeliebt werden?

Mit Recht verzichtet die Braut auf alle anderen Gefühle und widmet sich ganz der Liebe allein, ihre Aufgabe ist es, der Liebe durch Liebe zu antworten. Denn wenn sie sich auch in der Liebe völlig verausgabte, wie wenig wäre das, verglichen mit dem, was ewig jenem Quell entströmt? Denn nicht die gleiche Fülle haben beide: der Liebende und die Liebe, die Seele und das Wort, die Braut und der Bräutigam, der Schöpfer und das Geschöpf, der Dürstende und die Quelle.

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[1] (
deutsche Übertragung hier)

Sonntag, 19. August 2012

Einfach nur hübsch…


Nachdem die Hitze etwas abebbt – das sind mit Roter Bete gefärbte Ravioli, die find ich einfach nur so hübsch. Ich hab Hunger und eß jetzt noch was Italienisches. Gute Nacht!

Der Zauber des guten Anfangs…

Morgenländers Blogspiel des Monats, in dem es um Lieblingsroman-Anfänge ging, hab ich wohl leider verpaßt, auch wäre dieser hier zu lang gewesen. Er ist aber in seiner Art ein Gesamtkunstwerk, weshalb ich auch nicht begreifen kann, daß in neueren Ausgaben offenbar darin herumgekürzt wurde. Auch kleinste Änderungen stören die Atmosphäre eines Werks. Es ist, als malte man bei einem Bild, das im Museum hängt, einfach einen Vogel dazu oder einer Figur einen schlichten Mantel, die ursprünglich einen mit Blumenmuster trug. Grund jedenfalls, antiquarischen Ausgaben vom Flohmarkt oder sonstwoher unbedingt den Vorzug zu geben. Außerdem strömt meine Ausgabe von 1947 auch den Duft alter Bücher aus.

Im sommerlichen Urlaub lese ich gern auch mal altvertraute Romane wieder. Kapitel 1 von Dame Daphne du Mauriers Rebecca ist jedenfalls mein liebster Buchanfang. (Beim nochmaligen Lesen hab ich spontan Lust bekommen, diesem wunderschön erzählten Roman später noch einen eigenen Blogpost zu widmen. Noch eine Geschichte um ein verwunschenes Haus.)
Gestern Nacht träumte ich, ich sei wieder in Manderley. Ich sah mich am eisernen Tor der Einfahrt stehen, und ich konnte zuerst nicht hineingelangen, denn der Weg war mir versperrt. Schloß und Kette hingen am Tor. Ich rief im Traum nach dem Pförtner und erhielt keine Antwort, und als ich dann durch die rostigen Gitterstäbe spähte, sah ich, daß das Pförtnerhäuschen unbewohnt war.

Kein Rauch stieg aus dem Kamin, und die kleinen Butzenfenster starrten verlassen. Dann aber besaß ich plötzlich wie alle Träumer übernatürliche Kräfte, und wie ein körperloses Wesen durchschritt ich das Hindernis. Vor mir wand sich die Auffahrt, wand und schlängelte sich wie seit altersher, aber als ich weiterging, merkte ich, daß sich etwas verändert hatte; der Weg war nicht mehr der, den wir gekannt; er war schmal und ungepflegt. Zunächst verwirrte mich das, und ich verstand es nicht. Und erst als ich mit dem Kopf einem tief herabschwingenden Ast ausweichen mußte, wurde mir klar, was geschehen war. Die Natur war wieder zu ihrem Recht gekommen; ohne Hast, in ihrer leisen, heimlichen Art hatte sie nach und nach mit langen klammernden Fingern auf den Weg übergegriffen. Der Wald, der auch früher schon eine drohende Gefahr gewesen war, hatte schließlich doch den Sieg behalten. Regellos, in finsterer Dichte drangen seine Bäume immer näher zur Weggrenze vor. Buchen neigten ihre grauweißen nackten Stämme gegeneinander, ihre Zweige in seltsamer Umarmung verschlungen, und bauten ein Gewölbe über meinem Haupt gleich dem Bogengang einer Kirche. Und andere Bäume standen da, Bäume, die ich nicht wiedererkannte, behäbige Eichen und bedrängte Ulmen, die aus der stillen Erde hergewachsen waren und Stamm an Stamm mit den Buchen emporstrebten, und wildes Buschwerk dazwischen und Pflanzen, und an nichts erinnerte ich mich.

