Mittwoch, 31. März 2010

Karmetten in der Hedwigskathedrale


Christus, der Herr, hat für uns den Tod erlitten und wurde ins Grab gelegt:
kommt, wir beten ihn an!
(Antiphon zum Invitatorium am Karsamstag)

Der Name Karwoche kommt von kara, Trauer, Wehklage. In dieser Woche versenken wir uns verstärkt in das Leiden unseres Herrn Jesus Christus.

An den drei Kartagen Gründonnerstag, Karfreitag und Karsamstag werden in der Unterkirche der St. Hedwigskathedrale um 8:30 Uhr feierliche Karmetten gesungen (Matutin und Laudes). Dabei singen Domkapitel und Gläubige im Wechsel mit der Schola der Priesteramtskandidaten.

Traditionell brennt während der Karmetten ein besonderer Leuchter, mancherorts Lichtrechen genannt. Von den auf diesem Leuchter brennenden Kerzen wird nach den Psalmen jeweils eine Kerze gelöscht.

Ein weiteres typisches Element ist der Gesang der Klagelieder des Jeremia (Lamentationes) in den Lesungen. Diese beginnen mit der Einleitung Incipit lamentatio Jeremiae prophetae und münden in die flehentliche Aufforderung Jerusalem, Jerusalem, convertere ad Dominum Deum tuum (Jerusalem, Jerusalem, kehr um zum Herrn, deinem Gott).

Mit Jerusalem ist hier zunächst das Jerusalem gemeint, dem der Evangelist zuruft: Jerusalem, Jerusalem, du tötest die Propheten und steinigst die, die zu dir gesandt sind (Mt. 23, 37). Es ist aber auch Sinnbild für die Kirche Christi und die einzelne menschliche Seele. Kehre uns Herr, dir zu, dann können wir uns zu dir bekehren. (Klagelieder 5, 21)

Mittwoch der Karwoche


Gott, der Herr, gab mir die Zunge eines Jüngers, damit ich verstehe, die Müden zu stärken durch ein aufmunterndes Wort. Jeden Morgen weckt er mein Ohr, damit ich auf ihn höre wie ein Jünger.
Gott, der Herr, hat mir das Ohr geöffnet. Ich aber wehrte mich nicht und wich nicht zurück.
Ich hielt meinen Rücken denen hin, die mich schlugen, und denen, die mir den Bart ausrissen, meine Wangen. Mein Gesicht verbarg ich nicht vor Schmähungen und Speichel.
Doch Gott, der Herr, wird mir helfen; darum werde ich nicht in Schande enden. Deshalb mache ich mein Gesicht hart wie einen Kiesel; ich weiß, daß ich nicht in Schande gerate.
Er, der mich freispricht, ist nahe. Wer wagt es, mit mir zu streiten? Laßt uns zusammen vortreten! Wer ist mein Gegner im Rechtsstreit? Er trete zu mir heran.
Seht her, Gott, der Herr, wird mir helfen.
(drittes Lied vom Gottesknecht)

Dienstag, 30. März 2010

Dienstag der Karwoche


Hört auf mich, ihr Inseln, merkt auf, ihr Völker in der Ferne! Der Herr hat mich schon im Mutterleib berufen; als ich noch im Schoß meiner Mutter war, hat er meinen Namen genannt.
Er machte meinen Mund zu einem scharfen Schwert, er verbarg mich im Schatten seiner Hand. Er machte mich zum spitzen Pfeil und steckte mich in seinen Köcher.
Er sagte zu mir: Du bist mein Knecht, Israel, an dem ich meine Herrlichkeit zeigen will.
Ich aber sagte: Vergeblich habe ich mich bemüht, habe meine Kraft umsonst und nutzlos vertan. Aber mein Recht liegt beim Herrn und mein Lohn bei meinem Gott.
Jetzt aber hat der Herr gesprochen, der mich schon im Mutterleib zu seinem Knecht gemacht hat, damit ich Jakob zu ihm heimführe und Israel bei ihm versammle. So wurde ich in den Augen des Herrn geehrt, und mein Gott war meine Stärke.
Und er sagte: Es ist zu wenig, daß du mein Knecht bist, nur um die Stämme Jakobs wieder aufzurichten und die Verschonten Israels heimzuführen. Ich mache dich zum Licht für die Völker; damit mein Heil bis an das Ende der Erde reicht.
(zweites Lied vom Gottesknecht)

Montag, 29. März 2010

Chrisammesse in der Hedwigskathedrale


Am Dienstag der Karwoche feiert Herr Kardinal Sterzinsky mit seinen Priestern die Missa chrismatis mit der Weihe der heiligen Öle.

In dieser Versammlung des Bischofs und seiner Priester unter der betenden Teilnahme der Gläubigen kommt die Fülle des bischöflichen Amtes als oberster Hirt seines Bistums bildhaft zum Ausdruck.

Die Chrisam-Messe, die alljährlich in der Karwoche gefeiert wird, ist geprägt von zwei Elementen, der öffentlichen Erneuerung der Bereitschaft der anwesenden Priester zu ihrem Dienst und der Weihe der heiligen Öle. Die liturgische Farbe ist Weiß (diese Messe und die Messe vom Letzten Abendmahl am Gründonnerstag sind daher die einzige Gelegenheit, mit weißen Paramenten verhüllte Kreuze zu sehen).

Bei der Erneuerung der Bereitschaftserklärung richtet der Bischof eine Reihe von Fragen an seine Priester:
Seid ihr bereit, gemäß der kirchlichen Überlieferung die Mysterien Christi in gläubiger Ehrfurcht zu feiern zum Lobe Gottes und zum Heil seines Volkes?

Seid ihr bereit, dem Wort Gottes im Bewußtsein eurer Verantwortung zu dienen, wenn ihr die Frohe Botschaft verkündet und den katholischen Glauben auslegt?

Seid ihr bereit, den Armen und Kranken beizustehen, Heimatlosen und Notleidenden zu helfen?

Seid ihr bereit, euch mit Christus, unserem Hohenpriester, täglich enger zu verbinden und mit ihm Opfergabe zur Ehre Gottes und zum Heil der Menschen zu werden?
Anschließend bittet er die versammelten Gläubigen:
Euch alle aber, die ihr hier anwesend seid, bitte ich, für mich und alle eure Priester zu Gott, dem allmächtigen Vater, zu beten, er möge das gute Werk, das er in uns begonnen hat, vollenden, und uns, die er zu Priestern erwählt hat, Gnade und Segen schenken.
Danach werden drei große Behälter mit den zu weihenden Ölen vor den Bischof gebracht. Der Bischof weiht Chrisam, das Katechumenenöl zur Salbung der Taufbewerber und das Öl für die Spendung des Sakraments der Krankensalbung.

Der Chrisam, von dem die Messe ihren Namen ableitet, ist das heilige Öl, das bei der Spendung der Taufen, der Firmungen und der Priesterweihen des kommenden Jahres verwendet wird. Die Salbung mit kostbarem Öl ist ein mächtiges Symbol der Antike; so nennen wir Jesus den Christus, das heißt, den Gesalbten (das griechische Christos ist die Übersetzung des hebräischen Wortes Messias). Chrisam besteht hauptsächlich aus Olivenöl, dem kostbarer Balsam als Duftstoff beigefügt wird. Der Olivenbaum ist ein altes Symbol des Friedens und der Reinigung. In Form von Myrrhe war kostbares Öl auch eine der drei Gaben für das neugeborene Jesuskind, den kommenden König und Priester des neuen Bundes.

Die frühe Kirche übernahm den alten Brauch der Salbung von Königen, Priestern und Propheten mit kostbarem Öl als Salbung derjenigen, die sie erwählte – in Taufe, Firmung und Priestertum. Neue Kirchen, Altäre und Meßkelche werden mit Chrisam in Kreuzesform gesalbt. Bei der Weihe des Chrisams wird dieser durch das Weihegebet der Kirche, das der Bischof spricht und bei dem alle anwesenden Priester in Konzelebration die Hände ausstrecken, dem weltlichen Gebrauch entzogen und geheiligt.

Die heiligen Öle werden später in die Gemeinden des Bistums gebracht, wo sie im kommenden Jahr zur Spendung der Sakramente verwendet werden.

Ort und Zeit: Hedwigskathedrale, Dienstag, 30. März 2010, um 10 Uhr.
Vor der Chrisammesse wird die Terz gesungen.

