Mittwoch, 29. Februar 2012

Wie der Regen und der Schnee vom Himmel fällt…


Wie der Regen und der Schnee vom Himmel fällt und nicht dorthin zurückkehrt, sondern die Erde tränkt und sie zum Keimen und Sprossen bringt, wie er dem Sämann Samen gibt und Brot zum Essen, so ist es auch mit dem Wort, das meinen Mund verläßt: Es kehrt nicht leer zu mir zurück, sondern bewirkt, was ich will, und erreicht all das, wozu ich es ausgesandt habe. (Jes 55, 10-11)
Ein schönes Bild aus der gestrigen ersten Lesung. Diese Worte liebe ich sehr, vielleicht weil wir sie alljährlich im Dunkel der Osternacht hören. Ein frühlingshaftes Bild des ewigen Wortes. Das messianische Bild der Wolken, die den Erlöser herabregnen, finden wir ebenfalls beim Propheten Jesaja. Christus ist das Wort, das aus dem Mund des Vaters hervorging und das all das erreicht, wozu er ihn ausgesandt hat. – In seiner Predigt sprach der Weihbischof em. über die Kraft des Gebets.

_____
Bild: Der Sämann, Jean-François Milet, 1865/66

Dienstag, 28. Februar 2012

Mein Bild des Tages

Jungfrau im Paradiesgärtlein, Meister von St. Laurenz, um 1415.
(*Klimper* Wieso ich grad dran denken muß, wie ich als Kind immer auf dem Eierschneider Harfe gespielt hab, weiß ich auch nicht…)

Montag, 27. Februar 2012

Und noch immer verbrennen sie Bücher


Über die Erklärung der Vereinigten Staaten in der letzten Woche zur Verbrennung von Koranen durch US-Soldaten hab ich auch Bauklötze gestaunt: „unangemessene Entsorgung“. Abgesehen davon, daß sich einem bei dieser Wortwahl doch eigentlich gleich die Frage stellt, wieso da überhaupt ein Buch oder ein religiöses Symbol „entsorgt“ werden mußte (laß doch denjenigen die Sorge tragen, dem es gehört, was er damit macht) – warum ist es eigentlich nicht möglich, sich mannhaft hinzustellen und eine Erklärung etwa des Inhalts zu formulieren: „Ja, es trifft zu, daß einige Soldaten Korane verbrannt haben. Diese Handlung war höchst unangemessen, wir bedauern den Vorfall und werden mit den Betreffenden ein ernstes Gespräch über den adäquaten Umgang mit religiösen Symbolen führen“? Aber nein!

Mittlerweile hat sich das eingestellt, was man beim Hören der Nachricht leider bereits erwartet hat, es brannten wieder Kirchen, es wurden wieder Menschen ermordet.

Weder die „unangemessene Entsorgung“ noch die unangemessene Erklärung der US dazu sind meines Erachtens das eigentliche Problem: Das eigentliche Problem ist, daß wir derzeit auf der Welt mit einer Religionsgemeinschaft leben, deren einzelne Vertreter, möchte ich sagen, überdurchschnittlich häufig mit der Kanalisation ihrer Empfindungen unangemessen umgehen, denn als Reaktion auf die Verbrennung eines Korans eine Kirche oder einen Menschen anzuzünden ist keine angemessene Reaktion (das sollte jetzt bitteschön nicht zynisch klingen). Die Reaktion auf etwas tatsächlich Blasphemisches oder etwas, das als solches empfunden wird (wie etwa Karikaturen oder künstlerische Umsetzungen), kann eben nicht Brandstiftung, Mord und Totschlag noch dazu meist unschuldiger Menschen sein.

Zumindest mir als Berlinerin steht, wenn die Rede von brennenden Büchern ist, sogleich die Verbrennung von Büchern auf dem Bebelplatz durch die Nationalsozialisten vor Augen. Bücher, die nicht religiöse Symbole sind, aber das macht es nicht besser. Das Mahnmal der Bücherverbrennung auf dem Bebelplatz wird von vielen Touristen nicht gleich gefunden (weil man bei Mahnmal eher an etwas denkt, das sich über der Erde erhebt) – ich führe Suchende meist gleich selbst hin –, ist aber auf seine Weise ergreifend. Man blickt durch den Boden des Bebelplatzes auf leere, weiße Bücherregale – die verlorene Bibliothek. Verloren ist sie, weil in all dieser weißen Leere die Bücher, das Wissen, hätten stehen können, die diejenigen in ihrem Unverstand verbrannt haben. Vor einigen Jahren hat jemand beim Marsch für das Leben dort dem teilnehmenden Weihbischof Laun eine brennende Bibel vor die Füße geworfen – ebenfalls ein Manifest menschlicher Dummheit.

In seinen Roman Spencer's Mountain[1] berichtet Earl Hamner jr. von einem solchen, ganz ähnlichen Ereignis mit umgekehrten Vorzeichen: als Deutsche in die Blue Ridge Mountains ziehen, versammelt sich ein Mob, der, aufgestachelt vom Haß gegen alles Deutsche infolge des zweiten Weltkrieges, die mitgebrachten Bücher der Deutschen verbrennen will. Die Verbrennung kann abgewendet werden, als einer, der des Deutschen mächtig ist, aus einem der Bücher, die verbrannt werden sollten, vorliest: Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort.

Ein nicht nur künstlerisch absolut irrsinniges Beispiel über Terror, der von der Verbrennung der Bücher anderer ausgeht, zeichnet Ray Bradbury in seiner Kurzgeschichte Fahrenheit 451, einem Science-Fiction-Szenario[2], in dem Feuerwehrleute Bücher verbrennen, anstatt Brände zu löschen. Es endet damit, daß Menschen im Verborgenen Bücher auswendig lernen, um sie für das Gedächtnis der Menschheit zu bewahren.

Eines aber darf man bei der Betrachtung solcher Ereignisse nicht aus dem Auge verlieren: Man macht einen Fehler, wenn man Bücher verbrennt (egal welche). Man macht aber einen schwereren, wenn man für die darauffolgende Ermordung von Menschen eine Erklärung oder gar Entschuldigung sucht. Egal, ob eine Bibel oder ein Koran verbrannt worden ist, oder ob der Koran den Moslems mehr bedeuten soll als uns die Bibel – was ich eigentlich bezweifeln möchte, denn Christus ist das fleischgewordene Wort – beides ist kein Grund, herzugehen und Unschuldige zu ermorden.

___
[1] Seine Jugenderinnerungen, die uns viel eher als filmische Umsetzung in der Fernsehserie Die Waltons bekannt sein dürften.
[2] der Film dazu mit einem brillianten Oskar Werner, den ich sehr schätze, der sich allerdings wegen der Interpretation seiner Rolle mit dem Regisseur Truffaut heftig zerstritt.

Wahrer Gott und wahrer Mensch

Vom Thema Kunst und Wunst[1] war blogozesenmäßig die Rede. Zur Kunst fällt mir ziemlich viel ein, ein wesenhafter Zug derselben ist für mich, daß sie die Kraft hat, mein Herz zu berühren. Dazu muß nicht die Technik meisterhaft oder der Name des Malers groß sein, es ist eben das Angerührtsein.