Die Anfahrt war ein schmales Band, ein dünner Faden nur ihres früheren Selbst, der Kiesbelag verschwunden, unter Gras und Moos erstickt. Die Bäume streckten niedrige Zweige aus, die den Schritt hemmten; ihre knotigen Wurzeln ragten wie Totenkrallen hervor. Hier und dort erkannte ich in diesem Urwald Büsche, zu unserer Zeit Wahrzeichen, Wesen von Kultur und Anmut, Hortensien, deren blaue Köpfe eine Berühmtheit gewesen waren. Keine Hand hatte sie beschnitten, sie waren verwildert und ragten jetzt blütenlos zu Riesengröße empor, schwarz, häßlich wie das namenlose Unkraut neben ihnen.

Weiter, immer weiter, bald nach Osten, bald nach Westen, wand sich der kümmerliche Pfad, der einst unsere Auffahrt gewesen war. Manchmal dachte ich, jetzt sei er ganz verschwunden, aber er tauchte wieder auf, hinter einem gestürzten Baum vielleicht oder mühsam den Rand eines morastigen Grabens erkletternd, den die Winterregen ausgewaschen hatten. Ich hatte nicht gedacht, daß der Weg so lang sei. Gewiß mußten die Meilen sich vervielfacht haben, nicht anders als die Bäume es getan hatten, und dieser Pfad führte zu einem Labyrinth, in eine erstickte Wildnis, aber nicht zum Haus. Ich stand plötzlich davor; das hemmungslos nach allen Seiten wachsende Dickicht hatte die Sicht versperrt, und ich stand da, das Herz pochte mir in der Brust, und ich fühlte den Schmerz aufquellender Tränen in meinen Augen.

Da war Manderley, unser Manderley, schweigend, verschwiegen, wie es immer gewesen war; das graue Gestein schimmerte im Schein meines Traummondes, die hohen zweiteiligen Fenster spiegelten das Rasengrün, die Terrasse wider. Die Zeit konnte das vollkommene Ebenmaß jener Mauern nicht zerstören und nicht die Harmonie der Lage – ein Kleinod in einer offenen Hand.

Die Terrasse fiel zu den Rasenflächen ab, und die Rasenflächen zogen sich zum Meer hin, und als ich mich umwandte, erkannte ich die silbrige Weite, gelassen unter dem Mond wie ein See, den Wind und Sturm nicht berühren. Keine Wellen würden dieses Traummeer je beunruhigen, keine Wolkenwand windgeweht vom Westen vermochte die Klarheit dieses blassen Himmels zu verfinstern.

Ich wandte mich wieder zum Haus, und mochte es selbst auch unversehrt, unangetastet stehen, als hätten wir es gestern verlassen, ich sah, daß auch der Garten dem Gesetz des Urwalds gehorsam gewesen war, nicht anders als der Park. Von Dornensträuchern durchwachsen und verwirrt, ragten die Rhododendronbüsche fünfzig Fuß hoch und hielten unnatürliche Hochzeit mit der Masse namenlosen Gestrüpps, das sich um ihre Wurzeln klammerte, als sei es sich seiner niedrigen Herkunft bewußt. Ein Fliederbaum hatte sich mit einer Blutbuche vereint, und um sie noch enger aneinander zu fesseln, hatte der boshafte Efeu, von jeher ein Feind der Anmut, seine Fangarme um das Paar geschlungen, um es nie wieder freizugeben. Der Efeu beherrschte diesen verlorenen Garten; die langen Ranken krochen über den Rasen vor, und bald würden sie auch vom Haus Besitz ergreifen. Es gab da noch ein anderes Gewächs, irgendeinen unedlen Fremdling, dessen Samen vor langer Zeit einmal unter den Bäumen verstreut und dann vergessen worden war und der jetzt im Gefolge des Efeus seine häßliche Gestalt wie ein Riesenrhabarber nach dem zarten Grün streckte, wo sich einst Narzissen wiegten.