Montag der Karwoche

So spricht Gott, der Herr:
Seht, das ist mein Knecht, den ich stütze; das ist mein Erwählter, an ihm finde ich Gefallen. Ich habe meinen Geist auf ihn gelegt, er bringt den Völkern das Recht.
Er schreit nicht und lärmt nicht und läßt seine Stimme nicht auf der Straße erschallen.
Das geknickte Rohr zerbricht er nicht, und den glimmenden Docht löscht er nicht aus; ja, er bringt wirklich das Recht.
Er wird nicht müde und bricht nicht zusammen, bis er auf der Erde das Recht begründet hat. Auf sein Gesetz warten die Inseln.
So spricht Gott, der Herr, der den Himmel erschaffen und ausgespannt hat, der die Erde gemacht hat und alles, was auf ihr wächst, der den Menschen auf der Erde den Atem verleiht und allen, die auf ihr leben, den Geist:
Ich, der Herr, habe dich aus Gerechtigkeit gerufen, ich fasse dich an der Hand. Ich habe dich geschaffen und dazu bestimmt, der Bund für mein Volk und das Licht für die Völker zu sein:
blinde Augen zu öffnen, Gefangene aus dem Kerker zu holen und alle, die im Dunkel sitzen, aus ihrer Haft zu befreien.
(erstes Lied vom Gottesknecht)

Samstag, 27. März 2010

Dominica in palmis de passione Domini (Palmsonntag)


Ruhm und Preis und Ehre sei dir, Erlöser und König!
Jubelnd rief einst das Volk sein Hosianna dir zu.
Du bist Israels König, Davids Geschlechte entsprossen,
der im Namen des Herrn als der Gesegnete kommt.

Dir lobsingen im Himmel ewig die seligen Chöre;
so auch preist dich der Mensch, so alle Schöpfung zugleich.

Einst mit Zweigen in Händen eilte das Volk dir entgegen;
so mit Lied und Gebet ziehen wir heute mit dir.

Dort erklang dir der Jubel, als du dahingingst zu leiden;
dir, dem König der Welt, bringen wir hier unser Lob.

Hat ihr Lob dir gefallen, nimm auch das unsre entgegen,
großer König und Herr, du, dem das Gute gefällt.

Juble laut, Tochter Zion! Jauchze, Tochter Jerusalem! Seht, dein König kommt zu dir: er ist gerecht und hilft, er ist demütig und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen, dem Jungen einer Eselin. Er verkündet für die Völker den Frieden; seine Herrschaft reicht von Meer zu Meer und vom Euphrat bis an die Grenzen der Erde. – so heißt es beim Propheten Sacharja über den verheißenen Messias. Jesaja nennt ihn: Immanuel – Gott mit uns –, wunderbarer Ratgeber, starker Gott, Vater in Ewigkeit, Fürst des Friedens.

Die Evangelium des Matthäus und Lukas schildern ausführlich den feierlichen Einzug Christi in Jerusalem. Obwohl der Herr arm und demütig auf einem Esel in die heilige Stadt einreitet, ist dieser Einzug ein triumphaler. Die Menschen bringen Palmen und Ölzweige mit, antike Symbole des Königtums und des Friedens. Man ruft ihn flehentlich zu Hosanna – rette uns! Man jubelt ihm zu Gesegnet sei der König, der kommt im Namen des Herrn. Im Himmel Friede und Herrlichkeit in der Höhe!

Darum begannen schon in der frühen Kirche zum Palmsonntag Prozessionen zur Erinnerung an Christi festlichen Einzug. In Jerusalem wurden Palm- und Ölzweige zur Prozession verwendet, bei uns sind es vorwiegend Buchsbaum, Weidenkätzchen, auch Wacholder und blühende Zweige. Zu Beginn der Prozession werden die Palmzweige vom Priester gesegnet, mit Weihwasser besprengt und beweihräuchert.

Die Kirche nennt diesen Sonntag liturgisch den Palm- und Passionssonntag. In der feierlichen Lesung der Passion wird das Unterschwellige deutlicher:

Der triumphale Einzug Jesu, des Königs, mündet in seine Demut und Hingabe, als der verheißene Gottesknecht alle Schmerzen und alles Leiden der Welt auf sich zu nehmen. Seine Königskrone wird nicht aus Gold sein, sondern es ist die Dornenkrone des Karfreitags.

Der Tag der Auferstehung, der an jedem Sonntag aufscheint, ist nun nicht mehr fern. Doch auf dem Weg dahin liegt noch die Passion, die Gottesferne und die Gottverlassenheit – Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

Die Liturgie der Heiligen Woche, die die Kirche uns einlädt, mitzufeiern, ist gekennzeichnet von Prozessionen und Wegen, die wir mit dem Herrn gehen wollen: der festliche Einzug in Jerusalem, der Weg in eine Nacht der Angst und Verlassenheit am Ölberg und schließlich der Weg hinauf nach Golgota, wo sich Jesu Wort erfüllt: Wenn ich von der Erde erhöht bin, werde ich alle an mich ziehen.

Mittwoch, 24. März 2010

Verkündigung des Herrn


Am Fest der Verkündigung des Herrn feiert die Kirche den Beginn der Menschwerdung Jesu im Leibe Marias. Das Fest fällt daher auf den 25. März, genau neun Monate vor Weihnachten. Das Lukasevangelium schildert das Festgeheimnis so:
Im sechsten Monat wurde der Engel Gabriel von Gott in eine Stadt in Galiläa namens Nazaret zu einer Jungfrau gesandt. Sie war mit einem Mann namens Josef verlobt, der aus dem Haus David stammte. Der Name der Jungfrau war Maria.
Der Engel trat bei ihr ein und sagte: Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir.
Sie erschrak über die Anrede und überlegte, was dieser Gruß zu bedeuten habe. (Lk 1 26-29)
Mit der Kirche beten wir im Angelus täglich die Worte des Engels und die Antwort Mariens: Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade…

Die Verkündigungsszene oben stammt von John Collier. Maria liest aus dem Buch Jesaja über die Jungfrau, die einen Sohn empfangen wird. Die Lilie ist das Attribut ihrer Jungfräulichkeit.

Der amerikanische Seminarist Declina paulisper hat in einer Predigt über die Verkündigung geschrieben (in meiner Übertragung):
Wer war Maria? Wenn wir von Maria sprechen, denken wir an sie oft als Muttergottes, eine himmlische Fürsprecherin, die erste unter den Heiligen, die Königin des Weltalls. Dies alles ist Maria nun, wer war Maria aber zu jener Zeit? Sie war keine Königin, sie war niemandes Mutter, sie war ein Mädchen. Ein einfaches Mädchen, das in einer Kleinstadt lebte. Das Protoevangelium des Jakobus aus dem vierten Jahrhundert berichtet, daß sie bei der Verkündigung 16 Jahre alt gewesen sei. Sechzehn. Stellt euch dieses heranwachsende Mädchen vor, das, der Überlieferung zufolge, dabei war, einen Wasserkrug zu füllen, als es plötzlich eine Stimme hörte: Gegrüßet seist du … voll der Gnade! Der Herr ist mit dir.

Was zum…?


Das folgende Fundstück möchte ich euch nicht vorenthalten, da ich darüber gestern abend noch Tränen gelacht habe: ewige Anbetung, Kinderbetstunde, die junge Vorbeterin meistert ihre Aufgabe tadellos und ist fast schon am Schluß, nur noch die Litanei:

Ihr Vögel des Himmels – preiset den Herrn!
Geier aller Arten – preiset den Herrn!*

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* Getier aller Arten…
** Für Tierfilmgucker: eine ganz wunderbare Dokumentation über Geier und den Versuch einer Ehrenrettung hat vor einiger Zeit Paul Reddish gemacht: Zum Geier!

Dienstag, 23. März 2010

Palmzweigbinden


Am Palmsonntag feiern wir den festlichen Einzug Jesu in Jerusalem. Da in unseren Breiten keine Palmen wachsen, wurde als Ersatz eine der ersten blühenden Pflanzen, die kurz vor der Blüte stehenden Kätzchen der Salweide (Salix caprea) verwendet, und mit anderen Pflanzen zu einem Palmbuschen gebunden. Wie etwa ein Stoderer Palmbuschen gemacht wird, kann man hier sehen und nachlesen.

Die Palmbuschen werden vom Zelebranten am Palmsonntag im Ritus der Palmweihe vor der Kirche oder an einem anderen Ort außerhalb der Kirche – etwa dem Dorfplatz – geweiht. Von dort ziehen die Gläubigen in einer festlichen Prozession in die Kirche, traditionell unter dem Gesang des schönen Prozessionsliedes Ruhm und Preis und Ehre sei dir, Erlöser und König (Gloria laus et honor). Im ländlichen Raum führt die Prozession auch um die Felder, um den Segen für eine gute Ernte zu erbitten.

Zuhause findet der Palmzweig seinen Platz hinter dem Kreuz oder im Herrgottswinkel. Aus den verbrannten Palmzweigen des vergangenen Jahres gewinnt man vor der nächsten Fastenzeit die Asche für die Spendung des Aschenkreuzes.* Daß auf diese Weise etwas dem weltlichen Gebrauch Entzogenes nicht weggeworfen, sondern erneut für die Spendung eines Sakramentales verwendet wird, ist ein schöner Gedanke.

