Donnerstag, 31. März 2011

Bild des Tages


Das borge ich mir aus aktuellem Anlaß aus (von Pithless thoughts, via Alipius). Es faßt das Sterbegebet

Ich empfehle dich dem allmächtigen Gott. Ihm vertraue ich dich an, dessen Geschöpf du bist. Kehre heim zu deinem Schöpfer, der dich aus dem Staub der Erde gebildet hat.

auf eine wunderbar kindlich-vertrauende Weise zusammen, die mir sehr entspricht und auch dem, der heute begraben wurde. Eine Beerdigung, bei der nicht nur geweint, sondern zwischendurch auch gelacht wurde, und bei der Jugendliche in ergreifender Weise das vorgetragen haben, was sie ihm gern noch gesagt hätten, hätte Andi sicher gefreut. So geht es manchmal im Leben zu, die einen kommen selbst im Tode noch eine Viertelstunde zu spät, die anderen bringen die eigenen Trauergäste durch ihr Werk und ihr schlichtes Sein zu einem Lachen unter Tränen.


Andreas Bisowski, 1973-2011

Mittwoch, 30. März 2011

Seigneur, le silence est votre louange (6)

Die Mystikerinnen des Heiligen Herzens Jesu legen Wert darauf, für ihren Lebensunterhalt weitgehend selber aufzukommen. Ihr ökonomisches Rückgrat ist der kleine Bauernhof mit dem Obst und Gemüseanbau. Einmal im Jahr, nach Ostern, veranstalten Freunde einen Wohltätigkeitsbasar im Vorhof des Klosters und im Garten. Neben eingetopften Setzlingen und Blumen Marmeladen Likören, Kräutern, geschlachteten Kaninchen und Handarbeiten werden Jesuskinder aus Wachs in allen Größen angeboten. Die Nonne stellen sie her aus Kerzenresten, die sie, geschmolzen, in metallene Model gießen. Den erkalteten Formen nähen sie spitzenbesetzte Kleidchen und drehen für sie Locken aus dem Haar, das sich jede von ihnen von Zeit zu Zeit mit einer Schere nach Gefühl abschneidet.
Begehrt sind ihre bemalten Krippenfiguren aus Terrakotta: die heilige Familie und die Könige mit dem Kamel, ein Fischer mit Mütze und des Fischers Frau, die Wiegegewichte hält; eine Frau mit Knoblauchzopf und eine mit Brot, eine die den Esel führt und eine mit dem Fasan, ein Müller mit Mehlsäcken. Alle, die zur Krippe kommen, tragen provenzalische Tracht mit winzigen Stoffmustern.
Die Windelpakete fürs Jesuskind und das graue und braune Fell von Esel und Kuh dürfen alle Nonnen malen, die mit einem Pinsel umgehen können. Die Gesichter aber macht nur Sr. Marie de Jésus Enfant. Die ehemalige Deutschlehrerin setzt in Serie das helle Blau der Iris in den weißen Punkt des Augapfels. Später zieht sie den Strich für den kleinen Mund mit nur einem Haar und legt das Tonkind zurück in den Pappkarton voller Jesuskinder, die ihre Beinchen ausstrecken wie Frösche.

Das Leben im Wechsel der Glockenschläge ist ein Leben in wechselnder Stille., Einer Stille wie morgens beim gemeinsamen Frühstück im Refektorium, wenn die Frauen um die langen schmalen Holztische sitzen. Eine jede holt aus ihrer Tischschublade ein Stück Brot und eine numerierte Stoffserviette hervor. Auf dem Tisch steht die Tonschale, gefüllt mit süßem Milchkaffee. Die Schwestern blicken nicht auf, wenn eine heraustritt. Vor dem Fenster dämmert der Morgen. Aus dem Garten kommen Vogelstimmen. Sie löffeln den Kaffee mit dicken Holzlöffeln. Manche beißen das Brot dazu ab, manche brocken es ein. Sie essen gleichmäßig, jede ruhig vor sich hin. Mit den letzten Brotstücken wischen sie die letzten Tropfen des Kaffees aus den Tonschalen, gießen aus Krügen ein wenig Wasser hinein und wachen mit dem Zeigefinger den Holzlöffel ab. Sie öffnen die Schublade, falten die gestärkte und gebügelte Stoffserviette genau zusammen und legen den Löffel sorgfältig darauf, bereit für die Mittagsmahlzeit.

Still ist die Arbeit auf den Ländereien. Wenn eine Nonne mit dem Schubkarren über das Feld kommt, ist sie immer ein wenig schneller als der leichte Schleier, der die Bewegung zu verzögern scheint und noch ein wenig in der Luft stehen bleibt. Schleier über Himbeerbüschen, Schleier im Artischockenfeld, unter dem Quittenbaum, hinter dem Lorbeer. Angepflockt meckern Bichou und Bichette. Eine Möwe zieht schreiend ihren Kreis über den Narzissen und den dunkleren Lilien beim sorgfältig angelegten Kreuzweg, der, wo der Judasbaum steht, in den Kalvarienberg mündet, mit den lebensgroßen Heiligenfiguren aus Gips.

Still ist das Schreiten in den langen Gängen, wenn die bewegte braun-schwarze Silhouette von Tunika und Schleier die Haltung einer jeden verstärkt, so daß sie schon von weitem erkannt wird, noch bevor ihr Gesicht auszumachen ist. Und dann gibt es die späte Stille am Abend, wenn die Arbeit getan, das Stundengebet gesprochen ist. Die Zellen haben weder Wasser noch Licht. Auch keine Kerze. Hier ist das Bett, hier der Stuhl, da das an die Wand montierte Brett mit der Seife, der Zahnbrüste, dem abgegriffenen Brevier. Am Boden steht die Tonschüssel mit dem Wasserkrug. Am Kleiderhaken hängt das Hemd für die Nacht. Lautlos faltet die Nonne vor dem Schlaf den Schleier zusammen wie einen Flügel.

Bevor ich abreise, fragen mich Notre Mère und Sr. Véronique, ob sie mir ein Vesperbrot einpacken sollen. Ich danke, das sei nicht nötig, im Flugzeug gebe es immer etwas. Sie schauen mich sehr erstaunt an. Bis ich begreife: So sind wohl die Menschen in der Welt. Da sitzen sie einmal im Himmel und was tun sie? Sie essen.

Zwei Gesichter im strengen Oval lachen. Dann schließt sich die Tür des Konvents.
Quelle: A. Overath: Stilles Glück

Mit diesem Beitrag geht die kleine Reihe über die Schwestern der Victimes Religieuses in Marseille zu Ende. Das Zitat, mit dem viele Beiträge (und das zugehörige Label) überschrieben sind, Seigneur, le silence est votre louange, hängt als Wandspruch hinter dem Tisch der Oberen im Refektorium[1] der Schwestern. Eigentlich aber ist es ein Vers aus dem 65. Psalm (der so in der Einheitsübersetzung nicht wiedergegeben wird):

Gott, man lobet dich in der Stille zu Zion
und dir bezahlt man Gelübde.

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[1] Das Refektorium ist einer der Orte in einem kontemplativen Kloster, in dem traditionell nicht oder möglichst wenig gesprochen wird. Eigentlich erheben – mit Ausnahme des Tischgebets – darin nur die Obere, falls sie der Gemeinschaft kurze Ankündigungen zu machen hat, und die Tischleserin ihre Stimme.

Lehren und Lernen – das Bußsakrament

Eine sehr schöne Ansprache über das Bußsakrament hat Papst Benedikt am vergangenen Freitag gehalten:
Der Heilige Vater stellte fest, daß bei der Beichte bisher der Aspekt des Lehrens und des Lernens nicht ausreichend berücksichtigt worden sei, obwohl diesem eine geistliche und pastorale Bedeutung zukomme.
Der Papst sprach zuerst über den pädagogischen Wert des Sakramentes der Versöhnung für den Priester selbst. Das Priesteramt stelle einen einzigartigen und privilegierten Beobachtungspunkt dar, von dem aus man täglich die Größe der göttlichen Barmherzigkeit betrachten könne.

Der Heilige Vater sagte, daß Beichte hören grundsätzlich bedeute, „das Handeln des barmherzigen Gottes in der Geschichte zu betrachten und die heilbringenden Wirkungen des Kreuzes und der Auferstehung Christi zu allen Zeiten und für jeden Menschen zu berühren.“
weiter hier (via Zenit)

Dienstag, 29. März 2011

Das Fastenmagazin (2)

Dieses Bild[1] mit seiner für den Brokkoli zuständigen Hirnregion hat anscheinend bei mir selbige anregt, denn es sind mir diese Pflanzen eingefallen, die sämtlich auch in der Großstadt zu finden sind, deren Eßbarkeit aber scheints gerade dort wenig bekannt ist. Ich sehe außer mir jedenfalls nur Frauen mit osteuropäischem Akzent Bucheckern ernten.

