Samstag, 30. April 2011

Mad hatters

Unter allen Kreationen verrückter Hutmacher gestern war dieser sicher der verrückteste (Prinzessin Beatrice von York). Einige der neuerdings wieder ziemlich kleinen Hüte mit ihren insektenähnlichen Fühlern und Schnörkeln fand ich wirklich hübsch. Da sie sämtlich in der Kirche saßen, in der vorbildlicherweise Fotografierverbot herrschte, kann ich von denen keine Bilder finden. Einen Aufbau wie den oben zu tragen, zeugt immerhin von ausgesprochenem Selbstbewußtsein. Extrapunkte gibts für die Farbe des Ensembles und den Kragen des Mantels, Punktabzug fürs Untoten-Make-up.

Witzigerweise fällt mir bei sowas immer auf, daß es mich völlig glücklich macht, solches Zeug einfach nur anzuschauen. Selber haben muß und will ichs gar nicht. Es ist eine Form der darstellenden Künste.

Als Dreingabe:

Freitag, 29. April 2011

Es ist der Herr! – der wundersame Fischzug (2)

Von Petrus geht all das Handeln aus, schon, daß sie überhaupt beim Fischen sind: Ich gehe fischen! sagte er. Wenn man durcheinander oder traurig ist, wenn sich etwas zerschlagen hat, so kann manchmal das alltäglich Vertraute helfen. Zugleich ist es das Praktische und lenkt vom Grübeln ab. Johannes dagegen erkennt den schmerzlich Vermißten. Chrysostomus nennt ihn darum den Scharfsinnigeren von den beiden, vielleicht ist er aber auch einfach der, der mit dem Herzen gut sieht.

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Bild: Miniatur des georgischen Malers Mamuka Shengelia

Der wundersame Fischzug


Als es schon Morgen wurde, stand Jesus am Ufer. Doch die Jünger wußten nicht, daß es Jesus war. Jesus sagte zu ihnen: Meine Kinder, habt ihr nicht etwas zu essen? Sie antworteten ihm: Nein. Er aber sagte zu ihnen: Werft das Netz auf der rechten Seite des Bootes aus, und ihr werdet etwas fangen. Sie warfen das Netz aus und konnten es nicht wieder einholen, so voller Fische war es. Da sagte der Jünger, den Jesus liebte, zu Petrus: Es ist der Herr! Als Simon Petrus hörte, daß es der Herr sei, gürtete er sich das Obergewand um, weil er nackt war, und sprang in den See. (Joh 21, 4-7)

Zu dem Evangelium vom wunderbaren Fischzug gibt es eine Menge an Auslegungen zu der Frage, wieso gerade 153 Fische, die ich – die Ausleger mögen es mir nachsehen – sämtlich nicht bedeutsam finde. Selbst die Frage „Wer hat die eigentlich gezählt?“ ist mir noch nie in den Sinn gekommen.

Das Evangelium ist so voller Christus und Christussymbolen – selbst der hereinbrechende Morgen ist ja eines – daß mich vor allem die Sehnsucht der beiden Jünger und ihr Handeln anrührt: Da sagte der Jünger, den Jesus liebte, zu Petrus: Es ist der Herr! Als Simon Petrus hörte, daß es der Herr sei, gürtete er sich das Obergewand um, weil er nackt war, und sprang in den See.

Der Jünger, den Jesus liebte, Johannes, erkennt ihn zuerst: es ist der Herr! Und indem er es ausspricht, hat Petrus nur den einen Gedanken, zum Herrn zu gelangen, der ihn so ganz erfüllt, daß er nicht darauf wartet, bis das Boot wieder am Ufer ist, sondern den schnellsten Weg nimmt und zu ihm schwimmt. Weil man einem Verehrten nicht nackt gegenübertreten kann und will, wirft er sich zuvor noch sein Gewand über, dann aber hin!

In seiner Homilie über dieses Evangelium führt der hl. Chrysostomus aus, daß der Auferstandene, dem die Jünger hier, wie der Evangelist erwähnt, zum dritten Mal begegnen, das Gespräch mit den Jüngern auf eine Weise beginnt, die sie nicht verschrecken soll: Meine Kinder, habt ihr nicht etwas zu essen? Als sie zu ihm gelangen, stellt sich heraus, daß er alles hat, was sie brauchen: Fisch und Brot, Wärme und Licht. So ist der, dem sie helfen wollten, schließlich der, der ihren Hunger stillt.

Hl. Katharina von Siena


Vom Freitag der Osteroktav verdrängt wird in diesem Jahr das Fest der hl. Katharina von Siena. Manchmal gibt es wirklich nette Momente, wie etwa diesen heute morgen bei der royalen Hochzeit – ich oute mich mal als Guckerin solcher Geschichten –, bei der der Kommentator im Ersten auf die Heilige verwies – immerhin heißt die Braut des Tages Catherine und hat somit wohl an ihrem Namenstag geheiratet.

Wunderschön finde ich das Tagesgebet des Gedenktages mit dem lodernden Feuer der Liebe im Dienst der Kirche:

Allmächtiger, ewiger Gott,
du hast der heiligen Katharina von Siena
das Leiden Christi und die Wunden seiner Kirche
vor Augen gestellt.
Im Dienst an der Kirche
wurde ihre Liebe zu einem lodernden Feuer.
Mache auch uns, die wir zu Christus gehören,
bereit, die Leiden seiner Kirche mitzutragen,
damit einst
seine Herrlichkeit an uns offenbar wird.

Mittwoch, 27. April 2011

Die Ölbergwache


Darauf kam Jesus mit den Jüngern zu einem Grundstück, das man Gethsemani nennt, und sagte zu ihnen: Setzt euch und wartet hier, während ich dort bete. … Da ergriff ihn Angst und Traurigkeit, und er sagte zu ihnen: Meine Seele ist zu Tode betrübt. Bleibt hier und wacht mit mir! (Mt 26, 36)

Nach der Feier zum letzten Abendmahl und der Agape – bei der jemand unter Beachtung eines alten Brauches sehr aufmerksam unter anderem grüne[1] Dips und grüne Weintrauben hingestellt hatte – in der einen Kirche mußte ich umständehalber erst einmal in eine andere, um dort mitzuhelfen, die Kirche für den Karfreitag vorzubereiten (Simona von Cyrene hilft der Küsterin das Kreuz tragen…)

Als ich danach beim Herrn am Ölberg wachen wollte, begegnete mir eine „Schwierigkeit“, die, wie mir im nachhinein bewußt geworden ist, eine für Gründonnerstag leider irgendwie kennzeichnende ist. Eigentlich ist es so einfach: Ich würde gern still beim Herrn wachen, gerade an diesem Tag, und auch bitte wenigstens die sprichwörtliche Stunde. Beides zusammen scheint aber eben irgendwie …schwierig (ich weiß schon, irgendwas ist immer).

In Klosterkirchen das Normale, scheint eine stille Ölbergwache in Gemeindekirchen eigentlich überhaupt nicht mehr möglich zu sein. Stattdessen wechseln sich bei dieser sogenannten „gestalteten Andacht“ (oder wie auch immer) wohlmeinende Menschen bei der Gestaltung ab. Was ist das nur für ein Faszinosum? Halten die Gläubigen tatsächlich keine Stille mehr aus oder gehen die Gestalter solcher Andachten davon aus, es sei so, und texten die Anwesenden einfach vorsorglich gnadenlos zu? Übrigens kann das mit einer gewissen Berechtigung auch andersherum fragen: jene, die sich im heiligen Schweigen am Karfreitag unbedingt im halblauten Ton auf der Kirchbank länglich austauschen müssen. Was außer dem Ruf „Es brennt!“ kann denn so wichtig sein, daß man es gerade jetzt vorbringen müßte?

In einer Ölbergandacht, in der wirklich keine halbe Minute Ruhe war, gipfelte es nun in einer weiteren „Betrachtung“ – eine in einer Reihe von ölfdrölfzig – die anfing mit den Worten: „Herr Jesus, wir machen oft zu viele Worte…“ An diesem Punkt habe ich mir ein halblautes „Genau!“ verkniffen und, um Schonung meines Blutdrucks und meiner Beichtgnade zu dieser heiligen Stunde bemüht, einen anderen Ort aufgesucht. Gottseidank gab es einen.

An sich finde ich die Vorstellung, daß Wünsche an die Liturgie dieses Tages wie
  • heilige Kommunion unter beiderlei Gestalt
  • feierliche Liturgie vom letzten Abendmahl
  • nächtliche Anbetung, bitte wenigstens zeitweise still (einfache Gesänge stören mich nicht im mindesten)
einen Fahrplan erfordern, der dem in der langen Nacht der Wissenschaften gleicht, halt etwas befremdlich – obwohl man in einer Großstadt damit immerhin noch glücklich zu preisen ist. Die Alternative scheint zu sein, seine Erwartungen dauerhaft herunterzuschrauben. Ich kann mich an eine stille Anbetung im Laufe des späteren Abends in der erleuchteten Krypta der Kathedrale erinnern. Außer mir knieten noch der Weihbischof em. und ein anderer Beter – sonst war wunderbare, tiefe Stille. Das war reine Gnade.