In unserer kleinen Akademiekirche binden die Küsterin und ich die Palmbuschen für die Gemeinde selbst und schmücken das Kreuz festlich – etwas, das mir im letzten Jahr sehr viel Freude bereitet hat. Auch schmücken wir am Karsamstag für Ostern und bereiten das Osterfeuer vor. Zur Übersicht der Gottesdienste in der Katholischen Akademie in den Kar- und Ostertagen geht es hier lang.

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* Sollte man nicht soviel Asche benötigen, kann man die Palmzweige auch im Osterfeuer des nächsten Jahres verbrennen lassen.

Montag, 22. März 2010

Susanna im Bade


Leute, bringt etwas Zeit mit, wollte ich in der Frühe noch schreiben, heute beschert uns das Kirchenjahr die längste erste Lesung, die Geschichte von Susanna im Bade, einem beliebten Motiv in der darstellenden Kunst. Es kam dann aber doch nicht so, denn der Zelebrant der Abendmesse wählte die Kurzfassung, die ich erst zum zweitenmal überhaupt gelesen habe.

Diese Lesung ist ein jährlicher Anlaß, sich zu fragen, was eigentlich den Erarbeitern des Lektionars manchmal durch den Sinn gegangen sein mag und warum wohl gerade diese Lesung so verhackstückt worden ist. Wenn uns der "Tisch des Wortes reichlicher gedeckt" werden soll, dann doch bitte mit allen Zutaten.

Es existiert von der Perikope eine lange und eine Kurzfassung. Die Kurzfassung beginnt mit den denkwürdigen Worten: In jenen Tagen verurteilte die versammelte Gemeinde Susanna zum Tode. Na bravo! Man möchte behaupten, kaum einer weiß, warum. Schon weil die Geschichte in den Apokryphen steht, nur an diesem einen Tag in der Fastenzeit gelesen wird und, wie ich bemerkt habe, eine gute Kenntnis des alten Testaments unter Katholiken irgendwie oft „nicht angesagt“ scheint (Zum Vergleich: in der pietistischen Gegend, in der ich aufgewachsen bin, gab es unter meinen Schulfreundinnen einige, die einem bei Nennung eines Bibelzitates sagen konnten, wo das geschrieben steht und andersherum). Auch geht es bei der Geschichte nicht vor allem um Daniel.

Die Kurzfassung der apoykryphen Lesung unterschlägt die ganze, wesentliche Vorgeschichte der bewahrten Keuschheit Susannas: wie sich da, als sie in ihrem eigenen Garten badet, zwei Älteste als Spanner in den Buschen herumdrücken und Susanna schließlich mit einem gemeinen Erpressungsmanöver gefügig machen wollen. Diese trifft eine mutige Entscheidung:

Ich bin bedrängt von allen Seiten. Wenn ich es tue, so droht mir der Tod. Tue ich es aber nicht, so werde ich euch nicht entrinnen. Es ist besser für mich, es nicht zu tun und euch in de Hände zu fallen, als gegen den Herrn zu sündigen. (Dan 13, 22-23)

Aus dem anschließenden Verleumdung der beiden Ältesten ergibt sich das Todesurteil der Gemeinde gegen die vermeintliche Ehebrecherin, vor dem Susanna durch den klugen jungen Daniel errettet wird. Trotzdem ist die Haltung Susannas, ihre Standhaftigkeit, ihre Tugend und ihr Gottvertrauen, einer Märtyrin würdig.

Wenn man durchaus meint, die Langfassung dieser Lesung, die im übrigen auch Verse ausläßt, „aus pastoralen Gründen“ der Gemeinde – wieso eigentlich, die sitzt doch? – oder dem Zelebranten – nun ja, manche von denen haben wirklich viel zu tun – nicht zumuten zu können: in der Kurzfassung kann man sie eigentlich keinem[1] zumuten.

Man sollte überlegen, ob man, bevor man einen Text derart kastriert, nicht lieber entweder ganz auf ihn verzichtet oder ihn als Bahnlesung ("Fortsetzung folgt") an zwei aufeinanderfolgenden Tagen lesen läßt, der Gemeinde zum Nutzen.

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[1]Dem einen, der seinerzeit meinte, dem Lektor könnte man einen solch langen Vortrag nicht zumuten, habe ich sehr freundlich gesagt, daß es mir nicht das geringste ausmacht. Er wollte dann doch die kurze Fassung. Aha.

Warum der Meßdiener manchmal viel besser ein Oktopus wäre


(Vorsicht, leicht albern, das brauche ich heute!)

Man könnte:

– beim Aufräumen der Kirche gleichzeitig eine Kerze, deren schweren Leuchter, die Hostienschale zum Vorlegen, die Liederzettel auf der Kredenz am Eingang und die Kollekte wegtragen.

– das Meßbuch mit beiden Händen halten und zum nächsten Bändchen umblättern. Hierzu bräuchte man unter Umständen aber auch Stielaugen.

– beim Vorbeten diverser Kreuzwegstationen (inklusive Lesung) in der Kirche gleichzeitig das Xangbuch im jeweils richtigen Abstand zu den Augen und das Mikrophon halten. (Wozu dieses vermaledeite Mikrophon überhaupt gebraucht wird, verstehe ich nicht. Ohne die geringste Anstrengung versteht man mich beim Lesen und Singen genausogut ohne Mikrophon. Und in der Vorhalle braucht man uns nicht zu hören. Aber seis drum.) Ich hätte viel lieber eine Taschenlampe, um in der dunklen Kirche überhaupt noch einen Fixierpunkt zu finden, damit ich mir nicht unversehens neue Worte für die Kreuzwegmeditation ausdenken muß.[1] Dann fehlte mir allerdings trotzdem noch ein Arm. :P

– beim Blasiussegen gleichzeitig zwei Priestern das Meßgewand abnehmen, eine rote Stola anreichen und die Leuchter anzünden.

– für Herrn Pfarrer A. nach der Purifikation um die Altarsäule herum auf der einen Seite den Kelch und die Hostienschale auf die Kredenz zurückstellen, den Kelch mit dem Velum bedecken, den Tabernakelschlüssel versorgen und zugleich dem Pfarrer auf der anderen Seite das Meßbuch zum Schlußgebet halten.

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[1] Der Tag, an dem ich auf die Frage „Können Sie das lesen?“ mit einem grantigen „Nein!“ antworte, wenn man mir out of the blue ein Buch in tinzigwinziger Schrift in die Hand drückt, bleibt hoffentlich ein Traum.

Sonntag, 21. März 2010

Sonntagspredigt – Momente für Kichererbsen

Schmunzeln mußte ich heute in der Heiligen Messe zum Passionssontag, als der Herr Pfarrer in der Einleitung seiner Predigt etwa folgenden (autobiographisch gefärbten) Ausspruch tat: "Es waren einmal zwei Zwillinge…" Das Lächeln über den diesen schwarzen Rappen konnte ich genau solange unterdrücken, bis ich hörte, daß das Kind das auf der Bank im Altarraum hinter mir Platz gefunden hatte, mit seiner Mutter tuschelte, ob Zwillinge nicht immer zwei… etc. Grinsel.

In der Stille nach der Predigt gähnte ein dann ein anderes Kind ein von Herzen kommendes Uaaah! :D (Nein, das hatte nichts mit der Qualität der Predigt zu tun… ;))

Samstag, 20. März 2010

Passionssonntag – Beginn der Passionszeit


Du allein warst wert zu tragen, aller Sünden Lösegeld.
du, die Planke, die uns rettet, aus dem Schiffbruch dieser Welt.
du, gesalbt vom Blut des Lammes, Pfosten, der den Tod abhält.


Mit der ersten Vesper des 5. Sonntags der Fastenzeit tritt die Kirche in die eigentliche Passionszeit ein, deren zweite Woche, die Karwoche, in die Vigil der Osternacht mündet.

Die Passionszeit, in der nach altem Brauch Kruzifixe, Kreuze und mancherorts auch Standbilder mit schlichten violetten oder schwarzen Tüchern verhängt werden, soll unseren Blick verstärkt auf das Leiden und Sterben des Herrn wenden. Gegen Ende seines öffentlichen Wirken wandte Jesus seinen Blick nach Jerusalem:
Siehe, wir ziehen hinauf nach Jerusalem. Dort wird der Menschensohn den Hohenpriestern und Schriftgelehrten übergeben werden. Sie werden ihn zum Tode verurteilen und den Heiden überliefern. Man wird ihn verspotten, anspeien, geißeln und töten. Nach drei Tagen aber wird er wieder auferstehen. (Mk 10,33)
Einen Grund für Verhüllung des Kreuzes in der Tradition der Kirche nennt die Catholic Encyclopedia: Die Kreuze werden verhüllt, weil Christus in dieser Zeit nicht mehr öffentlich wirkte, sondern sich verbarg. Aus diesem Grund fand die rituelle Verhüllung der Kreuze in der päpstlichen Kapelle in der Liturgie statt bei den Worten des Evangeliums: Und er verließ den Tempel und verbarg sich.