Dieses Bild des russischen Malers Iwan Nikolajewitsch Kramskoi von 1872 ist ein solches. Ich finde es wunderbar, wie der Maler den fastenden und betenden Christus in der Wüste dargestellt hat und auch die tiefe Einsamkeit, die er ausstrahlt. Das abgetragene, schon fast ausgefranste Gewand und die verinnerlichte Haltung des abgezehrten und barfüßigen Herrn inmitten dieser Steinwüste tun ein übriges. Wahrer Gott und wahrer Mensch – hier ist dem Maler gelungen, uns den zutiefst menschlichen Jesus Christus in all seiner Entäußerung vor Augen zu stellen.

_____
[1] Zum Thema Wunst fiele mir auch manches ein, vielleicht schreibe ich dazu noch einen eigenen Beitrag; irgendwie bring ich es aber bisher nicht fertig. Wunst ist so furchtbar, soll man die auch noch verbloggen? Und wer braucht schon Wunst, wenn wir Kunst haben?

Sonntag, 26. Februar 2012

Suchbilder: Virgo inter virgines No. 2

Gestern hab ich en passant entdeckt, daß es von vom dem früher schon einmal aufgetanen Suchbild Virgo inter virgines offenbar noch eine Variante gibt, die oben nämlich, die sich mittlerweile in Detroit befindet. Damit hat sich auch das „unbekannter Künstler“ erledigt, es ist der Meister der St. Lucia-Legende, um 1475. Das oben scheint sozusagen die Kurzversion zu sein, statt elf heiliger Jungfrauen finden wir hier nur vier. Mir gefallen hier die wärmere Farbgebung des Ganzen und die von den Engeln herbeigetragene Krone für die hl. Jungfrau und Gottesmutter. Fans ikonographischer Heiligenattribute haben bei der Identifikation der anderen hl. Jungfrauen wieder viel Spaß.

Samstag, 25. Februar 2012

Fastenzeit und Fastenopfer – Lust auf Brezeln?

Vor einigen Tagen habe ich mir – eher aus Zufall als gezielt im Zusammenhang mit der Fastenzeit – Timothy Kardinal Dolans Blogbeitrag External markers of our faith vom letzen Sommer noch einmal angeschaut:
But, what are the external markers that make us stand out? Lord knows, there used to be tons of them: Friday abstinence from meat was one of them, but we recall so many others: seriousness about Mass on Sundays and Holy Days of Obligation; fasting on the Ember Days; saints names for children; confession at least annually; loyal membership in the local parish; fasting for three hours before Holy Communion, just to name a few.
External markes of our faith? – Die Begriffe Fastenzeit und Fastenopfer sind mir dazu eingefallen. Die Vorgaben der Kirche für das Fasten sind im vergangenen Jahrhundert einem starken Wandel unterlegen. Die Fastenzeit und ihre charakteristische Ausprägung war über Jahrhunderte hinweg etwas, das die Christen der Ostkirchen und die der lateinischen Kirche miteinander verband. Daß diese eine durchaus starke leibliche Komponente hatte, die sich über einen längeren Zeitraum erstreckt, geht unmittelbar aus dem Namen hervor: Fasten-Zeit (ím Lateinischen funktioniert das in Bezug auf die Länge auch: Quadragesima, vierzig Tage). Dies ist übrigens einer der Gründe, warum ich mit dem verbreiteten Begriff „österliche Bußzeit“ nichts anfangen kann. Was soll das denn sein? Sagt man zum Advent wohl auch „weihnachtliche Bußzeit“?

Im Herbst vergangenen Jahres sind die Bischöfe von England und Wales zu dem früher von der ganzen Kirche geübten Brauch zurückgekehrt, das Freitagsopfer der Gläubigen wieder verbindlich in der Form festzusetzen, daß der Freitag ein Abstinenztag für alle ist, die daran gebunden sind[1]. Diese Verlautbarung der englischen Bischöfe wurde in der Weltkirche vielfach begrüßt und man fragt sich, ob das nicht ein Schritt in die richtige Richtung war, auch in Bezug auf die Fastenzeit?

Freitage und die Fastenzeit als leiblicher Ausdruck einer geistlichen Dimension. Das Opfer, das Gott gefällt, ist ein zerknirschter Geist, das ist richtig, und doch bietet das Fasten eine Möglichkeit – eine Einladung –, diesem Geist einen körperlichen Ausdruck zu verleihen. Gewiß kann der einzelne dies nach Belieben tun, doch hat es noch einmal einen anderen Charakter, wenn er dies in Gemeinschaft mit der Kirche tut, die es sich als ganze vornimmt, und da erscheinen zumindest mir Aschermittwoch und Karfreitag als einzige verbliebene Fast- und Abstinenztage eines ganzen Kirchenjahres als deutlich zu wenig.

Die einzige „Schwierigkeit“, die ich bei der Umsetzung einer Fastenordnung wie der von 1917 für mich selbst sähe, ist, daß ich eigentlich selten mehr als eine warme Mahlzeit (oft auch diese nicht) und kleine Stärkungen zu mir zu nehmen scheine. Doch halt: wieso fällt mir dann aber die Einhaltung einer solchen Fastenpraxis an den gebotenen Fast- und Abstinenztagen punktuell doch mal nicht leicht? Weil die Eßgewohnheiten unserer Zeit doch eher auf eine ununterbrochene Folge kleiner Stärkungen hinauslaufen? Weil ich klein und zierlich bin und schnell unterzuckert (was man mir dann auch anmerkt)? Weil „es“ gerade an diesen Tagen „verboten“ ist? – Ich weiß es nicht, ist vielleicht auch nicht weiter wichtig.

Mit der Briefwaage stelle ich mich trotzdem nicht hin, ich versuche halt, die Anzahl und Ausstattung der kleinen Stärkungen zu reduzieren. Um ein Beispiel zu bringen: in einem Konvent eines als asketisch geltenden Ordens gibt es für jede Schwester unterm Kirchenjahr die Möglichkeit, an den Arbeitstagen irgendwann während der Arbeitszeit eine kleine Stärkung zu sich zu nehmen, die aus Kaffee und Brot mit Margarine und etwas grober Marmelade besteht. In den Fastenzeiten entfällt die Stärkung nicht etwa ganz, sondern es wird eben nur das Brot und der Kaffee hingestellt, ohne etwas dazu.


Reluctant sinner verwies vor wenigen Tagen auf den Ursprung der oft als typisch deutsch empfundenen Brezeln: sie waren eine Fastenspeise, die wohl im 7. Jahrhundert von Mönchen erdacht wurde, und ihre Form mit den verknoteten Teigenden erinnert an die verschränkten Arme[2] eines Beters oder Kommunikanten (der Ostkirche). So sind sie womöglich das bekannteste Gebildenbrot, ohne daß die Leute es als solches noch erkennen. Der Blogger regt an, in der gesamten Fastenzeit die Brezeln wieder ihrer ursprünglichen Bestimmung zuzuführen und einige Mahlzeiten durch Brezeln zu ersetzen, denn: What's the point giving up a candy bar? Let's fast with dignity!

Den Marsriegel, Kartoffelchips oder von mir aus auch den reizenden Ursus latex multicoloratus aufzugeben, kann eines der Fastenopfer sein, die der einzelne über das von der Kirche Gebotene hinaus darbringt. (Ich weiß nicht, ob irgendeine kirchliche Ordnung für die Fastenzeit jemals Süßspeisen oder Süßigkeiten erwähnt hat, ich glaube eher nicht).