Um zeitlich zum Ausgangspunkt zurückzukehren: Unsere leere Kirche mit weit offenstehendem Tabernakel, ohne das Allerheiligste, ohne Kreuz, mit nacktem Altarstein und völlig im Finstern liegend, da auch Altar und Tabernakel im Dunkeln liegen und das ewige Licht nicht mehr brennt, ist ein Ort, der dem Garten Gethsemane, wie er gewesen sein muß, nachdem Jesus verhaftet wurde, irgendwie sehr ähnlich schien. Ich habe mich dort noch etwas in der Stille hingesetzt und etwas von der Stimmung der Jünger am Gründonnerstag in mich aufgenommen. So ähnlich müssen sie sich gefühlt haben – fort ging von mir, der mein Tröster war.

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[1] Dieses Jahr habe ich es tatsächlich einmal geschafft, Gründonnerstag vorwiegend Grünes zu essen, dabei hatte ich vorher nicht einmal daran gedacht. Das traditionelle Donnerstagsgericht – nicht nur Gründonnerstag, sondern eigentlich jeden – meiner Mutter war übrigens Spinat mit Spiegelei. Dazu muß man sagen, daß dieser Spinat dem, was bei uns die Kuh auf der Weide hinterläßt, ausgesprochen ähnlich sah. In der Mitte saß dann das Spiegelei – mit Glibber – und glotzte einen an. Das hat mir die Lust auf Grünes und insbesondere Spinat erst einmal auf Jahre hinaus verleidet. Bei mir gab es heuer jedenfalls Nudeln mit Basilikumpesto und Ruccolasalat.

Bild: Gethsemane (Carl Heinrich Bloch), 1865-1879, Foto: der Garten Gethsemane heute (mit freundlicher Erlaubnis von Dr. Dietmar Hiller)

Risus paschalis


Die Jesus-Bäckerei in Görlitz hat an Himmelfahrt zu
(natürlich…! Ob sie danach wieder aufmacht, ist nicht bekannt.)

Dienstag, 26. April 2011

The bigger, the better?


Mancherorts scheint alles etwas größer zu sein… – Fundstück bei Te igitur. Gut, die zugehörige Trittleiter finde ich jetzt weniger elegant…

Auch habe ich mich gleich gefragt, wie sie die zur Taufwasserweihe mit dem Kran ins Becken gehievt ins Wasser eingesenkt haben? Beim Sich-Durchklicken wird aber offenbar, daß man dazu aber anscheinend die kleine Schwester der Osterkerze nimmt. Dafür brennt die große womöglich von jetzt bis nächsten Gründonnerstag ununterbrochen…

Montag, 25. April 2011

Auf der Straße nach Emmaus

Das Evangelium des heutigen Tages ist irgendwie auch so eine Geschichte: Da gehen am dritten Tag nach Jesu Tod zwei der Jünger nach Emmaus – warum, wissen wir nicht, vielleicht, um andere zu trösten oder um selbst getröstet zu werden. Emmaus ist die Heimat des Kleopas, eines der Jünger und da es nur 60 Stadien (etwas mehr als elf Kilometer) von Jerusalem entfernt liegt, weiß man dort sicher schon von der Kreuzigung.

Unterwegs gesellt sich ein Fremder zu ihnen, der sie nach dem Inhalt ihrer Unterhaltung fragt, und sie geben ihm unbefangen Auskunft. Einer der zwölf Jünger, Simon Petrus, hat sich vor wenigen Tagen noch als äußerst unfelsenhaft erwiesen und geleugnet, daß er Jesus überhaupt kenne. Einer der berührendsten Momente bei der Lesung der Passion ist für mich immer, der, wenn gelesen wird: Da wandte sich der Herr um und blickte Petrus an. Und Petrus erinnerte sich an das, was der Herr zu ihm gesagt hatte: Ehe heute der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. Und er ging hinaus und weinte bitterlich. (Lk 22,61-62) – In dem Moment tut er mir immer so unsagbar leid, daß ich es gar nicht ausdrücken kann. Hier jedoch bekennen sich zwei andere Jünger zu Jesus und zu ihrer scheinbar zerbrochenen Hoffnung: Wir aber hatten gehofft, daß er der sei, der Israel erlösen werde. Und dazu ist heute schon der dritte Tag, seitdem das alles geschehen ist.
Da sagte er zu ihnen: Begreift ihr denn nicht? Wie schwer fällt es euch, alles zu glauben, was die Propheten gesagt haben. Mußte nicht der Messias all das erleiden, um so in seine Herrlichkeit zu gelangen? Und er legte ihnen dar, ausgehend von Mose und allen Propheten, was in der gesamten Schrift über ihn geschrieben steht.

So erreichten sie das Dorf, zu dem sie unterwegs waren. Jesus tat, als wolle er weitergehen, aber sie drängten ihn und sagten: Bleib doch bei uns; denn es wird bald Abend, der Tag hat sich schon geneigt. Da ging er mit hinein, um bei ihnen zu bleiben. Und als er mit ihnen bei Tisch war, nahm er das Brot, sprach den Lobpreis, brach das Brot und gab es ihnen.
Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten ihn; dann sahen sie ihn nicht mehr. Und sie sagten zueinander: Brannte uns nicht das Herz in der Brust, als er unterwegs mit uns redete und uns den Sinn der Schrift erschloß?

Noch in derselben Stunde brachen sie auf und kehrten nach Jerusalem zurück, und sie fanden die elf und die anderen Jünger versammelt. Diese sagten: Der Herr ist wirklich auferstanden und ist dem Simon erschienen. Da erzählten auch sie, was sie unterwegs erlebt und wie sie ihn erkannt hatten, als er das Brot brach.
Als besonders tröstlich empfinde ich die Reaktion Jesu auf die flehentliche Bitte der Jünger:
Bleib doch bei uns; denn es wird bald Abend, der Tag hat sich schon geneigt. Da ging er mit hinein, um bei ihnen zu bleiben.
In dem Moment, wenn der Herr das Brot bricht und den Segen spricht, erkennen sie ihn. Und in der Gestalt seines Leibes und Blutes kehrt er tatsächlich bei uns ein und bleibt bei uns. Unser gesamtes geistliches Leben kann eine solche Straße nach Emmaus sein, auf der uns manchmal das Herz brennt, bei dem, was er sagt. In der Begegnung mit ihm erfahren wir die Erkenntnis dessen, wer und was er ist. Deshalb ist mir die tägliche hl. Kommunion wichtig.

Speisensegnung in der Osternacht

Zu unserer Osternachtsfeier gehörte auch in diesem Jahr wieder eine Speisensegnung – die erst zweite größeren „Umfangs“ überhaupt, bei der ich dabei war (die andere war vor Jahren in einem Kloster. Dabei ist mir vor allem in Erinnerung geblieben, daß ein größerer Teil des Konvents wegen unfreiwilliger Komik zwischendurch abwechelnd hinausgehen mußte, um sich draußen auszulachen).

Bei unserer Speisesegnung gab es jedenfalls soviele Speisen zu segnen, daß gleich mehrere Meßdiener zeremoniell Tablett und Tisch herbei- und hinwegtrugen. Neben wunderschönen Eiern mit Ikonenbildern drauf, Osternestern, einer Colomba und Lämmchen gab es auch etwas, was mir als Süddeutscher bisher noch nicht begegnet ist: ein russischer Osterkuchen (Kulitsch), besonders hoch aufgegangen und mit einer brennenden Kerze, die die Auferstehung symbolisiert – der braune Leib des Kuchens steht für Golgotha. Ganz oben kann statt Puderzucker auch Zuckerguß sein. Hier bei Arte wär ein Rezept.

Nach dem Gottesdienst habe ich dann vor der Sakristei das erste Lamm meines Lebens geschlachtet (natürlich war es aus Teig, sonst hätte ich das nie gebracht). Immerhin: alle anderen schreckten davor zurück: „Hach! Ich kann das gar nicht sehen!“ Also wirklich, Leute – Gummibären den Kopf abzubeißen ist auch nicht besser! ;)

Blindfisch

augenloser Höhlenfisch, ein echter Blindfisch sozusagen
Gott sprach: Es werde Licht. Und es wurde Licht, heißt es gleich in der ersten Lesung des Wortgottesdienstes der Osternacht. In der Tat traf das auf mich in besonderer Weise zu. Eine Untersuchung meiner Augen eine Woche zuvor hatte nämlich ergeben, daß bei mir nicht nur ein Wechsel zur nächsthöheren Dioptrie angezeigt war, sondern ich habe mich beim linken Auge gleich von +3 auf +4,75 gesteigert. (Außerdem war ich bei der Gelegenheit ganz erstaunt, was man alles sieht, wenn man eine passende Fernbrille aufhat. Manchmal ist unscharf sehen allerdings auch eine Gnade).

