Samstag, 8. Oktober 2011

Der Rosenkranz und der Frieden der Völker

Der hl. Dominikus empfängt den Rosenkranz
aus den Händen der Gottesmutter, die wir
als Königin des Rosenkranzes verehren
Zu der einigermaßen erstaunlichen Feststellung einer Kirchenzeitung (die Zenit taktvollerweise nicht beim Namen nennt), das Rosenkranzgebet sei „umstritten“ und „nicht mehr zeitgemäß“, ist mir zweierlei wieder in den Sinn gekommen: die Predigt Pfr. Christoph Karlsons zum Tode Kardinal Sterzinskys, in der der Kardinal, wie er nachmittags den Rosenkranz betet, seinem früheren Sekretär als Erinnerung bleibt[1]:
Mir persönlich wird ein Bild bleiben – neben dem vollen Schreibtisch. Der Kardinal, der in seiner kleinen Kapelle sitzt – morgens, vor der Frühmesse, nachmittags mit dem Rosenkranz und abends vor dem Schlafengehen. Vielleicht geht mit der Generation von Priestern, die es mit dem täglichen Rosenkranz so genau genommen hat wie einst Rahner und Balthasar, eine Epoche zu Ende.
Und die folgenden Ausführungen[2] des sel. Johannes XXIII. zum Rosenkranz, der darin ein Mittel zur Erhaltung und Förderung des Friedens auf der Welt sieht. Johannes XXIII. versteht man gut, weil er so einfach ist und schreibt. Umstritten, nicht mehr zeitgemäß? – Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden, diese Botschaft des Verkündigungsengels als Erfüllung der messianischen Hoffnung ist völlig zeitlos, und es dürfte kaum eine tiefere Sehnsucht des Menschen geben, als daß Friede und Gerechtigkeit sei.

Das Rosenkranzgebet ist eine fromme Weise der Vereinigung mit Gott, es bedeutet immer eine hohe geistige Erhebung. Es trifft zu: manche, die nicht hinreichend geformt sind, um über das Lippengebet hinauszugelangen, mögen ihn in der bloßen Abfolge der drei Gebete: des Vaterunser, des Gegrüßet seist du Maria und des Ehre sei dem Vater, in der überlieferten Ordnung auf fünfzehn Gesätzchen verteilt, einfachhin aufsagen. Das ist gewiß schon etwas. Aber – und wir müssen es betonen –, das ist nur der Anfang oder nur der äußere Klang eines vertrauensvollen Gebets und nicht so sehr das Aufschwingen des Geistes zum Gespräch mit Gott, angeregt von der Erhabenheit und Schönheit seiner Geheimnisse barmherziger Liebe für die ganze Menschheit.

Der wirkliche Gehalt des gut betrachteten Rosenkranzes wird von einem dreifachen Element bestimmt: das gesprochene Wort bildet eine Einheit und begleitet in lebendigem Mitvollzug die Geschehnisse aus dem Leben Jesu und Mariens und gleichzeitig wird eine Beziehung hergestellt zu den verschiedenen Anliegen der betenden Seelen und den Bedürfnissen der universalen Kirche.

Jedes Rosenkranzgesätz ist also ein Bild, und zu jedem Bild gibt es einen dreifachen Gesichtspunkt: mystische Betrachtung, innere Erwägung und fromme Meinung. Wichtig ist vor allem die klare, lichtvolle und rasche Betrachtung eines jeden Geheimnisses, das heißt, jener Glaubenswahrheiten, die uns den Erlösungsauftrag Christi verkünden.

Die Betrachtung führt uns mit Herz und Sinn zu einem vertrauten Umgang mit der Lehre und dem Leben Jesu, dem Sohn Gottes und Sohn Mariens, der auf die Erde kam, um zu erlösen, um zu lehren und zu heiligen: in der Stille des verborgenen Lebens aus Gebet und Arbeit – in seinem Leiden und Kreuz – seiner glorreichen Auferstehung: wie in der Herrlichkeit des Himmels, wo er zur Rechten des Vaters sitzt, um der von ihm gegründeten Kirche, die auf ihrem Weg durch die Jahrzehnte voranschreitet, immer beizustehen und sie durch den Heiligen Geist zu beleben.

Das zweite Element ist die Erwägung, die aus der Fülle der Geheimnisse Christi heraus den Geist des Betenden mit lebendigem Licht überflutet. In den einzelnen Geheimnissen findet jeder für sich passende und gute Unterweisungen im Hinblick auf seine persönliche Heiligung und seine Lebensverhältnisse; und unter der fortwährenden Erleuchtung des Heiligen Geistes, der in der Tiefe der Seele, die im Stande der Gnade ist, für uns eintritt mit unaussprechlichem Seufzen, vergleicht jeder sein Leben mit der innigen Belehrung, die aus diesen Geheimnissen strömt, und er findet darin unerschöpfliche Anwendungsmöglichkeiten für seine persönlichen geistigen Erfordernisse wie auch für die seines täglichen Lebens.

Schließlich die gute Meinung, das heißt, die Beziehung auf Personen oder Einrichtungen, auf persönliche oder soziale Nöte, die für einen wahrhaft tätigen und frommen Katholiken zum Erweis der Liebe zu seinen Brüdern gehören; einer Liebe, die sich in die Herzen ergießt und die gemeinsame Zugehörigkeit zum mystischen Leib Christi lebendig zum Ausdruck bringt.