Da hätten wir einmal den blauen Borretsch, der allerdings erst ab Mai blüht, dann die Kapuzinerkresse, von der so ziemlich jedes Stadium eßbar ist. Man kann Leute dadurch, daß man im Vorbeigehen am Wegesrand eine Blüte abpflückt und vertilgt, völlig verblüffen. (Der letzte Kommentar dazu war: „Da drüben war vorher ein Blumenbeet, das hat sie schon alles aufgegessen!“ Das habe ich gehört!) Kresse wächst jetzt leider auch nicht, wer aber im Sommer und Herbst welche einlegt, hat sie nächstes Jahr. Sowohl die frischen jungen Blätter als auch die Blüten kann man als Beilage oder als Salat essen.

Bucheckern schmecken roh ganz gut, sind aber so in größeren Mengen offenbar nicht zuträglich (was eine größere Menge ist, vermag ich nicht zu sagen. Ich hab noch nie was gemerkt). Will man unbedingt mehr davon essen, sollte man sie rösten. Eigentlich kann man auch aus Tannenzapfen Mehl machen, aber das führt jetzt zu weit, und die neuerdings als Ruccola bekannte Rauke wächst sogar wild.

blauer Borretsch
Kapuzinerkresse –
die Blüten und junge Blätter sind eßbar,
eingelegt auch Knospen und Samen

gemeine Buchecker
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[1] ebenfalls von Pithless thoughts

Nicht wirklich…


via Pithless thoughts – war der Gewinner eines Sprechblasenwettbewerbs.
Einen solchen habe ich mal beim zitty mitgemacht (übrigens ebenfalls mit einem Hund, offenbar ein dankbares Thema) und den zweiten Preis gewonnen – ein Paar Rollerblades, das war viel besser als der erste Preis, ein Jahresabo…

Montag, 28. März 2011

Der Gesang der Amsel auf der Pinie – Glück

Alipius nimmt ein Zitat aus den Tiefen des Internets, in dem die Auffassung vertreten wird, es wäre angesichts des Unglücks in Japan „unanständig, ja irgendwie obszön, Glück zu empfinden“, zum Anlaß eines Beitrags über das Glück, denn er ist nicht dieser Ansicht. Ich auch nicht, ich halte sie für geradezu absurd. Was sollte denn den Japanern unser etwaiges Unglück nutzen? Sie brauchen nicht unser Unglück, sie brauchen unser Gebet und was an technischer oder materieller Hilfe gegeben werden kann.

Die unbeschuhten Karmelitinnen sind ein Orden, der wohl wie kaum einer fürbittend für die Leidenden in der Welt vor Gott tritt. Zwei ganze Stunden des Tages hat die Schwester allein für das innere Gebet. Zugleich machen die Karmelitinnen einen ausgesprochen glücklichen und zufriedenen Eindruck, zuweilen ist man sogar ausgesprochen albern. Zweimal am Tag kommen die Schwestern zu einer halbstündigen, gemeinschaftlichen Rekreation zusammen. Wörtlich heißt Rekreation Neuschöpfung, Wiedererschaffung. Gemeint ist, Kraft schöpfen für die Zeit der Stille, das eremitische Leben in der Wüste. Selten habe ich „in der Welt“ so gelacht wie in der Klausur eines gewissen Klosters. Was ich damit sagen will? Auch wenn es in der Welt unsagbares Leid gibt und wenn wir dieses Leid in allem Ernst vor Gott tragen und mittragen, so dürfen wir doch Fröhlichkeit, Zufriedenheit oder Glück empfinden, wenn uns das zufällt. Den freudigen Geber hat Gott lieb, heißt es in der Schrift. Über Glückserlebnisse aus schierer Freude an Gottes Werk schreibt die große heilige Teresa in der Inneren Burg:
Zwischen diesen schmerzlichen und köstlichen Vorkommnissen gibt unser Herr der Seele bisweilen Jubelrufe und ein wundersames Beten mit, von dem sie nicht verstehen kann, was das ist. Ich erwähne diese Gnade hier, damit ihr ihn sehr lobt, falls er sie euch erweisen sollte, und wißt, daß es etwas ist, das vorkommt. Es ist meines Erachtens eine starke Einung der Seelenvermögen, doch läßt unser Herr ihnen und ebenso den Sinnen die Freiheit diesen Genuß zu genießen, ohne zu begreifen, was sie da genießen und wie sie es genießen. Das scheint Kauderwelsch zu sein, aber es passiert genauso, denn es ist ein so übermäßiger Genuß für die Seele, daß sie ihn nicht allein genießen, sondern allen weitersagen möchte, damit sie ihr helfen, unseren Herrn zu loben, denn daraufhin zielt ihr ganzer Beweggrund ab. O was für Feste würde sie geben und was für Zeichen, wenn sie nur könnte, damit alle ihr Genießen mitbekämen! Es sieht so aus, als hätte sie zu sich gefunden und als wolle sie, wie der Vater des verlorenen Sohnes alle einladen und große Feste geben, da sie ihre Seele an einem Ort sieht, von dem sie nicht bezweifeln kann, daß sie in Sicherheit weilt, zumindest für jetzt. Und ich bin überzeugt, daß sie Recht hat, denn solch tiefer innerer Genuß im tiefsten Inneren der Seele, bei solchem Frieden und wo ihr ganzes Glück sie zu Lobpreisungen Gottes drängt, das kann unmöglich der Böse eingeben. Es ist schon viel und keine geringe Qual, wenn sie schweigt und es verheimlichen kann, sobald sie diesen starken Ansturm an Freude erlebt. Das muß wohl der heilige Franziskus empfunden haben, als ihm die Räuber begegneten, denn er ging laut rufend übers Feld und sagte ihnen, er sei ein Herold des großen Königs; und auch andere Heilige, die in die Wüsten gehen, um wie der heilige Franziskus als Herolde dieser Lobpreisungen Gottes auftreten zu können. Ich habe einen gekannt, der Fray Pedro de Alacantra hieß (er ist so einer, glaube ich, nach seinem Leben zu urteilen), der genau dies machte, und wer ihn das eine oder andere Mal hörte, hielt ihn für verrückt. Welch heilsame Verrücktheit, Schwestern, wenn Gott sie uns doch allen gäbe! O unheilvolle Zeiten, und erbärmlich das Leben, in dem wir gerade stehen! Glücklich diejenigen, denen ein so gutes Los zugefallen ist, daß sie ihm entkommen sind! Manchmal ist es mir eine besondere Freude, wenn ich diese Schwestern beisammen sehe, wie sie dieses Glück so ausgeprägt in ihrem Inneren haben, da diejenige, die mehr vermag, dem Herrn um so mehr Lob dafür spendet, sich im Kloster zu sehen, denn man sieht es ihnen an, daß diese Lobpreisungen aus tiefster Seele kommen. Ich möchte, daß ihr das oft tut, Schwestern, denn eine, die damit beginnt, regt die anderen an. Wozu könntet ihr euere Zunge besser gebrauchen, wenn ihr zusammen seid als für Lobpreisungen Gottes, da wir so viel Grund haben, um sie ihm zu bringen? Möge es seiner Majestät gefallen, daß er uns diese Gebetsweise oft schenkt, da sie so sicher und gewinnbringend ist! Erwerben können wir sie nicht, da sie etwas ganz Übernatürliches ist; doch kommt es vor, daß es einen Tag lang anhält und die Seele herumläuft wie jemand, der viel getrunken hat, aber nicht so viel, daß er von Sinnen ist, oder wie ein Melancholiker, der den Verstand noch nicht ganz verloren hat, aber von etwas, das er sich in den Kopf gesetzt hat, nicht mehr los kommt, noch es jemanden gibt, der ihn da herausholte.Es sind dies ziemlich grobe Vergleiche für etwas so Kostbares, aber mein Geist trifft auf keine anderen. Es ist nämlich so, daß diese Freude sie auf alle Dinge vergessen läßt, so daß sie nichts bemerkt noch zu sagen vermag außer, das was ihrer Freude entspringt, und das sind Lobpreisungen Gottes. Helfen wir dieser Seele, meine Töchter, wir alle! Wozu wollen wir denn mehr Hirn haben? Was kann uns größeres Glück verschaffen? Und helfen sollen uns alle Geschöpfe, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen! Amen! Amen!
Auf dem Bild ist die kleine hl. Theresia, nicht die große. Trotzdem – sieht so jemand aus, der sich wegen des Leidens in der Welt nicht gestattet hätte, auch Glück zu empfinden und der mit den Worten Mein Gott, ich liebe dich! gestorben ist?

Die Schriftstellerin Elisabeth Goudge hat einmal das Wesen des kontemplativen Gebets beschrieben und die Begabung zur Freude an den kleinen Dingen im Leben als eine Gnadengabe beschrieben: genauso ist es. Die Freude am Geschmack eines reifen Apfels, dem Sonnenlicht, dem Geruch einer frischgemähten Wiese, dem Gesang einer Amsel – das alles kann schieres, sinnliches Glück schenken, und Gott hat all das nicht erschaffen, damit wir uns nicht daran freuen sollen. Ich stelle mir mein persönliches Paradies immer so vor: ich liege an einem warmen Abend auf dem Palatin im Gras und oben auf einer Pinie sitzt eine Amsel und singt ihr Lied.