Daß mit meiner alten Lesebrille nicht alles zum besten stand, darauf deuteten gewisse Schwierigkeiten, bei schlechten Lichtverhältnissen Buchstaben wie h und b oder e und a zweifelsfrei zu unterscheiden, weshalb ich einmal Bahel statt Babel gelesen habe, au weia! Auch wenn ich vermute, daß Gott bei der Erschaffung der Welt auch den Blindfisch erschaffen hat, so eignet er sich als Lektor jedoch nur bedingt.

Jedenfalls: am Karsamstagvormittag konnte ich noch vor dem Kirchenschmücken und dem Bau des Osterfeuers meine neue Lesebrille vom Optiker abholen. Bei den letzten Vorbereitungen in der Kirche vor der Osternacht habe ich noch einen Probeblick ins Lektionar getan – und siehe da: ich sehe alles! Ist das wunderbar: in deinem Lichte schaue ich das Licht.

Sonntag, 24. April 2011

Osternacht


Christus, gestern und heute
Anfang und Ende
Alpha
und Omega
Sein ist die Zeit
und die Ewigkeit
Sein ist die Macht und die Herrlichkeit
in alle Ewigkeit. Amen.

Freitag, 22. April 2011

Der Baum des Lebens

Wie wunderbar ist das Kreuz Christi! Es bringt Leben, nicht Tod, Licht, nicht Dunkelheit, das Paradies, nicht seinen Verlust. Es ist das Holz, an dem der Herr, wie ein starker Krieger, an Händen Füßen und seiner Seite verwundet ward und dadurch unsere Wunden heilte. Ein Baum hat uns zerstört, ein Baum brachte uns nun das Leben. (Theodor Studites)

Heilig Kreuz, du Baum der Treue,
edler Baum, dem keiner gleich,
keiner so an Laub und Blüte,
keiner so an Früchten reich:
Süßes Holz, o süße Nägel,
welche süße Last an euch.

Beuge, hoher Baum, die Zweige,
werde weich an Stamm und Ast,
denn dein hartes Holz muß tragen
eine königliche Last,
gib den Gliedern deines Schöpfers
an dem Stamme linde Rast.

Du allein warst wert, zu tragen
aller Sünden Lösegeld,
du, die Planke, die uns rettet
aus dem Schiffbruch dieser Welt.
Du, gesalbt vom Blut des Lammes,
Pfosten, der den Tod abhält.

Lob und Ruhm sei ohne Ende
Gott, dem höchsten Herrn, geweiht.
Preis dem Vater und dem Sohne
und dem Geist der Heiligkeit.
Einen Gott in drei Personen
lobe alle Welt und Zeit. Amen.
(Venantius Fortunatus)

In der ikonographischen Darstellung bildet das Kreuz die Achse der Welt – den Angelpunkt, der unbewegt den Wandel aller Zeiten trägt, wie wir im Hymnus der Non singen. Das Kreuz ist der Baum, von dem uns Leben kommt, der Schädel das Sinnbild Adams, des einen, von dem uns der Tod kam. Das Blut Christi tränkt die Erde, aus der der Baum des Lebens sprießt. Denn wie durch Adam alles stirbt, so lebt in Christus alles wieder auf.

Donnerstag, 21. April 2011

Der Traum der Frau des Pilatus (5)


Als die junge Frau erwachte, war es schon voller, klarer Tag, und ihre Sklavinnen standen da und warteten, um ihr beim Ankleiden behilflich zu sein.
Sie war sehr schweigsam, während sie sich anziehen ließ, aber endlich fragte sie die Sklavin, die ihr Haar strählte, ob ihr Mann schon aufgestanden sei. Da erfuhr sie, daß er gerufen worden war, um über einen Verbrecher zu Gericht zu sitzen.

»Ich würde gern mit ihm sprechen,« sagte die junge Frau.

»Herrin,« sagte die Sklavin, »dies wird sich mitten in der Untersuchung schwer bewerkstelligen lassen. Wir werden dir Nachricht geben, sowie sie beendigt ist.«

Sie saß nun schweigend, bis sie fertig angekleidet war. Dann fragte sie: »Hat jemand von Euch von dem Propheten aus Nazareth sprechen hören?«

»Der Prophet aus Nazareth, das ist ein jüdischer Wundertäter,« antwortete eine der Sklavinnen sogleich.

»Es ist seltsam, Gebieterin, daß du gerade heute nach ihm fragst,« sagte eine andere der Sklavinnen. »Er ist es eben, den die Juden hierher in den Palast geführt haben, damit der Landpfleger ihn verhöre.«

Sie bat sie, alsogleich zu gehen und sich zu erkundigen, wessen er angeklagt werde, und eine der Sklavinnen entfernte sich. Als sie zurückkehrte, sagte sie: »Sie beschuldigen ihn, daß er sich zum König über dieses Land machen wolle, und sie rufen den Landpfleger an, er möge ihn kreuzigen lassen.«

Aber als des Landpflegers Frau dies hörte, erschrak sie gar sehr und sagte: »Ich muß mit meinem Manne sprechen, sonst geschieht heute hier ein furchtbares Unglück.«

Als die Sklavinnen ihr noch einmal sagten, daß dies unmöglich sei, da begann sie zu zittern und zu weinen. Und eine von ihnen wurde gerührt und sagte: »Wenn du dem Landpfleger eine geschriebene Botschaft senden willst, so will ich versuchen, sie ihm zu überbringen.«

Da nahm sie alsogleich einen Stift und schrieb einige Worte auf ein Wachstäfelchen, und dieses wurde dem Pilatus gegeben.




Aber ihn selber traf sie den ganzen Tag über nicht allein, denn als er die Juden fortgeschickt hatte und sie den Verurteilten zum Richtplatz führten, war die Stunde für die Mahlzeit angebrochen, und zu dieser hatte Pilatus einige von den Römern eingeladen, die sich zu dieser Zeit in Jerusalem aufhielten. Es waren der Anführer der Truppen und ein junger Lehrer der Beredsamkeit und noch einige andere.

Dieses Mahl war nicht sehr fröhlich, denn die Frau des Landpflegers saß die ganze Zeit über stumm und niedergeschlagen, ohne an dem Gespräche teilzunehmen.

Als die Tischgäste fragten, ob sie krank oder betrübt sei, erzählte der Landpfleger lachend von der Botschaft, die sie ihm am Morgen gesandt hatte. Und er neckte sie, weil sie geglaubt hatte, ein römischer Landpfleger würde sich in seinen Urteilen von den Träumen eines Weibes lenken lassen.

Sie antwortete still und traurig: »Wahrlich, dies war kein Traum, sondern eine Warnung, die von den Göttern kam. Du hättest den Mann wenigstens diesen einen Tag noch leben lassen sollen.«

Sie sahen, daß sie ernstlich betrübt war. Sie wollte sich nicht trösten lassen, wie sehr sich die Tafelgäste auch bemühten, sie durch ein unterhaltendes Gespräch diese leeren Hirngespinste vergessen zu lassen.

Aber nach einer Weile erhob einer von ihnen den Kopf und sagte: »Was ist dies? Haben wir so lange bei Tisch gesessen, daß der Tag schon zur Neige gegangen ist?«

Alle sahen nun auf, und sie merkten, daß eine schwache Dämmerung sich über die Natur senkte. Es war vor allem seltsam zu sehen, wie das ganze bunte Farbenspiel, das über allen Dingen und Wesen gebreitet liegt, sacht erlosch, so daß alles einfarbig grau erschien.

Gleich allem andern verloren auch ihre eigenen Gesichter die Farbe. »Wir sehen wirklich wie Tote aus,« sagte der junge Schönredner mit einem Schauer. »Unsre Wangen sind ja grau und unsre Lippen schwarz.«

Während diese Dunkelheit immer tiefer wurde, nahm auch das Entsetzen der jungen Frau zu. »Ach, mein Freund,« rief sie schließlich, »erkennst du auch jetzt nicht, daß die Unsterblichen dich warnen wollen? Sie zürnen, weil du einen heiligen und unschuldigen Mann zum Tode verurteilt hast. Ich denke mir, wenn er jetzt auch schon ans Kreuz geschlagen sein muß, kann er doch sicherlich noch nicht verblichen sein. Laß ihn vom Kreuze nehmen! Ich will mit meinen eignen Händen seiner Wunden pflegen. Erlaube nur, daß er ins Leben zurückgerufen werde.«

Aber Pilatus antwortete lachend: »Sicherlich hast du recht damit, daß dies ein Zeichen der Götter ist. Aber keineswegs lassen sie die Sonne ihren Schein verlieren, weil ein jüdischer Irrlehrer zum Kreuzestode verurteilt ist. Vielmehr können wir erwarten, daß wichtige Ereignisse eintreten werden, die das ganze Reich betreffen. Wer kann wissen, wie lange der alte Tiberius…«

Er vollendete den Satz nicht, denn die Dunkelheit war so tief geworden, daß er nicht einmal den Weinbecher sehen konnte, der vor ihm stand. Er unterbrach sich daher, um den Sklaven zu befehlen, eiligst ein paar Lampen hereinzubringen.