Nesseln wuchsen überall, der Vortrupp der feindlichen Scharen. Sie überschwemmten die Terrasse, sie lümmelten sich auf den Wegen herum, gemein und ohne Haltung lehnten sie sich sogar gegen die Fenster des Hauses. Sie taugten aber nicht viel zum Wachtdienst, denn an vielen Stellen durchbrach die Rhabarberstaude bereits ihre Reihen, und mit zertretenen Köpfen und kraftlosen Stengeln lagen sie am Boden, wo Kaninchen sich einen Pfad gebahnt hatten. Ich verließ die Anfahrt und stieg auf die Terrasse; mir boten die Nesseln in meinem Traum kein Hindernis, ich schritt verzaubert, und nichts hielt mich auf.

Das Mondlicht kann der Einbildung merkwürdige Streiche spielen, auch der Einbildung eines Träumers. Wie ich da still stand, mit verhaltenem Atem, hätte ich schwören können, das Haus sei nicht bloß eine leere Schale, sondern belebt und beseelt, wie es früher gelebt hatte. 
Die Fenster waren hell erleuchtet, die Vorhänge bauschten sich leise im Nachtwind, und dort, in der Bibliothek, stand gewiß noch die Tür halb offen, die wir zu schließen vergessen hatten, und mein Taschentuch lag auf dem Tisch neben der Vase mit den Herbstrosen.

Alles in dem Zimmer mußte noch beredt von unserer Anwesenheit sprechen: der kleine Bücherstoß aus der Bibliothek, als gelesen abgezeichnet, um wieder zurückgestellt zu werden; und die alten Nummern der Times; Aschenbecher mit zerdrückten Zigarettenstummeln; die zerknüllten Kissen in den Stühlen, die noch den Abdruck unserer Köpfe trugen; die verkohlte Glut unseres Holzfeuers, die noch schwelend den Morgen erwartete; und Jasper, unser lieber Jasper, mit seinen ausdrucksvollen Augen und seinen schweren hängenden Lefzen, lag bestimmt noch vor dem Kamin ausgestreckt und würde mit dem Schwanz auf den Boden trommeln wie stets, wenn er die Schritte seines Herrn vernahm.

Eine Wolke war ungesehen heraufgekommen und bedeckte den Mond für einen Augenblick wie eine dunkle Hand ein Gesicht. Mit ihm verlöschten die Fenster; das Traumbild war verflogen, Ich blickte auf eine öde, nun seelenlos gewordene Schale, die nicht einmal ein Geist mehr belebte, und um die starrenden Mauern raunte nicht länger die Stimme der Vergangenheit.

Das Haus war ein Grabmal unserer Hoffnungen, und unsere Leiden lagen in den Ruinen begraben. Es gab keine Wiederauferstehung. Wenn ich bei Tag an Manderley dächte, würden die Gedanken nicht bitter sein. Ich würde so daran zurückdenken, wie es hätte sein können, wäre ich ohne Furcht dort gewesen. Ich würde mich an den sommerlichen Rosengarten erinnern, an den Vogelsang in der Morgenfrühe; wie wir den Tee unter dem Kastanienbaum tranken und das Flüstern der See von unten über die Rasenflächen zu uns heraufdrang. Ich würde mich an den blühenden Flieder erinnern und unseren glückliches Tales. Diese Dinge waren dauernd, sie konnten nicht vergehen; diese Erinnerungen taten nicht weh.

Alles klärte sich in mir auf, während die Wolke das Gesicht des Mondes verhüllte, denn wie die meisten Schläfer wußte ich, daß ich träumte. In Wirklichkeit lag ich viele hundert Meilen weit weg in einem fremden Land, und bevor noch viele Sekunden verstrichen, würde ich in dem kleinen kahlen Hotelzimmer erwachen, das gerade durch seine Nüchternheit so beruhigend wirkte. Ich würde aufseufzen, mich strecken und auf die Seite drehen; und beim Öffnen der Augen würde mich die blendende Sonne verwirren, dieser harte hohe Himmel, dem sanften Mondschein meines Traums so gar nicht ähnlich. Der Tag würde vor uns beiden liegen, lang ohne Zweifel und ereignislos, aber von einer Stille, einer vollkommenen Ruhe erfüllt, die wir früher nicht gekannt hatten. Wir würden nicht von Manderley sprechen; ich würde meinen Traum für mich behalten. Denn Manderley war nicht mehr unser. Manderley war nicht mehr.