Wasser des Lebens


Wahrscheinlich hat es jeder gemerkt, aber trotzdem – neben dem schönen Evangelium mit dem Jakobsbrunnen war die ganze Liturgie gestern sozusagen von Wasser durchzogen.[1]

Ich gieße reines Wasser über euch, damit ihr rein werdet,
und gebe euch einen neuen Geist. (Eröffnungsvers)

Gott, unser Vater,
du bist der Quell des Erbarmens und der Güte,
wir stehen als Sünder vor dir,
und unser Gewissen klagt uns an.
Sieh auf unsere Not und laß uns Vergebung finden
durch Fasten, Gebet und Werke der Liebe. (Tagesgebet)


In der ersten Lesung dürstet das Volk nach Wasser und Mose schlägt es aus dem Felsen an dem Ort, den er daraufhin Massa und Meriba nennt – ein Ort, der uns jeden Morgen im Invitatorium des Stundengebets begegnet. Psalm 95 war darum auch der Antwortpsalm der Heiligen Messe.

In der zweiten Lesung schreibt der Apostel über die Liebe Gottes, die ausgegossen ist in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.

Und natürlich der Herr selbst:

Wer von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird niemals mehr Durst haben.
Es wird in ihm zur Quelle, deren Wasser ins ewige Leben sprudelt. (Evangelium und Kommunionvers)


Der heilige Augustinus schreibt:
Der Erlöser wollte nicht deswegen getauft werden, um für sich Reinheit zu erlangen, sondern damit er die Fluten für uns reinige. Seitdem er selbst in die Fluten hinabstieg, wäscht das Wasser die Sünden aller ab. Und man wundere sich nicht, daß Wasser, das heißt, eine körperliche Substanz es bewirken kann, die Seele zu reinigen. Ja, es bewirkt eine völlige Reinigung, und dringt in alle verborgenen Winkel der Seele ein. Wenn es auch selbst schon fein und zart ist, der Segen Christi macht es noch feiner, so daß seine Tropfen in alle verborgenen Dinge des Lebens und in alle Geheimnisse des menschlichen Geistes eindringen. Der Fluß des Segens ist nämlich noch subtiler als der Lauf des Wassers. Und deshalb gleicht der Segen, der aus der Taufe des Erlösers fließt einem geistigen Fluß, der den Lauf aller Fluten und aller Quellen erfüllt.

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[1] Der wunderbare Film Aus der Mitte entspringt ein Fluß nach dem ebenfalls sehr schönen Roman von Norman Maclean heißt im Original übrigens A river runs through it – das ist bedeutungsmäßig meiner Ansicht nach etwas komplett anderes:
Eventually, all things merge into one, and a river runs through it. The river was cut by the world's great flood and runs over rocks from the basement of time. On some of the rocks are timeless raindrops. Under the rocks are the words, and some of the words are theirs. I am haunted by waters.

Sonntag, 27. März 2011

Das Fastenmagazin…

Das drollige Bild bei Phil mit dem Magazin für die Fastenzeit hat mich wieder an die etwas verwickelten Gedanken erinnert, die ich in manchen Jahren am Anfang der Fastenzeit wälze (in anderen wieder treten sie in den Hintergrund). Gedanken wie diese können wahrscheinlich wirklich nur einem katholischen Hirn entspringen und sind ein Beispiel für die besonderen Freuden des Katholischseins.

Bei der „kleinen Stärkung“ bin ich dieses Jahr ins Schleudern gekommen: ich hatte die früheren Fastenregeln so verinnerlicht, daß nur eine kleine Stärkung erlaubt sei, nicht aber deren zwei. So habe ich trotz Bärenhunger am Aschermittwoch nach der „einmaligen Sättigung“ nichts mehr zu mir genommen und mich abends mit einer aus uralten Beuteln gebrauten Kanne Hagebuttentee (gegen den bin ich noch nicht allergisch, beim früher literweise getrunkenen Brennesseltee bin ich dagegen gleich dem asthmatischen Erstickungstod nahe) über Wasser gehalten. Macht nichts, das hat mir auf keinen Fall geschadet.

Meine anschließende Preisfrage im Hinblick auf die kleine Stärkung am Aschermittwochmorgen war daraufhin: wieviel ist eigentlich so eine kleine Stärkung? Ist da eine Brotscheibe (eine kleine, kein Bauernbrot) mit Käse schon zuviel?

In Klöstern wird die kleine Stärkung meiner Erfahrung nach durchaus unterschiedlich definiert: von einem tinzigwinzigen Stück Brot mit einer Schale Tee über Schwarzbrot mit einem ganzen Forellenfilet und ebenfalls einem Becher Brennesseltee oder einem Teller warmer Suppe mit soviel Brot wie man will (oder jedenfalls soviel, wie sich insgesamt noch auf dem Tisch befindet) ist die Bandbreite ziemlich variabel. Nr. 1 stärkt mich nicht im mindesten (während es ein Täfelchen Dextroenergen hingegen schon täte, jedenfalls temporär), im Gegenteil, falls ich vorher nicht hungrig war, bin ich es nachher. Nr. 2 und 3 machen satt. Wo bleibe ich dann aber mit der einmaligen Sättigung?

Ein Heribert Jone hat in seinem Handbuch für Moraltheologie die Frage nach dem Umfang der kleinen Stärkung offenbar in Gramm angegeben – allerdings wohl nicht für den normalsterblichen Katholiken, sondern als Ratgeber für den Beichtvater, damit der eine Antwort weiß, wenn ihn Leute wie ich etwa mit einer solchen Frage in den Wahnsinn treiben wollten (wollte ich aber nicht…). Ein hilfsbereiter Nutzer in einem Forum veröffentlichte zusätzlich zur Gewichtsangabe als Vergleich noch das Gewicht eines Brötchens und seines eventuellen Belags, was mich im Hinblick auf die Brotscheibe von oben beruhigt hat, bis zur bahnbrechenden Erkenntnis (allerdings erst nach erfolgter Addition der Gewichte):

a) ich glaub, das ist alles völlig akademisch und ein Nebenschauplatz (Das Opfer, das Gott gefällt, ist ein zerknirschter Geist) und

b) ich dosiere die kleinen Stärkungen so wie ich sie brauche, um an der Altarstufe nicht Flecke in liturgischen Farben vor meinen Augen tanzen zu sehen, während der Chor das Sanctus singt.

Samstag, 26. März 2011

3. Fastensonntag – mich dürstet

Das Evangelium des 3. Fastensonntags zeigt uns den Herrn, wie er in der Hitze des Tages an einem Brunnen rastet. Es war um die sechste Stunde (zwölf Uhr mittags). Die samaritische Frau, die ebenfalls zum Brunnen gekommen ist, bittet Jesus: Gib mir zu trinken! – Irgendwie hat mich dies und die Stunde, zu der es geschah, an eines der letzten Worte Jesu am Kreuz erinnert: Mich dürstet. In diesem Wort drückt sich die tiefe Sehnsucht des Herrn nach denen, die er gekommen ist, zu retten, aus wie auch die Sehnsucht aller Menschen nach dem, der unseren Durst stillen kann.

Im Johannesevangelium heißt es über dieses Wort bei der Kreuzigung, daß er es sagte, damit sich die Schrift erfüllte: Sie gaben mir Galle zu essen und Essig zu trinken für meinen Durst (Ps 69,22). Und doch muß der körperliche Durst Jesu in seinem Leiden quälend gewesen sein – und noch quälender, daß man ihm stattdessen einen Schwamm mit Essig gab.

Nach seinem Tod strömten aus der Seitenwunde Wasser und Blut.
Aus seiner geöffneten Seite strömen Blut und Wasser, aus seinem durchbohrten Herzen entspringen die Sakramente der Kirche. Das Herz des Erlösers steht offen für alle, damit sie freudig schöpfen aus den Quellen des Heiles
heißt es in der sehr schönen Präfation zum Hochfest des Heiligsten Herzens Jesu. Gemeint sind die Sakramente des Altars und der Taufe.

Die Begegnung Jesu mit der Samariterin zeigt uns den Herrn, der den Sündern und verlorenen Schafen nachgeht, um sie zurückzubringen und zu retten. Obwohl die Juden mit den Samaritern nicht verkehren, wie es im Evangelium heißt, und obwohl Jesus weiß, daß der Lebenswandel der Frau alles andere als vollkommen ist, bittet er sie, ihm einen Dienst zu leisten, mehr noch, er behandelt sie gütig und offenbart sich ihr als der Messias. Daß er ihr Vertrauen gewonnen hat, wird spätestens deutlich, als sie das irdische Wasser einfach stehen läßt und die anderen holt. Viele kamen zum Glauben an ihn, daran, daß er ist wirklich der Retter der Welt ist. In seinem Tod am Kreuz offenbart sich dies auf die tiefste und unwiderruflichste Weise: wenn ich von der Erde erhöht bin, werde ich alle an mich ziehen.

Das Herz des Erlösers steht offen für alle, damit sie freudig schöpfen aus den Quellen des Heiles. Und das ist es: in den Sakramenten begegnen wir Jesus Christus selbst, wir haben Gemeinschaft mit ihm, wenn wir zulassen, daß er uns heilt, heil macht und rettet. Er selbst in den Sakramenten ist das lebendige Wasser, das wir schöpfen dürfen, das Wasser, das unseren Durst stillen kann, so daß wir nie wieder Durst bekommen.
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Bilder: Ikonen im sogenannten neuen koptischen Stil. Bei der zweiten gefallen mir besonders die Gesichter und die nette Geste, mit der der Herr auf sich deutet: Ich bin es, ich, der mit dir spricht.