Als es so hell geworden war, daß er die Gesichter seiner Gäste sehen konnte, mußte er die Verstimmung bemerken, die sich ihrer bemächtigt hatte.

»Sieh doch,« sagte er ein wenig unmutig zu seiner Gattin, »nun scheint es dir wirklich gelungen zu sein, die Tafelfreude mit deinen Träumen zu verscheuchen. Aber wenn es schon durchaus so sein muß, daß du heute an nichts andres denken kannst, dann laß uns lieber hören, was du geträumt hast. Erzähl es uns, und wir wollen versuchen, den Sinn zu deuten!«

Dazu war die junge Frau sofort bereit. Und während sie Traumgesicht auf Traumgesicht erzählte, wurden die Gäste immer ernster. Sie hörten auf, ihre Becher zu leeren, und ihre Stirnen zogen sich kraus. Der einzige, der noch immer lachte und alles einen Wahnwitz nannte, war der Landpfleger selbst.

Als die Erzählung zu Ende war, sagte der junge Rhetor: »Wahrlich, dies ist doch mehr als ein Traum, denn ich sah heute zwar nicht den Kaiser, aber seine alte Freundin Faustina in die Stadt einziehen. Es nimmt mich nur wunder, daß sie sich nicht schon im Palaste des Landpflegers gezeigt hat.«

»Es geht ja wirklich das Gerücht, daß der Kaiser von einer entsetzlichen Krankheit befallen sei,« bemerkte der Anführer der Truppen. »Es scheint auch mir möglich, daß der Traum deiner Gattin eine Warnung von den Göttern sein kann.«

»Es liegt nichts Unglaubliches darin, daß Tiberius einen Boten nach dem Propheten ausgesandt hat, um ihn an sein Krankenlager zu rufen,« stimmte der junge Rhetor ein.

Der Anführer wendete sich mit tiefem Ernst an Pilatus: »Wenn der Kaiser wirklich den Einfall gehabt hat, diesen Wundertäter zu sich rufen zu lassen, dann wäre es besser für dich und für uns alle, wenn er ihn lebend träfe.«

Pilatus antwortete halb zürnend: »Ist es diese Dunkelheit, die euch zu Kindern gemacht hat? Mann könnte glauben, ihr wäret alle in Traumdeuter und Propheten verwandelt.«

Aber der Hauptmann ließ nicht ab, in ihn zu dringen: »Es wäre vielleicht nicht so unmöglich, das Leben des Mannes zu retten, wenn du einen eiligen Boten abschicktest.«

»Ihr wollt mich wohl zum Gespött der Leute machen,« antwortete der Landpfleger. »Sagt selbst, was sollte in diesem Lande aus Recht und Ordnung werden, wenn man erführe, daß der Landpfleger einen Verbrecher begnadigt, weil seine Frau einen bösen Traum geträumt hat?«

»Es ist doch Wahrheit und kein Traum, daß ich Faustina in Jerusalem gesehen habe,« sagte der junge Rhetor.

»Ich nehme es auf mich, mein Vergehen vor dem Kaiser zu verantworten,« sagte Pilatus. »Er wird begreifen, daß dieser Schwärmer, der sich widerstandslos von meinen Knechten mißhandeln ließ, nicht die Macht gehabt hätte, ihm zu helfen.«

In demselben Augenblick, wo diese Worte ausgesprochen wurden, wurde das Haus von einem Getöse erschüttert, das wie heftig grollender Donner klang, und ein Erdbeben ließ den Boden erzittern. Der Palast des Landpflegers blieb unversehrt stehen, aber unmittelbar nach dem Erdbeben vernahm man von allen Seiten das entsetzeneinflößende Krachen von einstürzenden Häusern und fallenden Säulen.

Sowie eine Menschenstimme sich Gehör verschaffen konnte, rief der Landpfleger einen Sklaven zu sich.

»Eile zum Richtplatz und befiehl in meinem Namen, daß der Prophet aus Nazareth vom Kreuze genommen werde!«

Der Sklave eilte von dannen. Die Tischgesellschaft begab sich vom Speisesaale in das Peristyl, um unter offnem Himmel zu sein, falls das Erdbeben sich wiederholen sollte. Niemand wagte ein Wort zu sagen, während sie der Rückkehr des Sklaven harrten.

Dieser kam sehr bald wieder. Er blieb vor dem Landpfleger stehen.

»Du hast ihn am Leben gefunden?« fragte dieser.

»Herr, er war verschieden, und in demselben Augenblick, wo er seinen Geist aufgab, geschah das Erdbeben.«

Kaum hatte er dies gesagt, als ein paar harte Schläge am äußeren Tor ertönten. Als sie diese Schläge hörten, zuckten alle zusammen und sprangen empor, als wäre wieder ein Erdbeben losgebrochen.

Gleich darauf erschien ein Sklave.

»Es sind die edle Faustina und Sulpicius, des Kaisers Verwandter. Sie sind gekommen, um dich zu bitten, du mögest ihnen helfen, den Propheten aus Nazareth zu finden.«

Ein leises Gemurmel ging durch das Peristyl, und leichte Schritte wurden hörbar. Als der Landpfleger sich umsah, merkte er, daß seine Freunde von ihm zurückgewichen waren, wie von einem, der dem Unglück verfallen ist.
(Quelle: Selma Lagerlöf, Christuslegenden – Das Schweißtuch der heiligen Veronika)

Mittwoch, 20. April 2011

Der Traum der Frau des Pilatus (4)


Wieder hatte sie gedacht, daß sie in dieser Nacht nicht mehr träumen wollte, und wieder hatte der Schlummer sie überwältigt, so daß sie die Augen schloß und zu träumen begann.

Noch einmal saß sie auf dem Dache ihres Hauses, und neben ihr stand ihr Mann. Und sie erzählte ihm von ihren Träumen, und er trieb seinen Spott mit ihr. Da hörte sie wieder eine Stimme, die zu ihr sagte: »Geh und sieh die Menschen, die auf deinem Hofe warten.«

Aber die dachte: Ich will sie nicht schauen. Ich habe heute nacht genug Unglückliche gesehen.

In demselben Augenblick hörte sie drei harte Schläge an das Tor, und ihr Mann ging zur Balustrade, um zu sehen, wer es wäre, der Einlaß in sein Haus begehrte.

Aber kaum hatte er sich über das Geländer gebeugt, als er auch schon seiner Frau winkte, sie solle zu ihm kommen.

»Kennst du diesen Mann nicht?« sagte er und wies hinunter.

Als sie in den Hof hinuntersah, fand sie, daß er von Reitern und Pferden erfüllt war. Sklaven waren damit beschäftigt, Eseln und Kamelen ihre Bürden abzuladen. Es sah aus, als wäre ein vornehmer Reisender angekommen.

An der Eingangstür stand der Fremde. Es war ein hochgewachsener alter Mann mit breiten Schultern und trüber, düstrer Miene.

Die Träumerin erkannte den Fremdling sogleich, und sie flüsterte ihrem Manne zu: »Das ist Cäsar Tiberius, der nach Jerusalem gekommen ist. Es kann kein anderer sein.«

»Auch ich glaube ihn zu erkennen,« sagte ihr Mann und legte gleichzeitig den Finger auf den Mund, zum Zeichen, daß sie stillschweigen und darauf horchen solle, was unten auf dem Hofe gesprochen würde.

Sie sahen, daß der Türhüter herauskam und den Fremden fragte: »Wer ist es, den du suchst?«

Und der Reisende antwortete: »Ich suche den großen Propheten aus Nazareth, der mit Gottes wundertätiger Kraft begabt ist. Kaiser Tiberius ruft ihn, auf daß er ihn von einer entsetzlichen Krankheit befreie, die kein anderer Arzt zu heilen vermag.«

Als er gesprochen hatte, neigte sich der Sklave sehr demütig, und sagte: »Herr, zürne nicht, aber dein Wunsch kann nicht erfüllt werden.«

Da wendete sich der Kaiser an seine Sklaven, die unten im Hofe warteten, und gab ihnen einen Befehl.