Für die einen sind es Pferdeäpfel, für die anderen die längste Praline der Welt

Bild: Peter Bachmann
Zwar war ich in Bezug auf die Störaktion der Gruppe Pussy Riot (wie können sich Frauen selbst so einen Namen geben?) schon der Ansicht, für so etwas steckt man Leute nicht sieben Jahre in den Kahn. Die angebliche oder tatsächliche weltweite Empörung über das Urteil wundert mich wiederum. Manchem ist es anscheinend schon ein Ärgernis, daß es überhaupt zu einer Verurteilung kam.

In Berlin hatten wir durchaus auch schon mit Kirchenstörern zu tun, ich denke da an das Sonntagshochamt vor Jahren, in dem ein Mann nach vorne schritt und sich vor der Altarinsel elementarster Kleidungsstücke zu entledigen versuchte bzw. auch entledigt hat. Den haben die Ministranten hinausgetragen (auch ich hatte ein Bein und muß sagen, angenehm ist sowas nicht, wenn demjenigen die Hose zwischen den Knöcheln schlackert). Der Weihbischof em. war hinterher übrigens so nett, mir eine Abschrift seiner Predigt zukommen zu lassen, denn einen größeren Teil davon hatte ich leider verpaßt. Halbwegs drollig an der Geschichte war allenfalls einer der Polizisten, der sich bei der Abholung des Störers in der Sakristei angesichts mehrerer Menschen in Chorkleidung und eines Bildes von Papst Benedikt an der Wand erkundigte, welcher Konfession die Kathedrale denn zuzurechnen sei?

Dann gabs noch den bekannten Kirchenstörer Roy, dem es in der Kathedrale immerhin gelungen ist, eine kostbare Hostienschale aus Jade zu zertrümmern. Roy habe ich nochmals in Aktion gesehen, als er in Mainz bei der Gabenbereitung das Altartuch wegriß, so daß alles, was sich auf dem Altar an Kelchen und Schalen befand, holterdipolter durcheinanderflog. Dem zelebrierenden Kardinal Lehmann stand der Schock darüber deutlich ins Gesicht geschrieben – an sich ist sowas auch geeignet, Leute zu verstören, sonst täten diese Menschen es ja nicht.

Roy ist für diverse Störaktionen (über 50, um genau zu sein, und nicht nur in Kirchen) übrigens zu einer Haftstrafe verurteilt worden, von der er mehrere Monate abgesessen hat – und hat dann damit aufgehört. Einsicht im Gefängnis oder Lernen durch Schmerz, wer weiß, jedenfalls scheint es dauerhaft geholfen zu haben. Auf Einsicht vor der Verurteilung zu einer Haftstrafe hatte man hier übrigens jahrelang vergeblich gehofft.

Und das ist ein Punkt, wo ich die tatsächliche oder vermeintliche weltweite Empörung, bei der man abwechselnd „tief enttäuscht“ oder „besorgt“ ist, wirklich nicht verstehe: da begeht jemand in aller Öffentlichkeit, im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte und absichtlich eine Straftat, die geeignet ist, religiöse Gefühle zu verletzen, Leute zu schockieren und unter Umständen sogar gesundheitlich zu gefährden: wenn da plötzlich eine oder mehrere Figuren den Altarraum stürmen, kann man nicht wissen, wie das ausgeht. Wie kann man daher jetzt derart empört sein, daß das tatsächlich Konsequenzen hat? Die ZEiT spricht im Auslandsteil von der Furcht vor allem Liberalen, unerwünschter Kirchenkritik und einem „Verhängnis“, das Pussy Riot getroffen habe. Erlaube, ein Verhängnis ist etwas, auf das ich selbst keinen Einfluß habe, weshalb es mich trifft. Solcherart Vermengung von Begriffen, bei der man Äpfel und Pferdeäpfel zusammenlegt und am Ende alles irgendwie „Obst“ genannt wird, ist äußerst unglücklich. Man muß schon die Äpfel Äpfel nennen und eine solche Straftat Exkrement.

Und nein, durch die Kunstfreiheit sind solche Aktionen nicht abgedeckt, ansonsten wäre ja jedem Eierwerfer und Fahrraddieb zuzuraten, seine Handlungen nächstens als Performance zu deklarieren.