Satz des Tages

„Bei einer Priesterweihe gibt gibt es keine Verlierer, nur Gewinner.“ (Erzbischof Ludwig Schick bei der Weihe eines Comboni-Missionars heute in der St. Hedwigs-Kathedrale). Stimmt, denn der Geweihte und die ganze Kirche gewinnen etwas. Der Neugeweihte war zuletzt als Missionar im Südsudan.

Priesterweihen mit der schönen Möglichkeit, gleich einen Primizsegen zu empfangen – für den man sich ja sprichwörtlich ein Paar Schuhe durchläuft* –, sind sowieso immer toll und der Erzbischof war auch noch sehr nett. Sowas :)


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*Viel schwieriger gestaltete sich dann allerdings die anschließende Jagd nach einem Weihebildchen. Man hätte einen Indiana-Jones-Film darüber drehen können!

Gott, laß meine Gedanken sich sammeln zu dir…



Erst neulich habe ich entdeckt, daß der Text dieses schönen Taize-Gesangs, der mir übrigens tatsächlich hilft, meine Gedanken zu sammeln, eigentlich von Dietrich Bonhoeffer stammt:

Gott, zu dir rufe ich in der Frühe des Tages.
Hilf mir beten
und meine Gedanken sammeln zu dir,
ich kann es nicht allein.
In mir ist es finster,
aber bei dir ist das Licht;
ich bin einsam,
aber du verläßt mich nicht;
ich bin kleinmütig,
aber bei dir ist die Hilfe;
ich bin unruhig,
aber bei dir ist der Friede;
in mir ist Bitterkeit,
aber bei dir ist die Geduld;
ich verstehe deine Wege nicht;
aber du weißt den Weg für mich.

Für Kurzentschlossene: heute abend ist wieder Nightfever in St. Bonifatius (auf der Nightfever-Homepage nicht durch die Abbildung der neuen Karte verwirren lassen, die den 16. April als nächsten Termin oben aufführt. Der nächste Termin ist heute, Anbetung ab 21 Uhr bis Mitternacht).

Donnerstag, 24. März 2011

Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn – Verkündigung des Herrn

Komm, du Heiland aller Welt;
Sohn der Jungfrau, mach dich kund.
Darob staune, was da lebt:
Also will Gott werden Mensch.

Nicht nach eines Menschen Sinn,
sondern durch des Geistes Hauch
kommt das Wort in unser Fleisch
und erblüht aus Mutterschoß.
(Hymnus Veni redemptor gentium der Adventszeit)

Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und dem Gesetz unterstellt, damit er die freikaufe, die unter dem Gesetz stehen, und damit wir die Sohnschaft erlangen.
Weil ihr aber Söhne seid, sandte Gott den Geist seines Sohnes in unser Herz, den Geist, der ruft: Abba, Vater.
Daher bist du nicht mehr Sklave, sondern Sohn; bist du aber Sohn, dann auch Erbe, Erbe durch Gott. (Gal 4, 4-7)

In dir, Begnadete, freut sich die ganze Schöpfung, das Heer der Engel und das Geschlecht der Menschen, geheiligter Tempel und geistiges Paradies, Zierde der Jungfräulichkeit, aus welcher Gott Fleisch wurde und ein Kind, unser vor aller Zeit daseiender Gott. Er hat deinen Mutterschoß zu seinem Throne gemacht und deinen Leib umfassender als die Himmel gestaltet. An dir, Begnadete, erfreut sich die ganze Welt. Preis dir! (griechische Jakobusliturgie
)




In manchen Jahren in der Fastenzeit, in Jahren mit einem frühen Osterdatum in der Osterzeit – neun Monate vor der Geburt des Erlösers feiert die Kirche das Hochfest der Verkündigung des Herrn und nennt dieses „den Angelpunkt der ganzen Menschheitsgeschichte“. Mit Recht nennt sie dieses Ereignis so, denn die Verkündigung war der erste Augenblick, in dem Jesus Christus als Sohn der Jungfrau Maria Fleisch annahm, mithin der Beginn der Menschwerdung. Von der Menschwerdung Gottes erhält jedes Ereignis der Zeit vorher und nachher seinen Platz – vor Christi Geburt, nach Christi Geburt.

Im Fest der Menschwerdung, dem eigentlichen Beginn des Advents, feiern wir den Eintritt des Erlösers in die menschliche Natur. Durch die Annahme dieser Aufgabe, Mutter dessen zu werden, der der Sohn des Höchsten genannt werden wird, ist Maria tatsächlich ganz und gar erfüllt von Gnade, voll der Gnaden, wie wir im Ave Maria und im Angelus beten.

Brüder und Väter, die Verkündigung ist gekommen, das erste der Herrenfeste, und wir sollten es nicht einfach feiern wie die meisten, sondern mit Verständnis und Ehrerbietung für das Mysterium. Was ist dieses Mysterium? Daß der Sohn Gottes Sohn des Menschen wird, indem er die allerseligste Jungfrau als Weg beschreitet, in ihr wohnt, sich in ihr einen Tempel bereitet und wahrer Mensch wird. Warum dieses? Damit er die freikaufe, die unter dem Gesetz stehen, wie es geschrieben steht, und damit wir die Sohnschaft erlangen, daß wir nicht länger Sklaven wären, sondern frei, nicht länger den Leidenschaften preisgegeben, sondern frei von Leidenschaften, nicht länger Freunde der Welt, sondern Freunde Gottes, nicht länger dem Fleisch nach leben, sondern dem Geist nach.

Nicht nur das, wir sollten für die Welt beten und mit ihr leiden. Warum dieses? Weil der Sohn Gottes kam, um die Welt zu retten und die Welt ihn nicht aufnimmt. Völker und Nationen nehmen ihn nicht auf. Einige, weil sie vom Glauben abgefallen sind, andere durch ein Leben im Bösen. Was hätte er uns noch tun sollen und hat es nicht getan? Er war Gott und wurde Mensch. Er erniedrigte sich bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz. Er gab uns seinen Leib zu essen und sein Blut zu trinken; er gestattete uns, ihn Vater zu nennen, Bruder, Haupt, Lehrer, Bräutigam, Miterbe und all die anderen Anreden, die aufzuzählen jetzt keine Zeit ist. Und immer noch wird er verleugnet, und er erträgt es immer noch. Er spricht: Ich bin nicht gekommen, die Welt zu richten, sondern um sie zu retten. (aus einer Predigt des hl. Theodor Studites zum Fest der Verkündigung)



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Bilder: Verkündigungsaltar des Beato Angelico, heute im Museo del Prado in Madrid
Verwandte Beiträge:
4. Adventssonntag – Seht, die Jungfrau wird ein Kind empfangen
Großes hat man von dir gesagt, Maria – Immaculata
Verkündigung des Herrn

Mittwoch, 23. März 2011

Berufungsgeschichten – Sr. Marie Gemma von Jesus

Sr. Marie Gemma de Jésus kennt jede ihrer Mitschwestern noch als Novizin. Darauf ist sie stolz. Die heute 81jährige lebt seit 58 Jahren im göttlichen Brautstand. Viermal hat sie die Dornenkrone mit den Seidenrosen getragen; dem letzten Mal sieht sie freundlich entgegen.

Ihre Wangen sind rosa vom Wind auf den Feldern, Als eine der vier Laienschwestern des Klosters arbeitet sie auf den Ländereien und im Garten. Sie geht gebückt, immer ein Kräutlein im Blick. In ihren Händen können Kaninchen schlafen. „Pour les petit lapins“, „die Häschen“, sammelt sie in ihrer blauen, hochgebundenen Schürze den Löwenzahn auf den Wiesen, oder sie bringt ihnen die gekochten Kartoffelschalen aus der Klosterküche. 60 Kaninchen in 25 Stallgefachen kennen Sr. Gemmas Schritt genau. Wenn sie das Gatter zum Hühnerhof öffnet, stürzen ihre Schützlinge vor und trommeln mit den Vorderläufen gegen den Draht. Auch die Hühner reagieren, nur gelassener. Da kupferbraune Federvieh, das in den tiefen Ästen des Feigenbaumes schaukelt, springt herunter auf den sandigen Boden und trippelt gackernd dem Habit nach.

Sr. Gemma ist unterwegs auf den zwei Hektar des klösterlichen Anwesens. Sie hört die Glocken, die viermal am Tag zum Stundengebet rufen, aber als Laienschwester folgt sie ihnen nicht in die Kapelle, wo die Psalmen lateinisch gesungen werden. Zwischen Himbeersträuchern oder bei den Tomaten schlägt sie ein Kreuz und spricht mit ihrem Herrn ein Wort.

„Vocation“, Berufung, ist ihr eine unnötig große Vokabel. Schon bei ihrer Erstkommunion habe sie sich gewünscht, als Schwester zu leben. Mehr ist nicht zu sagen.