Zugleich ist das Verhängen von Kreuzen und Standbildern auch Zeichen der Trauer und eine weitere Form des "Fastens der Augen", in das wir uns seit dem Beginn der Fastenzeit durch den Verzicht auf Blumenschmuck und prachtvolle Behänge bereits eingeübt haben.

Obwohl der lateinische Name des Palmsonntags, mit dem die heilige Woche beginnt, Dominica in palmis de passione Domini lautet[1], ist diese Bezeichnung kaum verbreitet und der 5. Fastensonntag im Volksmund noch immer der Passionssonntag.

Die Passionszeit stellt uns die menschliche Natur Christi vor Augen, während die göttliche in seinem bitteren Leiden und Sterben vor den Augen der Welt verborgen erschien.

Das Kreuz des Herrn, ein Zeichen, das wir täglich sehen, wird unseren Blicken einstweilig entzogen und tritt uns bei der rituellen Enthüllung und Erhebung in der Feier vom Leiden und Sterben Christi am Karfreitag wieder neu und machtvoll vor Augen:

Ecce lignum Crucis, in quo salus mundi, pependit.
Seht, das Holz des Kreuzes, an dem der Herr gehangen, das Heil der Welt.



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[1] Da kennzeichnende Elemente die Palmprozession und die Lesung der Passion des Herrn nach einem der synoptischen Evangelien sind. Am Karfreitag dagegen wird stets die Passion nach Johannes gelesen.

Donnerstag, 18. März 2010

Hl. Josef – Bräutigam der Gottesmutter Maria



Geh, o Josef, und bringe frohe Kunde von den Wundern:
Die Jungfrau sahest du gebären,
ein Loblied sangest du mit den Hirten,
ein Knie beugtest du mit den Weisen
und der dich unterwiesen hat,
ist der Engel des Herrn.
Bitte Christus, unsern Herrn,
daß er uns errette. (Byzantinisches Troparion)

Der heilige Josef ist buchstäblich ein stiller Heiliger – es ist uns ist uns kein einziges Wort von ihm überliefert. Über sein Leben wissen wir wenig. Und doch war ihm etwas Einzigartiges anvertraut: der Schutz der Heiligen Familie. Für sie tat er das schlichte, naheliegende und unspektakuläre: er sorgte für sie, zunächst für seine Braut, die er trotz der Tatsache, daß sie nicht sein Kind erwartete, nicht verließ, dann auf der Herbergssuche, bei der Flucht nach Ägypten, während des einfachen Lebens in Nazareth und schließlich bei der schmerzvollen Suche nach Jesus im Tempel. Kurz: Er, der gerecht war, war immer da, wenn er gebraucht wurde. Josef ist ein Heiliger des schweigenden Gehorsams und der Erfüllung dessen, was er als gerecht erkannte.

Was aus Josef geworden ist, ob er ein junger oder ein älterer Mann war, mit Maria in erster oder in zweiter Ehe verheiratet – es ist uns nicht bekannt, die Evangelien verraten es uns nicht. Es scheint wahrscheinlich, daß Josef zur Zeit, als Jesus sein öffentliches Wirken begann, bereits nicht mehr lebte, denn in der Schrift heißt es: Seine Mutter und seine Brüder kamen und fragten nach ihm… (Mk 3, 31-33). Wäre Josef an dieser Stelle nicht auf jeden Fall erwähnt worden, wenn er noch gelebt hätte?

In der christlichen Ikonographie wird Josef oft als älterer oder gar alter Mann dargestellt, wohl um der Vorstellung Ausdruck zu geben, es könne sich bei ihm um einen Witwer mit eigenen Kindern gehandelt haben, jedenfalls um einen, den Gott zum keuschen Beschützer der jungfräulichen Gottesmutter und des Jesuskinds bestimmte, weshalb ihn die Kirche auch den Bräutigam der Gottesmutter Maria nennt, nicht den Ehemann. Als Attribut seiner enthaltsamen Keuschheit trägt der Heilige oft eine weiße Lilie, das Symbol der Reinheit, in der Hand. Eine solche Lilie wird oft auch auf Verkündigungsbildern der künftigen Gottesmutter durch den Engel überreicht. Der heilige Hieronymus schreibt über die keusche Enthaltsamkeit Josefs:
Du sagst, Maria ist nicht jungfräulich geblieben. Ich hingegen möchte gerne etwas viel Radikaleres behaupten: daß Josef, aus Rücksicht auf Maria, ebenfalls jungfräulich blieb, damit ein jungfräulicher Sohn in einer jungfräulichen Ehe geboren werden kann. Nachdem es für einen heiligen Mann wie Josef, keinen Platz für Unzucht gab und nachdem nicht geschrieben steht, dass er eine andere Frau hatte und er für Maria, die als seine Ehefrau galt, mehr ein Beschützer als ein Ehemann war, wir daraus schließen können, daß er, der von Jesus Vater genannt wurde, wie Maria, auch jungfräulich geblieben ist.
Zur Zeit der Kreuzigung seines Ziehsohnes war Josef wohl tatsächlich nicht mehr am Leben, denn Jesus vertraut in seiner letzten Stunde seine Mutter dem Schutz des Lieblingsjüngers an. Da man davon ausgeht, Josef sei bereits früher gestorben, leitet sich daraus auch die Annahme her, Maria und Jesus müßten in seiner Todesstunde bei ihm gewesen sein. Aus diesem Grunde ruft man den Heiligen vielerorts als Patron für eine gute Sterbestunde an.

Da ich immer in der Diaspora gelebt habe, kann ich nicht sagen, inwieweit der Brauch, der Anrufung des Heiligen bei Grundstücksgeschäften dadurch Nachdruck zu verleihen, daß man ein Heiligenbildnis über die Grundstücksmauer wirft oder auf dem Grundstück vergräbt, das man zu kaufen beabsichtigt, hier verbreitet ist. Daß man den Heiligen hierbei anruft, hat sicherlich damit zu tun, daß es ihm stets gelungen ist, auch unter widrigen Umständen seiner Familie eine Zuflucht zu schaffen.

Der heilige Gregor von Nazianz konstatiert daß, obwohl der heilige Josef ein armer Mann gewesen sei, der Reichtum seiner Tugenden und seiner Verdienste ihn den größten und edelsten Männern auf Erden gleichstellte.

Mittwoch, 17. März 2010

Kreuzweg nach Plötzensee am Karfreitag


Eine gute und stille Art, den Morgen des Karfreitags zu verbringen, ist, wie ich im vergangenen Jahr festgestellt habe, den Kreuzweg nach Plötzensee mitzugehen, den der geistliche Rektor der Katholischen Akadamie in Berlin anbietet. In seiner Ankündigung heißt es:

Kreuzwege reflektieren die Grenzen unserer eigenen glaubenden Existenz. Im Priesterjahr 2010 gehen wir den Weg für Seelsorger, die uns fehlen, die uns stärken, die uns ärgern, die schuldig geworden und die zerbrochen sind.
Der Fußweg beginnt an der Akademiekirche St. Thomas von Aquin in der Hannoverschen Straße in Berlin-Mitte und endet an der Hinrichtungsbaracke der Gedenkstätte Plötzensee. Eine Anmerkung: Es wird zwischen den Stationen schweigend und in flottem Tempo gegangen. Man muß also gut zu Fuß sein.

Montag, 15. März 2010

Pretty in pink


Eine kleine Nachlese zum Sonntag Laetare (nachdem ich anderswo gesehen habe, daß man die Heilige Messe am vierten Fastensonntag auch sans Blumen, sans Orgelnachspiel, sans rosa Paramente und auch sans irgendeiner freudigen Regung feiern kann, kam ich mir gleich doppelt privilegiert vor):

Pretty in pink war gestern der B-Plot in unserer Akademiemesse — das (geborgte) rosa Kelchvelum biß sich zwar deutlich mit dem Meßgewand, so daß wir es schließlich nicht verwendet haben. (Der ausgemachte Ästhet, dessentwillen wir es nicht genommen haben, hätte sich im übrigen nicht daran gestört.) – Wie allerdings überhaupt jemand zwei rosa Kelchvela haben kann, wird mir wohl schleierhaft bleiben, aber immerhin handelte diejenige wirklich christlich: Denn wer zwei Kelchvela hat, soll dem eines geben, der keines hat….