Der Begriff Fastenopfer kommt eigenartigerweise, und zwar durchaus nicht nur in den Medien, immer öfter als „Verzicht“ daher, oder als eine Art diätetischer Frühjahrsputz. Die Fastenzeit als individueller asketischer Hindernisparcours? Nun sind Opfer und Verzicht nicht etwa bedeutungsgleich. Fastenopfer – seit der Zeit, zu der ich katholisch wurde, ein völlig geläufiger Begriff: man nimmt sich für die Fastenzeit ein oder mehrere Dinge vor, die man als Opfer bringt. Hier, und zwar meines Erachtens nur hier, kommen auch Substitute ins Spiel: man kann als Opfer auch etwas tun, etwa etwas Geistliches lesen, zumal wenn einem das sonst schwerfällt – zur Fastenzeit in einem Kloster gehört eigentlich immer auch die sogenannte Fastenlektüre –, oder das versuchen, wovon wir beim Propheten Jesaja hören, etwa, sich seinen Verwandten nicht zu entziehen.[3]

(Melo)dramatische, augenfällige Akte, wie etwa in der gesamten Karwoche gar nichts zu essen, sind dafür gerade nicht kennzeichnend: es sind eher die kleinen, unspektakulären Dinge, die man im Verborgenen tun kann, wie etwa, die Milch im Kaffee wegzulassen oder einfach überhaupt weniger Kaffee zu trinken. Den Opfercharakter gewinnen sie meinem Empfinden nach vor allem daraus, daß wir sie um Christi willen tun und wenigstens versuchen, sie umzusetzen. Daß das nicht immer konsequent gelingt, ist nicht schlimm: wichtig ist, wie gesagt, daß wir es versuchen und wenn wir scheitern, daß wir es erneut versuchen.

Ob wir beim Fasten versagen oder es punktuell nicht durchhalten: letzlich kommen wir alle in der Feier der Osternacht an, für die der hl. Chrysostomus die freudigen und gleichermaßen ermutigenden Worte bereithält:

Hat jemand sich beim Fasten abgemüht, so empfange er jetzt den Lohn.
Wer von der ersten Stunde an gearbeitet hat, empfange heute den gerechten Verdienst.
Wer nach der dritten Stunde gekommen ist, der feiere dankend mit.
Wer erst nach der sechsten Stunde angelangt ist, der soll nicht von Zweifeln befangen sein, denn er wird nichts einbüßen.
Wer bis in die neunte Stunde säumte, der trete unverzagt heran, ohne zu fürchten.
Sollte jemand erst zur elften Stunde gekommen sein, so möge er wegen seiner Saumseligkeit nicht bangen.
Denn der Gebieter ist freigiebig, er nimmt den letzten ebenso auf wie den ersten.
Er erquickt den, der um die elfte Stunde gekommen ist, gleich dem der von der ersten Stunde an gearbeitet hat. Gegen den zuletzt gekommenen ist er gnädig und den ersten behandelt er freundlich. Den einen beschenkt er und dem anderen entzieht er nicht seine Gaben.

_____
[1] Zur Abstinenz sind alle Gläubigen verpflichtet, die das siebte Lebensjahr vollendet haben. Zum Fasten sind alle verpflichtet, die das 21. Lebensjahr vollendet haben und noch nicht in das 60. Lebensjahr eingetreten sind.


[2] In der Tat leitet sich selbst der Name der Brezel von ihrer Form ab: brachiolum, das Ärmchen.

[3] Fast jedesmal, wenn ich diese Lesung höre, denke ich, der Prophet muß bemerkenswert realistisch gewesen sein, seine Aussage erinnert mich in ihrem Pragmatismus an die große hl. Teresa. Andererseits ist der Prophet ja göttlich inspiriert: Gott kennt uns womöglich noch besser.

Kunst am Samstag und Katechumenen


Da grad alles draußen so grau ist, hier zwei Blumenstilleben der britischen Malerin Susan Lane, unter Verwendung von Farbpigmenten und Techniken, wie sie auch in der flämischen Malerei zum Einsatz kamen. – Vor wenigen Stunden hat unser Erzbischof sechsundachtzig (!) Katechumen zum Empfang der Sakramente in der Osternacht zugelassen. Willkommen in der katholischen Kirche und als Glieder des Leibes Christi, hier sind Blümchen.

Donnerstag, 23. Februar 2012

Der Ursus latex multicoloratus in Kunst, Wissenschaft (und Kirche)

Weil neulich von Kunst im kleinen die Rede war: unten Gummibärchen, wie sie grad was ganz Christliches machen (man beachte – der Herr Jesus ist rot! Anscheinend sollen das die beliebtesten Gummibären sein). Vor einigen Jahren wurde im hiesigen Hause übrigens im Beichtstuhl eine Tüte Gummibärchen gefunden. Zeit für ein Véjà-du (ein Véjà-du ist das Gefühl, eine bestimmte Situation noch niemals erlebt zu haben…)!

Zum Titel: ich habe mit großem Erstaunen festgestellt, daß es eine wissenschaftliche Literatur gibt, die Die Wirkung verschiedenartiger Musik bei gemischtfarbigen Gummibärchen (Ursus latex multicoloratus) untersucht. Das zum Thema, wenn ihr fastet, macht kein finsteres Gesicht… Außerdem dürfte der Ursus eine auch prima Fastenspeise abgegeben.

Gummibärchen auf der Flucht…

…am Gründonnerstag…

…bei der Vorführung allerneuester Hutmoden…

…und einfach nur gutaussehend.

Los Wochos: Fraktale 2

Bastian nimmt mir das Wort aus dem Mund: für Fraktale hab ich auch eine Vorliebe und hatte sogar mal die Ehre, mit dem im vorletzten Jahr verstorbenen Benoît Mandelbrot zu tun zu haben (nach ihm ist die Mandelbrot-Menge benannt). Dieses Bild stammt aus ihren Untiefen und Verästelungen und wird auch Tal der Seepferdchen genannt.

Dienstag, 21. Februar 2012

Aschermittwoch und das Aschenkreuz

In seiner Predigt am Aschermittwoch des Vorjahres nannte unser Pfarrer das Aschenkreuz „das Zeichen auf den Stirnen der Mittelmäßigen“.

Die Mittelmäßigen sind wir, jedenfalls die meisten von uns, die wir dieses Sakramentale zu Beginn der großen Fastenzeit empfangen. Ein Bezug darauf, daß in der lateinischen Kirche die schweren öffentlichen Sünder am Aschermittwoch die Asche empfingen und bis Gründonnerstag aus den sakramentalen Vollzügen der Kirche dergestalt ausgeschlossen waren, daß sie, wie die Katechumenen, sogar nur am Wortgottesdienst teilnehmen durften und, ebenfalls als äußeres Zeichen ihrer Buße, die ganze Quadragesima hindurch fasten mußten (im Gegensatz zum strengen Fasten am Karfreitag und Karsamstag, das die anderen übten).