Da eilten die Sklaven herbei, einige hatten die Hände voll Geschmeide, andere hielten Schalen voll Perlen, wieder andere schleppten Säcke mit Goldmünzen.

Der Kaiser wendete sich an den Sklaven, der die Pforte bewachte und sagte: »Dies alles soll ihm gehören, wenn er Tiberius beisteht. Damit kann er allen Armen der Erde Reichtum schenken.«

Aber der Türhüter neigte sich noch tiefer denn zuvor und sagte: »Herr, zürne deinem Diener nicht, aber dein Verlangen kann nicht erfüllt werden.«

Da winkte der Kaiser noch einmal seinen Sklaven, und ein paar von ihnen eilten mit einem reich bestickten Gewande herbei, auf dem ein Brustschild aus Juwelen erglänzte.

Und der Kaiser sprach zu dem Sklaven: »Sieh hier: was ich ihm biete, ist die Macht über das Judenland. Er soll sein Volk als der höchste Richter lenken. Möge er mir nun zuerst folgen und Tiberius heilen.«

Aber der Sklave neigte sich noch tiefer zur Erde und sagte: »Herr, es steht nicht in meiner Macht, dir zu helfen!«

Da winkte der Kaiser noch einmal, und seine Sklaven eilten mit einem goldenen Stirnreif und einem Purpurmantel herbei.

»Sieh,« sagte er, »dies ist des Kaisers Wille: er gelobt, ihn zu seinem Erben zu ernennen und ihm die Herrschaft über die Welt zu geben. Er soll die Macht haben, die ganze Erde nach dem Willen seines Gottes zu regieren. Möge er zuerst nur seine Hand ausstrecken und Tiberius heilen!«

Da warf sich der Sklave vor den Füßen des Kaisers zu Boden und sagte mit wehklagender Stimme: »Herr, es steht nicht in meiner Macht, dir zu gehorchen. Er, den du suchst, ist nicht mehr. Pilatus hat ihn getötet.« (Quelle: Selma Lagerlöf, Christuslegenden – Das Schweißtuch der heiligen Veronika)

Kreuzweg der katholischen Blogger 2011


Der Kreuzweg des Herrn, ein Gemeinschaftsprojekt der katholischen Blogger – nochmals ein Dank an Vox coelestis für diese gute Idee und ihre Umsetzung – ist jetzt online. Über über die sechste Station, Veronika reicht Jesus das Schweißtuch, hat Paul Claudel 1947 folgendes geschrieben:

Alle Jünger sind geflohen, voller Taumel verleugnet selbst Petrus. Da wirft sich eine Frau in die dichtgeballte Gemeinheit, in das Zentrum des Todes. Sie findet Jesus und nimmt sein Gesicht in ihre Hände.

Lehre uns Veronika, der Menschenfurcht die Stirne zu bieten! Denn jeder, dem Christus nicht nur ein Bild ist, sondern eine Wirklichkeit, wird den anderen Menschen sofort unangenehm und verdächtig. Sein Lebenstil ist verdreht, seine Beweggründe sind nicht mehr die ihren. Irgend etwas ist in ihm, das ihnen entgeht und fern von ihnen ist. Ein angesehener Mann, der seinen Rosenkranz betet und furchtlos zur Beichte geht, der freitags kein Fleisch ist, und den man wie die Frauen in der Messe sieht: so etwas macht einen lachen, es schockiert, so etwas ist komisch und aufreizend zugleich. Er soll sich nur in acht nehmen bei seinem Tun, denn man hat ein Auge auf ihn! Ja, jeder Christ ist seines Christus wahres, wenn auch unwürdiges Bild. Und das Gesicht, das er zeigt, ist ein trivialer Widerschein jenes göttlichen Antlitzes in seinem Herzen, in Abscheu und Triumph.

Laß es uns noch einmal auf dem Tuch betrachten, o Veronika, wo du es aufgefangen, jenes Angesicht der heiligen Wegzehrung. – Jenen Schleier aus frommen Linnen, auf dem Veronika geborgen hat das Angesicht des Weinkelteres am Tage seiner Trunkenheit (Ps 78,65), damit auf ewig sein Bildnis daran hafte, wie es gemacht ist aus seinem Blut, seinen Tränen und – aus unserem Anspeien.

Der Traum der Frau des Pilatus (3)



Als sie ganz wach war, setzte sie sich im Bette auf und sagte zu sich selbst: Ich will nicht mehr träumen. Jetzt will ich mich die ganze Nacht wachhalten, um nichts mehr von diesem Entsetzlichen sehen zu müssen.

Aber beinahe in demselben Augenblick, wo sie dies gedacht hatte, hatte der Schlummer sie aufs neue überwältigt, und sie hatte ihren Kopf auf das Kissen gelegt und war eingeschlummert.

Wieder träumte sie, daß sie auf dem Dache ihres Hauses säße, und ihr kleines Söhnlein liefe dort oben auf und ab und spielte Ball.

Da hörte sie eine Stimme, die zu ihr sprach: »Geh zur Balustrade, die das Dach umgibt, und sieh, wer die sind, die auf dem Hofe stehen und warten.«

Aber sie, die träumte, sagte zu sich selbst: »Ich habe in dieser Nacht genug Elend gesehen. Mehr kann ich nicht ertragen. Ich will bleiben, wo ich bin.«

In demselben Augenblick warf ihr Söhnlein seinen Ball so, daß er über die Balustrade fiel, und das Kind eilte hin und kletterte auf das Gitterwerk. Da erschrak sie und lief hinzu und erfaßte das Kind.

Aber dabei warf sie einen Blick hinunter, und noch einmal sah sie, daß der Hof voller Menschen war.

Aber dort in dem Hofe waren alle Menschen der Erde, die im Kriege verwundet worden waren. Sie kamen mit verstümmelten Körpern, mit abgehauenen Gliedern und großen, offenen Wunden, aus denen das Blut strömte, so daß der ganze Hof davon überschwemmt wurde.

Und neben ihnen drängten sich dort alle Menschen der Erde, die ihre Lieben auf dem Schlachtfelde verloren hatten. Es waren die Vaterlosen, die ihre Verteidiger betrauerten, und die jungen Frauen, die nach ihren Geliebten riefen, und die Alten, die nach ihren Söhnen seufzten.

Die vordersten von ihnen drängten zur Tür, und der Türsteher kam wie früher und öffnete.

Er fragte alle diese Leute, die in Fehden und Kämpfen verwundet worden waren: »Was sucht ihr in diesem Hause?«

Und sie antworteten: »Wir suchen den großen Propheten aus Nazareth, der Krieg und Streit verbieten und Frieden auf Erden bringen wird. Wir suchen ihn, der die Lanzen zu Sensen machen wird und die Schwerter zu Rebenmessern.«

Da antwortete der Sklave ein wenig ungeduldig: »Kommt doch nicht mehr, um mich zu quälen! Ich habe es schon oft genug gesagt. Der große Prophet ist nicht hier. Pilatus hat ihn getötet.«

Damit schloß er das Tor. Aber sie, die träumte, dachte an allen den Jammer, der nun ausbrechen mußte. »Ich will ihn nicht hören,« sagte sie und stürzte von der Balustrade fort. In demselben Augenblicke war sie erwacht. Und da hatte sie gesehen, daß sie in ihrer Angst aus dem Bette gesprungen war, hinunter auf den kalten Steinboden. (Quelle: Selma Lagerlöf, Christuslegenden – Das Schweißtuch der heiligen Veronika)

Dienstag, 19. April 2011

Happy anniversary!

Zum siebten Jahrestag der Ernennung Papst Benedikts XVI. hier eine kleine Bildergalerie schöner und drolliger Papstbilder – vielleicht freut es den einen oder anderen. Wir freuen uns jedenfalls über dieses Pontifikat und auch, daß du im Herbst zu uns kommst, lieber Heiliger Vater!

So fing alles an
Hoppla – stürmische Begrüßung in Deutschland


Ganz verinnerlicht und gesammelt
…manchmal stehen mir auch die Haare zu Berge…

…oder es geht bei der Inzens etwas quer
(was mich aber gar nicht aus der Ruhe bringt)
Beim Welttreffen der geweihten Jungfrauen inn Rom
Im Winter

Hier tue ich mit das Schönste, was es im Leben eines Priesters überhaupt gibt.

Der Traum der Frau des Pilatus (2)

Die Vision der Frau des Pontius Pilatus,
Sr. Agnes Berchmans
Wieder war sie eingeschlummert und wieder träumte sie, daß sie auf dem Dache ihres Hauses stünde und auf den großen Hof hinabsähe, der so weit war wie ein Marktplatz.