Der für Laetare erlaubte Blumenschmuck wiederum hatte durch eine glückliche Fügung oder ein sehr gutes Auge der Küsterin größtenteils genau den Farbton der Kasel und war überhaupt sehr schön. Tüpfelchen auf dem i war das rosa Haarband der Meßdienerin. :P

Von dem Vorschlag eines Bloggers, dem Priester das folgende Kompliment zu machen:

"I'm glad to see a priest manly enough to wear rose vestments on Laetare Sunday."

habe ich lieber abgesehen (wer weiß, wie das angekommen wäre…).

und auch die andere Idee, kleinen Mädchen vorher zu stecken, sie müßten Laetare zur Messe kommen, der Priester wäre in ganz in barbie-rosa, ließ sich mangels kleiner katholischer Mädchen in der engeren Bekanntschaft nicht umsetzen. Immerhin gibt es in der Akdademiegemeinde kleine Mädchen, die haben sich wahrscheinlich gefreut.

Fazit der Predigt:
Gott vergißt unsere Sünden vor Freude! Uns daran zu erinnern, ist der Laetare-Sonntag ideal! Nutzen wir die kurze Zeit, die noch bleibt bis Ostern, um Gott und uns eine Freude zu machen!

Quibbelt euch doch die Rassel blank!


Wie man als Fernsehsender genau den Beitrag erhält, den man ohnehin von vornherein bringen wollte, konnte ich am Rande des Bußgang der Berliner Katholiken beobachten, der auf dem Weg zwischen den beiden Stationskirchen St. Elisabeth und St. Bonifatius von einem Drehteam „begleitet“ wurde, das einen Beitrag für die Abendschau bringen wollte. Die journalistische Technik des gezielten Weglassens ist mir natürlich nicht neu, wenn man es (buchstäblich) hautnah miterlebt, ist man doch ein wenig erstaunt.

Alles, was einen Schleier trug oder als Kleriker erkennbar war, schied als Interviewpartner offenbar von vornherein aus, womöglich hätte derjenige etwas Positives über das ehelose Leben zu sagen gehabt. Da ich allerdings ohnehin nicht scharf drauf war, beim Bußgehen interviewt zu werden, war ich fein raus und durfte nahezu ungestört unseres Weges ziehen.

Über manche Äußerungen am Rande des Bußgangs kann man sich nur wundern. Da fühlt sich ein Teilnehmer von der Kirche „nicht repräsentiert“. Guten Morgen! Wir sind die Kirche, der Leib Christi, und jeder Einzelne ist ein Glied an ihm. Und wenn das Ohr sagt: Ich bin kein Auge, ich gehöre nicht zum Leib!, so gehört es doch zum Leib. – Wenn darum ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit. (1 Kor 12).

Und daß jemand, der erkennbar nichts versteht, dümmlich fordert, dies alles und vor allem der Zölibat müsse mal richtig „revolutioniert“ werden, braucht uns im Grunde nicht zu berühren.
Hier wird deutlich: Nur wer wirklich an Gott glaubt, versteht etwas vom Zölibat. Gott kann einem Menschen so nahe kommen, daß er ihm das Herz abgewinnt. Sollte Gottes Menschenfreundlichkeit nicht genug Charme besitzen, einen Menschen in dieser Weise ganz zu erfüllen? Aus meiner persönlichen Erfahrung meines Priesterlebens darf ich schlicht und dankbar sagen: Ja, unser Gott hat diesen unwiderstehlichen Charme! Mit ewiger Liebe habe ich dich geliebt, heißt es beim Propheten Jeremia.

Wo gibt es denn solche Liebesanträge? Einzelne antworten darauf mit der Ausschließlichkeit und Direktheit der Ehelosigkeit und liefern sich so in Freiheit und Wahrheit dieser Liebe aus. – Das ist Zölibat.

Das schließt ein, daß der Zölibat an die Grenzen unserer menschlichen Möglichkeiten führt, weil er in der Spannung zwischen menschlichem Dasein und der verheißenen Vollendung steht. Die Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen hält mitten unter uns die Sehnsucht wach nach der einen, endgültigen, vollkommenen Liebe.

Der zölibatäre Mensch streckt sich mit seinem ganzen Dasein aus nach jener letzten Erfüllung, die nur Gott schenken kann. Der Zölibat ist deshalb ein Charisma, eine Gnadengabe, und damit ein kostbares Geschenk der Freiheit. Wer die gottgeweihte Ehelosigkeit nur pragmatisch, funktional oder psychologisch bewertet, greift notwendig zu kurz.

Sicher, wir machen bisweilen auch die bedrückende Erfahrung menschlicher Begrenztheit und Schwachheit. Die notwendige innere Reifung bleibt aus oder wird verweigert, der Einzelne verfehlt sich oder wird sogar schuldig. Daran darf nichts beschönigt werden. Aber es wäre ebenso verfehlt, deshalb die Möglichkeiten eines zölibatären Lebens – wie auch der lebenslangen ehelichen Treue – grundsätzlich in Frage zu stellen oder ganz zu verneinen.
(Joachim Kardinal Meisner in seinem Hirtenbrief zum Priesterjahr über den Zölibat)
Und so möchte man den vielen, die sich gerade bemüßigt fühlen, das ehelose Leben um des Himmelreiches willen in den Medien in Frage zu stellen oder in Verruf zu bringen, weil nicht sein kann, was nicht sein darf, zurufen: Ach, quibbelt euch doch die Rassel blank!

Von den Dreharbeiten einmal abgesehen, verlief der Bußgang der Berliner Katholiken erwartungsgemäß sehr würdig, still und ohne Provokationen. Seinen Abschluß fand er mit einem Pontifikalamt in der Johannesbasilika. Hier machte der Erzbischof in seiner Predigt Versöhnung und Vergebung zum zentralen Thema. „Die Heilung von Sünde ist nicht Menschenwerk, das muß von Gott kommen. Wir müssen uns von Gott versöhnen lassen.“

Vor diesem Gottesdienst wurde das mitgetragene Kreuz aufgerichtet, unter dem Gesang des wunderschönen Liedes Des Königs Fahne schwebt empor, in dessen sechster Strophe es heißt:

Dein Kreuz, o Christe grüßen wir;
all unsre Hoffnung steht zu dir.
Gib den Gerechten neue Huld,
den Sündern Nachlaß ihrer Schuld.

Samstag, 13. März 2010

Laetare


Freue dich, Stadt Jerusalem!
Seid fröhlich zusammen mit ihr, alle, die ihr traurig wart.
Freut euch und trinkt euch satt an der Quelle göttlicher Tröstung. (Jes 66, 10-11)


Der vierte Fastensonntag wird gemeinhin Laetare genannt, Freue dich, nach dem lateinischen Introitus Freue dich, Jerusalem! Wie der dritte Adventssonntag stellt dieser Sonntag gewissermaßen das Bergfest der für das Hochfest bereitenden Bußzeit dar (die tatsächliche „Halbzeit“ war am vergangenen Donnerstag der dritten Fastenwoche).

Der Sonntag Laetare soll auch die Augen und Ohren erfreuen, daher haben wir Blumen für den Altarschmuck, ein Orgelnachspiel und – zumindest in der Heiligen Messe der Akademiegemeinde – auch rosa Paramente. In der liturgischen Farbe Rosa, die nur an den Sonntagen Laetare und Gaudete getragen werden kann, scheint durch das Violett der Bußzeiten das Weiß des nahenden Festes quasi schon hindurch. Im Altertum war der Farbstoff, der zum Färben rosenfarbener Gewänder benutzt wurde, besonders kostbar, da er aus einer Murexschnecke gewonnen wurde, die man an den Küsten des Libanons findet.

Father Dwight Longenecker schreibt darüber, daß der Hohepriester im Jerusalemer Tempel aus diesem Grunde rosenfarbene Gewänder getragen habe und fährt fort:
Die rosa Gewänder in der Fastenzeit erinnern uns an das königliche Priestertum unseres Herrn. Der Priester ist, wenn er in persona Christi handelt, ein Abbild Christi, des Königs und Hohenpriesters. Die Tatsache, daß uns dieses Bild inmitten der beiden Bußzeiten vor Augen gestellt wird, erinnert uns daran, daß sich, eingeschlossen in die Entsagung dieser Welt und gekleidet in die Erbärmlichkeit und Einfachheit des menschlichen Fleisches, der Hohepriester des neuen Bundes verbirgt: Christus, der König der Könige und Herr der Herren.
Mitten in der Wüste der Fastenzeit und vor Eintritt in die Passionszeit, in der nach alter Tradition das Kreuz verhüllt wird und der Herr nach Jerusalem hinaufzieht, soll uns die verhaltene Festlichkeit des Sonntags Laetare eine kleine Oase der Hoffnung und Ermutigung sein und uns die nahende Freude des Osterfestes aufscheinen lassen, damit wir, wie es im Tagesgebet heißt, mit froher Hingabe dem Osterfest entgegeneilen.