Die Asche, ein Sinnbild alles Vergänglichen, wurde dabei wohl in Form eines Kreuzes aufs Haupt gestreut. Eine Praxis, die an manchen Gegenden und Orten noch üblich ist und die ich beeindruckend fand, wo sie mir bisher begegnet ist. Bis zum Mittelalter hatte sich diese Praxis dahingehend verändert, daß nun alle fasteten und das Aschenkreuz empfingen: Bedenke, Mensch, daß du Staub bist und wieder zum Staub zurückkehren wirst – ein Akt der Barmherzigkeit, denn der einzelne geht so in der Masse unter und unterliegt nicht mehr dem öffentlichen Stigma. Zugleich ein deutliches Zeichen – kein Grund zum Pharisäertum („Herr, ich danke dir, daß ich nicht so bin wie jener!“), sondern das Eingeständnis: es liegt absolut kein Grund vor, sich über andere zu erheben, beim eigenen Herzen handelt es sich gleichfalls um eine „finstere Grube“, wie das Johann Sebastian Bach im Choral so treffend ausgedrückt hat.
Die schweren Sünder brauchen dieses Zeichen des Aschenkreuzes auf den Stirnen der Mittelmäßigen, damit auch sie genau das empfinden, was die Fastenzeit aussagen möchte: Das Kreuz Christi war nicht umsonst. Du bist mit all deinen Schwächen und Fehlern und auch mit dem Unverzeihlichen an dir, mit dem Abgründigen in dir – du bist von Gott geliebt. Du bist Teil seiner Schöpfung – er hat dich bei deinem Namen gerufen. (der geistliche Rektor Christoph Karlson in seiner Aschermittwochspredigt 2011)
Eine Zeit habe ich die kleine hl. Therese darum „beneidet“, daß sie in ihrem Leben wohl keine schwere Sünde begangen hat. Daß sie fast die Hälfte ihres kurzen Lebens im Karmel von Lisieux verbrachte, zählt dabei nicht recht: sicherlich lädt im Leben kaum etwas dazu ein, so viele Wurzelsünden zu begehen wie die Gegenwart vieler guter Frauen. Eine Karmelitin hat mich dann darauf aufmerksam gemacht, daß gerade von dieser Heiligen der Ausspruch stammt, selbst wenn sie die größte Sünde begangen hätte, würde sie sich freudig flüchten in die Arme Gottes und in seine Barmherzigkeit. Und darum geht es bei der Umkehr und Hinwendung zu Gott in der Fastenzeit: Bekehre uns, vergib die Sünde, schenke, Herr, uns neu dein Erbarmen.

Sonntag, 19. Februar 2012

Und noch was zum Gucken…

…weil mir grad der Sinn nach Obst steht…
(Aus der Reihe Ach wie flüchtig, ach wie nichtig! ein Stilleben von einem Flamen um 1500, dessen Name offenbar auch flüchtig und nichtig ist, jedenfalls ist er weg.)

Kathedra Petri – Thron der Wahrheit

Aus der heutigen Ansprache Papst Benedikts zum vorverlegten Fest der Kathedra Petri (dort natürlich ein Hochfest, bei dem auch für die neuen Kardinäle gedankt wurde). Im mittäglichen Angelusgebet nannte der Heilige Vater später die Kathedra Petri ein Zeichen der Autorität, aber einer von Christus kommenden, die auf Glauben und Liebe basiert. – Das hat mir gefallen:
Das Apsis-Fenster öffnet die Kirche nach außen, zur gesamten Schöpfung hin, während das Bild der Taube des Heiligen Geistes Gott als Quelle des Lichtes zeigt. Doch da ist auch noch ein anderer Aspekt hervorzuheben: Die Kirche selbst ist nämlich wie ein Fenster, der Ort, an dem Gott sich naht, unserer Welt entgegenkommt. Die Kirche existiert nicht für sich selbst, sie ist nicht das endgültige Ziel, sondern muß über sich hinausweisen, nach oben, über uns hinaus. Die Kirche ist wirklich sie selbst in dem Maß, in dem sie den anderen – den anderen schlechthin – durchscheinen läßt, von dem her sie kommt und zu dem sie führt. Die Kirche ist der Ort, wo Gott bei uns ankommt und wo wir zu ihm hin aufbrechen; sie hat die Aufgabe, außer sich selber auch jene Welt zu öffnen, die dazu neigt, sich in sich selbst zu verschließen, und ihr das Licht zu bringen, das von oben kommt, ohne das sie unbewohnbar würde.
Eigentlich bräuchte es, wie alle Predigten Papst Benedikts, ein Vollzitat. Hier gehts zur ganzen Predigt (bei Zenit).

Quinquagesima

Die Liturgie des heutigen Sonntags[1] bietet schon einen Blick und eigentlich eine vollendete Zusammenschau der Fastenzeit:
Denkt nicht mehr an das, was früher war; auf das, was vergangen ist, sollt ihr nicht achten.
Seht her, nun mache ich etwas Neues. Schon kommt es zum Vorschein, merkt ihr es nicht? Ja, ich lege einen Weg an durch die Steppe und Straßen durch die Wüste.
Das Volk, das ich mir erschaffen habe, wird meinen Ruhm verkünden. …
Ich, ich bin es, der um meinetwillen deine Vergehen auslöscht, ich denke nicht mehr an deine Sünden.
Vom Halleluja haben wir uns – jedenfalls die Sonntagsgemeinde – mit dem schönen Hallelujaruf verabschiedet, bei dem die Gemeinde auf einem langgezogenen A-a-ah endet. Der Zelebrant hatte die Ruhe weg. Schön! Und mir ist ein weiteres Mal aufgefallen, was auch ein Grund dafür ist, wieso ich der Mundkommunion eindeutig den Vorzug gebe: Zum einen nimmt sich der Zelebrant auch zu ihrer Spendung meist mehr Zeit – es gibt Zelebranten, die einem schönerweise auch die Hostienschale unters Kinn halten –, zum anderen aber, und darauf wollte ich hinaus: wenn ich knie, hält mir der Priester beim „Der Leib Christi“ den Leib des Herrn vor Augen[2], manchmal segnet er mich sogar noch mit dem Allerheiligsten, bevor er mir die Kommunion reicht. Auf diese Weise tritt der Spender hinter dem Leib des Herrn, den er reicht, vollkommen zurück und ich sehe nur den Herrn (und er mich).

____
[1] Zuweilen frage ich mich, ob die in den Wochen vor der Fastenzeit erscheinenden Lesungen von der Heilung des Blindgeborenen und des Gelähmten Relikte der früheren Sonntage der Vorfastenzeit sind?
[2] Bei der Kommunionspendung, bei der der Empfänger steht, halten die Spender den Leib des Herrn dagegen meist in ihrer Augenhöhe.

Samstag, 18. Februar 2012

Bilder vom Konsistorium – Gottes Segen, Kardinal Woelki!

Im heutigen Konsistorium hat der Heilige Vater unseren Erzbischof, Rainer Maria Woelki, zum Kardinalpriester mit der Titelkirche San Giovanni Maria Vianney, des hl. Pfarrers von Ars, erhoben. Hier einige Bilder, und hier und hier kann man sich das im Schnelldurchlauf ansehen. Beim Zuschauen hab ich mir Gedanken darüber gemacht, ob mit der Vergabe der Titularkirche nicht auch etwas ausgesagt wird. Kardinal Burke, der sich in herausragender Weise für die geweihten Jungfrauen eingesetzt hat, hat die Titelkirche einer Jungfrau bekommen, St. Agatha. Bischof Woelki, der vor wenigen Tagen noch im Gespräch hervorgehoben hat, daß ihm die Ausbildung künftiger Priester am Herzen liegt und der nach einem Gespräch mit dem hl. Vater, dessen Wunsch das auch sei, an eine theologische Fakultät in Berlin denkt, bekommt den hl. Pfarrer von Ars.

Der dem Kardinal angesteckte kreuzförmige Ring zeigt zwischen den Aposteln Petrus und Paulus einen Stern, ein Symbol für die Jungfrau Maria. So kommt zum Bischofsstab mit dem Stern noch der Ring mit dem Stern, wie schön! Im Schlußgebet der schönen Zeremonie – mir hat auch das viele Grün gut gefallen, Grün ist ein Zeichen für das sich stets erneuernde Leben der Kirche – bat Papst Benedikt darum, daß diese deine Diener weiterhin sichtbar hervorleuchten.