Ihre Eltern waren als Gastarbeiter aus Italien gekommen, der Vater aus Civitavecchia, die Mutter von Sardinien. In Marseille hatten sie gehofft, Arbeit zu finden. Der Vater kam in einer Kalkbrennerei unter und ruinierte seine Lunge. Sechs Kinder hatte er zu ernähren. Sie, Angelina, die Erstgeborene, habe er sehr geliebt. Er habe sie nicht ins Kloster gehen lassen wollen, weil er fürchtete, sie werde dort nicht froh. Alle anderen Geschwister sind verheiratet und haben Kinder. Sie aber habe nicht heiraten mögen. Sie wollte leben „pour le bon Dieu“, für den lieben Gott. Sie habe viel Kraft, immer noch. Sie muß einige Dinge im Garten erledigen.

Wenn die Felder und Wiesen des Klosters lächeln könnten, hätten sie Sr. Gemmas Gesicht. Wer nicht weiß, wie lange sie schon im Kloster ist, kann es präzise genug ablesen am Christus aus Messing, der am Holzkreuz auf ihrer Brust liegt. Bei den jungen Nonnen zeigt der Gekreuzigte noch alle Gliedmaßen in feiner Kontur. Bei Sr. Gemma ist er nur noch eine Grundform seiner ursprünglichen Gestalt, von den vielen Berührungen abgenutzt wie ein Kiesel im Fluß.


Quelle: A. Overath: Stilles Glück

Auch so gesehen bin ich opak


– auch so gesehen bin ich immer noch opak

Manchmal wirds halt unfreiwillig komisch – beim Lesen von Alipius' römischen Erlebnissen ist mir das wieder eingefallen:

In meiner ersten Italienischstunde sollte man sich im Kurs auf Italienisch vorstellen, mit Alter, Herkommen, Beruf und so.

Ich wollte sagen: „… sono tradutrice.“
Was ich tatsächlich sagte, war: „… sono tralucente.“

Die Gesichtsentgleisung des Lehrers war sehenswert.

Kraniche

Am Sonntag lag ich längere Zeit auf einer Wiese in der Sonne, während über mir ein Flug Kraniche nach dem anderen vorbeizog. Der griechische Dichter Hesiod, selbst Bauer und Viehzüchter, schrieb dazu:

Merke du auf, sobald du des Kranichs Stimme vernommen, der alljährlich den Ruf von der Höh
aus den Wolken dir sendet.
Bringt er die Mahnung doch zum Säen, verkündet des Winters Schauer.

Dienstag, 22. März 2011

Berufungsgeschichten – Sr. Marie Emanuelle von den Engeln

Zwei Chorstühle weiter sitzt Sr. Marie Emanuelle des Anges. Die besondere Weise, wie sie niederkniet und aufsteht, wie sie beim täglichen Bußgebet die Arme in Kreuzform ausstreckt und während der Minuten des Betens waagerecht hält, die Haltung ihrer Hände allein könnte einen Beobachter aufmerksam werden lassen. Sr. Emanuelle war Tänzerin.

Heute versieht sie das Refektorium, den Speisesaal der Nonnen. Nach den Mahlzeiten wischt sie die Tische erst feucht, dann mit einem trockenen Tuch ab, sie fegt die Brotkrümel von den Bänken und ordnet die Kissen, die an den Plätzen der älteren Schwestern liegen. Bei weit geöffneten Fenstern kehrt sie den Steinfußboden.

Als Mitglied einer klassischen Ballett-Truppe ging sie auf Tournee. Sie hat in Frankreich getanzt, in Belgien, in Berlin, einmal in Montreal. Sie habe hart gearbeitet, sagt sie. Beim Tanzen brauche man viel Willen, um immer gut zu sein, um sich unablässig zu korrigieren. Man müsse sich immer wieder im Spiegel zuschauen. Im Kloster versuche man im Gegenteil, sich zu vergessen. Sie habe sich völlig umgekehrt.

Schwester Emanuelle hatte religiöse Bekannte hier im Viertel und war fast zufällig – „Schau dir das doch mal an!“ – ans Parloir gekommen. Sie sei neugierig geworden. Sie habe wissen wollen, was die Nonnen den ganzen Tag hinter den Mauern taten. Sie ahnte ein Mysterium, und es begann sie zu interessieren. In dem dunklen Raum sprach sie mit der Priorin. Als sie hörte, wie im Hintergrund zwei Nonnen tuschelten, war sie erleichtert. Mein Gott, dachte sie, sie tuscheln, sie sind ja wie du.

Sie fuhr zurück nach Paris und wurde sich bewußt, wie es ihr schwerfiel, ein normales Leben aufzunehmen. All diese Leute, all diese Köpfe. Sie tanzte. Sie saß in der Metro und las im Faltprospekt des Klosters. Es wurde Winter, und sie dachte an die Schwestern. Die Armen, sie heizen nicht. Endlich begann sie eine Korrespondenz. Die Priorin lud sie ein, einige Tage bei Madeleine in einer Zelle zu wohnen. Sie kam im Juli. Sie reiste nach Paris zurück. Sie tanzte. Sie spürte, daß etwas, vielleicht war es Gott, in ihr arbeitete.

Die Entfernung zu ihrem täglichen Leben wuchs. Das alles ging sie nur noch erschreckend wenig an. In einem Brief teilte sie ihrer Freundin den Entschluß mit, in das Kloster einzutreten. Und weil es eine wirkliche Freundin war, setzte die sich sofort ins Flugzeug und kam. Beide verbrachten noch einige Tage zusammen. Ihrer Truppe sagte sie nichts. Nach den Sommerferien erschien sie nicht mehr zu den Proben: sie war Nonne geworden, mit 32 Jahren. Heute erinnert sie sich an die beglückende Empfindung, von einer Gemeinschaft erwartet zu werden. Sie hatte gespürt, daß die Schwestern für die beteten, sich auf sie freuten und sie liebten, noch bevor sie bei ihnen war.


Quelle: A. Overath: Stilles Glück

Heute will ich in deinem Haus zu Gast sein – Bußgang der Berliner Katholiken 2011

Dann kam er [Jesus] nach Jericho und ging durch die Stadt.
Dort wohnte ein Mann namens Zachäus; er war der oberste Zollpächter und war sehr reich.
Er wollte gern sehen, wer dieser Jesus sei, doch die Menschenmenge versperrte ihm die Sicht; denn er war klein.
Darum lief er voraus und stieg auf einen Maulbeerfeigenbaum, um Jesus zu sehen, der dort vorbeikommen mußte.
Als Jesus an die Stelle kam, schaute er hinauf und sagte zu ihm: Zachäus, komm schnell herunter! Denn ich muß heute in deinem Haus zu Gast sein.
Da stieg er schnell herunter und nahm Jesus freudig bei sich auf.
Als die Leute das sahen, empörten sie sich und sagten: Er ist bei einem Sünder eingekehrt.
Zachäus aber wandte sich an den Herrn und sagte: Herr, die Hälfte meines Vermögens will ich den Armen geben, und wenn ich von jemand zuviel gefordert habe, gebe ich ihm das Vierfache zurück.
Da sagte Jesus zu ihm: Heute ist diesem Haus das Heil geschenkt worden, weil auch dieser Mann ein Sohn Abrahams ist.
Denn der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist. (Lk 19, 1-10)

In diesem Jahr lädt der Administrator des Bistums, Weihbischof Matthias Heinrich, zum Bußgang der Berliner Katholiken ein. Diese kleine Wallfahrt steht unter dem Leitwort

Heute will ich in deinem Haus zu Gast sein

(Im Evangelium muß er es sogar. Mir gefällt diese Art, wie Jesus sich da selbst einlädt, immer ungeheuer).

Der Bußgang beginnt am Samstag, den 2. April um 16:30 Uhr in St. Elisabeth in der Kolonnenstraße 39 in Schöneberg und zeitversetzt mit einer Statio um 17 Uhr in St. Bonifatius in der Yorckstraße 88 in Kreuzberg. In der Zeit vor der Statio besteht jeweils die Möglichkeit zur Beichte.

Von St. Bonifatius aus gehen wir schließlich zur St. Johannes-Basilika am Südstern, wo Weihbischof Heinrich um 18 Uhr den Abschlußgottesdienst feiert.

Montag, 21. März 2011

Berge





In der Predigt zum gestrigen Sonntagsevangelium wies unser Pfarrer darauf hin, daß uns sowohl das Evangelium des ersten Fastensonntags (die Versuchung in der Wüste) als auch das des zweiten (die Verklärung auf dem Berg Tabor) jeweils auf einen Berg führen und daß am Ende der Fastenzeit wiederum ein Berg steht – die Schädelhöhe, der Kalvarienberg. Irgendwie ist mir das noch nie so richtig bewußt geworden.

Wir sind Jünger dessen, der an dir hing – das Kreuz

Gegrüßest seist du, Kreuz, das durch den Leib des Herrn
und von seinen Gliedern wie mit Perlen geschmückt ist.
Ehe er an dir hing, warst du voller Grausamkeit; nun aber
bist du voll göttlicher Liebe und mir willkommen.
Darum komme ich sicher und fröhlich zu dir, denn
ich bin ein Jünger dessen, der an dir hing. (hl. Andreas)

Der Predigtgärtner schreibt über das Urteil des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte und fordert die Abschaffung von Dürers betenden Händen und des Ampelmännchens (Vorsicht, Ironie). Da ich dabei war, über einen am Samstag in der Welt erschienenen Artikel den Kopf zu schütteln, möchte ich hinzufügen: schießt den Mond runter! Wir haben dann zwar keine Gezeiten mehr, aber egal. Diese ständigen Halbmonde indoktrinieren mich einfach!