Donnerstag, 11. März 2010

Mitten im Feuer


Einen kurzen, vorausschauenden Blick auf die vielleicht coolste erste Lesung haben wir mit dem Herrn Weihbischof em. Weider am Dienstag geworfen:

Schadrach, Meschach und Abed-Nego erwiderten dem König Nebukadnezzar: Wir haben es nicht nötig, dir darauf zu antworten: Wenn überhaupt jemand, so kann nur unser Gott, den wir verehren, uns erretten; auch aus dem glühenden Feuerofen und aus deiner Hand, König, kann er uns retten. Tut er es aber nicht, so sollst du, König, wissen: Auch dann verehren wir deine Götter nicht und beten das goldene Standbild nicht an, das du errichtet hast. (Dan 3, 16-18, Mittwoch der 5. Woche der Fastenzeit)

Die Lesung vom Dienstag der 3. Woche der Fastenzeit aus dem Buch Daniel beginnt:

In jenen Tagen sprach Asarja mitten im Feuer folgendes Gebet… und fährt fort: Ach, Herr, wir sind geringer geworden als alle Völker. In aller Welt sind wir heute wegen unserer Sünden erniedrigt.

Der Bischof hielt dann eine lange und bewegende Predigt über die aktuelle Situation in der Kirche, wie man mitten im Feuer ebenfalls verstehen kann und auch über die Tatsache, daß Priester und Ordensleute, alle die erkennbar dem Dienst der Kirche geweiht sind, unter Generalverdacht stehen.

Hier ein Gebet zum Priestersamstag, das ich gestern von Pater Karl Hoffmann SDS bekommen habe. Der Priestersamstag ging ja von einem Salvatorianer aus, wurde von Dompropst Bernhard Lichtenberg aufgegriffen und fand weltweite Verbreitung. (Man kann natürlich auch jeden anderen Wochentag aufopfern):
Göttlicher Heiland Jesus Christus, du hast dein ganzes Erlösungswerk, die Rettung und das Heil der Welt, den Priestern als deinen Stellvertretern anvertraut. Durch die Hände deiner heiligsten Mutter opfere ich für die Heiligung deiner Priester und Priesteramtskandidaten und um die Erlangung zahlreicher geistlicher Berufe den heutigen Tag ganz und gar auf: alle Gebete, Arbeiten, Freuden, Opfer und Leiden. Schenke uns wahrhaft heilige Priester, die vom Feuer deiner göttlichen Liebe entflammt, nichts suche als deine größere Ehre und das Heil unserer Seelen. Bewahre sie in allen inneren und äußeren Gefahren und weise besonders jene zurück, die ihrer Tugend nachstellen und ihr heiliges Priesterideal gefährden.
Maria, du gute Muter der Priester, nimm alle Priester unter deinen besonderen Schutz und Schirm und führe mit gütiger Mutterhand auch die armen, verirrten Priester, die ihrer erhabenen Berufung untreu wurden, zum guten Hirten zurück. Amen (Gebet für die Seelsorger, 1934)
Mehr zur Entstehung des Priestersamstags, ebenfalls von Pater Karl, kann man hier nachlesen.

Mittwoch, 10. März 2010

Gesandt an Christi statt – Bußgang der Berliner Katholiken am 13. März

Wir sind also Gesandte an Christi statt, und Gott ist es, der durch uns mahnt. Wir bitten an Christi statt: Laßt euch mit Gott versöhnen!
Er hat den, der keine Sünde kannte, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm Gerechtigkeit Gottes würden. (2 Kor 5,20)

Traditionell lädt unser Erzbischof, Georg Kardinal Sterzinsky, zum Bußgang der Berliner Katholiken ein. Als Katholiken erkennbar unter dem Zeichen des Kreuzes durch Kreuz(!)berg zu ziehen, ist sicher ein schönes Zeugnis des zum Herrn und seiner Kirche Stehens und gerade jetzt ein Zeichen. Im Priesterjahr steht der Bußgang unter dem Motto

Gesandt an Christi statt.

Der Bußgang beginnt um 16:30 Uhr in St. Elisabeth in der Kolonnenstraße 39 in Schöneberg und zeitversetzt mit einer Statio um 17 Uhr in St. Bonifatius in der Yorckstraße 88 in Kreuzberg. Von dort gehen wir zur St. Johannes-Basilika am Südstern, wo Herr Kardinal Sterzinsky um 18 Uhr den Abschlußgottesdienst feiert.

Umständehalber war ich bisher noch nie beim Bußgang dabei. Kommt einer von euch Bloggern (oder Bloglesern)?

Dienstag, 9. März 2010

Bloggende Mitschwestern

Gerade erst habe ich gesehen, daß seit einigen Tagen noch eine Mitschwester bloggt: Veni Sponsa Christi* – herzlich willkommmen! :) Bloggende Virgines, die schon länger in meiner Blogroll sind: Sponsa Christi, eine Mitschwester der Erzdiözese New York (ein außerordentlich empfehlenswertes Blog, naturgemäß auf englisch) und Ecce, sponsus venit.

Da meine Blogliste langsam etwas unübersichtlich wurde, habe ich sie aufgeteilt. Bitte schreibt mir, falls ich euer Blog versehentlich falsch zugeordnet habe.

Die Öllampe ist – wer hätte es gedacht – das Symbol der geweihten Jungfrauen. Das Bild stellt das Logo des Ordo Virginum dar.

* von: Komm, Braut Christi und empfange die Krone, die der Herr dir bereitet hat auf ewig!

Montag, 8. März 2010

30 ways to be awkward


30 kreative Möglichkeiten für eine, ähm, interessante, kurzweilige Liturgie:
  1. Beim Kreuzwegvorbeten: Wenn alle anderen eine Kniebeuge machen, mache du keine, sondern neige dein Haupt um wenige Zentelgrade. Du hast dann einen nicht wieder aufzuholenden Vorsprung: Haben sich die anderen nach dem Wir beten dich an… von den Knien erhoben, bist du schon durch die halbe Betrachtung der Station. Ignoriere das Wort STiLLE grundsätzlich, auch dann, wenn es in Großbuchstaben dasteht. Sieh nach dem Kreuzweg auf die Uhr und notiere dir ggf. den neuen Rekord.
  2. Zieh jemandem, der am Ambo liest oder singt, die Stola oder das Chorhemd zurecht. Schleich dich dabei möglichst unauffällig an, zieh dann aber mit einem kräftigen Ruck.
  3. Für Besitzer eines Fotoapparates: verschaff dem Priester beim Vortrag des Evangeliums durch Verwenden eines besonders kräftigen Blitzes eine mittlere Panikattacke.
  4. Alternativ: schieß während der sakramentalen Aussetzung mit blendend hellem Blitzlicht und Klicketiklick eine Fotoserie von der Monstranz. Sieht dich die Meßdienerin deswegen irgendwann durchdringend an, bekreuzige dich hastig.
  5. Als Tourist: versuche, während des Sanctus oder des Hochgebets mit den Ministranten eine Unterhaltung zu beginnen, am besten mit dem, der die Altarschellen zu läuten hat.
  6. Versuche, am Palmsonntag während der Lesung der Passion den Ministranten die Gesangbücher zu klauen. Bemerkt es etwa jemand, insistiere halblaut, daß du die Gesangbücher viel dringender brauchst.
  7. Geh während der Predigt nach vorn und entledige dich deiner Kleidungsstücke. Ja, aller.
  8. Für Zelebranten: erfinde eigene liturgische Texte und wundere dich, wenn die Antworten der Gemeinde nur zögerlich kommen oder ganz ausbleiben. Alternativ gibst du dir die Antworten eben selbst.
  9. Häng bei Akklamationen gleich selbst die halbe Antwort dran, so daß die Gemeinde gar nicht rechtzeitig und vollständig antworten kann: „Seht das Lamm Gottes, es nimmt hinweg die Sünde der Weltherr ich bin nicht würdig…“
  10. Brüll, auch wenn du offensichtlich unmusikalisch bist, wie ein Stier. Richte dich dabei im Tempo nicht nach der Orgel. Wenn du einfach doppelt so schnell singst, werden die anderen das schon irgendwann merken. Oder du brüllst halt allein weiter.
  11. Bei der Aschenkreuzspendung: Misch aus (schwarzer) Asche und reichlich Weihwasser einen Pamps an, so daß sich die Gläubigen hinterher so nicht aus der Kirche trauen.
  12. Für Gläubige: wenn es für einen liturgischen Text zwei Melodien oder Tonarten gibt, singe jeweils auf die Melodie bzw. den Ton, den der Priester nicht angestimmt hat.
  13. Nimm dem Organisten die Noten weg.
  14. Stell dich bei der Inzens des Allerheiligsten direkt neben den Weihrauchfaßträger und frag ihn gleich anschließend nach nach einem Exorzismus.
  15. Komm grundsätzlich zu spät zur Heiligen Messe und wirf dich dann vor dem Priestersitz nieder. Halte deine Kinder an, es genauso zu machen.
  16. Für Lektoren: komm frühestens vier Minuten vor der Heiligen Messe. Am Palmsonntag: komm nicht früher als drei Minuten vorher und bestehe dann aber darauf, die Passion mitlesen zu dürfen. Sei beleidigt, wenn dir das verwehrt wird.
  17. Lies bei der Passion: Wahrlich, ich sage dir, morgen wirst du mit mir in Paris sein.
  18. Trag die Lesung von Caine und Abel vor.
  19. Für Ministranten: trag einen Hochwassertalar und darunter farbige Hosen. Als Ministrantin trägst du zum Talar Schläppchen mit kleinen Totenköpfen drauf oder neongrüne Ballerinas.
  20. Für Zelebranten: Händewaschen ist für Weichlinge. Wozu kommt schließlich der Meßdiener zum Lavabo?
  21. Wasserspiele: Wirf ein Lavabotuch, das sich als Kelchtuch auszugeben versucht, nach der Meßdienerin.
  22. Feuerspiele: Versuche, dich oder dein Meßgewand an einem Leuchter zu entzünden.
  23. Versuche, mit dem energischen Schließen eines liturgisches Buches möglichst viele Altarkerzen auf einmal auszublasen.
  24. Für Meßdiener: Laß glühende Kohle aus dem Rauchfaß fliegen. Verschaff dann dem Zelebranten durch das Wiederaufsammeln der glühenden Kohle mit bloßen Händen einen der italienischen Momente im Leben.
  25. Für Lektoren: trag dich nicht im Dienstplan ein und verrate niemandem daß du da bist, sondern tritt erst während der Liturgie herfür. Wenn du lesen mußt, such dir einen Platz in der Kirche, der möglichst weit vom Ambo entfernt ist. Geh auf jeden Fall möglichst spät los.
  26. Komm zur zweiten Lesung einfach überhaupt nicht. Verwirre dadurch den Kantor, der schließlich das Halleluja anstimmt. Geh dann doch nach vorn und verlange kategorisch, daß der Kantor sofort aufhört zu singen.
  27. Wenn du der Ansicht bist, ein anderer hätte etwas falsch gemacht, falte ihn noch während der Heiligen Messe ordentlich zuammen. Man gönnt sich ja sonst nichts.
  28. Als Kirchbesucher: Wirf während der Heiligen Messe mit Gesangbüchern. Alternativ: trink vor der Heiligen Messe die für die Gabenprozession bereitstehenden Kännchen leer, nimm einen leichten Imbiß in Form von unkonsekrierten Hostien zu dir, mach einen Gasteintrag im Meßbuch oder laß deinen Hund aus dem Weihwasserbecken trinken.
  29. In feierlichen Ämtern: versuch, den Weihrauchministranten klarzumachen, daß sie da, wo sie stehen, nichts zu suchen haben. Schließlich verträgst du keinen Weihrauch. Falls das nichts fruchtet: beginn schon zu husten, wenn die Prozession noch in der Statio in der Sakristei steht.
  30. Bei der Abrenuntiatio: sag statt „Ich widersage!“ „Ich widerspreche!“