Empfange den Ring aus der Hand des Petrus im Bewußtsein, daß mit
der Liebe des Apostelfürsten deine Liebe zur Kirche wachse.
Der Hinweis auf die Jungfrau Maria sei jedoch stets eine Einladung an euch,
derjenigen zu folgen, die fest im Glauben stand und eine demütige Magd des Herrn war.
Brüderliche Umarmung und ein Lächeln nach der Verleihung des roten Biretts und des Rings.

In all dem vielen Rot auch ganz viel Grün
Liebe Brüder und Schwestern, betet, daß sie ein lebendiges Spiegelbild unseres einzigen Hirten und Lehrers seien,
des Herrn Jesus, der Quelle aller Weisheit, der allen den Weg weist. Und betet auch für mich, daß ich dem Volk Gottes immer das Zeugnis der sicheren Lehre geben und mit milder Festigkeit das Steuer der heiligen Kirche führen kann.

Freitag, 17. Februar 2012

Tebowing und Tischgebet

Pithless thoughts macht sich in dem Beitrag Conspicious piety Gedanken übers Bekreuzigen zum Tischgebet, wenn andere dabei sind, unter Verwendung des Wortes „tebowing“[1], ein Begriff, den ich noch gar nicht kannte, was kein Wunder ist, er ist noch ganz neu und wird folgendermaßen definiert:
What is Tebowing? To get down on a knee and start praying, even if everyone else around you is doing something completely different.
Hier zwei Beispiele für Tebowing an ungewöhnlichen Orten. Zum im Wald aufgenommenen Foto muß man sagen: das ist anscheinend kein Bild in Not und Gefahr – zuerst dachte ich, ja, wo sollte man denn sonst niederknien und beten? –, sondern eine Brandrodung, derjenige betet (oder tebowt) also bei seiner Arbeit:



Ich muß sagen, ich find es eigentlich gut, wenngleich ich mich frage, ob die Herleitung (nicht die obige Definition) tebowing hier zutrifft? Beide Bilder sehen nicht so aus, als hätte da jemand eine besonders augenfällige Geste vollführen wollen, sondern eher, als sei ihm das Beten völlig natürlich. Warum jemand dazu einen Autoreifen aufsucht, vermag ich nicht zu sagen, vielleicht gilt auch hier: Weil er da ist.

Derselbe Grund trifft für mich aufs Tischgebet und Bekreuzigen zu, und deshalb sehe ich es ein wenig anders: Es erscheint mir völlig natürlich, drum tue ich es und achte nicht weiter darauf, wer mich dabei sieht. Als ich neulich zu einem Essen eingeladen war, bei dem einer der beiden anwesenden Geistlichen dem lauschenden restlichen Lokal nach dem Tischgebet (zu dem wir aufstanden) in voller Phonstärke erklärte, das Essen in der Küche wäre „auch gleich mitgesegnet“, war ich zwar zunächst innerlich etwas erheitert – es wundert mich, daß er uns nicht auch noch einen Kanon hat singen lassen – aber mei, warum eigentlich nicht? Außerdem hatte es was. Je mehr Akte der Frömmigkeit, und seien sie noch so klein, wie es ein Kreuzzeichen vor und nach dem Gebet sein kann, aus der Öffentlichkeit verschwinden, desto eher kommt man doch überhaupt in die Verlegenheit, etwas erklären zu müssen.

Vielleicht geht es mit dem Tebowing wie noch mit dem Planking und man entdeckt nach kurzer Zeit, daß es sich um a fine catholic tradition handelt. Indes, hier gings ja ums Bekreuzigen und das Tischgebet:
Personally, I generally don't. I don't want to be identified as a Christian by my co-workers by my "pious acts" but rather by my Christian acts that they would not view as a public "show" of my religion.
Ich weiß nicht, warum sich das gegenseitig ausschließen muß? (Unwohl wäre mir allenfalls bei demonstrativen Gesten der Frömmigkeit ohne irgendeinen Niederschlag des Kreuzes im gelebten Alltag, indes, wer will das beurteilen? Sein oder ihr Beichtvater vielleicht, ich nicht.)

Grade überlege ich, ob ich die berühmte Ausnahme vom Tischgebet mit dezentem Kreuzzeichen in einer Situation machen würde, in der zu befürchten steht, daß sich das Tischgespräch dann anschließend um Inquisition, Hexenverfolgung, den priesterlichen Zölibat und – hab ich was vergessen? – ja, die Unterdrückung der Frau in der katholischen Kirche drehen wird. Vielleicht, vielleicht auch nicht. Solche Gespräche können eine wahre Landplage sein, allerdings hab ich mittlerweile einige Übung drin, sie ganz kurzfristig zu einem Ende zu bringen, wenn es angezeigt erscheint. Außerdem: es ist besser, für gute Taten zu leiden, wenn es Gottes Wille ist, als für schlechte. (1 Petr 3,17) – Wie seht ihr die Sache mit dem Tischgebet in der Öffentlichkeit?
____
[1] Das Verb ist abgeleitet vom Gestus eines amerikanischen Footballspielers namens Tim Tebow. Ob das wirklich eine Siegespose ist, wie verschiedentlich behauptet, sei noch dahingestellt. Augenfällig ist es jedenfalls.

Bild: Fritz von Uhde: Komm Herr Jesu, sei unser Gast, 1888

Vor der großen Fastenzeit: warum fasten?


Nächste Woche ist es wieder soweit: die Zeit, die der Apostel als die Zeit der Gnade bezeichnet, beginnt, und Christus nachahmend beginnen wir die sechseinhalb Wochen der großen Fastenzeit.

Selber bin ich dabei manchmal zögerlich, mir dabei allzuviel auf einmal vorzunehmen. Den Vorsatz, in der ganzen Fastenzeit anstelle von Fruchtsaftschorle und etwas Kaffee nur Wasser zu trinken, würde ich wahrscheinlich nicht durchhalten können. Da fällt mir Kohelet ein: Es ist besser, du gelobest nichts, denn daß du nicht hältst, was du gelobest.

Als Einstimmung auf die Quadragesima eine kurze Abhandlung zu der Frage, warum fasten die Christen?, die ich vor einiger Zeit gefunden habe. Sie stammt von einem amerikanischen Orthodoxen, geht uns aber natürlich genauso an.
Viele Christen haben die überkommene Fastenpraxis aufgegeben; in vielen heutigen westlichen Kirchengemeinschaften scheint sie mühsam und unwesentlich. Für diejenigen aber, die ihre eschatologische und sakramentale Bedeutung schätzen, ist sie aber so wesentlich wie Essen und Trinken.

Warum fasten die Christen? Für die meisten ist das Leben schon herausfordernd genug, ohne selbstauferlegte Schranken für das, was wir an gewissen Wochentagen und während langer Perioden des Kirchenjahres essen, trinken und tun. Sorgt sich Gott wirklich darum, ob wir freitags Fleisch essen oder den Kühlschrank während der Fastenzeit von Milchprodukten befreien? Ist das wirklich wichtig?