Am Samstag erklärte uns DiE WELT das Kreuz mit dem Kreuz folgendermaßen (Anmerkungen in rot von mir):
Die Kreuze können hängen bleiben
Europäischer Menschenrechtsgerichtshof beendet Kruzifix-Streit und erlaubt den Staaten, in Schulen das christliche Symbol anzubringen [sehr gnädig, vielen Dank!]

In Deutschland ist laut Karlsruhe das Schulkreuz verfassungswidrig. Trotzdem wird der Heiland nicht entfernt
[Und das ist auch gut so, offensichtlich wird der Heiland dort gewollt. Ein schönes Beispiel übrigens dafür, wie man Halbwissen unters Volk bringt: Das BVerfG hatte nämlich nicht festgestellt, daß das Schulkreuz verfassungswidrig wäre.]

Europa bleibt religionspolitischer Streit erspart. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg entschied am Freitag in letzter Instanz, daß Kruzifixe in italienischen Schulen hängen dürfen und nicht aus Rücksicht auf nicht-christliche Schüler oder deren Eltern entfernt werden müssen. Damit revidierte die Große Kammer des Gerichtshofs ein Urteil der Kleinen Kammer von 2009, die genau entgegengesetzt geurteilt hatte, daß Kreuze in Klassenzimmern gegen die Religionsfreiheit der Schüler und das Erziehungsrecht der Eltern verstießen.

Indem diese Entscheidung nun rückgängig gemacht und das Auf- oder Abhängen der Kreuze dem Ermessen der jeweiligen Mitgliedsstaaten des Europarates überlassen wird, besänftigt das Gericht zum einen all jene, die mit dem christlichen Symbol in staatlichen Schulen die religiöse Prägung unserer Kultur veranschaulichen wollen und das Kreuz als Zeichen der biblischen Versöhnungsbotschaft auch bei nicht christlichen Schülern für pädagogisch wichtig erachten. Zum anderen vermeidet die Kammer einen Streit über die Frage, ob europäisches Recht in religiöse Gepflogenheiten einzelner Staaten eingreifen darf.

Den Anlaß zum Urteil gab eine aus Finnland stammende Italienerin, die sich an den Kruzifixen in den Klassenzimmern ihrer beiden Söhne in Italien gestört hatte.
[Man merke noch eimal auf: da zieht jemand aus Finnland nach Italien und fühlt sich dort von Kreuzen verfolgt. Die armen indoktrinierten Kinder sind mittlerweile 21 und 23 Jahre alt. Ob sie in Therapie sind, ist nicht bekannt.] Mit ihren Klagen auf Abhängung der Kreuze scheiterte sie in allen italienischen Instanzen. Doch 2009 gab ihr die Kleine Kammer des Europäischen Menschengerichtshofes recht: Die Kreuze müßten verschwinden. Dieses Urteil löste in Italien, aber auch in vielen anderen europäischen Ländern und zumal bei der katholischen Kirche Empörung aus. Die Klägerin wurde von einzelnen Fanatikern sogar persönlich bedroht. [Finde jetzt nur ich das leicht eigenartig, daß die Nennung der vereinzelten Fanatiker gleich nach „zumal bei der katholischen Kirche“ erfolgt?]

Italien legte dann Beschwerde gegen das Urteil bei der Großen Kammer ein. Dem schlossen sich als Drittparteien zehn weitere Länder des Europarates sowie 33 EU-Abgeordnete und Organisationen wie das Zentralkomitee der deutschen Katholiken an. Sie alle erhalten jetzt Recht. Denn die mit 17 Richtern besetzte Große Kammer befand, daß beim Kruzifix in Klassen keine Verletzung der Europäischen Menschenrechtskonvention vorliege und „sich nicht beweisen läßt, ob ein Kruzifix einen Einfluß auf die Schüler hat“.
Zudem seien hierbei die Entscheidungen der Staaten zu respektieren, „sofern diese Entscheidungen zu keiner Form der Indoktrinierung führen“. Eine solche Indoktrinierung aber sehen die Richter beim Kruzifix nicht. [Und wißt ihr was, ich glaub, die sieht auch keiner sonst, der sie nicht auf Teufel (pardon!) komm raus sehen will. Es ist zwischen Im Kreuz ist Heil, im Kreuz ist Leben, im Kreuz ist Hoffnung und völliger Bedeutungslosigkeit allerlei möglich, aber eben keine Indoktrination. Der Anblick eines Halbmondes indoktriniert mich zum Beispiel nicht im mindesten. Eigentlich find ich ihn hübsch.]
Zur deutschen Rechtslage steht dieses Urteil zumindest grundsätzlich in einer gewissen Spannung. Denn 1995 hatte das Bundesverfassungsgericht entschieden, daß Kruzifixe in Klassenzimmern nicht hängen dürfen, weil sie der Religionsfreiheit im Sinne des Grundgesetzes widersprechen. Nach einer Beschwerde anthroposophischer Eltern aus Bayern befanden damals die Verfassungsrichter, daß die Anbringung eines Kreuzes in den Räumen einer staatlichen Pflichtschule gegen das Verfassungsprinzip verstößt [man beachte und vergleiche hier bei der Wahl der grammatikalischen Form, daß immer dann der Konjunktiv gewählt wird, wenn ein Gericht etwas feststellt, was dem Autor des Artikels nicht zu passen scheint. Paßt es ihm hingegen, wird es als Faktum festgestellt], wonach es den Bürgern zu überlassen sei, welche religiösen Symbole sie anerkennen und welche nicht. Wenn Kinder in einer Pflichtschule, die keine Bekenntnisschule ist, unterm Kreuz sitzen müssen, werde die Religionsfreiheit verletzt. [Diese armen geknechteten Kinder, die da unterm Kreuz sitzen müssen, sehe ich lebhaft vor mir. Sind es nicht eher deren spinnerte Eltern, mit denen sich die Gerichte auseinandersetzen müssen?]
Diese Entscheidung allerdings hatte so gut wie keine praktischen Konsequenzen. Denn die Bundesländer fanden Wege, um die Kreuze in den Klassen hängen zu lassen. [Also was jetzt, ist es den Bürgern zu überlassen oder eben nicht?] Als Bayern nach dem Karlsruher Urteil sein Schulgesetz ändern mußte, ging der Freistaat so vor, daß die Verletzung der Religionsfreiheit durchs Kruzifix jeweils eigens geltend gemacht werden muß. „Angesichts der geschichtlichen und kulturellen Prägung Bayerns wird in jedem Klassenraum ein Kreuz angebracht“, heißt es im geänderten bayerischen Gesetz. Erst wenn „der Anbringung des Kreuzes aus ernsthaften und einsehbaren Gründen des Glaubens oder der Weltanschauung widersprochen“ würde, müsse sich die Schulleitung um eine „gütliche Einigung“ bemühen. Und wenn die nicht möglich sei, müsse man „zu einem gerechten Ausgleich“ kommen. Dabei sei „auch der Wille der Mehrheit, soweit möglich, zu berücksichtigen“. Seitdem mußten erst in einem Fall eines Lehrers 2002 die Kreuze aus jenen Klassenzimmern abgehängt werden, in denen er jeweils unterrichtete.

Weil somit faktisch das Kruzifix in deutschen Schulen unangefochten bleibt [weil offensichtlich keine Mehrheit zustandekommt, die bereit ist, solchen Kokolores auch noch zu unterstützen…], unternahmen Kirchen und konservative Politiker am Freitag in ersten Reaktionen auf das Straßburger Urteil keinen Versuch, die deutsche Rechtslage infrage zu stellen. Vielmehr lobte der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, Straßburg trage „dem überwiegenden Anteil der italienischen Bevölkerung Rechnung“. Mit Kreuzen, so Zollitsch, gebe der Staat seinen Werten und seiner Identität einen „unaufdringlichen Ausdruck“. Der evangelische Staatsrechtler Hans Michael Heinig, Leiter des Kirchenrechtlichen Instituts der EKD, lobte das Straßburger Urteil als „kluge Entscheidung“, die einem Kulturkampf vorbeuge und die Verfassungsautonomie der Staaten achte. Erleichtert zeigte sich CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt. Und seine Parteifreundin Beate Merk, Bayerns Justizministerin, nannte das Urteil ein Signal gegen „eine Laisierung der Schule“. Sie zeigte sich in ihrer Meinung bestärkt, daß „auch von Minderheiten Toleranz eingefordert werden“ dürfe.