Sonntag, 7. März 2010

Am Jakobsbrunnen


Der dritte Fastensonntag ist in der westlichen Tradition der Sonntag der Entscheidung. Die Taufbewerber sagen ihrem bisherigen Leben völlig ab. – abrenuntio – Ich widersage! heißt das, und der Bischof betete ein Schutzgebet über die Taufbewerber.

Es geht also um den Glauben, die Taufe, das Wasser des ewigen Lebens. Der Glaube ist nicht etwas, was einem plötzlich überraschend einfällt. und dann glaubt man eben an Gott. Sondern er ist etwas Lebendiges, ein Pflänzchen, das des Wassers bedarf, es muß beschützt werden vor dem Frost und vor zu starker Sonne, der Glaube ist nicht etwas, das man ein für alle Mal begriffen hätte und dann bleibt man dabei; sondern er ist etwas, das sich entfaltet, entwickelt. Es gibt ein Wachstum im Glauben - aber auch ein Verkümmern. Ein Verflachen, eine Entwöhnung – etwas, das verlorengehen kann. Das gilt besonders für den Glauben, der nicht durch soziale Flankierungen, die Stammeszugehörigkeit bzw. Brauchtum etc. gestützt ist, wie im Altertum und im christlichen Mittelalter. Das Christentum der Moderne ähnelt durchaus dem Christentum der frühen Zeit: Johannes kennt das Problem und möchte dazu eine Hilfe geben.

Johannes und seine Gemeinde kennen die interkulturellen Schwierigkeiten der frühen Gemeinden: Sie sind sehr aktuell. Das Gespräch könnte heute genauso beginnen. In Nablus, im Westjordanland sitzt ein Jude, und er begegnet einer Palästinenserin. Sie würde genauso fragen: Du, ein Israeli fragst mich, ob ich dir etwas geben könnte?

Und Johannes kennt das einende Prinzip: die Quelle des Glaubens: das Wasser. Hier ist das Sakrament der Taufe symbolisch darstellt. Und darüber hinaus gibt es eine zweite Symbolik in diesem vierten Kapitel. Sie schließt an das Gespräch mit der Frau über das wahre Gebet im Geist an und ist als Jüngerbelehrung eingefügt – die Samaritanin geht in das Dorf. Unterdessen kommen seine Jünger mit Lebensmitteln zurück – und er spricht von der Speise, den Willen dessen zu tun, der ihn gesandt hat.

Blickt auf und seht – die Felder sind weiß – reif zur Ernte. Der eine sät und die anderen ernten. Der eine weckt den Glauben, die anderen können nur staunen und sich gemeinsam freuen. Die Stärkung des Glaubens, den die Menschen in der Taufe empfangen, ist die Speise, die auf den Feldern reif ist zur Ernte. Die Sammlung der Menschen zur gemeinsamen Eucharistie ist kein "Werk" der Menschen, sondern das Werk, das der Messias vollenden wird. Das ist ein langsamer, unaufhaltsamer Prozeß. So wie sich im Gespräch nach und nach herausstellt, wer es ist, der mit der Samaritanin spricht – erst Prophet, dann der Gesalbte – der Christus, am Ende das Bekenntnis, "er ist wirklich der Erlöser der Welt", so schiebt Johannes ganz vorsichtig die Wachstumsprozesse des persönlichen Glaubens den Jüngern in die Entwicklung seiner Theologie mit ein. Die Selbsterkenntnis, das Gebet im Geist und in der Wahrheit, das persönliche Bekenntnis (er hat mir alles gesagt, was ich getan habe – ob er vielleicht der Christus ist?) und schließlich das gemeinsame Bekenntnis der Samariter. Er ist wirklich er Retter der Welt.
Wenn das alles wahr ist, hat das lange Kapitel mit dem Gespräch – mit dem gelingenden Gespräch am Jakobsbrunnen eine ungeheuer entlastende Wirkung auch auf unsere heutige Zeit.

Gott wächst in unseren Alltag hinein – Johannes läßt das Normale transparent werden für das Zentrale, das Kleine verweist auf den Ursprung, die Armseligkeit auf das Unendliche.

Es kommt nicht auf unsere Geschicklichkeit an, sondern auf den Geist, der weht wo er will, es kommt nicht auf Erntebilanzen an, sondern auf die gemeinsame Freude des Säenden und des Erntenden. Es kommt darauf an, ob wir bereit sind, das Wirken Gottes in unserem Alltag, an unseren vielen Jakobsbrunnen dieser Zeit zu akzeptieren, ob wir die Sehnsucht nach dem Wasser des Lebens in uns akzeptieren. (aus der Predigt Pfr. Chr. Karlsons zum 3. Fastensonntag)

Donnerstag, 4. März 2010

Blitzlichter zur Fastenzeit

Ebenfalls Elsa zu verdanken ist der Link zum Bibelstellen ziehen, der bei mir folgendes aus dem Buch Kohelet erbrachte:
Wenn du Gott ein Gelübde machst, dann zögere nicht, es zu erfüllen. Die Ungebildeten gefallen Gott nicht: Was du gelobst, erfülle! (Koh 5,3)
Sehr passend! In einem anderen Zusammenhang kam mir das grade wieder in den Sinn, als ich mich mit der leibhaftigen Versuchung in Form von Schokoladenkeksen konfrontiert sah:


Vade retro! (Vers 4: Es ist besser, du gelobest nichts, denn, daß du nicht hältst, was du gelobest). – Das soll jetzt bitteschön nicht trübsinnig klingen. Ich habe extra mein Haar gewaschen und mein Gesicht gesalbt!* :P

___
* Wir mußten neulich bei dem Gedanken kichern, daß wir diese Bibelstelle heutzutage eigentlich genau andersherum anwenden.