Und siehe da, der Hof war voll von allen Menschen, die wahnsinnig und toll waren und von bösen Geistern besessen. Und sie sah solche, die nackt waren und solche, die sich in ihr langes Haar hüllten, und solche, die sich Kronen aus Stroh geflochten hatten und Mäntel aus Gras, und sich für Könige hielten, und solche, die auf dem Boden krochen und Tiere zu sein wähnten, und solche, die beständig über einen Kummer weinten, den sie nicht zu nennen vermochten, und solche, die schwere Steine heranschleppten, die sie für Gold ausgaben, und solche, die glaubten, daß die bösen Dämonen aus ihrem Munde sprächen.

Sie sah, wie alle diese Leute sich zum Tore des Palastes drängten; und die zuvorderst standen, klopften und pochten, um Einlaß zu finden.

Endlich tat sich die Tür auf, und ein Sklave trat auf die Schwelle und fragte sie: »Was ist euer Begehr?«

Da begannen sie alle zu rufen und zu sagen: »Wo ist der große Prophet aus Nazareth, er, der von Gott gesandt ist und der unsere Seele und unsere Vernunft wiedergeben soll?«

Sie hörte, wie der Sklave ihnen im gleichgültigsten Tone antwortete:

»Es führt zu nichts, daß ihr nach dem großen Propheten sucht. Pilatus hat ihn getötet.«

Als dies Wort gesprochen war, stießen alle die Wahnsinnigen einen Schrei aus, der dem Brüllen wilder Tiere gleich war, und in ihrer Verzweiflung begannen sie, sich selbst zu zerfleischen, daß das Blut auf die Steine floß. Und da sie, die träumte, all ihr Elend sah, begann sie die Hände zu ringen und zu jammern. Und ihr eigener Jammer hatte sie aufgeweckt.

Aber wieder war sie eingeschlummert, und wieder befand sie sich im Traume auf dem Dache ihres Hauses. Und rings um sie her saßen ihre Sklavinnen, die ihr auf der Zimbel und der Laute vorspielten, und die Mandelbäume streuten ihre weißen Blütenblätter über sie hin, und die Blumen der Kletterrosen dufteten.

Während sie da saß, sprach eine Stimme zu ihr: »Geh zu der Balustrade, die dein Dach umgibt, und sieh hinunter auf deinen Hof.«

Aber im Traume weigerte sie sich und sagte: »Ich will nicht noch mehr von jenen sehen, die sich heute nacht auf meinem Hofe drängen.«

In demselben Augenblick hörte sie von dort ein Rasseln von Ketten und ein Pochen schwerer Hämmer und ein Klopfen von Holz, das gegen Holz schlug. Ihre Sklavinnen hörten zu singen und zu spielen auf und eilten zum Dachgeländer und sahen hinab. Und auch sie konnte nicht still sitzen bleiben, sondern sie ging hin und sah auf den Hof hinunter.

Da sah sie, daß der Hof ihres Hauses von allen armen Gefangenen erfüllt war, die es auf der Welt gab. Sie sah die Leute, die sonst in dunkeln Kerkerlöchern mit schweren Eisenketten gefesselt lagen. Sie sah die Leute, die in den dunkeln Gruben arbeiteten, ihre Hämmer schleppend, herankommen, und die, die Ruderer auf den Kriegsfahrzeugen waren, kamen mit ihren schweren, eisengeschmiedeten Rudern. Und die, die verurteilt waren, gekreuzigt zu werden, kamen und schleppten ihre Kreuze, und die, die geköpft werden sollten, kamen mit ihren Beilen. Sie sah die, die als Sklaven nach fremden Ländern geführt worden waren und deren Augen vor Heimweh brannten. Sie sah alle elenden Sklaven, die gleich Lasttieren arbeiten mußten und deren Rücken blutig waren von Geißelhieben.

Alle diese unglücklichen Menschen riefen wie aus einem einzigen Munde und sprachen: »Öffne, öffne!«

Da trat der Sklave, der den Eingang bewachte, zur Tür hinaus, und er fragte sie: »Was ist euer Begehr?«

Und sie antworteten wie die andern: »Wir suchen den großen Propheten aus Nazareth, der auf die Erde gekommen ist, um den Gefangenen ihre Freiheit und den Sklaven ihr Glück wiederzugeben.«

Der Sklave antwortete ihnen in müdem und gleichgültigem Tone: »Ihr könnt ihn hier nicht finden. Pilatus hat ihn getötet.«

Als dies Wort gesprochen war, deuchte es sie, die träumte, daß sich unter allen diesen Unglücklichen ein solcher Ausbruch der Lästerung und des Hohnes erhebe, daß sie vernahm, wie Erde und Himmel erzitterten. Sie selbst war starr vor Schrecken, und ein solches Beben durchfuhr ihren Körper, daß sie erwachte. (Quelle: Selma Lagerlöf, Christuslegenden – Das Schweißtuch der heiligen Veronika)

Montag, 18. April 2011

Montag der Karwoche

Der Weg zur Schädelhöhe, Jacopo Bassano, 1540
Nur für heute: Er wird nicht müde und bricht nicht zusammen, bis er auf der Erde das Recht begründet hat.
So spricht Gott, der Herr: Seht, das ist mein Knecht, den ich stütze; das ist mein Erwählter, an ihm finde ich Gefallen. Ich habe meinen Geist auf ihn gelegt, er bringt den Völkern das Recht. Er schreit nicht und lärmt nicht und läßt seine Stimme nicht auf der Straße erschallen. Das geknickte Rohr zerbricht er nicht, und den glimmenden Docht löscht er nicht aus; ja, er bringt wirklich das Recht. Er wird nicht müde und bricht nicht zusammen, bis er auf der Erde das Recht begründet hat. Auf sein Gesetz warten die Inseln. So spricht Gott, der Herr, der den Himmel erschaffen und ausgespannt hat, der die Erde gemacht hat und alles, was auf ihr wächst, der den Menschen auf der Erde den Atem verleiht und allen, die auf ihr leben, den Geist: Ich, der Herr, habe dich aus Gerechtigkeit gerufen, ich fasse dich an der Hand. Ich habe dich geschaffen und dazu bestimmt, der Bund für mein Volk und das Licht für die Völker zu sein: blinde Augen zu öffnen, Gefangene aus dem Kerker zu holen und alle, die im Dunkel sitzen, aus ihrer Haft zu befreien.
Eine gewisse unfreiwillige Situationskomik hat, wenn sich der Lektor durch das wunderbare erste Lied vom Gottesknecht brüllt, so daß man vor Schreck zwei Zentimeter hoch springt, einschließlich der Stelle: Er schreit nicht und lärmt nicht und läßt seine Stimme nicht auf der Straße erschallen. Soviel über den Herrn Jesus.


Anrührend für mich ist immer wieder das wunderbare Evangelium über die Salbung der Füße Christi mit kostbarem Nardenöl[1] – eine verschwenderische Geste, die sogleich angegriffen wird, deren Schönheit aber eben gerade in dem uneigennützigen Sichverschwenden liegt. Eine Liebe jener Art, von der in Korinther 13 und im Hohenlied die Rede ist. Prophetisches Reden hat ein Ende, Zungenrede verstummt, Erkenntnis vergeht. Die Liebe hört niemals auf Stark wie der Tod ist die Liebe. Viele Wasser der Trübsaal löschen sie nicht aus.
___
[1]Grade fiel mir auf, daß mir eigentlich nicht so recht klar war, was Nardenöl so ist (weil ich gedanklich beim zum Trocknen benutzten langen Haar und dem Wohlgeruch, der das ganze Haus erfüllt, verweilte): die Nardenähre ist eine Pflanze aus dem Himalaya, deren indischer Name „wohlriechend“ bedeutet. Das kleine Bild zeigt eine indische Narde.

Der Traum der Frau des Pilatus

In dieser Darstellung aus einem Manuskript
des 15. Jahrhunderts,  das sich heute in der Bodleian
 Library in Oxford befindet, wird der gefesselte
Jesus von einer übergroßen Menge bewaffneter
Soldaten  bewacht.  Die prächtige Kleidung derjenigen,
die bei Pilatus steht, läßt darauf schließen, daß seine
Frau hier selbst gekommen ist, um ihm von dem Traum
zu erzählen und ihn zu warnen.
Gestern in der Passion:
Während Pilatus auf dem Richterstuhl saß, ließ ihm seine Frau sagen: Laß die Hände von diesem Mann, er ist unschuldig. Ich hatte seinetwegen heute Nacht einen schrecklichen Traum. (Mt 27,19)
Man kann sich vorstellen, wie sehr der Frau des Pilatus diese Botschaft am Herzen gelegen haben und wie dringend sie sie gemacht haben muß, wenn sie ihm mitten in der Gerichtsverhandlung des Statthalters gegen einen Gefangenen, den er zum Tode verurteilen sollte – den gefesselten Jesus von Nazareth – ausgerichtet wurde. (Als Kind fand ich übrigens den lutherischen Ausdruck „Landpfleger“, der uns ja auch in der Geschichte von der Geburt Christi begegnet, sehr schön – der pflegt das Land. Erst später stellte sich mit dem „Statthalter“ ein gewisser Aha-Effekt ein.)