Trotz der obigen ironischen Anmerkung glaube ich, daß hier ein Stück weit Gnade im Spiel ist, allerdings kommt diese nicht von der Welt oder dem europäischen Gerichtshof. Die Kreuze und Kruzifixe bleiben hängen – denen zur Freude, denen sie etwas bedeuten, weil sie zum Beispiel erkannt haben, wie sehr Europa vom Kreuz geprägt ist (man denke an die Patrone Europas – Benedikt, Kyrill und Methodius, Katharina von Siena, Birgitta von Schweden und Theresia Benedicta vom Kreuz(!) – man denke an die Christen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus, unter ihnen solche wie Dietrich Bonhoeffer, die Mitglieder der weißen Rose, Alfred Delp SJ und viele andere, diese Liste wäre schier endlos.

Sonntag, 20. März 2011

2. Fastensonntag – dein Angesicht, Herr will ich suchen

Meister der hl. Veronika
Mein Herz denkt an dein Wort: Sucht mein Angesicht!
Dein Angesicht, Herr, will ich suchen.
Verbirg nicht dein Gesicht vor mir.
(Eröffnungsvers des zweiten Fastensonntags, Reminiscere)

Denn Gott, der sprach: Aus Finsternis soll Licht aufleuchten!, er ist in unseren Herzen aufgeleuchtet, damit wir erleuchtet werden zur Erkenntnis des göttlichen Glanzes auf dem Antlitz Christi. Diese Stelle aus dem Brief des Apostels an die Korinther über den göttlichen Glanz auf dem Antlitz Christi fiel mir im Zusammenhang mit dem Evangelium des zweiten Fastensonntags von der Verklärung ein: Und er wurde vor ihren Augen verwandelt; sein Gesicht leuchtete wie die Sonne, und seine Kleider wurden blendend weiß wie das Licht. Der Blick auf dieses verklärte Antlitz Christi ist ein Blick auf die Herrlichkeit Gottes – Gott von Gott, Licht vom Licht, wie es im großen Glaubensbekenntnis heißt.

Zugleich ist und bleibt dieses Antlitz auch menschlich. So habe ich auch an die 6. Station des Kreuzwegs gedacht: Veronika reicht Jesus das Schweißtuch, in das dieser sein Antlitz drückt – ein Mann der Schmerzen, mit Krankheit vertraut. Der Blick auf dieses Antlitz Christi vereinigt uns mit seinen Sorgen, seiner Liebe, seiner Einsamkeit und seiner Verlassenheit.

Er hatte keine schöne und edle Gestalt, so daß wir ihn anschauen mochten. Er sah nicht so aus, daß wir Gefallen fanden an ihm. Er wurde verachtet und von den Menschen gemieden, ein Mann voller Schmerzen, mit Krankheit vertraut. Wie einer, vor dem man das Gesicht verhüllt, war er verachtet; wir schätzten ihn nicht. (Jes. 53, 2-3)

Die heilige Veronika hat von dieser Begegnung mit Christus und dem Abbild seines Antlitzes ihren Namen: Vera (e)ikon – wahres Abbild. In den Augen der Menschen war der Dienst, den sie einem verurteilten Verbrecher geleistet hat, gering, obwohl er schon als solcher Mut erforderte. Selma Lagerlöf hat in ihren Christuslegenden über diese Begebenheit eine wunderschöne Geschichte geschrieben – wie Faustina, die später in der Taufe Veronika genannt wird, dem von Lepra und ausschweifender Lebensart zerstörten Kaiser Tiberius das Tuch bringt, in das der Erlöser sein Antlitz gedrückt hatte. „Ich und alle andern, wir sind wilde Tiere und Ungeheuer, aber du bist der Mensch!“ ruft Tiberius beim Anblick dieses Gesichtes aus und ist im selben Moment geheilt.

Das hl. Antlitz, Dieric Bouts

Blickt auf zu ihm, so wird euer Gesicht leuchten und ihr braucht nicht zu erröten, heißt es im 34. Psalm. „Von deinem lieben Sohne kommt all das Leuchten dein“, singen wir in einem Marienlied. – Das Licht, der göttliche Glanz, der vom Antlitz Christi ausgeht, fällt auch auf unser Gesicht, erleuchtet uns und verleiht uns etwas von seiner Schönheit und wahrer Menschlichkeit. Das Antlitz Christi prägt sich noch immer in das Tuch ein, das wir selbst denen entgegenhalten können, die leiden, arm, hungrig oder durstig an Seele oder Leib sind, die nackt sind, Fremde, oder im Gefängnis sitzen: Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.

Den wahrhaft göttlichen Glanz, wie ihn die Jünger bei der Verklärung geschaut haben, und dessen unbeschreibliche Herrlichkeit sie verwirrte, den werde ich dann einmal schauen, von Angesicht zu Angesicht.

Samstag, 19. März 2011

Mumble mumble mumble…


  • Eine Heilige Messe, die statt als Vorabendmesse eines Hochfestes als Werktagsmesse vom Freitag und in Violett gefeiert wird. Da ich, a) wenn jemand nur brüsk genug eine andere Meinung vertritt, oft bereit bin, erstmal davon auszugehen, ich irrte mich selbst und b) es meines Dafürhaltens keiner schätzt, wenn man ihm mit dem Direktorium vor der Nase herumwedelt (irgendjemand hätte es allerdings dann doch tun sollen), gab es natürlich die Heilige Messe vom Freitag und den Blick ins Direktorium erst Stunden später (als mir das Vorhandensein eines solchen im eigenen Haushalt einfiel). Eine solche Anordnung fühlt sich auch liturgisch immer dumm an – man kommt von der ersten Vesper des Heiligen in die Werktagsmesse vom Wochentag. Die Leute, die eigens wegen der Vorabendmesse des Hochfestes(!) kommen, sind leicht geärgert, und ich kann das sogar verstehen.
  • Kreuzwegandachten, in denen nicht drin ist, was draufsteht, nämlich der Kreuzweg. Bei den sieben letzten Worten am Kreuz mag das ja noch so hingehen. Irgendwie finde ich allerdings, daß mit Gebeten und Andachtstexten, in denen man meint, irgendetwas in Anführungszeichen setzen zu müssen – wie etwa „Gemeinschaft der Heiligen“ [sic!] irgendetwas grundsätzlich nicht stimmt, etwa die Anführungszeichen. – In den nächsten Wochen wird es allerdings auch dieses Jahr wieder den unglückseligen Kreuzweg in zwei Etappen geben. Teil 1 Stationen 1-7, Fortsetzung folgt. Bitte beehren Sie uns nächsten Freitag wieder! Angeblich sind die Texte zu lang. Es stellt sich allerdings die Frage, warum man, wenn das wirklich der Fall ist und man nicht kürzen mag – was ja manchmal tatsächlich schade wäre –, nicht sieben Stationen heraussucht und wenigstens eine vollendete Via dolorosa nachgeht. Es ist ja nicht so, daß bei der Kreuzigung nach dem zweiten Fall unter dem Kreuz einschließlich des Herrn Jesus alle nach Hause gegangen und am nächsten Freitag zur erstbesten Kreuzigungszeit wiedergekommen wären. Aber wenn ich mit Menschen- und Engelszungen redete…
  • Fürbitten für andere, die länger sind als eine Kreuzwegstation und voller „Laß uns dies erkennen und hilf uns jenes zu tun, wir sind sehr betroffen, laß uns nachdenken und lernen und Verantwortung übernehmen…“ Erbarme dich, das sind die Fürbitten, nicht die Fürunsbitten! Mir fiel dabei die Geschichte ein von den freien Fürbitten, bei der eine Frau inständig und ausgiebig darum bat, für dies und jenes „offen gemacht“ zu werden. Derjenige, der nach ihr an die Fürbitte kam, soll einfach nur gebrummt haben: „Herr, mach se wieder zu!“ (giggle).

Freitag, 18. März 2011

Hl. Josef – Trost der Bedrängten


Dem Josef, der beschlossen hatte, sich in aller Stille von Maria zu trennen, weil er gerecht war und sie nicht bloßstellen wollte, wird in einem Traum von einem Engel verkündet, daß das Kind, das Maria erwartete, durch das Wirken des Heiligen Geistes entstanden ist. Als Josef erwachte, tat er, was der Engel des Herrn ihm befohlen hatte und nahm Maria als seine Frau zu sich.

Da Aschermittwoch frühestens auf den 4. Februar und spätestens auf den 10. März fallen kann, fällt das Hochfest des hl. Josef immer in die Fastenzeit. Ob der Heilige wegen seines Hochfestes in der Fastenzeit auch niemals eine erste Vesper hat (grade wischte jemand meine schüchtern vorgetragenen Bedenken übrigens mit einem schnöden „Ja dann hat er eben Pech gehabt!“ vom Tisch) wage ich anzuzweifeln – oder aber ich habe beim Stundengebet bisher immer etwas „falsch“ gemacht. In einem Jahr wie diesem hätte der Heilige ja dann gar keine eigene Vesper, da die zweite von der Vesper des 2. Fastensonntags verdrängt wird. Hmm. (= ich glaub, ich glaub das einfach erstmal nicht…).

Allerdings ist über die Novene zum hl. Josef hinaus der ganze Monat März dem Heiligen geweiht. Der hl. Josef ist ein hervorragendes Vorbild für alle, die eine Berufung aus der Tiefe ihres Herzens leben wollen: er hörte zu und tat, was Gott von ihm verlangte, ohne Murren, ohne wohltönende Worte – in der Tat ist uns ja kein einziges Wort von ihm überliefert – und ungeachtet dessen, was man von ihm halten würde.