Zusätzlich haben manche noch Bedenken wegen der Scheinheiligkeit, die das Fasten manchmal begleitet. Wir weigern uns aus spirituellen Gründen, manche Lebensmittel zu essen, tun aber wenig oder gar nichts dafür, unser Verhalten gegenüber anderen zu ändern. Eine mit der Fastenzeit verbundene Klage (sowohl vom hl. Basilius wie vom hl. Chrysostomos überliefert) faßt das mit erschreckender Genauigkeit zusammen:
Du enthältst dich der Fleischspeise – und verschlingst deine Nächsten!

Die asketische Tradition der frühen Kirche kennt mehrere Gründe für das Fasten. Richtiges Fasten reinigt den Körper von Giften, es erleichtert das Gebet, es hilft verschiedene Leiden
schaften und Versuchungen zu beherrschen, und es hilft, Solidarität mit den Armen zu fühlen. Diese Tradition aber besteht auf einem Zugang zum Fasten, der heute oft vergessen wird: Ausgewogenheit und Maßhalten. Wir können uns zwanghaftes „Etikettenlesen“ aller gekaufter Lebensmittel auferlegen, nur um sicher zu sein, daß sie auch nicht eine Spur von Milch enthalten; wir können hungern, bis unsere Gesundheit in Gefahr ist; wir können uns hämisch freuen über unseren „Erfolg“ und die weniger eifrigen unter uns verurteilen. Das aber macht die Fastendisziplin zu einer Farce.

Viele Orthodoxe, die im Westen leben, stehen vor einem Dilemma, wenn sie von Nicht-Orthodoxen eingeladen werden, die unsere Fastenpraxis nicht kennen, oder auch von Orthodoxen, die sich nicht darum scheren. In diesen Fällen sind Ausgewogenheit und Maßhalten besonders gefragt. Um Stolz auf unser Fasten zu vermeiden, ist es gesund und vernünftig, das Gebot zur richtigen Zeit zu lockern.Durch die Lockerung unserer gewöhnlichen Praxis, rät der hl. Diodokos von Photiki, können wir unsere Selbstbeherrschung in Demut verborgen halten. Wenn wir in Gefahr sind, andere mit unseren Fasten zu beleidigen, ist der Rat des hl. Paulus eine gesunde Daumenregel: …eßt, was euch vorgesetzt wird.

Doch beantwortet ein solcher Rat nicht die Frage, warum wir gerufen – eingeladen – sind, Fastenregeln zu akzeptieren, sei es eine totale Abstinenz für kurze Zeit oder eingeschränkte Nahrung während längerer Fastenzeiten … Fasten ist nur sinnvoll, sofern es in Beziehung auf das Reich Gottes gehalten wird. Wenn es auch dazu dienen mag, den Leib zu entgiften und uns hilft, unsere Versuchungen zu Völlerei und Genußsucht in den Griff zu bekommen, rechtfertigt dies keineswegs ihre Strenge. Die Fastendisziplin hat nur einen grundlegenden Zweck: uns auf das Fest vorzubereiten.

Wir enthalten uns völlig des Essens, bevor wir die Heilige Kommunion empfangen, nicht nur um den Bauch zu leeren, sondern um Hunger für die wahre Eucharistie zu schaffen, das himmlische Mahl, das für uns bereitet wurde vor der Erschaffung der Welt. Das gleiche gilt für die langen Fastenzeiten unseres Kirchenjahres. Sie helfen sehr bei der lebenswichtigen Aufgabe, die „Zeit zu heiligen“, Herz und Geist der überweltlichen Wirklichkeit und dem Versprechen der erfüllten Hoffnung zu öffnen.

Fasten hat seine wahre Grundlage im gesamten sakramentalen Leben der Kirche, das den Gläubigen nährt und zum ewigen Leben, zu Freude und Frieden im Himmelreich führt. Es erhebt uns über die täglichen Sorgen unserer irdischen Existenz, um uns sicher auf die Flugbahn zu setzen, die uns von diesem Leben ins nächste bringt. Fasten ist kein Sakrament im strikten Sinne, aber es ist zutiefst „sakramental“. Sakramental und eschatologisch, weil es unser gegenwärtiges Leben und unser Tun heiligt, unser Gebet – das persönliche, wie das gemeinschaftliche – vertieft und verstärkt, und in unserem innersten Sein einen entscheidenden Durst nach dem versprochenen Mahl schafft, dem kommenden ewigen Fest.

Fasten ist die Mahnung, daß der Weg zur Herrlichkeit der Weg des Kreuzes ist. Fasten mag kleinere Unannehmlichkeiten auferlegen: unseren Drang nach sofortiger Befriedigung enttäuschen und uns schmerzlich daran erinnern, wieviele der Menschen dieser Erde jede Nacht hungrig zu Bett gehen. Aber das alles hat sein Gutes. Denn diese Unannehmlichkeiten führen den Leib, den Geist und die Seele zu dem, was wirklich wichtig ist: zum himmlischen Jerusalem, in dem die Seele erhöht wird, der Geist geheiligt und die Dämonen besiegt, und wir alle auf ewig in der Gegenwart Gottes weilen.

Mittwoch, 15. Februar 2012

Farbsignale


Vom vergangenen April, mir aber seinerzeit leider entgangen: ein drolliger Beitrag bei Father Z. zu der staatstragenden Frage, trag ich einen weißen oder einen schwarzen Kommunionschleier? Überhaupt finden sich bei Father Z. manchmal hochgradig mantillarelevante Beiträge mit interessanten Kommentaren.

So… as a man, I say: What difference does it make? Wear what it pleaseth thee to wear.

I think that this custom of women wearing head coverings in church should be revived. As it revives, if the virginal desire to wear white to signal either their nuptial availability or, in the case of consecrated virgins, their nonavailability, great! If the espoused want to show either that they are non-nubile by using black, great! If they want as widows to signal their continuing attitude of prayer for their late spouses, great!

What would a gray veil mean? I wonder. Perhaps that the woman is hoping to be a widow? That she is divorced?

Diese Frage erinnert mich an die Probleme, die ich als Kind im Zusammenhang mit den im Schwarzwald gebräuchlichen Bollenhüten wälzte. (Bei einer Auftragsübersetzungsarbeit hab ich übrigens gelernt, daß sowas auf englisch „Black Forrest pompom hat“ heißt. Ein Bollen, um bei der Muttersprache zu bleiben, ist ein größerer, meist ungeformter Klumpen.) Schwarze Bollen – verheiratet, rote Bollen – unverheiratet.[1] Alles klar. Was will uns aber ein vorwiegend rotbolliger Hut mit einzelnen schwarzen Bollen sagen, wie man sie zuweilen auch sieht? Prinzipiell gern, aber ich bin verlobt? Ich bin mehrmals verwitwet/geschieden, jetzt aber wieder an einer Heirat interessiert? Einige rote Bollen dieses Hutes sind von Motten gefressen worden, drum hab ich auf die Kahlstellen schwarze aufgenäht? – Eines der ungelösten Rätsel unserer Zeit.

_____
[1] Den Gedanken, daß solcherart früher schon von der nächsten Hügelkuppe aus einer erkennen konnte, da geht eine, die wär noch zu freien, fand ich immer schon lustig. Es erinnert an besonders farbenprächtiges Gefieder oder auch diese Geruchsmoleküle bei Schmetterlingen, die andere Schmetterlinge derselben Art noch in mehreren Kilometern Entfernung wahrnehmen können.


Nachtrag: Ah, ich seh grad, heut ist offenbar Mantillatag. Hier ist ein todkomisches Video zum Thema: wie setz ich meine Mantilla so auf, daß sie auch oben bleibt? Und überhaupt.