Die apokryphe Überlieferung gibt der im Evangelium namenlos gebliebenen Frau den Namen Claudia Procula, in einigen Überlieferungen ist sie die Tochter des Kaisers Tiberius. Sehr früh kam die Überzeugung auf, sie sei später Christin geworden; Origines predigte bereits im 2. Jahrhundert darüber. In der griechisch-orthodoxen Kirche hat sie sogar einen eigenen Gedenktag, den 27. Oktober.

Theologische Schulen waren unterschiedlicher Ansicht darüber, von wem der Traum gesandt worden sei – von Gott, um Claudia zu bekehren, oder aber vom Satan, um das Erlösungsgeschehen im letzten Moment noch zu verhindern. Spannender finde ich aber die Frage: was hat die Frau des Pilatus geträumt?

Selma Lagerlöf hat in ihren Christuslegenden über das Schweißtuch der Veronika und eben diesen Traum der Frau des Pilatus geschrieben. Dieser Traum ist wirklich erschreckend und wegen seiner Länge veröffentliche ich die Geschichte hier in den nächsten Tagen schrittweise:

Der römische Landpfleger in Jerusalem hatte eine junge Frau, und in der Nacht vor dem Tage, an dem Faustina in die Stadt einzog, lag die und träumte.

Sie träumte, daß sie auf dem Dache ihres Hauses stünde und auf den großen, schönen Hofplan niedersähe, der nach der Sitte des Morgenlandes mit Marmor ausgelegt und mit edeln Gewächsen bepflanzt war.


Aber auf dem Hofe sah sie alle Kranken und Blinden und Lahmen versammelt, die es auf der Welt gab. Sie sah die Pestkranken vor sich, mit beulengeschwollenen Körpern, die Aussätzigen mit zerfressenen Gesichtern, die Lahmen, die sich nicht zu rühren vermochten, sondern hilflos auf der Erde lagen, und alle Elenden, die sich in Qualen und Schmerzen krümmten.


Und sie drängten sich alle zum Eingange, um in das Haus zu kommen, und einige der Vordersten klopften mit harten Schlägen an die Tür des Palastes.


Endlich sah sie, daß ein Sklave die Türe öffnete und auf die Schwelle trat, und sie hörte, wie er fragte, was sie wollten.


Da antworteten sie ihm und sprachen: »Wir suchen den großen Propheten, den Gott auf die Erde gesandt hat. Wo ist der Prophet aus Nazareth, er, der aller Qualen Herr ist? Wo ist er, der uns von allen unsern Leiden erlösen kann?«


Da antwortete der Sklave in stolzem, gleichgültigem Tone, so wie Palastdiener zu tun pflegen, wenn sie arme Fremdlinge abweisen.


»Es hilft euch nichts, nach dem großen Propheten zu suchen. Pilatus hat ihn getötet.«


Da erhob sich unter allen den Kranken ein Trauern und Jammern und Zähneknirschen, so daß sie nicht ertragen konnte, es zu hören. Ihr Herz wurde von Mitleid zerrissen, und Tränen strömten aus ihren Augen. Aber wie sie so zu weinen anfing, war sie erwacht.

Samstag, 16. April 2011

Des Königs Banner schwebt empor – Palmsonntag

Christi Einzug in Jerusalem, Hippolyte Flandrin, 1842
Siehe, dein König kommt zu dir, gerecht und als Retter (Sach 9,9)

Der Einzug des Friedefürsten und sein Ende. Ein Gedanke, der mich immer wieder bewegt und den der Name des Sonntags – Dominica in palmis de passione Domini – auch nahebringt: wo endet dieser Weg? Der Fürst des Friedens, der König, der erst vor einigen Tagen auf einem Esel in Jerusalem eingezogen ist, wird wenige Tage später die Straßen der Stadt entlang getrieben, hin zur Schädelhöhe. Nicht dieselben Menschen, aber die gleiche Menge wird statt Hosianna dem Sohne Davids! rufen: Gebt uns den Barabbas! und Ans Kreuz mit ihm!

Und doch ist in keinem anderen Zeichen Heil, außer im Kreuz, schreibt der Apostel, und dies glauben wir, deshalb stellen wir das Kreuz als den Baum des Lebens dar, nicht nur die Palmzweige sind Symbol des grünenden Lebens, sondern auch das Holz des Kreuzes selbst ist der grünende Sproß, der aus dem Baumstumpf wächst und von dem der Prophet Jesaja schreibt, daß er dasteht als Siegeszeichen für die Völker: An jenem Tag wird es der Sproß aus der Wurzel Isais sein, der dasteht als Zeichen für die Nationen; die Völker suchen ihn auf.


Des Königs Fahne schwebt empor, im Glanze geht das Kreuz hervor,
daran der Herr des Lebens starb, als er das Leben uns erwarb.

Es öffnet durch den Lanzenstich die Seite des Erlösers sich,
und uns zu waschen rann ein Quell von Blut und Wasser klar und hell.

Da ward erfüllet der Gesang, der einst von Davids Lippen klang:
Vom Holz herab als seinem Thron regiert Gott alle Nation.

O schöner Baum, es glänzt an dir des Purpurs königliche Zier;
von allen auserwählter Stamm, du trägst das reine Gotteslamm.

An dir als einer Waage schwebt der Preis, der unsere Schuld aufhebt:
des Herren Leib, das Lösegeld für die vom Tod erkaufte Welt.

Dein Kreuz o Christe grüßen wir; all unsre Hoffnung steht zu dir.
Gib den Gerechten neue Huld, den Sündern Nachlaß ihrer Schuld.

Der heiligsten Dreieinigkeit sei Lob und Preis in Ewigkeit,
die durch des heil'gen Kreuzes Kraft uns Tugend und Belohnung schafft.
(Hymnus Vexilla Regis des Venantius Fortunatus)

Das ist der Grund, warum wir diesen Einzug so festlich und freudig begehen und warum das Lied Tochter Zion, das wir heute als Adventslied kennen, eigentlich einmal ein Lied für den Palmsonntag war: Wir bringen unsere Freude und Dankbarkeit über das Kommen des Erlösers, über das Geschenk unserer Erlösung zum Ausdruck. Die Freude und Dankbarkeit darüber, daß Jesus nicht nur nicht vor dem Mutterleib nicht zurückschreckte, wie es im Te Deum heißt, sondern daß er für mich gestorben ist, armselig wie ich bin, daß ich ihm nachfolgen darf und er das annimmt, in all seiner Armseligkeit. – Siehe, dein König kommt zu dir, gerecht und als Retter.
Auch ich will zu Christus rufen. „Gesegnet sei der König Israels, der kommt im Namen des Herrn“. Die Abschiedsworte am Kreuz sind uns wie Palmzweige, die wir ihm entgegenschwingen. Nicht mit Ölzweigen in den Händen wollen wir ihm zujubeln, sondern geschmückt mit den Almosen, die wir einander spenden. Wie Kleider wollen wir ihm die Sehnsucht unseres Herzens unter die Füße breiten, damit er ganz in uns Fuß fasse, ganz in uns sei und zeige, daß wir ganz in ihm sind. Zion wollen wir mit dem Propheten zurufen: Fürchte dich nicht, Tochter Zion! Siehe dein König kommt zu dir. Er ist gütig und reitet auf einem Esel, einem Fohlen, dem Jungen einer Eselin.

Der überall gegenwärtig ist und das All erfüllt, er kommt, um in dir das allumfassende Heil zu wirken. Er kommt, der nicht gekommen ist, um Gerechte zur Umkehr zu rufen, sondern Sünder, um die in der Sünde Verirrten zurückzuholen. Fürchte dich nicht. Gott ist in deiner Mitte, darum wirst du nicht wanken.


Nimm ihn auf, die Hände zum Himmel gewandt, denn er hat deine Mauern in seine eigenen Hände gezeichnet. Nimm ihn auf, denn er hat dein Fundament in seine Hände gelegt. Nimm ihn auf, denn er nimmt alles, was unser ist, auf sich außer der Sünde, um alles Unsrige in sich aufgehen zu lassen. Mutter, Stadt Zion, freue dich und fürchte dich nicht! Feiere deine Feste. Wegen seines Erbarmens preise ihn, der in dir zu uns gekommen ist. Aber auch du, Tochter Jerusalem, freue dich sehr, singe und tanze! „Auf, werde licht“ – mit Jesaja, der heiligen Posaune rufen wir es – „denn es kommt dein Licht, und die Herrlichkeit des Herrn geht leuchtend auf über dir!“ Welches Licht? Das jeden Menschen erleuchtet, der in die Welt kommt, das ewige Licht, das zeitlose Licht, das der Zeit sichtbar wurde, das Licht, das im Fleisch erschienen aber von Natur aus verborgen ist: das Licht, das die Hirten umstrahlte und den Weisen den Weg zeigte; das Licht, das von Anfang an in der Welt war, durch das die Welt geworden ist, das Licht, das in sein Eigentum kam, das die Seinigen aber nicht aufnehmen.