Außerdem ist der heilige Josef der Patron einer guten Sterbestunde, was mich derzeit, wie ihr wißt, besonders berührt. Der Heilige ist der Patron der Sterbenden, da man annimmt, daß ihm sein Sohn und die Gottesmutter bei seinem eigenen Tod zur Seite gestanden haben müssen. Für die, die unerwartet den Tod erleiden, die Sterbenden und die, die den Tod erwarten, laßt uns beten, daß sie in ihrer letzten Stunde die Gegenwart Christi fühlen dürfen wie der heilige Josef.

Litanei zum hl. Josef*:

Herr, erbarme dich unser.
Christus, erbarme dich unser.
Herr, erbarme dich unser.

Christus, höre uns.
Christus, erhöre uns.

Gott Vater im Himmel, – erbarme dich unser.
Gott Sohn, Erlöser der Welt – erbarme dich unser.
Gott, Heiliger Geist – erbarme dich unser.
Heiliger dreifaltiger Gott – erbarme dich unser.

Heilige Maria – bitte für uns.
Heiliger Josef – bitte für uns.
Du erlauchter Sproß Davids – bitte für uns.
Du Licht der Patriarchen – bitte für uns.
Du Bräutigam der Gottesmutter – bitte für uns.
Du keuscher Beschützer der allerseligsten Jungfrau – bitte für uns.
Du Nährvater des Sohnes Gottes – bitte für uns.
Du sorgsamer Beschirmer Christi – bitte für uns.
Du Haupt der Heiligen Familie – bitte für uns.
Du gerechter Josef – bitte für uns.
Du keuscher Josef – bitte für uns.
Du weiser Josef – bitte für uns.
Du starkmütiger Josef – bitte für uns.
Du gehorsamer Josef – bitte für uns.
Du getreuer Josef – bitte für uns.
Du Spiegel der Geduld – bitte für uns.
Du Freund der Armut – bitte für uns.
Du Vorbild der Arbeiter – bitte für uns.
Du Zierde des häuslichen Lebens – bitte für uns.
Du Beschützer der Jungfrauen – bitte für uns.
Du Stütze der Familien – bitte für uns.
Du Trost der Bedrängten – bitte für uns.
Du Hoffnung der Kranken – bitte für uns.
Du Patron der Sterbenden – bitte für uns.
Du Schrecken der bösen Geister – bitte für uns.
Du Schutzherr der heiligen Kirche – bitte für uns.

Lamm Gottes, du nimmst hinweg die Sünde der Welt – verschone uns, o Herr.
Lamm Gottes, du nimmst hinweg die Sünde der Welt – erhöre uns, o Herr.
Lamm Gottes, du nimmst hinweg die Sünde der Welt – erbarme dich unser.

Er hat ihn bestellt zum Herrn seines Hauses
und zum Verwalter seines Besitzes.

Lasset uns beten. Gott, du hast in deiner wunderbaren Vorsehung den heiligen Josef zum Bräutigam deiner heiligsten Mutter erkoren. Wir bitten dich, laß uns im Himmel den zum Anwalt haben, den wir auf Erden als unseren Beschützer verehren, der du lebst und herrschest in alle Ewigkeit. Amen.


___
*die Litanei ist seit 1909 für den gottesdienstlichen Gebrauch approbiert
eine kleine Bildergalerie zum hl. Josef hat Johannes

Verwandte Beiträge:
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Hl. Josef – Bräutigam der Gottesmutter Maria

Donnerstag, 17. März 2011

…und laß mein Rufen zu dir kommen – Japan


Herr, du Gott meines Heils, zu dir schreie ich am Tag und bei Nacht.
Laß mein Gebet zu dir dringen, wende dein Ohr meinem Flehen zu!
Denn meine Seele ist gesättigt mit Leid, mein Leben ist dem Totenreich nahe.
Schon zähle ich zu denen, die hinabsinken ins Grab, bin wie ein Mann, dem alle Kraft genommen ist.
Ich bin zu den Toten hinweggerafft wie Erschlagene, die im Grabe ruhen; an sie denkst du nicht mehr, denn sie sind deiner Hand entzogen.
Du hast mich ins tiefste Grab gebracht, tief hinab in finstere Nacht.
Schwer lastet dein Grimm auf mir, all deine Wogen stürzen über mir zusammen.
Die Freunde hast du mir entfremdet, mich ihrem Abscheu ausgesetzt; ich bin gefangen und kann nicht heraus.
Mein Auge wird trübe vor Elend. Jeden Tag, Herr, ruf ich zu dir; ich strecke nach dir meine Hände aus.
Wirst du an den Toten Wunder tun, werden Schatten aufstehn, um dich zu preisen?
Erzählt man im Grab von deiner Huld, von deiner Treue im Totenreich?
Werden deine Wunder in der Finsternis bekannt, deine Gerechtigkeit im Land des Vergessens?
Herr, darum schreie ich zu dir, früh am Morgen tritt mein Gebet vor dich hin. (Psalm 88, 2-14 – Gebet in großer Verlassenheit und Todesnähe, auch freitags zur Komplet)

Hier einige Heilige, fast alle heilige Märtyrer, die man in dieser Zeit der Bedrängnis in Japan verstärkt um ihre Fürsprache anrufen kann.

P. Franz Xaver, SJ – Missionar in Japan
„Ich werde Ihnen niemals beschreiben können, was ich den Japanern verdanke; denn unser Herr gab mir um ihretwillen eine tiefe Einsicht in die Abgründe meines Innern.“
(Brief an Ignatius von Loyola)


hll. Paul Miki und Gefährten – Märtyrer in Nagasaki


„Gern würde ich für die Sache der Unbefleckten Gottesmutter zu Asche verbrennen.
Möge sie sich über die ganze Welt verteilen und nichts davon zurückbleiben."

Und natürlich P. Maximilian Kolbe OFM, der als Franziskanermissionar nach Japan ausgesandt wurde, wo er wo er beim Aufbau von Klöstern und der Verbreitung der Militia Immaculatae mithalf. Für diese baute er eine Druckerei auf. Ein Leser im Kommentarbereich von Father Z. weist darauf hin, daß P. Kolbe seine Mission in Hiroshima – unter völliger Mißachtung des Feng-shui – auf der „falschen“ Seite des Berges erbaute. Jahre später blieb sie eben deswegen von der Explosion der Atombombe verschont. Sicher ist P. Kolbe ein machtvoller Fürsprecher in dieser Situation; die Gebete der heiligen Märtyrer haben eine gewaltige Kraft. Niemand hat größere Liebe als der, der sein Leben hingibt für seine Freunde.

Mittwoch, 16. März 2011

Staub, Asche und Licht – in paradisum


Mein Wordle vom Freitag nach Aschermittwoch. Abends hatte ich die Kreuzwegandacht zu halten. Menschen, die uns nahestehen, sterben, der eigene Tod kommt unausweichlich auf uns zu und Wir sollen nicht trauern wie die anderen, die keine Hoffnung haben, habe ich an der dreizehnten und vierzehnten Station vorgebetet.

Daß mein eigener Tod unausweichlich auf mich zukommt, ist eine Sache. Nun ist ein Mensch, der mir sehr nahestand, gestorben und im Moment erscheint tatsächlich vieles als Staub und Asche oder zumindest wie von Asche überzogen.



Daß wir nicht trauern wie die anderen, die keine Hoffnung haben, ist richtig, nichtsdestoweniger trauern wir. – Welche Bedeutung soll dieses oder jenes jetzt oder überhaupt haben, wenn Andi ist tot? Beim Anblick eines Fluges Zugvögel fällt mir ein, daß Andi den nicht mehr sehen kann, und auch nicht den nahenden Frühling, den diese Vögel ankündigen. Jemand, der gern gelebt und nicht mit seinem Tod gerechnet hat, ist gestorben. Die Bühne bleibt leer, der letzte Vorhang ist gefallen, und es herrscht wirklich plötzlich große Stille. Ich habe Fotos, Filme, mp3-Dateien – Imitationen des Lebens –, Theaterprogramme, persönliche Unterlagen und einen Wohnungsschlüssel – aber der, der darin gewohnt hat, ist anderswohin gegangen. Ein Körper, den ich berührt und umarmt, gehalten und geküßt habe, ist zu Asche verbrannt. Zu Asche. Ich weine, und denke, das wird noch lange so gehen.

Dann wieder denke ich, wir trauern doch anders. Dinge, die ich jetzt nicht mehr sagen konnte, weil kein Abschied mehr möglich war, kann ich vielleicht dann einmal sagen. Im Moment hält mich das Gebet, das In paradisum und die Gewißheit, daß ein so guter und gütiger Mensch wie Andreas zur ewigen Anschauung Gottes gelangt. Gott ist Licht, und keine Finsternis ist in ihm.


Ins Paradies mögen Engel dich geleiten,
die heiligen Märtyrer dich begrüßen
und dich führen in die heilige Stadt Jerusalem.
Die Chöre der Engel mögen dich empfangen.
Und mit Lazarus, dem einstmals Armen,
sollst ewige Ruhe du haben.

Ohne Worte…

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