Samstag, 18. August 2012

Not baaad!

Bei Alipius, der sich offenbar an fürchterlich heißen Tagen fürchterlich viel Arbeit gemacht hat, gibts den Medaillenspiegel für die Robustaverleihung 2012. Allen Nominierten und Mitgewinnern Glückwünsche, in manchen Kategorien fiel die Entscheidung wirklich schwer. Zweimal Gold (für Spiritualität[1] und Augenhonig) und einmal Bronze (für Qualität) – not baaad! Dank auch nochmal dem Herrn Alipius, der den Preis ausgelobt und die ganze Arbeit mit den Polls hatte.

Allen, die Braut des Lammes offenbar so gern lesen, daß sie das Blog nominiert, denen, die mir zwischendurch so nett gratuliert, und allen, die dem Blog ihre Stimme gegeben haben, vielen Dank, ich freue mich wirklich sehr.
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[1] Was ist das eigentlich für ein Wort? Anscheinend kann ich hochspirituell sein, aber Spiritualität nicht tippen…

Und freitags etwas Fisch (na gut, samstags)


Donnerstag, 16. August 2012

Auf dem heiligen Berg

Im Jahre 1486 faßte der Franziskaner P. Bernardino Caimi den Plan, auf den Höhen eines Berges über dem piemontesischen Varallo aus Spenden gleichsam ein „neues Jerusalem“ auf Erden zu errichten. Ins Heilige Land zu reisen, war damals sehr gefährlich geworden und nur wenige hatten ohnehin die Möglichkeit dazu.

Was dabei herausgekommen ist, rührt das Herz an. Inmitten eines Waldgebietes erheben sich auf dem Berg in verschiedenen freskenverzierten Kapellen – fünfundvierzig insgesamt – Szenen aus der Heilsgeschichte Gottes mit dem Menschen. So sehen wir nach dem Sündenfall und der Vertreibung aus dem Paradies das Erlösungsgeschehen: die Verkündigung der Geburt Jesu Christi, sein Leben und Sterben bis hin zur Verurteilung vor Pilatus, die Via Dolorosa, Grablegung und Auferstehung. Am Ende steht die Aufnahme Mariens in den Himmel, unter deren Patrozinium auch die Kirche auf dem Sacro Monte di Varallo steht; diese hat immerhin den Rang einer Basilka. Von den neun „heiligen Bergen“ Italiens ist dies der älteste.

Betrachtet man die Sacro Monti Italiens, muß man bedenken, wie das Leben damals war: um 1490 wurden Bücher noch überwiegend handschriftlich vervielfältigt, sie waren sehr kostbar und nur wenige Menschen waren des Lesens kundig. Die Stationen der Sacro Monti eröffneten gerade ärmeren Leuten, die kein Latein und nicht lesen konnten, die biblischen Perikopen gleichsam mitzuerleben. Bei aller Ehrfurcht muß die kindliche Freude daran etwa ähnlich gewesen sein, wie bei uns, wenn es seinerzeit in den Märchengarten ging.

Viele der Darstellungen mögen vielleicht nicht im üblichen Sinne als schön empfunden werden – das Leben selbst ist das ja oft auch nicht. Bemerkenswert ist das Haar vieler Figuren: es ist echtes Haar, das jemand als Votivgabe der oder dem Heiligen verehrt hat oder auch dem Ort im allgemeinen. Da solche Gaben, wie auch mancherlei Kleidungsstücke, nicht für die Ewigkeit gedacht sind, besteht diese Sitte bis heute fort: so hat etwa ein Älpler seinen jahrelang gewachsenen Rauschebart der Figur des hl. Josef gespendet, einfach so.

Nachdem der Sacro Monte di Varallo zwischenzeitlich nahezu in Verfall zu geraten schien, zählt er mittlerweile zum Weltkulturerbe. Verhältnismäßig ruhig geworden ist es im Vergleich zu früheren Zeiten trotzdem auf dem heiligen Berg. Nur selten noch kommt man wie früher in Prozessionen. Stille zur Betrachtung kann man auf den Sacro Monti daher trotzdem finden und das Ganze hat den angenehm maroden Stil, der vieles in Italien so liebenswert macht.







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Bilder: Luca Privitera
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