Auf diese Weise wird der Rosenkranz zum universalen Gebet des einzelnen Gläubigen und der großen Gemeinschaft der Erlösten, die aus allen Teilen der Erde sich in einem einzigen Gebet begegnen: ob im privaten Gebet, um Gnaden für die persönlichen Anliegen jedes einzelnen zu erbitten, oder in der Teilnahme am unermeßlichen und einstimmigen Chor der ganzen Kirche für die großen Interessen der gesamten Menschheit. Nach dem Willen des göttlichen Erlösers lebt die Kirche inmitten der Ungewißheiten, der Auseinandersetzungen und Türme einer sozialen Unordnung, die oft zu einer gefährlichen Bedrohung wird. Aber das Augenmerk der Kirche, die Kräfte der Natur und der Gnade bleiben stets auf das höchste und ewige Endziel hin gerichtet.

So ist der marianische Rosenkranz, wenn man ihn in seinen verschiedenen Elementen betrachtet, die unter der Form des mündlichen Gebets zusammenwirken, wie in einer feinen und reichen Stickerei verknüpft, doch voller Wärme und geistlichem Zauber …
O heiliger Rosenkranz: Welch eine Freude, dich von unzähligen Scharen frommer Gläubigen erhoben zu sehen, als ein Symbol und Banner, das den Herzen und allen Völkern Frieden verheißt.
Frieden im menschlich-christlichen Sinn bedeutet Durchdringung der Seelen mit jener Wahrheit, Gerechtigkeit und vollkommenen gegenseitigen Brüderlichkeit der Völker, die jede drohende Zwietracht und Verwirrung zerstreuen, die den Willen aller und jedes einzelnen auf die Lehre des Evangeliums hinlenken und auf die Betrachtung der Geheimnisse und Beispiele Jesu und Mariens, wie sie uns in dieser allgemein Andacht vertraut werden: Frieden wird durch das Bemühen jedes einzelnen und aller, das heilige Gesetz vollkommen zu befolgen, ein Gesetz, das die verborgensten Regungen des Herzens regelt und das Tun eines jeden zu christlicher Heiterkeit und Lauterkeit lenkt, es schenkt Freude im menschlichen Leben und einen Vorgeschmack ewiger Freuden.
___
[1] Ganz nach unten scrollen – ein Permanentlink zu einer bestimmten Predigt ist leider nicht möglich.
[2] Aus dem apostolischen Brief über das Rosenkranzgebet für den gerechten Frieden der Völker, veröffentlicht am Fest des hl. Michael 1961. Da der Text im Internet anscheinend auf deutsch nicht verfügbar ist, er aber zugleich eine einfache Erläuterung dieser Gebetsform darstellt, habe ich verhältnismäßig umfassend zitiert.

Kommentare:

L. A. hat gesagt…

Danke für den schönen, klaren Text Johannes des XXIII.
Es macht mich ratlos, wenn in manchen katholischen Publikationen der Rosenkranz nur noch als "sichwiederholende Wortfolge" begriffen werden kann. Hat man offenbar gar keinen Zugang zum Bildgeheimnis und dessen Betrachtung, die wohl selbst ein heiliger noch nie ganz ausgeschöpft hat?
Manchmal denk ich, das was hierzulande unter "katholisch" firmiert und nun aufeinanderprallt, das sind nicht Strömungen oder "Lager", sondern Bewohner verschiedener Planeten.

Johannes hat gesagt…

Ein wunderschöner Text, ganz bestimmt. Nur daß meine alten Augen diese winzige Schrift auf dem Bildschirm nicht mehr lesen können.

Braut des Lammes hat gesagt…

L.A. – Bezogen auf die Kirchenzeitung: Ich will nicht heiliger scheinen als ich bin. Mir ist der Zugang zum Rosenkranzgebet durchaus nicht so leicht gefallen, was ich seinerzeit auch verbloggt hatte.

In einem solchen Fall – mit einer überlieferten Gebets- oder Andachtsform tue ich mich etwas schwer – würde ich die Gründe allerdings bei mir vermuten, nicht bei der Gebetsform an sich. Vielleicht habe ich etwas Wesentliches daran einfach noch noch nicht verstanden oder der Bezug stellt sich vielleicht später oder auch niemals ein - muß er auch nicht. Deswegen brauche ich die Form der Andacht selbst aber nicht abzuqualifizieren.

Braut des Lammes hat gesagt…

Johannes: verstehe ich gut. Ich mache die Schrift dann mal etwas größer. Bei kleinerer Schrift ist halt der Unterschied zwischen Zitiertem und eigenem Elaborat deutlicher erkennbar.

Schiffschraube und +-Drücken hat nicht weitergeholfen?

Sr. Bernadetta hat gesagt…

Ich verfolge diesen Blog soweit es mir möglich ist und sag immer wieder einfach nur toll, aber da ich gerade diesen Post gelesen habe, muss ich noch eines schreiben, da ich es passend finde, am Samstag durfte ich meinen Geburtstag feiertn und bekam - einen Rosenkranz geschenkt :) ich meine die Thematik und das Datum :)
schlichtweg passend.
Alles Liebe
Sr. Bernadetta

Braut des Lammes hat gesagt…

Liebe Sr. Bernadetta, das paßte ja wirklich gut zusammen. Glückwünsche nachträglich.

Sr. Bernadetta hat gesagt…

Vielen Dank.

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...