Die Herrlichkeit des Herrn – was für eine Herrlichkeit? Offenbar das Kreuz, an dem Christus verherrlicht wurde, der Abglanz der Herrlichkeit des Vaters, wie er selbst vor seinem Leiden sprach: Jetzt ist der Menschensohn verherrlicht und Gott ist in ihm verherrlicht und er wird ihn bald verherrlichen. Damit nennt er seine Erhöhung am Kreuz Herrlichkeit. Das Kreuz ist ja die Herrlichkeit Christi, seine Erhöhung. Denn er sagt: Wenn ich von der Erde erhöht bin, werde ich alle zu mir ziehen. (aus einer Predigt des hl. Andreas von Kreta über die Palmzweige)

Freitag, 15. April 2011

Segne diese Zweige – bald ist Palmsonntag

Allmächtiger, ewiger Gott,
segne
+ diese (grünen) Zweige,
die Zeichen des Lebens und des Sieges,
mit denen wir Christus, unserem König, huldigen.
Mit Lobgesängen begleiten wir ihn
in seine heilige Stadt;
gib, daß wir durch ihn zum himmlischen Jerusalem gelangen,
der mit dir lebt und herrscht in alle Ewigkeit.
(Segensgebet des Priesters zur Palmweihe)



Selbst empfunden und gerade heute noch einmal in Gesprächen geteilt – die Empfindung, daß die Fastenzeit uns eigentlich nicht lang, sondern eher (viel) zu kurz erschienen sei. Besonders nach Laetare scheint die Zeit irgendwie schneller zu vergehen, so daß wir dem Osterfest, wie es im Tagesgebet des Laetaresonntags heißt, tatsächlich freudig entgegeneilen.

Trotzdem bleibt manchmal das Gefühl, man habe eigentlich innerlich noch kaum richtig angefangen und bräuchte noch mehr Zeit. Als sehr tröstlich habe ich da dieses kürzlich Gelesene zu genau diesem Gedankengang empfunden:
…und doch wird Pascha – Ostern – kommen und wir werden voll Freude sein, und alles wird gut sein, und wir werden in der Festpredigt von Johannes Chrysostomos hören, daß alle zum Fest geladen sind. Die gefastet haben und die nicht gefastet haben. Die Arbeiter der ersten und die der elften Stunde! Denn barmherzig und menschenliebend ist Gott.

Das oben ist mein Bild des gestrigen Abends und des heutigen Tages (da wir heute Palmsträuße gebunden haben – mit rotem Band[1], bitte schön!): Menschen, die auf Bäume klettern, um Zweige – Palmwedel, Oliven – zu schneiden, mit denen sie dem Herrn bei seinem Einzug in Jerusalem[2] entgegeneilen.

Die geweihte Jungfrau Egeria, die im ausgehenden 4. Jahrhundert ins Heilige Land reiste und von dort mehrere Briefe als Reisebericht an andere Jungfrauen schickte, berichtet in ihren Aufzeichnungen von der Palmprozession in Jerusalem (Itinerarium Egeriae 31,1). Die Palmprozession in Jerusalem fand damals am Palmsonntag etwa zur Stunde der zweiten Vesper statt und nahm ihren Ausgangspunkt vom Ölberg. Die Palmweihe war zu jener Zeit offenbar noch unbekannt, ist aber im Jahre 834 schon lange bekannt und herausragender Teil der Liturgie des Palmsonntags.
Viele Menschen breiteten ihre Kleider auf der Straße aus, andere schnitten Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg. Die Leute aber, die vor ihm hergingen und die ihm folgten, riefen: Hosanna dem Sohn Davids! Gesegnet sei er, der kommt im Namen des Herrn. Hosanna in der Höhe! (Mt 21,8-9)

Im Ritus der syrisch-orthodoxen Kirche von Antiochien ist es Brauch, daß die Gläubigen ihre grünen Zweige (hauptsächlich Oliven) bei der Verkündigung des Evangeliums in Richtung des Evangeliars – einem Christussymbol – werfen, hier werden dem Herrn die Palmen also auch gestreut.

Das Grün der Zweige ist ein Zeichen der Macht und des Sieges des Leben über den Tod. In der Ostersequenz werden wir dann singen: Mors et vita duello conflixere mirando; dux vitae mortuus, regnat vivus – Tod und Leben, die kämpften unbegreiflichen Zweikampf; des Lebens Fürst, der starb, herrscht nun lebend.

__
[1] Ich hatte mich beim Kauf des Bandes um den Faktor 10 verrechnet (dachte ichs mir doch gleich, das da was nicht stimmt). Jetzt haben wir 80 Meter grünes Band. Nun ja…

[2] Grad hab ich ein Bild vom Einzug des Herrn auf einem schwarzen Esel gesehen. Das hat mich regelrecht schockiert, weil es ikonographisch gar so ungewöhnlich war.

Donnerstag, 14. April 2011

Was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat…

…und was mir zwischen den Vorbereitungen für die heilige Woche – rotes Band und Säume für violette Tücher, Palmweihe, blühenden Zweigen, Kreuzschmuck, einer Gartenschere („Kein Borger sei und auch Verleiher nicht“? – Quatsch! „Denn wer zwei Gartenscheren hat, soll dem eine geben, der keine hat.“), Ministrantengewändern, nicht-vorhandenen Reisigbesen, Zigarettenstummeln im vorderen und Laub im inneren Hof, Ölgefäßen, Brennpaste, Holzscheiten und Osterlämmern – mittendrin auf einmal in den Sinn gekommen ist:


(Entschuldigung! Hasen sind für die Speisensegnung in der Osternacht wohl ohnehin ungeeignet… ;P)

Der Titel des Beitrags ist trotz des etwas flapsigen Bildes eigentlich ganz angemessen. Der Satz des hl. Apostels heißt …was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat, was keinem Menschen in den Sinn gekommen ist; das Große, das Gott denen bereitet hat, die ihn lieben. Rote Bänder, Palmzweige und Reisigbesen klingen vielleicht nicht nach großen Dingen, „die Gott denen bereitet hat, die ihn lieben“. Sie sind es aber doch, wenn man sich um Gottes willen (buchstäblich) mit ihnen beschäftigt. Sowohl die kleine als auch die große heilige Theresa waren der Ansicht, daß man – auf das Aufgezählte übertragen – Gott auch zwischen roten Bändern (die jetzt doch grüne werden, sämtliche verfügbaren Rottöne waren scheußlich) und blühenden Zweigen (bei deren „Ernte“ ich mich zugleich selbst gewässert habe) finden kann, und daß es sogar möglich ist, einen Sünder zu bekehren, indem man aus Liebe zu Gott auch nur eine Stecknadel aufhebt.

Pie Pelicane, Iesu Domine – O guter Pelikan


Sonst ganz selten zu hören und nun in der Passionszeit die beiden letzten Tage hintereinander: die Strophe aus dem Adoro te devote des hl. Thomas, die Christus als Pelikan besingt, der die Jungen mit seinem Herzblut nährt. Christus erwirbt mit seinem Blut für uns das ewige Leben; der Pelikan ist das Sinnbild dieser Liebe Christi für uns, die sich selbst verzehrt.

Pie Pelicane, Iesu Domine,
me immundum munda tuo sanguine:
cuius una stilla salvum facere
totum mundum quit ab omni scelere.

Gleich dem Pelikane starbst du, Jesu mein,
wasch in deinem Blute mich von Sünden rein.
Schon ein kleiner Tropfen sühnet alle Schuld,
bringt der ganzen Erde Gottes Heil und Huld.



Einige Beispiele dieser Christusdarstellung aus der Ikonographie:


Schnitzerei an einem Chorgestühl
und über einer Sakristeitür

Kirchenfenster – die Schrift verweist auf den Brief des Apostels
an die Epheser: Ahmt Gott nach als seine geliebten Kinder 
und liebt einander, weil auch Christus uns geliebt 
und sich für uns hingegeben hat als Gabe und als Opfer, das Gott gefällt.
eine Darstellung aus der Paramentik



diese Pelikane sind schon eher adlerartig geraten, was sicherlich auch daran
 liegt, daß manch einer in seinem Leben eben keinen Pelikan in natura gesehen hat

Im Englischen nennt man diesen Typus der Christusdarstellung The pelican in her piety. Auf Deutsch – keine Ahnung. Gibt es überhaupt eine Entsprechung?
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