Die hl. Katharina von Siena und die Kirche

Der katholische deutsche Frauenbund feiert offenbar schon seit einigen Jahren den Gedenktag der hl. Katharina von Siena als „Tag der Diakonin“ (und wie ich grad bei kathnews sehe, ruft auch das ZdK in diesem Jahr dazu auf). Ich glaub, an mir ist das bisher völlig spurlos vorübergegangen. Als ich vorhin davon gehört hab, fiel mir dazu nur spontan die Frage ein: Was ist das denn wieder für eine krause Idee? Wieso jetzt eine der Jungfrauen der Kirche als Gallionsfigur der Diakonin? Erweitert gefragt: kann man die Leute nicht einfach mal das sein lassen, was sie tatsächlich waren oder sind?

Seht, das ist eine der klugen Jungfrauen, die dem Herrn mit brennenden Lampen entgegengehen, so heißt es gleich im Introitus des Festes der hl. Katharina. Die hl. Katharina von Siena war meines Erachtens nicht mehr oder weniger Diakonin als andere Jungfrauen oder Mitglieder eines dritten Ordens, was Katharina in der Tat auch war: sie gehörte dem dritten Orden des hl. Dominikus an. Insofern wundere ich mich, wie man grade von Katharina von Siena auf den Diakonat kommt; vielleicht wegen ihrer feurigen Briefe an den jeweiligen Papst? Diese hat sie allerdings in voller Übereinstimmung mit dem Lehramt geschrieben. In der Pressemitteilung des KDFB aus dem Jahr 2009 heißt es dazu, die eigene Präsidentin Fischbach zitierend: „Katharina von Siena erinnere Frauen daran, sich engagiert und unerschrocken in Kirche, Gesellschaft und Politik einzubringen.“

Hmm. Nun, um genau zu sein, tut das eigentlich jede Heilige, ja, jeder Heilige (m/w) an sich. Wenn es aber denn durchaus Katharina von Siena sein soll: diese wird auch Kirchenlehrerin genannt. Für solche sieht das Antiphonale am Fest diese Antiphon vor:
O Lehrerin des Glaubens und Licht der Kirche, du hast Gottes Weisung geliebt.
Heilige (Katharina), bitte für uns bei Gottes Sohn.
Genau aus diesem Grund übrigens ist Katharina von Siena zur Kirchenlehrerin erhoben worden: wegen ihrer überragenden Liebe zur Kirche, die diese im Tagesgebet ein loderndes Feuer nennt. Da das Fest der hl. Katharina vom vierten Sonntag der Osterzeit verdrängt wird, werden wir dieses überaus schöne Gebet in diesem Jahr nicht hören. Es lohnt sich aber immer wieder, es zu betrachten:
Allmächtiger, ewiger Gott,
du hast der heiligen Katharina von Siena
das Leiden Christi und die Wunden seiner Kirche
vor Augen gestellt.
Im Dienst an der Kirche
wurde ihre Liebe zu einem lodernden Feuer.
Mache auch uns, die wir zu Christus gehören,
bereit, die Leiden seiner Kirche mitzutragen,
damit einst seine Herrlichkeit an uns offenbar wird.
Da ist vom lodernden Feuer die Rede und auch von der Bereitschaft, die Leiden seiner Kirche mitzutragen. Die Kirche richtet an dieser Stelle sicherlich auch deshalb den Blick auf den leidenden Christus und die Leiden der Kirche, seiner Braut, weil Katharina der Überlieferung zufolge zu den Stigmatisierten gehörte, weshalb zu ihren Attributen in der Ikonographie neben dem Herzen und dem Kreuz auch die Dornenkrone gehört. Die Leiden der Kirche mittragen (und auch das eigene Leiden an der Kirche vor Gott tragen) kann man, so glaube ich, viel eher im Gebet.

Natürlich kann man über bestimmte Fragen nachdenken, ob man sich und der Kirche aber mit solchen Aktionen einen Gefallen tut? Zumal in solchen Zusammenhängen sich für mich immer wieder die Frage stellt, ob wohl Gott einem Menschen eine Berufung schenkt, der zu folgen für diesen eine objektive Unmöglichkeit darstellt? Zum anderen wird bei Sentenzen wie „Immer wieder gibt es Frauen, die sich zur Diakonin berufen fühlen“ mit schönster Regelmäßigkeit die Tatsache vernachlässigt, daß zu einer Berufung in den Dienst der Kirche nicht nur das Gefühl gehört, man habe eine solche, sondern auch deren Annahme durch die Kirche.

Die Vita der Heiligen und was uns von ihr überliefert ist, sprechen für sich. Vorletztes Jahr hatte ich dazu etwas geschrieben, was vielleicht auch gut zu diesem „Tag der Diakonin“ paßt:
Katharina hat sich nicht enttäuscht oder angeekelt von der Kirche abgewendet. Sie ergab sich nicht der Bitternis und Frustration oder einem Gefühl, nicht genügend gewürdigt zu werden: Nicht das Beginnen wird belohnt, sondern einzig und allein das Durchhalten. Sie tat das, worin sie ihre Berufung sah, an den Orten, wohin Gott sie rief. In der ersten Lesung zu ihrem Fest heißt es: Gott ist Licht, und keine Finsternis ist in ihm.

Dienstag, 14. Februar 2012

Valentinstag – die Liebe

Als Braut Christi fallen mir zum Valentinstag weniger fliegende rote Herzen oder Rosensträuße ein, sondern eher der Ring, der mich an ihn bindet. (Das ist übrigens nicht meiner, meiner hat die Form einer Dornenkrone. Aber da steht: Denn stark wie der Tod ist die Liebe, hart wie der Scheol die Leidenschaft. Ihre Gluten sind Feuergluten, eine Flamme JHWs. Daß die Leidenschaft „hart ist wie die Unterwelt“ hat mich an dieser Stelle auch immer sehr berührt. Da ist nix mit Herzchen und Cupidos.)
Leg mich wie ein Siegel auf dein Herz, wie ein Siegel an deinen Arm! Stark wie der Tod ist die Liebe, die Leidenschaft ist hart wie die Unterwelt. Ihre Gluten sind Feuergluten, gewaltige Flammen. Auch mächtige Wasser können die Liebe nicht löschen; auch Ströme schwemmen sie nicht weg. Böte einer für die Liebe den ganzen Reichtum seines Hauses, nur verachten würde man ihn. (Hld 8, 6-7)

Montag, 13. Februar 2012

Kunst am Montag


Hier gefällt mir besonders die Freude des Jesuskindes über das mitgebrachte Kaninchen, von dem das Bild seinen Namen hat: Madonna mit Kaninchen von Tizian. Ich nehme mal an, der hl. Johannes der Täufer bleibt im Hintergrund, weil er scheints einen Hirtenhund dabeihat. (Was macht er überhaupt mit den Schafen? Spannende Frage…) Die Jungfrau links ist die hl. Katharina von Alexandria, mal ganz ohne Schwert und Rad.

Sonntag, 12. Februar 2012

Christus gestern und heute…

In jener Zeit kam ein Aussätziger zu Jesus und bat ihn um Hilfe; er fiel vor ihm auf die Knie und sagte: Wenn du willst, kannst du machen, daß ich rein werde. Jesus hatte Mitleid mit ihm; er streckte die Hand aus, berührte ihn und sagte: Ich will es – werde rein! (Mk 1, 40-41)

Der Schatz

Rabenaier berichtete neulich über den Flohmarktfund eines alten Schott-Meßbuches. Daß die Vorbesitzerin ihn nicht aufgeschlagen hat, ist womöglich ein Schicksal, das ihn mit den zahlreichen Gesangbüchern[1] mit Goldschnitt verbindet, die Konfirmanden traditionell zur Konfirmation bekommen haben. Um ehrlich zu sein, ich weiß gar nicht, was aus meinem geworden ist, denn nicht lange danach wurde ich katholisch. Höchstwahrscheinlich habe ich es weiterverschenkt.