What would Jesus do?


Einen heiteren Moment hat mir Elsa mit diesem Fundstück verschafft:
When someone asks you 'think about what Jesus would do', remember that a valid option is to freak out and turn over tables.*
Schon als Kind mochte ich diese Perikope übrigens sehr, ich fand es beeindruckend, wie leidenschaftlich Jesus sein konnte, wenn er sich für etwas einsetzte, das ihm wichtig war.

*Wenn jemand die Frage aufwirft "Was würde Jesus tun?", ist eine Möglichkeit: ausflippen und Tische umwerfen)

Mittwoch, 3. März 2010

Reliquien – was uns auch mit den Heiligen verbindet

Schädelreliquie der hl Agnes in Rom

Da gerade von Reliquien die Rede war: als frischgebackene Katholikin hatte ich dazu eher keinen Bezug (schon mangels portabler Reliquien in der ländlichen Diaspora – ich nehme an, die sind dort alle solide in den Altären eingebettet). Als Kindheitserinnerung ist mir ein Besuch im Speyerer Dom mit brokatgekleideten Skeletten in Glassärgen geblieben. Das fand ich als Kind angenehm gruselig. (Als Erwachsene würde ich mich eher fragen, ob es den so Ausgestellten recht wäre, daß wir ihre sterblichen Überreste in dieser Weise betrachten. Aber wahrscheinlich sind sie darüber hinweg).

Den Gottesdienst, den ich als ganz junge Frau einmal mitgefeiert habe, in dem verschiedene Dinge wie der Mantel Mariens, die Windeln Jesu und auch etwas, das mit der Passion zu tun hatte (ich weiß es wirklich nicht mehr) ausgestellt wurden, fand ich dagegen seinerzeit etwas bizarr. Zum einen dürfte man schwerlich noch einen anderen Gottesdienst finden, in dem sowohl Ich steh an Deiner Krippen hier (zur Erhebung der Windeln) als auch O Haupt voll Blut und Wunden gesungen wird. Zum anderen endete dieser Gottesdienst damit, daß Menschen im Chorraum in Schlange an den Reliquien vorbeizogen und sie mit Anhängern und ähnlichem berührten, was für mich aussah wie irgendein Mummenschanz. Nach etwas katholischer Fortbildung weiß ich heute zumindest, daß auf diese Weise eigene, mittelbare Berührungsreliquien entstanden sind. Nichtsdestoweniger fand ich es damals befremdlich, wie auch die Sitte, Heilige in ihre Einzelteile zu zerlegen, um sich dann etwa einen der vielen Arme des hl. Matthias oder den Schädel des hl. Rupertus brokatbedeckt und perlenbestickt in eine Vitrine zu legen.

Dauerhaft verändert hat sich mein Verhältnis zu diesem Thema, als Ende der 80er Jahre zwei Karmelitinnen aus dem Karmel Regina Martyrum nach Polen fuhren und dort unter anderem die Mitschwestern des neugegründeten Karmels auf dem Gelände des Konzentrationslagers Auschwitz – eine Gründung polnischer Karmelitinnen, die eigentlich Sr. Gemma Hinricher OCD einmal hatte vornehmen wollen – besuchten.

Von dort brachten sie den Stein eines Bodens aus dem Vernichtungslager mit. Die schiere Möglichkeit, daß auch Sr. Theresia Benedicta vor ihrem Tod über diesen Stein gegangen sein könnte, hat mich so angerührt, daß ich zum ersten Mal etwas von Wesen und Bedeutung von Reliquien empfand.

Der Stein liegt heute unter dem Kruzifix des Meditationsraums der Karmelitinnen in der Klausur.

Dienstag, 2. März 2010

Berührungsreliquien


Bei der sehr schönen Veranstaltung gestern nachmittag in der katholischen Akademie zu den Hintergründen zur Ausstellung über die internationalen Freundschaftsbeziehungen der Maritains erwähnte der vortragende Christoph Karlson etwas, das ich mir so noch gar nicht so recht bewußt gemacht habe: in der Ausstellung über Jaques und Raïssa Maritain befindet sich außer vielen anderen interessanten Exponaten (unter anderem etwa ein Briefwechsel mit Thomas Merton) auch ein Brief Edith Steins – eine sogenannte echte Berührungsreliquie.

Reliquien zweiter Klasse, auch echte Berührungsreliquien genannt, sind Gegenstände, die der Heilige zu seinen Lebzeiten berührt hat. (Daß es sich bei dem Pallium des Erzbischofs eigentlich um eine mittelbare Berührungsreliquie des hl. Petrus handeln müßte, finde ich irgendwie auch faszinierend.)

Über Maritain läßt sich als interessantes Detail noch einflechten, daß er als Witwer im Alter von 88 Jahren, nachdem er zuvor schon 10 Jahre bei und mit ihnen gelebt hatte, bei den Kleinen Brüdern Jesu eingetreten ist. Wegen seines hohen Alters durfte er nach dem kanonischen Noviziatsjahr dann allerdings gleich die feierliche Profeß ablegen.

Die Ausstellung Les grandes amitiés (die großen Freundschaften) ist in den „Kreuzgängen“ rund um die Kirche St. Thomas von Aquin noch bis zum 30. März fast rund um die Uhr zu sehen.

Montag, 1. März 2010

Herr Jesus, wir sind gekommen, einen Diavortrag anzuhören…

In die Kategorie völlig vergurkte Andachten gehört leider der gestrige Kreuzweg in der Kirche St. B. in B. – Ich kam zur Andacht ziemlich knapp so grade noch zurecht (eigentlich nicht meine Art) und dachte im ersten Moment, die Andacht ist ausgefallen. Außer dem Vorbeter (mit Klampfe) war als „Volk“ nur noch eine Frau aus der Kategorie „rüstiges Weiblein“ anwesend. Dazu kam nun noch ich, was die Teilnehmerzahl mit einem Schlag verdoppelte und den Altersdurchschnitt deutlich senkte. Ha!

Als ich einen Blick auf des Kaplans gesammelte Materialien wurf, schwante mir nichts Gutes. Und tatsächlich: „Heute hab ich uns mal den ökumenischen Jugendkreuzweg herausgesucht! Mit Dias! Bitte versuchen Sie sich ganz auf die Texte einzulassen!“

Sprachs und sang uns ein Liedchen aus dem NGL vor. Da der Fotokopierer zu wenig Toner hatte und die Texte auf die Schriftgröße eines Beipackzettels herunterkopiert waren, war ich in der dunklen Kirche von vornherein aus dem Rennen. Das Weiblein versuchte es erst gar nicht, vielleicht aus demselben Grund. Ich wette, Christi Mutter stand mit Schmerzen, O Haupt voll Blut und Wunden oder etwas ähnliches hätten wir gut hingekriegt. Aber das war wahrscheinlich nicht jugendlich genug für uns beide.

Zur zweiten Station waren wir dann schon zu viert: ein auch mit gutem Willen nicht jugendlich zu nennender Mann und eine junge Polin, die aber eigentlich nur die nächste Heilige Messe in der Umgebung suchte.

Der „Kreuzweg“ stellte sich dann als eine öde Diaschau (Verzeihung!) scheußlich grobschlächtiger Malerei heraus, zu denen der Vorbeter und das rüstige Weiblein sich beim Vorlesen länglicher Texte[1] gegenseitig abwechselten. Ob das Volk dabei sitzen, stehen, liegen oder hängen sollte, war irgendwie nicht klar. Zu tun oder zu respondieren hatten wir jedenfalls nichts.

Himmeldonnerwetter noch einmal! (Verzeihung!) Ein Kreuzweg heißt deshalb Kreuzweg, weil man ihn mit- oder nachgehen soll. Gehen. Von Station zu Station. Natürlich geht man nicht nur äußerlich, aber jedenfalls geht man, wenn man gehen kann. Und macht Kniebeugen, wenn man knien kann. Zumal wenn die Kirche groß ist und einen figürlich gestalteten Kreuzweg hat. Es spricht nichts gegen Diavorträge, ich meine, wenn man es vorher weiß. Die sollte man dann halt nicht Kreuzweg nennen, sondern Vortrag mit Lectio continua. Oder eben 1001 Meisterwerke der Volkshochschule.

Zumindest die Polin und ich haben nicht bis zum Ende durchgehalten, sondern sind unauffällig entfleucht (das tut uns jetzt wirklich leid, Herr Kaplan!). Ich hoffe, sie hat noch eine Heilige Messe gefunden.

_____
[1] Und wieso müssen eigentlich neuerdings urkatholische Andachtsformen, die in einer katholischen Kirche begangen werden, auch noch ökumenisch sein? Damit die nichtanwesenden Protestanten sich nicht ausgegrenzt fühlen?
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