Ein solcherart verwaistes Buch kann immerhin, und sei es Jahrzehnte später, einem neuen Besitzer noch zum Segen werden. So bin ich vor einiger Zeit zu einem alten Schott von 1952 gekommen – er wurde abgegeben und ich bin die Glückliche, die ihn geerbt hat –, und es ging mir ähnliches durch den Sinn: wie wunderschön dieses Buch früher gemacht war!

In einem Buch, das auch noch ein äußerst praktisches Format hat, ist eigentlich fast alles drin, was der Katholik im Kirchenjahr braucht. Es ist erstaunlich, für wieviele erklärende und zum Teil sehr schöne einführende Texte – etwa den über die stimmungsvolle Vorhalle der Vorfastenzeit – bei dem Format noch Platz war. Nicht zuletzt ist die Aufmachung sehr schön: Druck mit Rubriken, fünf verschiedenfarbige Bändchen in satten Farben und Goldschnitt, wie gesagt. Viele Hochfeste und die geprägten Zeiten kommen mit den bekannten Holzschnitten daher, die auch im Benzigerschen Missale auftauchen. Ob einem diese gefallen, ist natürlich Geschmacksache[3]; sie sind aber sehr liebevoll gefertigt und enthalten oft auch interessante Details. Ikonographie-Freaks (und solche, die es werden wollen) haben da viel Freude.

Schottscher Parforceritt durch das Kirchenjahr – von der Verkündigung des Herrn…

Anbetung der Könige

Einzug in Jerusalem

…bis zur Einsetzung der Eucharistie und des Priestertums vor seinem Leiden.

Zusätzlich zu den Holzschnitten finden sich vor besonders hohen Festen noch farbige Andachtsbildchen, die durch ein pergamentenes Vorsatzblatt geschützt sind. – Ein echter Schatz, und wohl dem, der einen solchen findet. Das kurze Gebet für den vorigen Besitzer ist natürlich trotzdem eine sehr schöne Idee.


______
[1] Drei schwäbische Wörter mit X: Xaver, Xälzbrot[2], Xangbuch.
[2] Gsälz = Marmelade.
[3] Nebenan fragt sich grade einer, ob solche Abbildungen wohl zum Fußnägelkräuseln führen? Also, zumindest bei mir nicht, wie man sieht.

Samstag, 11. Februar 2012

Der benutzte Besen und die Votivgabe – Fest der Erscheinung der unbefleckten Jungfrau Maria in Lourdes

Lourdes gestern und heute – die Schwarzweiß-Aufnahmen zeigen die Grotte von Massabielle im Jahr der Erscheinungen der Jungfrau Maria, 1858, und die hl. Bernadette einige Zeit danach.

Bei seinem Besuch in Lourdes 2008 bezeichnete Papst Benedikt XVI. die hl. Bernadette als ein Licht der Hoffnung, das bei der Begegnung mit ihm die Kraft hat, ein Leben zu verändern.

Heute feiert die Kirche das Fest der Erscheinung der unbefleckten Jungfrau Maria. Der Name der hl. Bernadette ist untrennbar verbunden mit dem unserer lieben Frau von Lourdes. Dieses Fest feiert die Kirche zur Erinnerung an den 11. Februar 1858, dem Tag, an dem die Jungfrau Maria einem jungen Mädchen in der Grotte von Massabielle bei Lourdes zum ersten Mal erschien. Papst Pius X. führte dieses Fest 1907 für die ganze Kirche ein, Pius XI. sprach Sr. Marie-Bernarde Soubirous am 14. Juni 1925 selig.

Im Juli 1866, acht Jahre nach dem Ende der Erscheinungen, trat Bernadette als Postulantin in den Konvent von Ste. Gildarde der Schwestern von Nevers ein, einer tätigen Kongregation. Schon vor ihrem Eintritt und bis zu ihrem Tod wurde Bernadette, die spätere Sr. Marie-Bernarde, als Kuriosum betrachtet – was ihr manchmal gehörig auf die Nerven fiel (Bernadette war immer sehr geradeheraus). Die meiste Zeit allerdings achtete sie nicht darauf und wünschte auch nicht, daß irgendein Gewese um sie gemacht werde, auch nicht, als sie noch kränker wurde, als sie von Kindheit an schon war, und zu ihrem schweren Asthma die Erkrankung an Knochentuberkulose kam. Sie nahm diese mit großen Schmerzen und heftigem Leiden verbundene Krankheit schlicht und zielbewußt als zu erfüllende Aufgabe an, wie alles, was ihr zufiel. Auf sich selbst nach den Erscheinungen der Jungfrau verwendete sie das Bild eines Besens, „der nach dem Fegen in die Ecke gestellt wird“. – Was er zu tun hatte, hat er getan, und in diesem Fall hat er es gut getan.

In der Folge der Erscheinungen sind in Lourdes viele Wunder geschehen. Es ist vielleicht eines der eigenartigsten Wunder von Lourdes, daß eines der katholischsten Bücher überhaupt von einem Juden geschrieben wurde, dem Österreicher Franz Werfel. Ich habe sein Lied von Bernadette entweder kurz vor oder kurz nach meiner Konversion erstmals gelesen und fand es wunderschön.

Daß Franz Werfel die Geschichte der Erscheinungen der Jungfrau Maria und der hl. Bernadette aufgeschrieben hat, geht auf ein Gelübde zurück, das er tat, als er 1940 auf der Flucht vor den herrschenden Nationalsozialisten nach Lourdes gelangte. An dem Ort, an dem so viele Wunder geschehen sind und noch geschehen, gelobte er, wenn er gerettet würde, bevor er irgendetwas anderes beginne, das Lied Bernadettes zu singen. Werfel gelang die Flucht und er erfüllte sein Gelübde. In schöner, fast lyrischer Sprache – das Buch trägt zu Recht den Namen Das Lied von Bernadette und zugleich so einfach, daß es jedermann verstehen kann, schrieb er seine Begegnung mit der Heiligen nieder. Im Mai 1941 schrieb er abschließend:
Ich habe es gewagt, das Lied von Bernadette zu singen, obwohl ich kein Katholik bin, sondern Jude. Den Mut zu diesem Unternehmen gab mir ein weit älteres und viel unbewußteres Gelübde. Schon in den Tagen, da ich meine ersten Verse schrieb, hatte ich mir zugeschworen, immer und überall durch meine Schriften zu verherrlichen das göttliche Geheimnis und die menschliche Heiligkeit – des Zeitalters ungeachtet, das sich mit Spott, Ingrimm und Gleichgültigkeit abkehrt von diesen letzten Werten unseres Lebens.
Diese Erfüllung eines Gelübdes für die Errettung aus großer Gefahr – eigentlich eine Votivgabe an die Muttergottes – atmet wundersamerweise den Geist des Katholizismus, und, wie Werfel selbst schreibt, den der Heiligkeit. So hat die Begegnung mit der hl. Bernadette auch auf diese Weise die Kraft, ein Leben zu verändern.
Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...